Das Vier und viertzigst Capitel.
Wie der Mönch den jungen Fürsten Gurgellang Bettsweiß entschläfft, und solchs durch seins Brevier und Mettenbüchleins kräfft.

[367] Nach geendeter Malzeit, rahtschlagten sie von nun schwebenden sachen (dann nirgends besser Käuff es gibt, als wo man Weinkäuff gibt) unnd befanden für gut, daß man umb Mitternacht außfallen solte zum Scharmützel, die Feind zuversuchen, was sie für Wacht hielten. Unter des möcht ein jeder ein Positzlin schlaffen, des wackerer zuwerden. Aber Gurgelstrozza kont nicht schlaffen, wie er sich auch legt und krümpt, dann Homerus schreibt: Ein Regent, ein Rahtsherr und ein Wacht, sollen nit schnarchen die gantz nacht: darumb thun sie heut schlafftrünck, dz sie morgen im Raht schwerköpffig zu jedem ding ja nicken. Da sagt der Mönch zu ihm, Viel Leut schlaffen wol zu Pferd unnd im Schiff, das macht das wagen: Einer legt sich einmahl unter einen Bierenbaum, und fienge an Eieren zuzahlen, und ehe er über etlich totzend kam, da lag er schon unnd schnarcht, und schnarchet schon unnd lag. Ich aber schlaff nimmer besser als inn der Predig, oder wann ich bett. Derhalben laßt uns die siben BußPsalmen für uns nemmen, zusehen ob ihr nicht entschlaffen werdet. Der fund geful dem Gargantua besser, als der Amadisischen Urganda weiß, die sibentzigen järig siben Schläfer macht, fiengen damit gleich den ersten Psalmen an, unnd als sie biß auff das Beati quorum kamen, entschlieffen sie beide ungewagen, und ohn gießfaßtropffen, und ohn ein Mercurischen Rorpfeiffer, der den huntertäugigen Argo entschläfft, als ob sie bei dem lustigsten Poetischen rauschenden Prönlin oder Bächlin legen, und die Windlin hörten wähen, oder Magsamen gessen hetten, oder Mett getruncken, oder einen Saffransack zun haupten ligen hetten.[367]

Nit des minder verschlieff der Mönch die Mitternacht nit, also gar war er der Mettenstund gewont: und so bald er erwacht, ließ er auch niemand schlaffen, sonder fieng über laut an das Lied zusingen. Wach auff Diebolt, hau Dibolt wach, Es ist morn auch ein nacht, wach eh dirs ding ans Leilach bach, Horch wie der Han schon wacht, horch wie im Ror das Vöglin lach, und treibet seinen pracht. Als sie nun all von disem Thurnbläser erwachten, ohn etlich wenig, die im Gegenchor die Respons drauff wußten. Laß wachen Bruder wer da wacht, hinnacht ist auch ein nacht, das Leilach ziecht inn alle macht, ich hör kein Han zu nacht, Das Vögelin ein kleins schläflin macht, weils häuptlin klein ist acht. Gleichwol sprach Bruder Jan zu den ermunterten: Ihr Herrn, man sagt das die frümetten anfangt von husten, unnd das nachtessen von trincken. So laßt uns das widerspiel thun, unnd jetzt unser frümett anfangen von trincken, Und zu abend, wann wir essen wollen, umb die wett das haar auß der Nasen husten, dann wir seind keine Xenophontische Perser, die bei der Malzeit sich auch nicht reuspern noch schneitzen dörffen. Wie? sprach Gurgellantua soll man so gleich auff den schlaff trincken? daß wer nit nach des Artzts ordnung gelebt: man muß vor den Magen kämmetfegen. Aubeia, antwort der Mönch, es hat sich wol geartzet: schlaffen wir doch auff den trunck, wie solten wir nicht auff den schlaff trincken. Oder 1000 Teuffel sollen mir inn den Mönchsack fahren, wa man nicht mehr alte Vollseuffer find, als alte Artzet: die ihren warten am besten, seind kranck am mehsten, unnd sterben zum ehesten: die Pest stoßt die am ersten an, die ein gut Diät han: der Schnuppen plagt auch die stercksten, gleich wie das unglück die unschuldigsten, die sichersten überfellt der Feind: wa heimlichkeit neuzeitung ist da bricht sie am ersten auß. Ich hab mit meim appetitlichen hunger und durst also ein gedingten pact getroffen, daß sie sich alzeit mit mir niderlegen und auch mit mir auffsthen. Aber ein jeder verseh sich jetzund zum besten wie er wil ich muß mich zu meim beitzluder fügen. Was für beitzluder? fragt Gargantoa. Mein brevierbüchlin, antwort der Mönch: dann zugleicher weiß wie die Falckonirer eh sie ihre vögel speisen und behauben, sie vor etwann mit eim hünerfüßlin erbeitzen, lock machen unnd[368] ätzen, ihnen das Hirn vom pflegma zureinigen, und sie speißgelüstig zumachen: also wann ich diß klein Breviarium morgens frü übernag, und ein kleins viertheilstündlin zersaug, so erpfluttere, und erpolstere ich meine Lung so lustig, daß sie gleichbereit ist zutrincken. Wafür, fragt Gargantua, sprecht ihr diese Gezeitbettlin? Ja fragt, sprach der Mönch, für den Bloen husten, also hat es der heiligen Mutter gefallen: aber mit drey Psälmlin unnd drey Lectionen auff unnd darvon, bereit unnd beschoren, wems nit gefallt, der spey es auß, machts keim anders, er sey dann der grossen Appeln Sohn, daß man ihm dreymal Pfeffer anricht. Man heißt es Bettstundenbüchlin oder Stundengebettlin: aber ich hab mich nie den stunden unterwürfflich gemacht, dann die stunden seind des Menschen halben, unnd nicht der Mensch von der Stunden wegen gemacht: sonst müßt der Bapst die Venediger und Hornberger inn Bann thun, daß sie ihre Tertz Morgens früe singen? Derhalben mach ichs mit meinen Horasgebettlin wie mit den Stegreiffen, kurtz oder lang, nach dem es mir gefallt. Brevis oratio penetrat cœlos, longa potatio evacuat cyphos, kurtz Gebett inn Himmel trengt, ein langer Trunck die Becher schwenckt.

Wa steht das geschriben? Auff mein treu, sagt Konlob, ich wißt es nicht, aber du liebes Hodensecklin hast zufäll wie Zuberclauß: wie meinst? der Pantarbesstein ziecht das Gold, das Gold die Habichbein, der Bornstein die Spänen, das gestälet Messer die Glufen, Nießwurtz zeicht die Wachteln, der Agstein die Spreier, der Schirling die Staren, der Magnet das Eisen: wer nit besser dein Straußmägiger Magnet ziehe Gold wie der Stiglitz die Leimrut am wadel nach? aber es fehlet dir noch weit lieber Bruder. In dem, sprach der Mönch, schlag ich erst euch nach: Aber des Teuffels Muter, venite à potemus zum Pott: laßt uns die backen auffblasen, als wolten wir ein Scheuer anstossen, oder dem Teuffel das Feur auffblasen, jedoch mit solchen Weinspritzen kůlet er sein höllisch Feur: dann wie ins Mentzers S. Dominico steht, so brennen ihn auch die geweihet Kertzen an die finger: so kompt je Wein von weihen, darumb hält man starcke Schlafftrünck zu Weinachten, wann inn eim Hanenkräh alles Wasser Wein und Wasser wird. Ergo gluck. Jener Leffler wünscht daß[369] seins Bulen gürtel auß seim arm gewirckt wer, so wünsch ich daß dieses Bechers ranfft von meinen Lefftzen gebordiert wer, dann ich heiß Hans, darurnb bin ich auch ein Maulverguldeter Chrysostomus: wolt mirs einer vergulden, er müßt viel Lötgolt haben, doch Kindstotter unnd Wittwenleimen thet auch etwas: gewiß wer wol bemault ist, unnd ein gut Pantoffelgosch hat, der beißt ein grösser unnd breiter stück ab: was sollen dünne Lefftzen, ob schon ihre küß besser angehen, so seinds doch böse befftzen. O Lefftzen her, darvon man mit keim baurenkegel, geschweig eim Hanenbengele ein stuck abwürff. O diß Leschhorn reimt sich wol darzu: sonst steht ein groß Naß über eim kleinen maul, wie ein Scheißhauß an der Ringmauren, unnd ein kurtz Hembd zu eim beschissenen Loch. Aber was geht euch mein Naß an, ihr schissen wol all drein, dann es können ihren zwen geruhig neben einander drauff sitzen. Capitolinus schreibt: Benè nasatus, est benè peculatus. Nun dratt, dratt, man läut zu raht, fort im gang, fort im schwang, so nem ich mein Kreutzstang, du den Partisan, der die Bechpfann, dran, dran, nimm du den fan, der Sigerist das Weiwasser, der Teuffel den Pfaffen, so haben wir alle zuschaffen. Sed, holla, wa bleibt der Johanssegen? die Rebenweih her: stellet euch fein hie nach des Türcken Monschlachtordnung umb des Cayphas Glut her: ich halt nichts von eim der nit auff eim fuß ständling drey Maß Wein kan trincken, stando non concipitur, lehrt ich einmahl ein fromme Magd.

Hiemit, nach dem sie also in eyl ein zimmlich loch ins Faß getruncken, zog ein jeder sein beste rüstung an: zwangen auch den Mönch daß er wider seinen willen sich bewaffnen unnd zu Roß begeben mußt, wiewot er sonst nichts als seine Weingebleichte Kutt für die Brust, und sein getreue Kreutzstang inu die faust gedacht zuhaben. Deßgleichen Gorgelstrozza, Lobprecht, Keibkamp, Artsichwol, unnd fünff und zwentzig des waghafftesten Hofgesinds namen ihre Spieß inn die glenck, lustig beritten wie Sant Jörg, und ein jeder ein Schützen hinder ihm.

Quelle:
Johann Fischart: Geschichtklitterung (Gargantua). Düsseldorf 1963, S. 367-370.
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