Neuntes Kapitel.

[215] Sophiens Flucht.


Es ist jetzt Zeit, uns nach Sophien umzusehen, und der Leser, wenn er sie nur halb so innig lieb hat wie ich, wird sich herzlich freuen, zu finden, daß sie den Klauen eines hitzigen Vaters und den Krallen eines kalten Liebhabers entwischt sei.[215]

Zwölfmal hatte die Zeit mit ihrem eisernen Zahn an die helltönende Glockenspeise gebissen, und so den Geistern die Meßfreiheit erteilt, hervorzugehen und ihren Handel und Wandel zu treiben. – Ohne weitere Floskeln, die Uhr war zwölfe und jedermann im Hause, wie wir bereits gesagt, lag im Rausch und Schlaf begraben, ausgenommen Ihro des Fräuleins von Western Gnaden, welche emsig beschäftigt war, ein politisches Monatsheft zu lesen, und ausgenommen unsre Heldin, die sich jetzt ganz leise die Treppen hinabschlich, und nachdem sie eine von den Hausthüren aufgeriegelt und aufgeschlossen hatte, davonging und mit raschem Schritte nach dem verabredeten Platze hineilte. Ungeachtet der mancherlei niedlichen Künste, welche Damen zuweilen anwenden, um bei jeder kleinen Veranlassung ihre gar zärtliche Furchtsamkeit zur Schau zu legen (fast ebenso mancherlei als die, deren sich das andre Geschlecht bedient, um sie zu verbergen), gibt es doch zuverlässig einen Grad von Herzhaftigkeit, welche ein Frauenzimmer nicht nur wohl kleidet, sondern ihr oft sogar notwendig ist, um fähig zu sein, ihre Pflichten zu erfüllen. Eigentlich ist es der Begriff von Kühnheit, aber nicht von Herzhaftigkeit, welcher bei einem weiblichen Charakter anstößig ist; denn wer kann die Geschichte der so billigerweise berühmten Arria lesen, ohne eine ebenso hohe Meinung von ihrer Sanftmut und Zärtlichkeit, als von ihrer Seelenstärke zu fassen? Dabei hat man auch der Exempel gesehen, daß eine Frau, die bei Erblickung einer Maus oder einer Spinne ein Angstgeschrei ausstößt, gar wohl im stande ist, ihren Ehemann zu vergiften oder, was noch ärger ist, ihn soweit zu treiben, daß er sich selbst vergiften muß.

Bei alle dem sanften Wesen, welches ein Frauenzimmer nur immer haben kann, hatte Sophie allen den Mut, den sie haben sollte. Als sie daher auf dem verabredeten Platze anlangte und, anstatt ihre Jungfer nach der Abrede vorzufinden, eine Mannsperson gerade nach ihr herreiten sah, fing sie kein Geschrei an und fiel auch in keine Ohnmacht, damit ist aber nicht gesagt, daß ihr der Puls nicht ein wenig heftiger geschlagen haben mag, denn anfangs war sie nicht ohne alle Befremdung und Besorgnis; aber diese legten sich auch wieder ebenso geschwind, wie sie sich erhoben hatten, als der Reiter seinen Hut abzog und ganz unterthänigsterweise fragte: »Ob Ihr Gnaden nicht hier ein ander Frauenzimmer zu finden gemeint hätten?« und dann mit der Nachricht fortfuhr, »er sei hergeschickt, sie nach diesem Frauenzimmer hinzubringen.«

Sophie hatte keine Ursache zu argwöhnen, daß diese Nachricht falsch sein möchte; sie stieg also mit aller Entschlossenheit hinter diesen Kerl aufs Pferd, der sie wohlbehalten nach einem ein paar Stunden weit davon entlegenen Flecken brachte, woselbst sie das[216] Vergnügen hatte, die gute Jungfer Honoria zu finden; denn weil die Seele dieser Krone aller Kammerjungfern mit ebenso innigen Banden an ihre Kleider gebunden war, als diese durch Schnürband und Schleifen an ihren Körper befestigt zu sein pflegten, so konnte sie auf keine Art und Weise dahin gebracht werden, diese Lieben aus den Augen zu lassen. Bei ihnen hielt sie also in eigner Person die Wache, derweil sie den vorbesagten Mann zu Pferde nach ihrer Herrschaft abschickte, nachdem sie ihn mit allem benötigten Unterricht ausgerüstet hatte.

Nunmehr gingen sie zu Rate, was für ein Weg zu nehmen sei, um dem Nachjagen des Herrn Western auszuweichen, denn sie wußten, daß er ihnen, ehe wenige Stunden vergingen, nachsetzen lassen würde. Die große Heerstraße nach London hatte so viel Anziehendes für Jungfer Honoria, daß sie Verlangen trug, solche unmittelbar zu wählen, und zum Grund anführte, daß Sophie vor acht oder neun Uhr morgen früh nicht vermißt werden würde und sie also die Leute, welche ihr nachsetzten, nicht einholen könnten, wenn sie auch wüßten, welchen Weg sie genommen hätte. Sophie aber spielte viel zu hohes Spiel, um etwas aufs Geratewohl ankommen zu lassen, dabei wagte sie es auch nicht, bei einer Wette, die bloß durch die Schnelligkeit entschieden werden mußte, zu viel Vertrauen auf ihren zarten Körper zu setzen. Sie faßte also den Entschluß, wenigstens einige acht bis zwölf Stunden weit querfeldein bloße Landwege zu nehmen, und sich alsdann erst auf die Heerstraße nach London zu machen. Als sie des Endes ihre Pferde auf eine Strecke von acht Stunden nach einer Gegend hin gemietet hatte, wohin sie gerade nicht zu gehen gedachte, machte sie sich mit eben dem Vorreiter auf den Weg, welcher sie auf seinem Pferde von ihres Vaters Hause hierhergebracht hatte und welcher jetzt an Sophiens Statt eine weit schwerere sowohl, als weit weniger liebenswürdige Bürde hinter sich aufsacken mußte. Diese Bürde war nichts mehr und nichts weniger als ein großer Mantelsack, vollgestopft mit den auswendigen Leibeszieraten, vermittelst deren die schöne und tugendbelobte Honoria nicht wenige Eroberungen und am Ende noch ihr Glück in der geld-und mannreichen Stadt London zu machen hoffte.

Sie mochten ungefähr ein paar hundert Schritte von der Herberge auf dem Wege nach London zurückgelegt haben, als Sophie zu dem Vorreiter hinanritt und mit einer Stimme, viel honigsüßer als jemals Anakreons Stimme sein konnte (ob man gleich sagen will, daß in seinem Munde ein Bienenschwarm geheckt), ihn bat, den ersten Nebenweg einzuschlagen, welcher auf Bristol zuginge.

Lieber Leser, ich bin eben nicht abergläubig und halte auch nicht viel auf die Wunder neuerer Zeiten, ich gebe also das Nachfolgende[217] eben für keine unbezweifelbare Wahrheit aus, denn in der That kann ich es selbst kaum glauben, indessen verbindet mich die Treue eines Geschichtschreibers zu erzählen, was man zuversichtlich behauptet hat. Man sagt nämlich, das Pferd des Vorreiters sei von Sophiens Stimme so bezaubert worden, daß es auf einmal stockstill gestanden sei und einen großen Widerwillen bezeigt habe, einen Schritt weiter von der Stelle zu gehen. Gleichwohl kann das Faktum wahr und dabei weniger wunderbar sein, als wofür es ausgegeben wird, weil es scheint, daß die Wirkung gar wohl durch eine bloße natürliche Ursache hervorgebracht werden konnte; denn wenn der Vorreiter in dem Augenblicke mit der beständigen Anwendung seiner bewaffneten rechten Ferse (denn gleich dem Helden Hudibras war er nur mit einem Sporn bewaffnet) nachließ, so ist es mehr als möglich, daß diese Unterlassung allein das Tier zum Stillstehen bringen konnte, besonders da ihm dies auch zu andern Zeiten so ziemlich oft zu begegnen pflegte.

Aber wenn auch Sophiens Stimme wirklich über das Pferd eine übernatürliche Macht hatte, so hatte sie doch nur sehr wenige auf seinen Reiter. Dieser antwortete ein wenig mürrisch, sein Wirt habe ihm befohlen, einen andern Weg zu reiten, und er würde um seinen Dienst kommen, wenn er einen andern ginge, als den welcher ihm geheißen worden.

Als Sophie fand, daß alle ihre Ueberredungen nichts wirkten, begann sie ihrer Stimme einen unwiderstehlichen Zauber hinzuzufügen, einen Zauber, welcher, nach dem Sprichworte, die alte Stute in Trab setzte, anstatt sie stillstehen zu machen. Ein Zauber, dem unsere Zeiten alle die unwiderstehliche Gewalt zugeschrieben haben, welche die Alten der vollkommnen Rednerkunst beilegten. Mit einem Wort, sie versprach ihn so reichlich zu belohnen, als er nur immer erwarten könnte.

Der Enke war gegen die Versprechungen nicht ganz und gar taub, es mißfiel ihm nur, daß sie indefinirt waren; denn ob er gleich dies Wort in seinem Leben nie gehört haben mochte, so beruhte doch darauf eigentlich seine Einwendung. Er sagte, vornehme Leute pflegten's mit dem armen Volke so genau eben nicht zu nehmen; er wäre auf ein Haar nah vor ein paar Tagen weggejagt worden, weil er auch im Land 'rum geritten wäre, mit einem Herrn von Junker Alwerths Hofe, der'n nicht belohnt hätte, wie wohl recht und billig gewesen wäre.

»Mit wem?« sagte Sophie etwas hastig. – »Mit 'n Herrn von Junker Alwerths Hofe,« antwortete der Enke, »des Squires seinen Sohn, mein' ich ja wohl, heißen s'n.« – »Wohin? welchen Weg ging er?« sagte Sophie. – »Wo sollt' er hingehn? so des[218] Wegs nach Bristol hin, wohl acht Stunden weit,« antwortete der Bursche. – »Bring' Er mich nach demselben Orte, so will ich Ihm eine Guinee geben, oder auch zwei, wenn's an einer nicht genug ist.« – »'S ist nicht unrecht,« sagte der Philisterknecht, »'s is unter Brüdern zweie wert, wenn Ihr Gnaden bedenken, was ich vor'n Wagstückschen mache, aber laß gehn! Wenn Ihr Gnaden mir die zwei Guineen versprechen, so will ich ein blau Auge dran wagen. En bischen Sünde is wohl dabei, daß kann 'ch wohl nicht leugnen, so mit mein's Wirts Pferden herumzukaballen; aber ein Trost is dabei, er kann mir weiter nichts thun, als mich wegjagen und zwei Guineen sind doch gut mitzunehmen!«

Da auf diese Weise der Handel geschlossen war, lenkte der Vorreiter seitwärts nach dem Wege auf Bristol, und Sophie ritt fort, Herrn Jones aufzusuchen, stracks an gegen die Meinung und Vorstellungen der Jungfer Honoria, der es weit mehr am Herzen lag in London zu sein, als beim Herrn Jones. In der That war sie bei ihrer Herrschaft nichts weniger als seine Freundin, denn er hatte sich in gewissen Geldhöflichkeiten nicht gar zu aufmerksam bewiesen, auf welche, nach eingeführtem Brauch und Sitten, die Putzjungfern bei allen Liebesangelegenheiten gewisse Ansprüche haben, ganz besonders aber wenn diese Angelegenheiten heimlich geführt werden. Wir schreiben dies mehr auf Rechnung seiner Vergeßlichkeit, als auf den geringsten Mangel an Freigebigkeit; sie mochte es aber wohl aus der letzten Ursache herleiten. Gewiß ist es, daß sie ihn dieser Versäumnis wegen recht bitterlich haßte und sich entschloß, keine Gelegenheit vorbeizulassen, wo sie ihm bei ihrer Herrschaft eins versetzen könnte. Es war daher für sie ein rechtes Unglück, daß sie gerade nach ebendemselben Flecken und in dasselbe Wirtshaus gehen müssen, aus welchem Jones seine Wallfahrt angetreten und noch unglücklicher darin, daß sie gerade an eben denselben Vorreiter geraten war, durch welchen Sophie diese gelegentliche Entdeckung machte.

Unsre Reisenden langten, als der Tag zu dämmern begann, zu Hambroock an, dem Dorfe, wo Jones den tröstlichen Zuspruch des Quäkers genoß, und woselbst Honoria wider ihren Willen den Auftrag erhielt, sich nach dem Wege zu erkundigen, welchen Herr Jones genommen hätte. Das hätte ihnen nun zwar ihr eigener Vorreiter ebensogut sagen können, aber Sophie, ich weiß nicht aus was Ursach, hatte ihn mit keinem Wort drum gefragt.

Als Jungfer Honoria die Nachricht überbrachte, welche sie von dem Wirte eingezogen hatte, erhielt Sophie nach vielen Schwierigkeiten einige elende Pferde, welche sie nach dem Wirtshause brachten, wo Jones, mehr durch das Unglück einen Wundarzt gefunden, als[219] eine Wunde am Kopf empfangen zu haben, einige Tage aufgehalten worden war.

Hier erhielt Honoria abermals die Kommission, Kundschaft einzuziehen, und sie hatte sich des Endes nicht so bald an die Wirtin gewendet und ihr die Person des Herrn Jones beschrieben, als diese scharfsichtige Frau anfing, wie man zu sagen pflegt, den Braten zu riechen. Als demnach Sophie ins Zimmer trat, begann die Wirtin, anstatt der Kammerjungfer zu antworten, folgendergestalt ihre Rede an die Herrschaft zu richten: »Ach, du allerliebste Zeit! Ja nu, da seh' mir einer! Wer sollte das gedacht haben! Das ist doch wahrhaftig das scharmantste Pärchen, das man mit seinen Augen sehen kann. Ja, du Jemini! das is kein Wunder, daß der Junker Ihr Gnaden so nachläuft. Er hat mir's wohl gesagt, daß Ihr Gnaden das schönste Fräulein in der ganzen Welt wären! Und wohl recht, wohl recht hat er! Nun, der Himmel laß' es ihm recht gut gehen, dem lieben Herzensjunker! Mich hat er recht gedauert; gewiß das hat er, wenn er so sein Kopfkissen in die Arme nahm und 's ans Herz drückte, und 's seine liebste, süßeste Soffi nannte. Ich hab's 'n so viel aus'n Sinne geredt, als ich nur immer konnte, daß er nicht in 'n Krieg gehn sollte; ich sagt 's ihm, 's gäbe ja der Kerls genug, die nichts bessers wert sind, als sich totschießen zu lassen, und nach denen sich keine so schöne liebe Fröln sehne.« – »Wirklich,« sagte Sophie, »die gute Frau muß nicht recht bei Sinnen sein.« – »O ja, o ja!« rief die Wirtin; »ich bin recht wohl bei Sinnen. Ihr Gnaden meinen wohl, daß ich nichts weiß? Ho! ich weiß wohl! Er hat mir alles gesagt.« – »Was vor'n dummer Kerl hat Ihr was von mein'n Fröln gesagt?« – »Kein dummer Kerl, gar nicht!« antwortete die Wirtin. »Der junge Herr war's, nach dem Sie sich erkundigt haben, und das ist wohl en recht hübscher junger Herr und hat das gnäd'ge Fröln Sophie von Western so lieb, als sein eignes Herzchen.« – »Mein gnädigs Fröln hätt' er lieb, Er! Sie muß wissen, gute Frau, wer meine gnädige Fröln lieb hab'n will, muß viel höcher geschoren sein.« – »Nun, nun, Norchen,« fiel ihr Sophie in die Rede, »werd' Sie nicht bös über die gute Frau, sie meint's ja recht gut.« – »Je Jemini! das versteht sich, warum sollt' ich's nicht,« antwortete die Wirtin, welche durch Sophiens milde Stimme und Worte mehr Mut bekam und nun eine lange Erzählung zu Markte brachte, die wir ihrer Langweiligkeit wegen hier nicht abschreiben, in welcher aber einige Stellen vorkamen, welche Sophien ein wenig mißfielen, dem Kammermädchen aber großen Aerger verursachten, welche daher Gelegenheit nahm, den Augenblick, da sie sich mit ihrer Gebieterin allein befand, den Herrn Jones wacker anzuschwärzen. »Es müßte ein herzlich[220] armseliger Schuft von Kerl sein,« sagte sie, »und müßte keine Liebe für eine Dame haben, deren Namen er in einem öffentlichen Wirtshause ans schwarze Brett hängen könnte.«

Sophie betrachtete sein Betragen in keinem so nachteiligen Lichte und war vielleicht mehr vergnügt über die heftigen Entzückungen seiner Liebe (welche die Wirtin ebensogut wie jeden andern Umstand übertrieben hatte), als sie sich durch das Uebrige beleidigt fand, und in der That schrieb sie alles auf Rechnung seiner ausschweifenden oder vielmehr aufbrausenden Leidenschaft und auf die Offenheit seines Herzens.

Als ihr unterdessen dieser Vorfall nachmals wieder von Jungfer Honoria ins Gedächtnis gebracht und ins verhaßteste Licht gestellt wurde, trug er dazu bei, daß sie den unglücklichen Vorfall zu Upton um so leichter glaubte und um so höher aufnahm, und leistete der Putzjungfer gute Hilfe, ihre Herrschaft zu überreden, daß sie den Gasthof verließ, ohne Herrn Jones zu sprechen.

Als die Wirtin merkte, daß Sophie gesonnen sei nicht länger zu bleiben, als bis die Pferde gesattelt wären, und zwar ohne weder zu essen noch zu trinken, so ging sie bald zum Zimmer hinaus, worauf Honoria anfing, ihrer Gebieterin die Lektion zu verhören (denn sie nahm sich in der That viel Freiheit heraus), und nach einer langen Vorrede, in welcher sie solche an ihren Vorsatz nach London zu gehn erinnerte und mehr als einmal darauf stichelte, wie unschicklich es sei, einem jungen Menschen nachzureisen, beschloß sie endlich mit der sehr ernsthaften Vermahnung: »Um des Himmels willen, gnädigs Fröln, thun Sie doch was Sie thun und bedenken Sie, was Sie vorhab'n und wohin Ihr Weg geht.«

Diese Vermahnung, gerichtet an ein Frauenzimmer, das bereits seine zwölf bis sechzehn Stunden und zwar in einer gar nicht angenehmen Jahreszeit zu Pferde gesessen war, mag einem närrisch genug vorkommen. Man sollte glauben, sie müsse das vorher schon wohl überlegt und beschlossen haben, ja selbst Jungfer Honoria nach dem Winke zu urteilen, den sie sich entfallen ließ, schien derselben Meinung zu sein und ich zweifle nicht, viele von meinen Lesern sind es mit ihr, und sind gewiß schon längst von dem Vorsatze unserer Heldin überzeugt, und haben sie deswegen schon längst als ein leichtsinniges, mannsüchtiges Mädchen verdammt. Dies war aber in der That nicht der Fall. Sophie war die letzte Zeit her sehr verwirrt und unentschlossen gewesen, zwischen Hoffnung und Furcht, ihrer Pflicht und Liebe zu ihrem Vater, ihrem Hasse gegen Blifil, ihrem Mitleiden und (warum sollten wir nicht die reine Wahrheit gestehn?) ihrer Liebe für Jones, welche letzte das Betragen ihres Vaters, ihrer Tante und überhaupt jedermanns, ganz besonders aber[221] des Herrn Jones selbst, zu einer hellen Flamme angefacht hatte, daß sich ihr Gemüt in einem solchen fassungslosen Zustand befand, von dem man mit Wahrheit sagen kann, er mache uns unempfindlich gegen das, was wir thun, oder wohin wir gehen; oder, eigentlicher zu sagen, ein solcher Zustand macht uns gleichgültig gegen alle Folgen dessen, was wir thun oder unternehmen.

Der weise und kluge Rat ihrer Zofe brachte indessen einige kalte Ueberlegungen bei ihr hervor, und sie faßte zuletzt den Entschluß, nach Gloucester und von da auf dem gradesten Wege nach London zu gehn. Zum Unglück aber begegnete ihnen nicht weit vor Gloucester der kräuselnde Gerichtsprokurator, welcher, wie wir vorher angemerkt haben, daselbst mit Herrn Jones zu Mittag gegessen hatte. Dieser eilfertige Mann, welcher mit Jungfer Honoria bekannt war, hielt sie an, um mit ihr zu sprechen, was Sophie dazu mal nicht weiter anfocht, als daß sie fragte, wer der Mensch wäre?

Als sie aber nachher zu Gloucester bei ihrer Jungfer über diesen Mann nähere Nachricht eingezogen und die große Eilfertigkeit vernommen hatte, womit er gewöhnlich reiste und wegen welcher er (wie bereits bemerkt worden) ganz vorzüglich berühmt war, sich auch zugleich erinnerte, wie sie von fern gehört, daß Jungfer Honoria zu ihm gesagt hätte, ihr Weg ginge nach Gloucester, so wandelte sie die Furcht an, ihr Vater möchte durch diesen Mann auf die Spur gebracht werden, ihr bis zu dieser Stadt nachzufolgen. Wenn sie sich also hier auf die Londoner Straße begeben wollte, so fürchtete sie, würde er gewiß im stande sein sie einzuholen. Aus dieser Ursache änderte sie ihren Entschluß, und nachdem sie auf eine ganze Woche Pferde gemietet und einen Weg genannt hatte, den sie keineswegs gesonnen war zu reisen, begab sie sich nach einer leichten Erfrischung wieder auf den Weg, gegen den Wunsch und das ernstlichste Bitten ihres Kammermädchens, und nicht weniger gegen die triftigsten Vorstellungen der Frau Whitefield, welche aus guter Lebensart oder vielleicht auch aus gutem Herzen (denn das arme junge Fräulein schien sehr ermüdet zu sein), sehr angelegentlichst in sie drang, den Abend zu Gloucester zu bleiben.

Nachdem sich Sophie bloß durch ein paar Tassen Thee und durch ein paar Stündchen Ruhe auf dem Bette, so lange die Pferde abgefüttert wurden, ein wenig erquickt hatte, verließ sie mit entschlossenem Mute Madame Whitefields Haus um elf Uhr Abends, und da sie gradezu die Heerstraße nach Worcester einschlug, langte sie in weniger als vier Stunden vor dem Gasthofe an, in welchem wir sie zuletzt gesehen haben.

Nachdem wir also einen Zurücksprung gethan und unsrer Heldin[222] seit der Abreise aus ihres Vaters Hause bis zu ihrer Ankunft in Upton Schritt vor Schritt gefolgt sind, so wollen wir auch in wenig Worten ihren Vater nach demselben Orte bringen. Dieser empfing den ersten Handweiser von dem Pferdeknechte, welcher seine Tochter bis Hambrook gebracht hatte, und es war ihm leicht, ihrer Spur von da nach Gloucester zu folgen, als er hierselbst erfahren, daß Herr Jones des Weges nach Upton gegangen (denn Rebhuhn hinterließ, nach dem Ausdrucke des Junkers, allenthalben eine starke Witterung), so folgte er ihr auch dahin, denn er zweifelte im geringsten nicht, Sophie würde ihm nachreisen, oder, wie er's zu nennen beliebte, nachlaufen. Er bediente sich in der That eines sehr nachdrucksvollen Worts, welches wir hier nicht hersetzen mögen, weil weidgerechte Jäger, denen es doch nur allein verständlich sein würde, es von selbst schon erraten werden.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 2, S. 215-223.
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