Achtes Kapitel.

[89] Jones langt zu Glocester an, und tritt ab in der Glocke. Charakter dieses Hauses und eines juristischen Zungendreschers, den er dort antrifft.


Unser Jones und Rebhuhn, oder der kleine Benjamin (welcher Beiname klein ihm vielleicht ironischerweise angehängt war, weil er wirklich beinahe seine sechs Fuß maß), nachdem sie auf die vorbeschriebene Art ihr letztes Quartier verlassen hatten, wanderten fort auf Glocester zu, ohne daß ihnen ein Abenteuer aufstieß, welches des Erzählens wert wäre.

Als sie dort angelangt waren, wählten sie die Glocke zum Gasthofe. Dies ist ein vortreffliches Haus und ich empfehle es in allem Ernste einem jeden Leser, welcher diese alte Stadt einmal besuchen möchte. Sein Besitzer ist ein Bruder des großen Predigers Whitefield, er ist aber ganz und gar nicht von den Grundsätzen der Pietisterei oder sonst einer andern ketzerischen Sekte angesteckt. Er ist wirklich ein gerader, schlichter, ehrlicher Mann, und nach meiner Meinung scheint's nicht, daß er weder in der Kirche noch im Staate schlimme Händel anrichten wird. Seine Ehegattin hatte, wie mich dünkt, viel Anspruch auf Schönheit und ist noch eine sehr fein gebildete Frau. Ihre Person und ihr Anstand hätte in den vor nehmsten Gesellschaften eine glänzende Figur spielen können; allein so gut sie sich dessen bewußt sein muß, so scheint sie doch mit dem Stande des Lebens, in welchen sie versetzt ist, vollkommen zufrieden zu sein und sich in ihre Lage zu schicken und zu fügen. Diese Fügsamkeit ist ganz ein Werk ihrer Klugheit und Weisheit, denn sie ist gegenwärtig ebenso rein von allen methodistischen und pietistischen Grillen, wie ihr Ehemann. Ich sage gegenwärtig, denn sie gesteht ganz frei, daß anfänglich ihres Schwagers Lehren einigen Eingang bei ihr fanden und daß sie sich in die Unkosten eines langen Huts gesetzt habe, um dem außerordentlichen Treiben des Geistes mit beizuwohnen; da sie aber während einem Versuche von drei Wochen keine Bewegung verspürt, die, wie sie sagt, nur drei Dreier wert gewesen, so habe sie ihren langen Hut ganz weislich wieder abgelegt und Pietisten[89] Pietisten sein lassen. Um nicht weitläufig zu werden – sie ist eine sehr freundliche, gutmütige Frau und auf eine so sinnreiche Art dienstfertig und gefällig, daß die Gäste von sehr mürrischer Gemütsart sein müßten, die in ihrem Hause nicht außerordentlich zufrieden wären.

Madame Whitefield stand zufälligerweise auf dem Hofplatze, als Jones und sein Begleiter einmarschierten. Ihr Scharfblick entdeckte in dem äußeren Wesen unseres Helden bald ein Etwas, das ihn von dem gemeinen Haufen unterschied. Sie befahl daher ihren Bedienten, ihm sogleich ein Zimmer anzuweisen, und gab ihm gleich darauf die Einladung mit ihr zu mittag zu essen, welche Einladung er sehr dankbar annahm. Denn nach einem so langen Fasten und einem so langen Marsche würde ihm in der That eine wenig angenehmere Gesellschaft und eine weit schlechtere Mahlzeit, als sie besorgt hatte, willkommen gewesen sein.

Außer dem Herrn Jones und der guten Hausvorsteherin setzten sich noch an den Tisch ein Gerichtsprokurator von Salisbury; gerade ebenderselbe, welcher die Nachricht von Madame Blifils Tode an Herrn Alwerth überbracht hatte, und dessen Name, den wir soviel ich weiß noch nicht genannt haben, Dowling hieß; ferner ein anderer Mensch, der sich einen Juristen schelten ließ, und nahe bei Lidlinch in Somersetshire wohnte. Der Mensch sage ich, ließ sich einen Juristen schelten, in der That aber war er einer der schlechtesten unter der Gattung Zungendrescher, die man eigentlich Dielenläufer nennt, weil sie von einer Gerichtsdiele der Unterrichter zur anderen laufen, in geringfügigen Sachen die Termine abwarten, ob sie gleich oft nicht einmal schlichten Menschenverstand geschweige denn wissenschaftliche Kenntnisse haben; daher man sie denn auch juristische Freibeuter nennen konnte. Im Grunde sind sie die Mietpferde der ordentlichen Advokaten, auf denen sie gegen Häcksel und Heu (den Hafer behalten die Advokaten selbst) ihre Produkte und Exzeptionen vor den ersten Instanzen herumreiten lassen.

Während der Mahlzeit erinnerte sich der Dielenläufer des Gesichts des Herrn Jones, das er in Herrn Alwerths Hause gesehen hatte; denn er hatte in der Küche oder Gesindestube dieses Herrn manchen Besuch abgestattet. Er nahm also Gelegenheit, sich zu erkundigen, wie sich diese gute Familie befände? und zwar mit einer so vertraulichen Miene, daß man hätte meinen sollen, Herr Alwerth wäre so sein ordentlich guter Freund und Bekannter; und in der That ließ er's nicht an seinem Bestreben ermangeln, sich dafür halten zu lassen, ob er gleich niemals in diesem Hause mit einer höhern Person als dem Tafeldecker gesprochen hatte. Jones beantwortete alle seine Fragen mit vieler Höflichkeit, obwohl er sich nicht erinnerte[90] diesen Dielenläufer vorher gesehen zu haben, und ob er gleich aus dem äußerlichen Anzug und Wesen des Menschen schloß, daß er sich solche Freiheiten anmaße, zu denen er nicht berechtigt sei.

Da die Gespräche dieser Gattung Leute für jeden verständigen Mann höchst unausstehlich sind, so war kaum das Tischtuch abgehoben, als Jones fortging, und ein wenig unbarmherzigerweise Madame Whitefield sitzen ließ, eine Buße zu thun, die wie ich oft von vernünftigen Gastwirten klagen gehört habe, das bitterste Los ist, welches ihrem Berufe anklebt; nämlich die Notwendigkeit, worin sie sich befinden, ihren Gästen Gesellschaft zu leisten.

Jones hatte kaum den Eßsaal verlassen, als der Dielenläufer Madame Whitefield mit lispelndem Tone fragte: »ob sie den feinen Zeisig kenne?« Sie antwortete: »sie habe den Herrn niemals gesehen.« – »Den Herrn? ja, ja!« versetzte der Dielenläufer, »ein wackrer Herr, wahrlich! Ein schändlicher Bankert ist's! Sein Vater war ein Kerl, der wegen Pferdediebereien am Galgen hängt. Er war ausgesetzt worden vor Alwerths Thüre, wo ihn eine Magd fand, in einem Korbe so voller Regenwasser, daß er gewiß ersäuft sein würde, wenn nicht ein ander Schicksal auf ihn lauerte.« – »Nun, nun! brauchen's nicht zu nennen das Schicksal! Wir wissen recht gut, was es ist!« schrie Dowling mit einem sehr pfiffigen Kopfnicken. – »Wohl«, fuhr der andere fort, »der Junker befahl man sollte ihn hereinnehmen, denn der Mann ist ein wenig ängstlich, wie bekannt, und besorgte, er möchte garstige Händel an den Hals kriegen; und so ward der Bastard aufgezogen, gefüttert und gekleidet, daß die ganze Welt hätte denken sollen, 's wäre ein Junker; und da schwängerte er dann eine Dienstmagd im Hause und beschwatzte die arme Hure, daß sie es dem alten Junker selbst an den Hals schwören mußte. Und nachher da schlug er einem gewissen Schwöger, einem Geistlichen einen Arm entzwei, bloß weil er ihm einen Ausputzer gegeben hatte, daß er so hinter den Huren herliefe; und hernach da schoß er von hintenzu mit einer Pistole nach Junker Blifil; und eines Tages, als der alte Junker Alwerth sterbenskrank lag, nahm er eine Trommel und trommelte im Hause herum, um ihn am Schlafen zu hindern; und zwanzig andere solche Bubenstreiche hat er gespielt, wofür er endlich vor vier oder fünf Tagen, kurz vorher als ich aus der Grafschaft reisete, vom Junker splitterfasennackend ausgezogen und aus'm Hause gejagt ist.«

»Und das mit großem Recht dazu wahrhaftig!« sagte Dowling. »Meinen eigenen Sohn jagte ich zum Hause hinaus, wenn er mir nur halb soviel Tücke ausübte. Aber wenn ich bitten dürfte, wie heißt denn der Name dieses saubern Herrchens?«[91]

»Sein Name?« antwortete der Plattfuß; »Nun! sie nennen ihn Tom Jones.«

»Jones!« versetzte Dowling ein wenig hastig. »Was? Herr Jones, der beim Herrn Alwerth im Hause war! das war der Herr, der mit uns gegessen hat?« – »Eben derselbige;« antwortete der andre. – »Ich habe oft von dem Herrn gehört,« rief Dowling; »aber noch niemals etwas Schlimmes.« – »Und ich bin gewiß,« sagte Madame Whitefield, »wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was dieser Herr da erzählt, so hat Herr Jones das trüglichste Gesicht, das ich in meinem Leben gesehen habe; denn seine Blicke versprechen gewißlich ganz was anders, und ich muß sagen, nach dem wenigen was ich von ihm gesehn habe, ist er ein so artiger, wohlerzogner Mensch, als man sich nur zum Umgang wünschen könnte.«

Der Dielenläufer besann sich, daß er noch keinen Eid gethan hätte, wie er oft für sich und seine Parteien thun mußte, besonders Zeugen- und Reinigungseide, und bekräftigte jetzt seine Verkleinerung mit so manchen Schwüren und Flüchen, daß der guten Frau davon die Ohren gellten, und sie seinen Verwünschungen dadurch ein Ende machte, daß sie ihm versicherte, sie glaube ihm! Worauf er sagte: »Madame, ich hoffe, Sie trauen mir zu, ich würde mich enthalten, so etwas von irgend einer lebendigen Seele zu sagen, wenn ich nicht wüßte daß es wahr wäre. Was hätte ich davon einem Manne seine Ehre abzuschneiden, der mir niemals was zu leide gethan hat? Ich versichre auf meine Ehre, eine jede Silbe, die ich gesagt habe, ist ein Faktum, und die ganze Grafschaft weiß das.«

Da Madame Whitefield keine Ursache hatte zu argwöhnen, der Dielenläufer habe heimliche Beweggründe oder Versuchungen Herrn Jones zu verleumden: so kann sie der Leser nicht tadeln, wenn sie dem, was ihr unter so vielen Eiden versichert wurde, Glauben beimaß. Sie entsagte also ihrer Geschicklichkeit in der Physiognomik, und faßte von Stund' an eine so üble Meinung von ihrem Gaste, daß sie herzlich wünschte, er möchte nur erst aus ihrem Hause fort sein.

Dieser ihr Widerwille ward noch durch eine Nachricht vermehrt, die Herr Whitefield aus der Küche heimbrachte, woselbst Rebhuhn der Gesellschaft anvertraut hatte: »Ob er schon den Schnappsack trüge und mit den Bedienten in der Küche fürlieb nähme, unterdessen daß Tom Jones (so nannte er ihn kurzweg) sich am Herrschaftstische gütlich thue, so sei er doch nicht sein Bedienter, sondern bloß sein Freund und Gesellschafter, und so gut ein freier Herr als Jones selbst.«

Dowling saß die ganze Zeit über in Gedanken, biß sich die Finger, schnitt Gesichter, schmuzerte und sah listig und pfiffig aus;[92] endlich öffnete er seine Lippen und versicherte, der junge Herr käme ihm vor als eine ganz andre Art vom Manne. Er forderte darauf seine Rechnung mit dem größten Eide, beteuerte er müsse den Abend noch in Hereford sein, beklagte sich wegen überhäufter Geschäfte und wünschte, er könnte sich in zwanzig Teile teilen, um an zwanzig Orten zugleich zu sein.

Der geschwätzige Dielenläufer ging nun ebenfalls fort; und Jones erbat sich von Madame Whitefield die Gewogenheit, ihm bei seinem Thee Gesellschaft zu leisten; sie schlug's ihm aber ab, und zwar auf eine Art, die von derjenigen, womit sie ihn bei Tische aufgenommen hatte, so verschieden war, daß es ihn ein wenig wunder nahm. Und nunmehr merkte er bald, daß sie ihr Betragen gänzlich verändert hätte; denn anstatt ihrer gewohnten Freundlichkeit, welche wir vorhin an ihr gepriesen haben, hatte sie in ihren Mienen eine steife Ernsthaftigkeit angenommen, welche dem Herrn Jones so unangenehm wurde, daß er sich, so spät es auch war, entschloß, noch diesen Abend das Haus zu verlassen.

Er machte von dieser plötzlichen Veränderung freilich eine etwas unbillige Auslegung; denn über dem, daß er sie harter- und ungerechterweise, in seinen Gedanken, der weiblichen Unbeständigkeit und des Wankelmuts beschuldigte, begann er auch zu argwöhnen, er habe diesen Mangel der Höflichkeit seinem Mangel an Pferden zu verdanken. Eine Gattung von Tieren, welche, weil sie keine Bettücher schmutzig machen, in den Wirtshäusern für bessere Bezahler ihres Nachtlagers gehalten werden als ihre Reiter, und deswegen die willkommensten sind. Allein Madame Whitefield, um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, besaß eine weit edlere Art zu denken. Sie war von vollkommen guter Lebensart und pflegte einem braven Manne alle Höflichkeit zu erweisen, ob er gleich zu Fuße reiste. In der That betrachtete sie unsern Helden als einen schlechten Taugenichts, und deshalb begegnete sie ihm als einem solchen; worüber selbst Jones sie nicht hätte tadeln können, wenn er ebensoviel gewußt hätte als unsre Leser; im Gegenteil hätte er sogar ihre Aufführung billigen, und sie wegen der Verachtung, die sie ihm bewies, nur um so höher schätzen müssen. Dies ist in der That ein um so strafbarerer Umstand bei der Bosheit, die die Menschen so ungerechterweise um ihren guten Leumund bringt: denn ein Mann, der sich's bewußt ist, daß man ihn für einen schlechten Kerl kennt, kann es mit Recht niemand übelnehmen, wenn er ihm kalt und verächtlich begegnet; sondern muß vielmehr diejenigen verachten, die sich nach seinem Umgang drängen; ausgenommen in dem Falle, da eine genaue Bekanntschaft beide Teile überzeugt hat, daß der Leumund[93] des Freundes fälschlich und boshafterweise bei der Welt angeschwärzt worden.

Dies war indessen Herrn Jones Fall nicht. Denn weil ihm die eigentliche Wahrheit unbekannt war, so hatte er allerdings recht, sich durch die ihm widerfahrene Begegnung für beleidigt zu halten. Demnach bezahlte er seine Rechnung und setzte seinen Stab weiter, fast schnurstracks gegen Rebhuhns Willen, welcher dawider die ernstlichsten Gegenvorstellungen that; aber da er merkte, daß alles vergebens wäre, sich's endlich gefallen ließ, seinen Schnappsack aufzuhucken und seinen Freund zu begleiten.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 2, S. 89-94.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Tom Jones. Die Geschichte eines Findlings
Tom Jones: Die Geschichte eines Findlings
Tom Jones 1-3: Die Geschichte eines Findlings: 3 Bde.
Die Geschichte des Tom Jones, eines Findlings
Die Geschichte des Tom Jones, eines Findlings

Buchempfehlung

Diderot, Denis

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.

106 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon