Dreiundzwanzigstes Kapitel
Dorothee kommt abermals in ein Gerede

[315] »Ach, Jos, warum doch mußt du mir noch diese Stunde verderben?« jammerte Dorothee, als der Geliebte ihr mitteilte, auf was für eine Art er für sie beide wirken werde. Aber so eine Stunde läßt sich nicht so leicht wieder verderben, und besonders schon gar nicht dadurch, daß man hernach für den mutigen, opferwilligen Mitgenossen derselben zittern muß. Wäre die Liebe die große, mächtige Weltbeherrscherin, wenn sie sich nur aus wohlgeordneten Verhältnissen wie das Resultat oder die Probe einer Berechnung ergäbe und wenn sie so den Weg schon geebnet finden müßte? Dann segnete sie nie des Armen baufällige Hütte, dann wäre sie die Qual des größten Teils der sorgenbeladenen Menschheit, die sie nur noch tiefer unter ihre Lasten begrübe. Die wahre Liebe aber erhebt über die Kleinlichkeiten des Lebens. Sie überwindet die Selbstsucht und alle anderen Suchten, deren Jammergestalten die, welche sie ihres Segens unwert hält und strafen will, als ihr Bild verehren, zu spät erst den Abweg erkennend, auf welchen ihr Götzendienst sie geführt hat.

Eine ganz unglückliche, ganz hoffnungslose Liebe gibt es eigentlich gar nicht; denn die Liebe findet Hoffnung und Glück immer und überall wieder in sich selbst. Der Liebende, der im Kampfe mit entgegenstrebenden Verhältnissen erläge, gliche nur erst dem gefangenen Weisen, welcher doch noch besser daran ist als sein roher Überwinder, der noch immer den Lichtstrahl der Wahrheit fürchtet, welchen er nicht einzusperren vermag.[315]

Die Neigung hat einen strengen Wertmesser bei sich, für den es fast jeden Tag etwas zu tun gibt; hat aber einmal die Liebe gesprochen und ihren Schatz in ein Herz ausgeleert, dann wird alles aufgewogen, was auch die ärgsten Plaggeister der Menschen in die andere Waagschale werfen mögen, und die Macht der Verhältnisse ist wenigstens innerlich überwunden. Die Liebe nährt sich nicht mehr bloß von dem Werte ihres Gegenstandes, sondern durch sich selbst glaubt sie, hofft sie und ist glücklich.

Auch das ärmlich gekleidete Dorfkind, der einfachsten Erziehung entwachsen, kann so leicht und wohl noch leichter etwas von diesem Segen der Liebe empfinden als die fleißigste Romanleserin, wenn es darüber auch nicht so gut wie diese jeden Augenblick ein langes und breites zu machen weiß. Eine schöne Strecke des Lebensweges legt man gern in der Erinnerung wieder zurück, wenn man auch für einzelne Stellen leichter eine Farbe, ein Bild als eine sprach gerechte Bezeichnung findet. Der Gewinn für sich selbst kann gewiß in beiden Fällen der gleiche sein. Dorothee sann Tage, Wochen über das, was Jos und was sie mit ihm seit einem Jahr erlebt hatte. So entstand ihr ein Zug nach dem anderen, bis das Bild eines Mannes, den sie zitternd bewundern mußte, lebendig vor ihrer Seele stand. Vieles freilich war in seinem Wesen, was ihr Sorge machte, aber auch das webte nur wieder den Teuern tiefer in ihre Gedanken und Träume, selbst in ihre Gebete hinein. Er mußte so sein, wie er war, sonst wär' er nicht mehr er gewesen; und so wie er war, war er ihr auch recht, obwohl sie sich's niemals gestand. So, beständig nun auf ihn blickend, für ihn sorgend und betend, übersah sie stets die Kluft, welche sie wohl für immer von ihm trennte. Wenn sie aber einmal daran dachte, so sagte sie sich, daß diese Welt eben kein Himmel sei und jeder Mensch seinen Teil zu tragen habe. Hierüber waren ihr erst in der Gaststube der Kronenwirtin die Augen aufgegangen. Da erst erfuhr sie recht, was alles im Leben sich zwischen die Menschen und ihr mit Aufopferung aller Kraft verfolgtes Ziel stellen kann und welch[316] verzweifelte Anstrengung zur Beseitigung solcher Hindernisse gemacht werden. Von solchem Kämpfen und Treiben hatte sie auf dem friedlichen, stillen Stighofe neben dem behaglichen Hans keine Ahnung bekommen. Seit sie vernahm, wie man's da und dort getrieben hatte, war es ihr leichter, den Vater zu entschuldigen und somit auch das ihm gegebene Versprechen etwas weniger wichtig zu nehmen. Je länger sie die Leute beobachtete, desto mehr kam sie dazu, alles nur der Gunst oder Ungunst der Verhältnisse zuzuschreiben. Menschliche Leidenschaften und Schwächen wurden selten so milde beurteilt wie von ihr, die bald fast in jedem Gesunkenen bloß noch einen Niedergedrückten sah, der endlich seiner Last erlegen war wie ihr Vater, und in jedem Waghals einen Helden, der auf gewöhnlichem Wege seine Pläne so wenig ausführen konnte als Jos und daher ohne Rücksicht auf das Urteil der Menschen alle Schranken überspringe. Jeden von diesen begleiteten auf seinen gefahrvollen Wegen ihre Glückwünsche, seit sie stets für den Jos und ihren Bruder zittern mußte. Derlei Gedanken und Sorgen waren für sie große Wohltaten. Womit sonst hätte sie sich beschäftigen, wie sich wieder ganz herausbringen sollen aus der engen, düsteren Wohnung ihrer armen Eigenen, wenn sie nicht hätte zur Brunnenstube fliehen können in Gedanken oder ins Durcheinander des Lebens, wie man es in der Gaststube beobachten und innerlich mitleben konnte. Wie ihr in ihrer jetzigen Stimmung Dezembersturm und Schneegestöber lieber war als ein stiller, warmer, nebliger Tag, so freuten sie auch recht lebhafte, mitunter fast gar zu laute Gäste weit mehr als diejenigen, welche sich still hinsetzten und mit einer Amtsmiene ihr Geldlein zu verzehren begannen. Unter allen, die sie mit der öffentlichen Meinung und mit dem Hergebrachten im Kriege sah, war nur einer ihr lange Zeit recht von Herzen zuwider, nämlich der Andreas, Angelikas Gatte, dem sie gar keine menschlich schöne, liebsame Seite abgewinnen zu können meinte. Zuerst hielt sie ihn für einen verzogenen reichen Bauern, der, immer am Gängelbande geführt, sich[317] selbst nie habe weisen und leiten lernen, für einen Spielball jeder Laune der Menschen und des Zufalls. Auf diese Weise nun erklärte sie sich auch seine Verbindung mit der guten Angelika, die doch unmöglich aus dem Herzen der beiden herausgewachsen sein konnte. Ein Beweis für ihre Vermutung lag schon in dem, was sie damals auf dem Stighof sah und hörte, wie heimlich auch die Stigerin ihre Kämpfe mit Hansen gekämpft hatte. Bald aber kam sie zu der Überzeugung, daß eigentlich nur Angelika das Opfer elender Berechnungen geworden sei; dieser Andreas mit dem harten, abgewetterten Gesicht und der gewaltigen Stimme, neben der nichts anderes mehr zu hören war, schien sich nie von etwas anderem als von seiner Leidenschaftlichkeit beherrschen zu lassen. Sagte doch der Trotzkopf es der Wirtin, die ihn einmal ernstlich an seine Gatten- und Vaterpflicht erinnern wollte, ganz offen, wie eine schon ausgemachte Wahrheit, daß es für ihn da gar keine Pflichten gäbe. Die, welche nun einmal zu ihm gehörten, hätten ja noch immer mehr als genug daheim, um recht anständig leben zu können. Er gönne dem Weib die Freude, ihn die meiste Zeit gar nicht zu sehen; dafür nun müsse sie ihm, wohl oder übel, eine Kurzweil im Wirtshaus erlauben. Seine Schulden würden gewiß in der Ordnung bezahlt, und sonst brauche doch ein Mann in seiner Lage sich nicht um alle die altmodischen Hausmannsregeln zu kümmern und könne seines Besitzes auf seine Weise sich freuen, wenn er nur frei von der Dummheit sei, sich dabei noch viel um so hohle Worte wie Ehr' und guten Namen zu kümmern.

So sagte der Andreas und machte dabei ein paar Augen, daß wohl mancher Mann am Platze der Wirtin sich vor seiner schon oft erprobten Faust gefürchtet und von Glück gesagt hätte, wenn gleich alles wieder aus gewesen wäre. Die Wirtin aber war durchaus nicht von der Art. Sie kümmerte sich auch nicht viel um die Kundschaft eines Mannes, der sich mit solchen Grundsätzen großtat. Andreas mußte nun eine lange, sehr gesalzene Predigt hören, und so schnell kam Schlag auf[318] Schlag und traf so richtig, daß ihm nicht einmal mehr einfiel, er könnte ja gehen und dadurch sich aus der wachsenden Verlegenheit retten, ja, da die Wirtin ihm lebendig ausmalte, wie gut er es daheim hätte, wenn ein ordentliches Leben wieder den Segen Gottes auf sein Haus zöge, wie er aber statt dessen sich Weib und Kind entfremde, daß sie seiner sich schämen müßten, da wurde der Mann ordentlich weich und ließ die Wirtin nicht weiter ausführen, warum auch die ärmste Bettlerin mit Angelika noch lange nicht tauschen würde.

»Sie liebt mich nicht mehr und glaubt mir nicht, das treibt mich aus dem Hause zu anderer Kurzweil. Es wird nie mehr besser, und drum kann ich auch nichts verderben, wenn ich mich auch räche, daß sie durch ihren finsteren Ernst mein Lebensglück zerstörte«, rief Andreas trotzig, aber doch etwas weich. Der Wirtin gefiel diese Antwort durchaus nicht, und sie verließ gleich die Stube. Dorothee dagegen, die neben der Stubentür am runden Haustische mit der großen Schiefertafel stand und des Pfarrers messingenen Bierkrugdeckel wieder glänzend fegte, glaubte aus dieser Rede des Andreas etwas wie eine Klage herausgehört zu haben. Nun erschien ihr selbst dieser Mann in viel günstigerem Lichte, als ihn sonst die öffentliche Meinung sehen ließ. Angelika war wirklich nicht mehr wie früher. Das Finstere, Abstoßende ihres Wesens hatte Dorothee schon an jenem Abende vor der ungültigen Beichte auf ihrem Spaziergang empfunden. Und beim Andreas kam dazu noch, daß sie mit besonderer Vorliebe von Stighansen zu erzählen schien. Jos hatte so ängstlich gefragt, ob sie, Dorothee, nicht mehr das Heimweh auf den Stighof habe; wie weh nun mußten dem Andreas von seinem Weibe dergleichen Andeutungen tun und ihm das Leben unter seinem eigenen Dache verbittern. Man sieht, wie sich's das Mädchen schon angelebt hatte, sich in die Verhältnisse der Gäste mit Benutzung aller früher gemachten Beobachtungen hineinzuleben und mit ihnen und für sie zu sinnen und zu sorgen. Schon zu oft hatte sie die wunderbare Wirkung eines lobenden, tadelnden oder beruhigenden Wortes wahrgenommen,[319] um nicht zuweilen auch so ein schöpferisches Werde sprechen zu wollen. Besonders nötig und auch nicht ganz vergebens schien ihr das jetzt beim Andreas. Freundlich, beinahe bittend sagte sie, daß der Mensch nie verloren sei, bis er sich selbst aufgebe, daß man aber bei anderen Einfluß und Achtung erst wieder gewinne, wenn man sich selbst und seiner Empfindlichkeit befehlen und sich wieder achten gelernt habe. Andreas antwortete so vernünftig, daß Dorothee sich in ein langes Gespräch mit ihm einließ und am Schlüsse desselben schon recht viel ausgerichtet zu haben meinte.

Von jetzt an wendete sich Andreas immer nur an sie, sooft er kam, was immer häufiger geschah, und die Wirtin durfte ihm auch nicht einen Schoppen mehr bringen, obwohl er von Dorotheen ebenfalls zuweilen hören mußte, daß es nun genug sei, was er sich immer gleich beistimmend gefallen ließ. Dorotheen freute das um so mehr, da es ihr ja nur ganz natürlich, nicht etwa bloß geheuchelt schien. Seit langem schon machte wohl niemand ihm ein freundliches Gesicht, als wer etwa dabei seinen Vorteil suchte. Mußte ihm nicht wohl werden, als er sich wieder freundlich behandelt sah von ordentlichen Leuten, so daß er auch in den Augen anderer wieder ein wenig zu wachsen begann! Dorothee hatte die größte Freude, ihn fast jeden Abend noch stiller zu sehen, so daß endlich auch die Wirtin sein Benehmen zu loben begann. Wenn sie nur immer einen freien Augenblick gewinnen konnte, setzte sie sich zu ihm und begann ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, wie sehr dabei die anderen Gäste dann auch die Köpfe zusammenstecken mochten. Die Wirtin war nämlich bei den letzten unter allen, welchen das etwas verdächtig schien. Man erinnerte sich wieder daran, daß das Mädchen sich auch mit Stighansen so weit einließ, daß es aus dem Dienste treten mußte, damit es im Beichtstuhl wieder gehörig losgesprochen werde. Zwar wollte niemand etwas wissen und niemand etwas gesagt haben, aber das galt für eine ausgemachte Sache, daß das Mädchen reichen Leuten gegenüber ungemein schwach und blind sein müsse, sonst[320] würde es wenigstens mit diesem landesbekannten Taugenichts nach den früher gemachten Erfahrungen in kein Gerede mehr gekommen sein.

Die Wirtin, die Dorotheen recht von Herzen liebte, würde dem Andreas gerne das Haus für immer verboten haben; aber sie fürchtete, dadurch dem nun einmal entstandenen Gerede noch einen Scheingrund zu geben, wie Hans, da er das arme Mädchen mitten in der Zeit fortschickte. Wollte sie Dorotheen warnen, so sagte diese, sie habe solches Gelärm schon gewohnen müssen und wolle nun durch den vielgeschmähten, unglücklichen Andreas beweisen, daß noch nicht jeder schlecht sei, den man verdamme, sondern mancher bloß durch solches Urteil den Glauben an sich selbst verliere und wirklich schlecht werde. Wurde die Wirtin, die es recht gut meinte, über solche Antwort ärgerlich, so konnte sie Dorotheen wohl zum Weinen, aber nie zum Nachgeben bringen. So saß die gute Frau eines Tages in der Stube bei ihrem Strickstrumpf, und während Masche sich an Masche reihte, sann sie darüber nach, wie wohl das unerfahrene Mädchen am besten von seiner Bekehrungssucht zu heilen wäre. Da polterte der Stighans herein und verlangte, sogleich ein vertrautes Wort mit ihr zu reden.

Im Herrenstüble angelangt, zupfte der Bursche verlegen am Halstuch, während die Wirtin die Türe schloß, und sagte dann, rasch wie immer, wenn er kaum den rechten Anfang finden konnte: »Was ist denn anders worden in der Kronenwirtschaft, daß da ganz ein ordentliches Mädchen so ins Geschrei kommen kann?«

»Gerade so«, versetzte die Wirtin, »hätte man vor kaum einem halben Jahre auch die auf dem Stighofe fragen können.«

»Nein«, widersprach Hans, »diesmal ist's viel ärger, und wer ihr zusieht, muß fast wider Willen glauben, was der Wein aus dem Großsprecher herausredet.«

»Aus welchem Großsprecher?«[321]

»Natürlich dem Andreas.«

»Was weiß denn der?«

»Kurz und gut, daß er bei Dorotheen alles gelte, daß er sie fast um einen Finger wickeln könnte. Sicher sagt er zehnmal mehr, als wahr ist, aber er sollte gar nichts zu sagen den Mut haben; und wenn mancher herkommt und beide so vertraulich tun sieht, glaubt er schon alles bestätigt. Ich kenne das Mädchen freilich besser, möchte denn aber doch erfahren, was es mit dem Andreas immer zu reden gibt. Du mußt das wissen, sonst würdest du es gewiß nicht leiden. Von der Art bist du nicht, daß du solche Goldvögel um jeden Preis fangen und rupfen lassen willst.«

»Ich meine doch auch«, sagte die Frau nicht ohne Selbstgefühl.

»Wie kann aber Dorothee so blind werden und nicht merken, wer der Mensch ist und wohin er sie bringen möchte?«

»Ja«, sagte die Wirtin scharf, »sie muß sich beim Weinen über andere trübe Erfahrungen die Augen gewaltig verdorben haben. Andere, seit langem kurzsichtige Leute haben die gefährlichen Stellen im Gedächtnis, aber sie scheint eben an diesen Zustand noch nicht recht gewöhnt zu sein.«

»Ich verstehe das nicht.«

»Nun – dann werd' ich dir mit einem Holzschlegel winken müssen. Wenn man von denen, die man schätzt und liebt, so wie sie dich geschätzt hat, nur feige Treulosigkeit erlebte, was um Gottes willen soll man dann von anderen denken? Anfangs drückt so eine Erfahrung beinahe das Herz ab, später muß man an allem verzweifeln oder alles entschuldigen. Dorothee nun ist zum Verzweifeln zu gut. Jetzt glaubt sie jedes Fehlers Ursprung zu wissen, der Mensch hat immer keine Schuld, und alles ist nur durch die Verhältnisse so geworden. Sie muß das wohl, um den Leuten ein freundliches Gesicht machen zu können, so auslegen. An dem nun bist gewiß du so viel als einer schuld. Wie weh muß es ihr getan haben, als ein dummes Gerede dich schwach machte. Nun will sie größer sein als du, und den Glauben an das Urteil[322] der Menge hat sie verloren, weil sie weiß, wie unschuldig sie damals verschrien und von dir verlassen wurde.«

Hans stand eine Weile wie angedonnert, dann rief er: »Nur nicht aufbegehrt! Sie hätte nicht gar so schnell gehen müssen. Mich hat das mehr geärgert als alles andere. Wärest nur du nicht auch noch dazwischen gekommen, so würde nun alles in schönster Ordnung sein.«

»Damals«, fiel die Wirtin, die aus diesen Reden durchaus nicht klug werden konnte, ungeduldig ein, »damals hast du dich nicht so viel um des Mädchens Ehre bekümmert und um seinen guten Ruf wie heute.«

»Damals«, erwiderte Hans, »hab' ich der Mutter gefolgt und heute meinem eigenen Herzen.«

»Solches Geschwätz«, fuhr die Wirtin auf, »hätt' ich von dir nicht mehr zu hören erwartet. Jedes Kind weiß, wie ganz dich der Krämer in seiner Schublade hat, seit das auch der Mutter in ihren Kram paßt. Und nun kommt der Spitzbub' und redet mir von seinem Herzen, als ob ich alles gerade so leicht entschuldigen tat wie Dorothee.«

Hans fühlte sich jetzt viel zu sehr im Rechte, um so schnell wieder seine Fassung zu verlieren. »Die Mutter«, sagte er, »hätte jetzt auch gegen Angelika nichts mehr. Aber das ist schon zu spät. Sie ist gebunden, und ich kann sie nicht mehr erlösen, aber hoffentlich doch noch ein wenig etwas für sie tun.«

»Für wen?«

»Muß ich auch noch mit dem Holzschlegel winken? Für Angelika –«

»Dann winke und deute nur zu, denn ich verstehe dich noch immer nicht.«

»Dann bist du doch auch nicht gar so klug und hast alles gar so klar aus dem Kaffeesatz, wie man meint. Ich bin der Hans, aber als Dorothee mit dem Andreas ins Gerede kommen ist, da ist mir doch gleich etwas eingefallen, und dir kommt es jetzt noch nicht einmal in den Sinn. Ich hab' mir eingebildet, wie weh dieses Gerede der Angelika tun müsse.[323] Diese Vorstellung hat mir keine Ruh' und an nichts mehr eine rechte Freude gelassen.«

»An Angelika«, fragte die Wirtin erstaunt, »an die hättest du zuerst gedacht?«

»Allerdings, und hab' ihr gewiß alles treulich nachempfunden, was die Arme litt. Ich kann das schon auch. Zwar bei so Mädchen, die jeder Wind herumdreht, kann kein Mensch erraten, aus welchem Dorfe sie eben wieder läuten zu hören meinen, und ich mag mich auch nicht besonders viel darum kümmern. Ein Weib aber hält vor allem, selbst vor ihrem Glück, an der Ehre des Hauses und hängt mit Leib und Seele fest an denen, mit welchen sie leben und Schand' oder Ehre teilen muß.«

»Du kennst die Weiber ziemlich gut«, spottete die Wirtin, obwohl oder gerade weil sie dem Burschen innerlich recht lassen mußte.

Hans aber sagte ganz ruhig: »Ich hätte schon lange geheiratet, wenn man gleich ein Weib nehmen könnte. So ein unerfahrenes Ding jedoch ist nur zum Kurzweilen, zum Singen und Springen recht.«

Der Wirtin kam diese Ansicht so vernünftig vor, daß sie dieselbe Hansen schwerlich einmal zugetraut hätte. Noch etwas ungläubig fragte sie: »Ist dir das schon immer so vorgekommen?«

»Nein, der Verstand kommt einem erst mit den Jahren. Damals, als Angelika noch ledig und ein junges Mädchen gewesen ist, ja, da hätt' ich sie nicht anders wünschen können – in keinem Stücke. Später ist's mir so worden, und an den Mädchen gefiel mir das am besten, was dann zum Segen des Hauses mit in den Ehstand genommen werden kann. Es ist nicht die oder die gute Eigenschaft, und ich wüßte nicht, wie ich alles zusammen, was ich meine, ganz kurzweg nennen sollte. Auch Empfindlichkeit für die Ehre der Familie gehört dazu, drum hab' ich mir gleich vorgestellt, wie weh der Angelika so ein Gerede tun müsse. Wohl hat man schon früher hören können, daß er, wie ein Lediger, mit allen[324] Kellnerinnen bis Bregenz hinaus bekannt sei; aber das war so allgemein und übertrieben, daß es viel weniger in die Augen stach, als was man jetzt von Dorotheen hört. Du nun kannst da viel ausrichten mit einem ernsten Wort, und ich halte das auch für deine Pflicht.«

»Du hast recht«, sagte die Wirtin, und mehr konnte gewiß einer nicht verlangen, welcher kam, sie an ihre Pflicht zu erinnern. Hans ging auch recht zufrieden heim, obwohl er nicht wußte, wie leicht es ihm diesmal hätte fehlen können bei der Kronenwirtin, die sich noch von ganz anderen sehr ungern einreden und gar von der Ehre ihres Hauses vorpredigen ließ.

Nun wurde Dorothee sogleich ins Herrenstüble gerufen, die Türe wieder geschlossen und ihr dann das ganze Gespräch mit Hansen mit nur wenigen Auslassungen mitgeteilt. Es war das anfangs nicht der Plan der Wirtin, doch als Dorothee sogar jetzt noch recht haben wollte, schien es ihr das klügste, Hansen selbst, den doch nicht jedes leere Geschwätz in der Welt herumtrieb, gegen sie auftreten zu lassen. Als nun das kam, was Andreas gesagt haben sollte, wechselte das Mädchen die Farbe. »Nun helfe mir Gott!« rief es mit tonloser Stimme, »denn ich weiß mir nicht mehr zu helfen. Drückt denn die Armut so tief nieder, daß man in allem, was unsereins tut, nur etwas Schlechtes sehen kann?«

»Nun danke Gott für die Einsicht und glaube nicht, daß es dein Beruf sei, überall einzugreifen! Dazu muß man fester stehen als du. Denk' an den faulen Apfel, der den frischen ansteckt, statt neben ihm frisch zu werden!«

Schweigend verließ Dorothee das Herrenstüble und ging still wieder an ihre Arbeit. Es war Sonnabend und gab daher noch viel zu tun für den morgigen Tag, für den man, wie jeden Sonntag, auf sehr viele Gäste rechnen konnte. Das Mädchen aber beeilte sich, um fertig zu werden, bevor der Andreas kam. Vielleicht ging ihm auch alles um so schneller aus der Hand, weil es darauf hielt, seinen Unmut zu verwerchen und keinen Augenblick zu sich selber zu kommen. Wohl noch[325] selten oder nie war die fleißige Magd so früh in ihr Dachkämmerlein gekommen als heute. Zum Schlafen war sie freilich nicht aufgelegt, aber sie hatte schon genug daran, doch nun allein und unbeobachtet sein zu können. Aufatmend öffnete sie das Fenster und schaute hinaus über die eingeschneiten Häuser, aus denen man da und dort noch ein Lichtlein schimmern und wie ein immer breiter werdender bläulich-gelber Streif über den Schnee vor dem Fenster hinausleuchten sah; und hinauf zu den rötlich schimmernden Bergspitzen, deren eigentümliches Glühen wohl eine Sturmwoche verkünden mochte. Leise schlich die Ach hart neben dem Hause dahin, und Dorothee wollte sich zwingen, in Gedanken ihren Lauf bis zum Bodensee zu verfolgen, in der Hoffnung, daß auf dem langen Wege doch irgendein Zeitvertreib zu finden sein werde.

Es gelang ihr nicht, die Gedanken anzubinden. Schon vor der Haustüre begegnete der aufgeregten Einbildung Andreas, wie er leibte und lebte, und sie begriff nicht mehr, wie sie sich um ihn so viel kümmern konnte, ihm es schon für ein Großes hielt, daß er sich einige Male wie andere vernünftige Menschen zu benehmen suchte. Wenn er anders geworden wäre, hätt' es ihn gewiß früher heimgetrieben zu Weib und Kind, daß man ihn daran nicht mehr hätte mahnen müssen. Das alles mußte Dorothee sich jetzt gestehen, und es war ihr dabei stets, als ob jemand mit durchdringenden Blicken sie verfolge. Schon wollte sie das Fensterchen schließen, da glaubte sie das Geräusch von Tritten zu hören und sah gleich darauf, wie ein schwerbeladener Schlitten von zwei Männern vor dem Hause vorbeigezogen wurde.

Das Mädchen horchte. »Wenn doch nur der Sturm noch wartet, bis wir auch dem Krämer seine Sachen unters Dach gebracht haben«, flüsterte der eine.

Dorothee zitterte. Sie hatte die Stimme des Geliebten erkannt.

»Sei du zufrieden, wenn du deinen Plunder hast. Der Krämer kann mir einige Träger mitgeben oder meinetwegen alles bei[326] der Brunnenstube verschneien lassen«, versetzte Hansjörg mit heiserer Stimme.

Dorotheen war's, als ob der schneidende Windstoß ihr den Geruch fauler Äpfel entgegentrüge. Erschrocken fuhr sie zurück und schlug das Fenster vielleicht noch um so heftiger zu, damit die beiden daran erinnert wurden, wie leicht man sie belauschen könnte. Der Schleichhandel kam ihr noch nie so verdächtig vor wie jetzt, aber mit den beiden, die sie eben gehört hatte, war sie doch nicht so bald fertig wie mit dem Andreas. Es wär' ein Büchlein davon zu schreiben, wie sie von den schrecklichsten Gedanken, dann wieder von bösen Träumen gequält wurde, wie sie sann und betete, bis endlich – endlich das Morgenrot über die nahe Fluh heraufdämmerte. Zum lieben Glück hatte man diesen Tag das Haus voll Gäste, die das Mädchen kaum einen Augenblick zu sich selbst kommen ließen. Es waren viele da, die über Mittag trotz ihrer Sparsamkeit lieber im Wirtshaus blieben als in ihre entlegeneren Wohnungen eilten, da sie es für eine Gewissenssache hielten, besonders an einem so stürmischen Tag wie dem heutigen, wo Gott sich seinen Zorn einmal recht anmerken ließ, auch den nachmittägigen Gottesdienst nicht zu versäumen.

Auch Andreas war über Mittag nicht heimgekommen und saß auf seinem alten Platze. Als Dorothee nun einmal einen freien Augenblick hatte, wollte er sie, ohne die vielen Anwesenden zu berücksichtigen, sogleich neben sich auf einen Stuhl ziehen. Das Mädchen jedoch sprang, einen Schrei ausstoßend, mehrere Schritte zurück und schickte dann, als es von seinem Schrecken sich wieder ein wenig erholt hatte, die Wirtin an den Tisch, wo nun Andreas den Ärger an den in einem Weinglas aufgestellten Zigarren auslassen zu wollen schien. »Ist das ein elendes Kräutlein, das nicht brennt und nicht geht, elend wie die ganze Wirtschaft«, rief er immer wieder, versuchte ein Stück nach dem andern und warf es dann zum Fenster hinaus.[327]

Der Wirtin ward das endlich zuviel, und als nun Andreas gar noch die Äußerung fallen ließ, er denke nicht daran, die weggeworfenen Stücke zu bezahlen, sagte sie ihm vor allen Leuten die Meinung, daß er es zur Erforschung des Gewissens nicht besser und genauer hätte wünschen können. Er sagte auch spottend, hier könne man sich nun auf die Beichte gehörig vorbereiten, aber niemand lachte über diese Bemerkung, und ihn selbst erschreckte die plötzlich entstandene Stille so, daß er, anfangs verlegen, sich nun erst recht in seinen Zorn hineinzureden begann. Immer wieder dachte er ans Beichten. Noch nie kam er sich so schlecht vor als jetzt, da auch Dorothee ihn verließ, deren Freundlichkeit ihm doch so wohlgetan hatte. »Aber weg mit solchen Gedanken!« sagte er sich, ein volles Glas Wein hinunterstürzend, und schrie: »Kein Gericht und kein Amt kann mich zwingen, geschmuggelte schlechte Ware zu zahlen, die hier um den Preis der guten verkauft wird. Zeigt mich nur an, dann werdet ihr Wunder sehen. Ich kenne die Ware schon auch.«

»Sie ist von deinem Schwiegervater, und noch kein Mensch hat sie getadelt«, versetzte die Wirtin.

»Natürlich«, spottete der Andreas, »weil die dummen Bauern was Rechtes gar nicht kennen. Ich aber will schon Zeugen bringen, welche sagen, daß ich's kenne. Wer mit mir Händel anfängt, muß sie haben.«

»Mache, was du kannst«, sagte die Wirtin.

Dorothee zitterte für den Geliebten und ihren Bruder. Alles Frühere für den Augenblick vergessend, näherte sie sich ihm, und es gelang ihr leicht, den schon etwas Angetrunkenen zu besänftigen. Er zog sie neben sich und sagte: »Du Trotzkopf hast nicht einmal mehr mit mir dich unterhalten wollen!«

»Ich will noch nicht«, rief das Mädchen und machte eine vergebliche Anstrengung, sich zu befreien. Die Wirtin eilte der noch Ringenden zu Hilfe, doch sie kam schon zu spät. Dutzende von Händen hatten den Andreas beim Kragen, bei den Haaren, den Händen, überall erfaßt, und eine Minute[328] später lag er neben der steinernen Stiege vor der Türe bei den zerstreuten Zigarren im Schnee.

»Das ist euch nicht geschenkt!« hörte man ihn keuchen, indem er sich aufrichtete. »So geht man nicht heim; ihr sollt aber merken, wohin ich gegangen bin, und bis dahin will ich nicht mehr in dieser Gemeinde übernachten; fort, fort!«

Und fluchend eilte er weg, wirklich nicht seiner Heimat, sondern dem Schnepfauer Walde zu.

Quelle:
Franz Michael Felder: Reich und Arm, in: Sämtliche Werke. Band 3, Bregenz 1973, S. 315-329.
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