Zwölfter Stremel.

[231] Am Deich jagten die Kinder den Schmetterlingen nach, den Kohlweißlingen, Füchsen und Pfauenaugen, wobei sie sangen:


Schomoker, sett di annen greunen Diek,

Schomoker, sett di annen greunen Diek.
[231]

»U kiek, Klaus Störtebeker, de jümmer mit no See geiht!« »Woneem?« »Dor! Kannst ne kieken?« »U Minsch, wat süht de mol ut! Ganz anners as to.«

»Höh, Klaus Störtebeker!«

»Höh, Peter! Non, wat mokst?«

»Ik griep Schomokers, kumm man her, kannst noch mit ankommen!«

»Wat goht mi Schomokers an? Wi wöt teern un smeern, wat meenst! Uns Eber süht ut as ik weet ne wat.«

»Klaus Störtebeker, wullt mien Kninken mol sehn?«

»Ik hebb keen Tied, Krischon, mütt Teer holen.«

Und Klaus Störtebeker ging mit der Teerpütze in der Hand an ihnen vorüber und freute sich, als er fühlte, daß sie ihm nachguckten. Er war größer und brauner geworden: sein Gesicht war das eines Indianers, sein Gang aber war der eines Fischermannes, und seine Hände waren die eines Tagelöhners.

»Dat is keen Kirl mihr för Hus und Hoff, dat is een för Schipp un See«, hatte der alte Jäger zu Gesa gesagt. Störtebeker hörte es und vergaß es nicht wieder. Und er vergaß auch nicht, was der greise Willem Fock ihm sagte, der sich am Deich von seinen langen Fahrten ausruhte. Er unterzog den Jungen einer Kleinschifferprüfung, fragte ihn nach Wind und Wetter, Fang und Markt und freute sich über die fahrensmännische Klugheit des kleinen Gesellen.[232]

»Hest den flegen Hollanner ok sehn?«

»Ne, Willem, denn stünn ik woll ne hier. De den flegen Hollander in Sicht kriegt, de blifft!«

»So, so meenst du dat? Non, denn wohr di man vorn flegen Hollanner, Störtebeker, wenn du grot büst, un seh man to, dat du jümmer goden Wind hest, un ward man een fixen Fischermann, hürst?«

»Jo, Willem, dat will ik ok«, sagte der Junge mit lachendem Munde und ging stolz weiter.

Da spielten die Mädchen Ringelreihe und sangen dazu: Es fuhr ein Matrose wohl über das Meer, nahm Abschied vom Liebchen, sie weinte so sehr ... Störtebeker blickte sie gar nicht an, sondern ging in den Kramerladen hinein und ließ sich die Pütze voll Teer gießen. Kinderspiel war ihm fremd geworden, er war Fischerjunge und fuhr bei seinem Vater auf dem Ewer.


* * *


Sonnenwende, Sonnenwende!


A und O von Finkenwärder, der kleine, schwarze Ewer H.F. 1, Jan Sieverts Hoffnung, und der große weiße Kutter H.F. 190, Jakob Cohrs' Möwe, die noch die Kränze vom Stapellauf in den Toppen flattern, lagen im Köhlfleet beieinander, und um sie herum und auf den Schallen ankerten wohl hundertfünfzig große Ewer und Kutter. Schwarz, grün, rot und weiß spiegelten die Steven sich im Wasser, und jede Farbe hatte ihren eigenen Sinn.[233]

Schwarz rührte von den alten Fahrensleuten her, die als die ersten das Watt hinter sich ließen und sich auf die offene See wagten, die bei Helgoland und Terschelling die dunkeln, holländischen Logger und die schwarzen, englischen Smacken sichteten. Sie hatten auch weder Zeit noch Geld, das Fahrzeug anzumalen und aufzuzieren.

Grün brachten die Bauernjungen auf, als sie die Pflüge verrosten ließen und sich auf die Seefischerei warfen. Sie wollten auf der grauen, kahlen See an ihre grünen Felder und Wischen, an ihre Linden und Eschen erinnert sein, wenn sie kein Land in Sicht hatten.

Rot erwählten sich die glücklichsten Fischerleute, die Störfänger und Beutemacher, die Schollenkönige, die gern etwas Besonderes aufzuweisen wollten und denen es auf den teuern Zinnober nicht ankam.

Weiß aber war die erklärte Farbe der jungen Fischer, die noch dabei waren, ihr Marinerzeug aufzutragen, und die noch draußen klüsten, wenn andre schon im Hafen lagen. Einer von ihnen wurde gewahr, wie prächtig seinem Kutter der weiße Berg von Schaum und Gischt vor dem Steven zu Gesicht stand, und binnengekommen, wußte er nichts Besseres zu tun, als den Bug weiß zu malen, damit das Schiff beständig im Schaum wühle.

Hochwasser!

Eine schlanke, östliche Brise bläst von Hamburg[234] herunter, umstreicht Heitmanns weißen Leuchtturm und die mächtige Königsbake, das alte Wahrzeichen von Finkenwärder, rauscht durch das Reet des Pagensandes und läßt die Flögel tanzen: es ist ein Plan zum Fahren, wie er nicht besser sein kann. Und doch bleiben alle Fahrzeuge liegen: nirgends werden die Segel aufgezogen und die Draggen aufgehievt. Wahrlich, es muß ein großes Ding sein, das diese mächtige Flotte, die gewaltigste der deutschen Küsten, im Hafen festhält und die Helgoländer Bucht vereinsamen läßt!

Es ist ein großes Ding: Karkmeß ist da, der Jahrmarkt, der Sonnwendtag der Finkenwärder Fischerei, ein Tag von so großer Bedeutung und so tief eingreifend in das Leben und Treiben des Eilandes, daß es Ehren- und Notsache jedes Fischers ist, heimzufahren und dabei zu sein. Knecht und Junge würden schöne Gesichter machen, wenn sie Karkmeß nicht kriegten, und bei den Nachbarn hieße es: »Den geiht dat jo woll bannig lütt: he is jo ne mol Karkmeß bi Hus wesen!«

Von Finkenwärder erzählen und Karkmeß vergessen, hieße nach Rom reisen und den Papst nicht sehen, denn Karkmeß ist die große Sonnenwende von Finkenwärder, ist der Nordstrich auf seinem Kompaß und Mittelpunkt der Zeitrechnung der Seefischer. Soundsoviel Reisen vor Karkmeß oder soundsoviel nach Karkmeß, das hört einer am Deich auf Schritt und Tritt und »söben Weeken vör Karkmeß«[235] oder »fief Weeken no Karkmeß« sind genaue Zeitangaben, über die kein Zweifel aufkommen kann. Karkmeß teilt das Jahr: es ist die Grenze zwischen der Schollenzeit und der Zungenzeit. Vor Karkmeß werden in schnellen Reisen nur Schollen gefangen, die lebend an den Markt gebracht werden: nach Karkmeß geht es auf die Zungen los, die auf Eis gepackt werden; da sind die Reisen länger und mühseliger, und das Geld hat nicht mehr den hellen Klang der Schollentaler.

Die Sonne steht am höchsten: Wotan will nach Süden reiten, aber ehe er sein weißes Roß, den Sleipner, wendet, hält er einen Augenblick in Gedanken inne, und diesen Augenblick benutzen die Finkenwärder Fischer, um ihr Sonnwendfest zu feiern. Ehe sie den dunkeln Nächten entgegensegeln, wollen sie sich der Sonne und des Lebens freuen, wollen sie einen Tag lachen.

Wer das nicht kann, wer bis Karkmeß nicht seinen guten Schilling verdient hat, der holt den Rest des Sommers auch nichts mehr aus der See und mag denken, die alten Weiber hätten ihn behext.

Die Ewer kommen nicht auf einmal wie die Hühner, wenn Tucktuck gerufen wird, sondern nach und nach. Schon acht Tage vorher füllt sich das Fleet mit Schiffen: Klugheit und Nachbarlichkeit verhindern, daß alle an einem Tag den Hamburg-Altonaer Markt überfallen und die Fische wertlos machen.[236]

Es gibt auch mancherlei zu tun.

Nicht allein den Sonntag zuvor, an dem alle Fischerknechte und Fischerjungen auf Musik sind und sich een Perd, ein Mädchen, für das Fest heuern, weshalb diese Musik am Deich auch der Pferdemarkt genannt wird, sondern die ganze Woche hindurch. Da ist keine Zeit, den Knackwurstkerlen beim Aufschlagen der Zelte zu helfen oder die Reitbudenpfähle mit einzurammen, denn erst muß der Ewer sein Karkmeßkleid haben. Teeren und Schmeeren heißt die Losung, den langen Tag wird geteert und geschmeert, daß der ganze Deich danach riecht, und daß das Wasser in allen Regenbogenfarben glänzt. Da wird geschrubbt und kalfatert, da wird gemalt und gelabsalbt! Wie Schafe, die geschoren werden sollen, liegen die Fahrzeuge auf dem Sand und lassen alles über sich ergehen, denn sie wissen, daß es gut für sie ist.

Kein deutsches Kriegsschiff kann reiner sein als ein Finkenwärder Ewer zu Karkmeß, so viel tut der Schiffer daran. Nicht umsonst hat er holländisches Blut in sich und eine große Lust an Reinlichkeit und Buntheit: so schmückt er seinen Ewer mit bunten Farben und glänzenden Streifen und wird nicht müde, ihn zu zieren.

Da wird der Bünn gründlich gereinigt, da werden die Eiskisten überholt, schlechte Taue ausgeschoren, neue Kurren eingestellt und zerrissene Segel geflickt. Da wird geloht: du liebe Zeit: wie wird geloht![237] Der ganze Rasen des Deiches liegt voller ausgebreiteter Segel: Großsegel an Großsegel, Fock an Fock, Besan an Besan, und alle werden gebräunt und geloht, damit sie haltbarer werden sollen.

Das Lohen haben die Finkenwärder vor den Blankenesern voraus, die keinen Platz dafür haben (denn in den Sand können sie die Segel nicht legen) und deshalb mit weißen Lappen fischen und segeln müssen.

Überall am Bollwerk bruddelt es in den großen Wurstkesseln, und Fischer und Frauen schöpfen die Lohe und dweilen sie auf die Segel.

Ist das Schiff moi, dann sieht der Fischermann seine Knipptasche an und begleicht die großen Rechnungen, die er beim Zimmerbaas, beim Schmied, beim Segelmacher und beim Reepschläger stehen hat, denn Karkmeß ist allgemeiner Zahltag. Hat er sein Schiff noch nicht freigefahren, also das stehende Geld noch nicht zurückbezahlt, so bekommt noch der Bauer seine Zinsen.

In der Aueschule aber tagt die Seefischerkasse, die Schiffsversicherungsgemeinschaft der Finkenwärder Seefischer, die 1835 gegründet worden ist, als schwere Stürme die damalige kleine Flotte zu vernichten drohten. Sie läßt sich die Prozente, das Jahresgeld, bringen, das nach den Verlusten berechnet wird. Das ist wahrhaftig kein grüner Tisch, an dem die sechs Alten mit dem Obervorsteher[238] sitzen! Plattdeutsch wird gesprochen, einer nennt den andern du, jeder weiß, was er will, und niemand braucht nach Worten zu suchen! Das ist der Senat von Finkenwärder und einen bessern hatte Venedig auch nicht.

Ein fester Bau ist diese Seefischerkasse, ein Denkmal besten Gemeinsinnes. Sie ist der mächtige Leuchtturm, der seine Strahlen vom Skagerrak bis zur Themsemündung wirft. Seen wollten ihn unterwaschen, Stürme wollten sein Licht verlöschen: er steht und leuchtet!

Mittlerweile sind sie auf der Aue, von der Müggenburg bis zum Tun, auch nicht müßig gewesen, sie haben gebaut und gezimmert, geklopft und gehämmert auf Deubel kumm rut, bis Zelt an Zelt steht. Dann steigt die Sonne blank und schön aus dem Hamburger Daak, und der große Freudentag ist da mit seinen Luftbällen und Reitbuden, seinen Aalzelten und Schießständen, seinen Eiskarren und Lungenprüfern, mit Lukas und Kaspar, mit Herkulessen und Feuerfressern, mit Seiltänzern und Negern, mit Hün und Perdün, mit Jubel und Trubel! Die Gören sind wie durchgedreht, und die Jungkerls und Deerns wissen vor Übermut und Lebensfreude nicht, was sie alles aufstellen wollen. Da wird gejagt und geschossen und getanzt und getrunken und gesungen und gelacht: die ganze Aue wirbelt durcheinander. Die Jungen tragen blaue Brillen und Rinaldinischnurrbärte, sie essen Knackwürste[239] und Eis, bis sie nicht mehr können: die Mädchen kaufen sich Puppen und Kokosnüsse und lutschen an Zuckerstangen: es ist einfach unbeschreiblich, was auf Karkmeß alles los ist. Die sich erzürnt haben, vertragen sich und trinken wieder einen zusammen, und die gut Freund gewesen waren, erzürnen sich und kriegen das Tageln: dat is so bi Karkmeß mit vermokt. Hein Mück haut den Lukas, daß es knallt, und läßt sich für die hervorragenden Leistungen eine goldene Medaille an die Heldenbrust heften. Jan Tiemann läßt sich elektrisieren, Hinnik Külper kauft seiner Braut ein großes Zuckerherz, Peter Gröhn fordert den Neger sogar zu einem Boxkampf heraus. Und ein Getute und Geblarre, ein Flöten und Knarren, ein Juchen und Schreien!

Das beste Teil erwählen sich die alten Fahrensleute; sie ziehen ein weißes Hemd an, holen den Stuhl aus der Dönß und setzen sich geruhig auf den Deich. Sie lassen die Karkmeßleute an sich vorüberziehen, necken die beladenen Kinder und führen ein nachbarliches Gespräch.

Das Allerschönste sehen aber auch sie nicht vor Luftbällen und Kinderspielzeug: die blassen, roten Rosen am Westerdeich und das wogende Korn im Lande und den weißen Flieder auf den Wurten und die Lindenblüten am Elbdeich: das große Sommerblühen. Das geht allen verloren.


* * *
[240]

Der große und der kleine Klaus Mewes hätten nicht von hier sein müssen, wenn sie dem Karkmeß fern geblieben wären. Zumal Störtebeker hatte sich den Tag ehrlich verdient. Bis an den Bauch im Wasser stehend, hatte er geschrubbt, einen ganzen Tag im Maststuhl zwischen Himmel und Erde hängend, hatte er die Besan gelabsalbt, mit krummem Rücken war er in den Bünn gekrochen und hatte die toten Schollen aus den Ecken geholt, er hatte beim Lohen geholfen wie ein Großer, er hatte das Nachthaus grün angestrichen, er hatte das alte Bettstroh mit allen Flöhen und Wanzen auf dem Schlick verbrannt.

Als Klaus Mewes den Sonnabend von der Aueschule zurückkam, wo er seines Amtes gewaltet hatte, denn er saß trotz seiner Jugend schon im Vorstande der Seefischerkasse, da hatten Kap Horn, Hein Mück, Klaus Störtebeker und Gesa gerade die bekannte letzte Feile weggelegt. Wie ein Königsschiff lag der große Ewer auf dem blinkenden Wasser und glänzte wie der Regenbogen. Seine deutsche Flagge wehte im Winde, und grüßte seinen Schiffer.

Dem aber lachte das Herz.


* * *


Wennt Karkmeß is, wennt Karkmeß is,

denn goht wie langsen Diek!


Sie gingen zu vieren: Klaus Mewes, Gesa, Kap Horn und Störtebeker. Dieser voran, denn er hatte[241] die Taschen voll Geld. Er nahm alles mit, die Reitbuden und die Schaukeln. Nur Spielzeug kaufte er sich nicht mehr. »Kann ik up See jo doch ne bruken«, sagte er verächtlich, und als er beim Allemalundjedesmal einen Goldfisch gewonnen hatte, schenkte er ihn dem kleinen Paul Meier. Seiner Mutter aber kaufte er einen bunten Blumentopf, Kap Horn eine Kokosnuß, damit der an China erinnert würde, und seinem Vater einen dicken, geräucherten Aal. Einen Augenblick guckten sie auch bei Trina Külpers am Auedeich ein, wo Musik war. Klaus und Gesa tanzten durch den Saal wie Bräutigam und Braut. Da bekam auch der alte Janmaat einen Tanz von der schönen, jungen Frau seines Schiffers.


* * *


Abends gingen Klaus und Gesa nochmal nach dem Karkmeß.

Kap Horn und Störtebeker blieben auf dem Neß. In der Dämmerung saßen sie vor der Tür. Der Matrose guckte nach den Lichtern auf der Elbe und erzählte vom Walroßfang bei Grönland.

Und über den blühenden Lindenbäumen tanzten die Mücken.

Im Westen aber stand dunkel und drohend eine Wolkenbank.


* * *
[242]

Sommer heißt der gewaltige Herr, den die Welt hat. In königlicher Pracht schreitet er einher, weithin über Land und See gleißt und funkelt sein Purpurmantel. Groß und ehern sind seine Schritte. Alles wirft er nieder, alles muß sich vor ihm beugen! Das grüne Korn erbleicht und senkt die Ähren, die Blumen verdorren, die Vögel verstummen, die Tiere verkriechen sich.

Nach dem spielenden Kind, nach dem lachenden Jüngling ist der Mann gekommen, der Riese. Stückwerk ist nicht sein Handwerk: er macht ganze Arbeit. Mit gewaltiger, furchtbarer Kraft drückt er alles Freundliche, Milde, Leichte in Grund und Boden, zermalmt er es zu Staub, bis er allein dasteht. Dann zuckt es in seinen Fäusten, dann reckt er die Arme, dann stemmt er die Beine, dann sprüht es aus seinen Augen, dann glüht und dampft sein Atem, und hart lacht es um seine Zähne. Selbst die großen Meister die Winde, müssen, vor ihm ducken, und wollen sie sich erheben, so fegt er sie mit Blitz und Donner von dannen. Eö weiß, was er zu tun hat, weiß, daß es um Brot und Leben geht, weiß, daß der Winter kommt. Was andre nicht gekonnt haben an all den langen Tagen, in all den milden Monden, das vollbringt er in wenigen Wochen: in unerbittlichem Ernst, in kochendem Eifer, in glühendem Haß, in flammendem Zorn, – und all sein Ernst und Zorn ist wilde, gewaltige Liebe!

Schwer liegt des Sommers Hand auf der Fischerei.[243] Auch Klaus Mewes fühlt sie. Lange Tage treibt der Ewer mit schlaffen Segeln in der Windstille, und das Deck ist bratenheiß. Nachts steht der ganze Heben in Flammen, und das Schiff erzittert. Wie lang ziehen sich die Reisen hin, wie oft müssen sie in Norderney und Cuxhaven binnen laufen, weil ihnen das Eis geschmolzen ist! Sie fahren wieder viel nach der Weser, denn die Zungen, die nicht freihändig verkauft, sondern in der Halle versteigert werden, sind in Geestemünde ebenso teuer wie in St. Pauli und Altona. Zweimal segeln sie bei scharfem Ostwind nach Ijmuiden in Holland, einmal kommen sie nach Esbjerg in Dänemark. Manche Kurre zerreißen sie in den Steinen, so daß beständig einer mit dem Ausheilen zu tun hat. Lange Wachen gibt es: der Streek dauert drei bis vier Stunden; saure Arbeit, denn die Zungen sitzen mehr im Schlick als im Sand, und die Kurre ist oft nicht zu hieven. Einmal verlieren sie das ganze Geschirr: die Kurre hakt hakt ja wohl an einem auf dem Meeresgrunde liegenden Wrack fest: der Ewer törnt auf, steht einen Augenblick fast still, dann aber reißt die Kurrleine, und dreihundert Mark sind verloren. Ein andermal treibt eine ostfriesische Jalk gegen sie und macht ihnen eine solche Havarei, daß sie nach der Oste segeln und dort zimmern müssen. Dann wieder liegen sie vor Wind hinter Wangeroog.

Aber Klaus Mewes verliert den Mut und verlernt das Lachen nicht! Und es kommen ja auch[244] schöne, große Reisen: einmal, als die Zungen auf Zweimarkzehn stehen und die Steinbutt auf Einsachtzig, machen sie gute vierhundert Mark.

Klaus Störtebeker ist noch immer an Bord, und wenn er auch nicht vor dem hamburgischen Wasserschout angemustert worden ist, so gehört er doch als Viertsmaat zur Besatzung und bekommt seine Heuer so gut wie Hein Mück. Ihm ist jedes Wetter recht, wenn er nur an Bord und bei seinem Vater bleiben darf.

Sie kommen auch einige Male nach Hamburg hinauf, aber sie halten sich auf Finkenwärder nicht lange auf. Klaus Mewes vertröstet Gesa auf den Winter, wenn sie ihn bittet, doch einige Tage zu Hause zu bleiben: er muß fischen! Und den Jungen soll sie vor dem Herbst nicht wieder bekommen: so lange bleibt er an Bord! Und mit der Nachttide wird gefahren, damit sie wieder in die Fischerei kommen und ihnen das Eis nicht wegschmelze!

All ihr Bitten und Flehen nützt ihr nichts: der Wind bläst in die Segel, und der Ewer zieht westwärts. Zwar winken die beiden Seefischer vom Achterdeck, aber sie lachen doch dabei und freuen sich, daß sie wieder einmal glücklich der Gefahr entronnen sind, getrennt zu werden.


* * *


In der Kürze eines Seeamtspruches könnte ich nun auch berichten, daß sie einmal im Sturm mit genauer Not über das Watt gesegelt sind.[245]

Es ließe sich aber auch anders schreiben, obzwar es unfinkenwärderisch wäre, denn kein Fischermann machte viel Worte um etwas, das alle Tage vorkommen kann.

Der alte Regenwind, der Südwest, war Baas auf der See. Graue Wolken, eine noch grauer als die andre, trieb er über den Heben.

Klaus Mewes und sein Junge, die die Wache hatten, steckten unter den Südwestern tief im Ölzeug und ließen den Regen auf sich niederströmen. Sie fischten beim Weserfeuerschiff auf 22 Faden. Der Ewer arbeitete stark in der schweren Dünung und schlug trotzig und gereizt mit den leckenden Segeln gegen die Wolken. Mehr und mehr frischte der Wind auf, die Seen krönten sich mit Schaum, und das Wetterglas fiel tiefer und tiefer.

Klaus beschloß deshalb, den Streek den letzten zu taufen und treiben zu lassen.

»Intehn, intehn!« sang Störtebeker, und Kap Horn und Hein Mück kletterten aus ihren Kojen und kamen an Deck. Sie zogen ein und freuten sich, als sie den Steert an Deck hatten, denn es wurde immer windiger, und der Ewer stampfte und rollte stärker als zuvor, nun ihm der Halt des schweren Netzes mangelte.

Schollen, Zungen und Steinbutt, meist kleines Zeug, klatschten auf das Deck. Störtebeker und Hein Mück zogen die Fock auf und machten sich mit dem Knecht über die Fische her, Klaus aber nahm das[246] Ruder und steuerte. Als keinerlei Aussicht war, daß das Wetter sich so bald ändere, dachte er hinter Wangeroog zu flüchten, dann aber besann er sich und hielt nach der Elbe hinüber, um zwischen den Baken bessere Gelegenheit zu erklüsen.

Gischt und Regen waren die Fahrtgenossen des Ewers, der vor dem mächtigen Druck der Segel durch das hohle Wasser schäumte wie ein Dampfer und manchen Spritzer überkriegte.

Die paar Petermännchen, Knurrhähne, Rotzungen, Rochen, Kleiße, Steinbutte, Taschen und Zungen waren bald verarbeitet. Dann spülten sie das Deck rein. Hein ging in die Kombüse, um Klöße zu braten und Kaffee zu brauen, Kap Horn aber blieb oben, sah Luken und Boot genau nach und packte alles in den Raum und die Plicht, was drift gehen konnte, denn es wollte schon dämmern und niemand konnte wissen, was die Nacht noch brächte.

Die Elbe war weit weg.

Sie konnten keine halbe Meile weit sehen, so diesig und unsichtig war die Luft. Der Wind wehte flagiger und stoßweiser als vorher und lief raumer. Sie segelten schon platt vor dem Laken, und die hohen Wogen liefen ihnen nach wie geifernde, hungrige Wölfe: eine große Gefahr für Boot und Segel. Aber der Laertes, der kühne Schwimmer, hielt kraftvoll den Kopf oben und ließ sich weder begraben, noch aus dem Kurs werfen. Störtebeker stand geruhig bei seinem Vater, ohne Bangigkeit,[247] und half das Neuwerker Feuer suchen. Wenn die Luft nicht so dick gewesen wäre, hätten sie es längst in Sicht haben müssen.

Da weist Klaus Mewes nach Norden, wo urplötzlich eine blauschwarze Wolkenwand wie ein gewaltiges Gebirge aus der See steigt. Mit unheimlicher Schnelligkeit fährt sie in die Höhe und verbreitet sich mit unfaßlicher Macht über den griesen Heben. Wetterleuchten, grelle Blitze und dumpfe Donnerschläge sind das nächste.

»Nu gift wat!« ruft Kap Horn.

»Gläuf ik ok«, antwortet Klaus Mewes, »goh no binnen, Störtebeker.«

»Worüm, Vadder? Ik bün ne bang, lot mi man hier blieben!«

»Ne, du muß dol, Klaus, du speulst uns ober Burd! Goh gau no nerden un lot Hein de Kapp toschuben un bliewt beid inne Koi, bit wi jo wedder ropt!«

Störtebeker sieht seinen Vater an, dann sagt er: »Jo, Vadder«, und geht nach unten, denn er weiß, daß man dem Schiffer gehorchen muß, und wenn man's auch zehnmal besser wüßte.

»Bang bün ik ober keen beten, Vadder«, ruft er noch vom Großmast, dann verschwindet er und verklart Hein Mück die Sache, der aber ruhig weiter brät und meint, es würde jawohl nicht so schlimm werden.

Die beiden Fahrensleute oben erwarten den[248] Sturm. Zu sprechen brauchen sie darüber nicht, denn sie fahren lange genug zur See, um zu wissen, was die große Wolke zu bedeuten hat. Kap Horns Züge sind wie aus Holz geschnitten, des Schiffers Gesicht aber ist wie aus Erz gegossen: niemand sähe es beiden an, daß sie so fröhliche Menschen sind und so gern lachen.

Sie wissen, was geschehen wird: dennoch haben sie ein so jähes Umlaufen, ein so blitzschnelles Umspringen des Windes noch nicht erlebt und einen so furchtbaren Wirrwarr des Wassers auch noch nicht. Der Südwest hat ausgeweht: mit einer schweren Hagelflage in den Armen fegt ein eisiger Nordwest heran, trommelt und pfeift auf der See und wirft sich mit Ungestüm auf den Ewer. Unmittelbar darauf springt der Wind wieder um: Nord! Und noch kein Besinnen: abermals dreht er sich: Nordost, Nordoststurm. Nun wahr dich, Ewer, nun wehr dich, Klaus Mewes!

Die See, die See!

Wie gischt und schäumt sie! Sie kocht!

Wie ein Amokläufer geht der Nordost die Sache an. Er faßt die schweren, langsamen Seen des Südwestes beim Schopf und dreht sie geradezu um. Furchtbar bearbeitet er sie mit seinen Fäusten, daß sie wild durcheinander laufen.

Dat ward een beuse Nacht for mannig lütt Schipp, dat noch buten is, will Kap Horn noch sagen, aber er kommt nicht mehr dazu, denn der[249] Ewer ist mitten in diesen Sturm und Aufruhr hineingeraten! Wie wild kommt der Sturm über den kleinen Fischerewer! Erst springt er ihn an, wie der Löwe ein Schaf, als wolle er ihn gleich beim ersten Anlauf kopfheister werfen. Als ihm das nicht gelingt, legt er sich so hart auf die Segel, daß sie den Ewer platt aufs Wasser drücken und, er zittert und bebt, als könne er sich nicht wieder aufrichten. Zu der Kajüte purzelt Hein gegen den Ofen und Störtebeker gegen die Dielentür, an Deck aber klammern Schiffer und Knecht sich an die Wanten an um nicht über Bord zu spülen. Dann geht Klaus dem Raubtier zu Leibe, das ihn überfallen hat. »Fock dol!« gellt seine Stimme durch den Lärm. Kap Horn turnt nach vorn und reißt sie herunter. »Seil dol!« schrillt es. Der Schiffer kettet das Ruder an und stürzt nach den Fallen.

Rumms! Rumms! Dröhnend wirft der Sturm den Giekbaum gegen das Boot und zerschlägt diesem Duchten und Dollbaum, er hebt ihn wieder und rammt fürchterlich auf das Deck. Kap Horn wäre getroffen und getötet worden, wenn Klaus ihn nicht beiseite gerissen hätte. Wieder ein harter Windstoß, – da ein scharfer Knall: über dem zweiten Reff ist ein großes Loch in da Großsegel gerissen. Gau, gau, Klaus Mewes, oder dat ganze Seil geiht innen Dutt!

Schon meinen sie, es geborgen zu haben, da greift das wilde Tier noch einmal danach, zwängt sich mit[250] aller Gewalt hinein und schwenkt es als seine Fahne, dann aber gelingt es ihnen, es niederzuholen. Wütend heult der geprellte Sturm durch die Wanten, an denen es nichts zu beißen gibt, dann aber gewahrt er das Achtersegel, das noch steht, er macht einen krummen Buckel, – und in Fetzen zerrissen fliegt die dunkle Besan in die Winde. Zwar ist der Ewer wieder aufgestanden, aber er ist jetzt ohne Segel und gehorcht nicht mehr dem Ruder. Er ist ein Spielball der brüllenden Seen.

Vor Topp und Takel lenzend, dümpelt und scheistert er in der wilden Dünung, und die hohen Seen rollen über ihn hinweg.

»Dor is een Licht!« ruft Kap Horn und weist über den Steven. Klaus blickt nach der bezeichneten Richtung und sieht ein Licht auf der See, hell und tröstend. Ein unerschrockener, unauslöschlicher Weiser, reißt dort das Elbfeuerschiff an seinen Ketten. Aber in welchem Kompaß? Klaus peilt, und als er »Nordost« ruft, da schüttelt der alte Matrose ernst den Kopf und sieht ihn an, denn ein Ankreuzen gegen den schweren Sturm ist mit dem Loch im Großsegel und ohne die Besan ein Ding der Unmöglichkeit. Die Elbe ist nicht zu erreichen.

Den Ewer treiben lassen, geht aber auch nicht an, denn sie haben keinen Platz: die gefährlichen Sandbänke der Westertill sind in bedrohlicher Nähe und der Sturm muß sie gerade dahin werfen, wenn sie noch lange zögern.[251]

Es hilft nichts: sie dürfen es nicht mehr mit ansehen, sie müssen handeln. Zurück müssen sie, zurück nach der Weser!

Wo ist dein Lachen geblieben, Klaus Mewes? Warum singst du nicht, der du doch sonst im Sturm gesungen hast? Denkst du du deines Jungen? Der sitzt warm im Bauch des Ewers und lacht aus der Koje: So geiht he god! – und obgleich Hein Mück ihn stören will und sagt, es sei nichts Genaues, bleibt er fröhlich und lacht sorglos: »Vadder is jo boben!«

An Deck ist das Halsen glücklich gelungen. Gezogen von der halb aufgeholten, angebundenen Fock und dem als Sturmsegel gesetzten Klüver am Großmast, geschoben von den immer gröber und ochsiger werdenden Seen, wühlt der Ewer sich durch das kappelige Wasser.

Südwest liegt an.

Es ist eine böse Gelegenheit, denn Hagelschauer und Regenflagen benehmen alle Sicht. So weit sie sehen können, ist kein Licht zu erblicken: sie sind allein auf der See. Ihr Zeug ist durchnäßt, denn die Seen laufen über den Setzbord, wie sie wollen.

Die Frau am Deich! In Klaus Mewes ist alles aufgestanden, nichts schläft oder träumt in ihm, alles wacht. Wie der Deich bei der Sturmflut schwarz ist von Menschen, so hat er seine Gedanken auf dem Haufen: taghell sind alle Stuben und Kammern beleuchtet, und über die Treppen eilen die aufgejagten Diener.[252]

Die Seen werden hohler und hohler, und donnerartiger klingt ihr Lärm, wie aus der Tiefe gequollen. Klaus will ihm erst nicht glauben, bis er sich dermaßen verstärkt, daß er es muß.

»Lot ut!« ruft er dann jäh und reißt das Blei aus dem Nachthaus. Der Knecht peilt die Tiefe.

»Fief Fohm!«

»Denn sünd wi uppe Grünnen!«

Fünf Faden Wasser nur. Wie weit sind sie abgetrieben! Sie sind in leeger Wall! Bis jetzt ist alles Spiel gewesen, verglichen mit dem Ernst, der nun kommt!

Klaus Mewes fühlt sich von kalten, eisernen Fäusten gepackt, die ihn erdrosseln wollen. Gefahr! gurgelt das Wasser, Gefahr! braust der Sturm, Gefahr! schreit der Ewer. »Nu geiht op Leben un Dod«, ruft der Knecht.

Klaus aber verkettet das Ruder und gröhlt: »Seil upsetten!« denn er will sich nicht geben. Mit großer Mühe setzten sie das Sturmsegel am Besansmast, binden das dritte Reff an und ziehen das Großsegel halb auf und geben der Fock etwas mehr Bott. Der ringende Ewer luvt auf und legt sich dwars in die schweren Seen. Argewaltig wird der Kampf mit Wind und Wasser, verzweifelt wehrt der kleine Menschenewer sich gegen die beiden Großen, die ihn tot machen wollen. Mit unbeschreiblicher Wildheit und Wut branden die Seen ununterbrochen über den Setzbord, daß das Deck ein Wasser ist,[253] die Segel wie Dachrinnen lecken und die Spritzer bis zum Flögel fliegen. Wenn eine der großen Unsulten von Sturzseen gigantisch und eisern heranwuchtet, duckt der Ewer sich wie ein Bulle und nimmt sie von Steuerbord über, richtet sich hoch und steil auf und schüttelt sie nach Backbord ab. Dann duckt er sich wieder, ein Wal im Kampf mit Schwertfischen, die von allen Seiten auf ihn eindringen. Wehr dich, Ewer!

Kap Horn, halt aus! Denk an die Stürme im südlichen Atlantik, an den düstern Felsen, nach dem du genannt bist, und laß die Kette nicht los! Steh fest auf dem glatten Deck, laß dich nicht über Bord spülen! Denk an die vielen Hochzeiten, zu denen du noch mit deiner Harmonika aufspielen sollst!

Klaus Mewes, du Leu von Finkenwärder, der du immer in der ersten Reihe gestanden hast, muß ich dich aufrufen? Nein, – das braucht es nicht: da steht er am Ruder im zerrissenen Ölrock, naß wie ein Kater, knietief im Wasser, und wankt und weicht nicht, er hält den Ewer, er hält ihn! Damit er nicht über Bord schöle, hat er sich mit einem Tauende festgebunden. So steht er da, ein ganzer Seemann, ernst und wachsam, und späht durch Nacht und Regen nach Land und Feuern.

Zeit gibt es nicht mehr, es gibt nur noch Sturm! Wer will wissen, ob es Minuten oder Stunden sind, die sie durchleben, bis an Steuerbord ein Licht erscheint? »Rodensand!« ruft der Knecht, aber der[254] Schiffer schüttelt ungläubig den Kopf. Da taucht neben dem hellen Licht ein schwächeres auf, und er muß glauben, was er erst nicht glauben wollteweil er sich nicht denken konnte, daß sie so weit abgetrieben sein könnten: das Licht voraus ist das Feuerschiff Bremen! Sie müssen hoch auf den Gründen sein!

Hastig knotete er sich los und wirft das Lot! Er wirft es zum zweiten Mal, denn es kann ja nicht sein, die Leine muß gehakt sein. Aber es bleiben drei Faden.

»Dree Fohm! Dree Fohm! Dree Fohm!« ruft er durch den Sturm. »Hest hürt, Kap Horn?« gröhlt er, als er keine Antwort bekommt.

In diesem Augenblick schiebt Störtebeker, dem die Zeit zu lang wird, die Kapp auf, um auszugucken: da schlägt ihm die See dermaßen ins Gesicht, daß er das Gleichgewicht verliert und holterdipolter die Treppe hinuntersaust. Er krabbelt sich aber gleich wieder auf, schiebt die Kapp zu und sagt zu Hein, der ihn ungeachtet seiner Bangigkeit auslacht: »Junge, dat do ik ne wedder, Hein! Wat hebb ik een kreegen! Meist, as wenn Vadder mi een fixen Backs geef!«


* * *


Kap Horn schweigt noch immer.

Er denkt nach. Soll so nun seine letzte Reise aussehen? Soll das die letzte Fahrt sein? Soll der[255] Tod, der ihn auf den Weltmeeren nicht fassen konnte, ihn nun hier im Wattenwinkel, im seichten Priel erwischen? Es kann so sein, und wenn es so sein soll, dann ist es auch gut, denn es bleibt ja immer ein Seemannstod. Die heilige, unerschütterliche Ruhe des Todgeweihten kommt in sein Herz. Der alte Janmaat will und kann sich nicht klein machen. Er kann sterben, – ob Klaus es auch kann? Er sieht ihn an.

»Dree Fohm bloß noch!«

Klaus Mewes guckt in die Kirche von Finkenwärder hinein, er sieht, wie die Köpfe sich tiefer auf die gefalteten Hände senken, er hört, wie Bodemann sagt, daß Fürbitte zu tun sei für drei Brüder, die seit zwei Wochen vermißt würden. Und sein schönes Haus sieht er, die bunte Haustür und die Bank unter den Linden: die Bank aber ist leer, und die blanken Fenster, in denen sich sonst die Elbe von Nienstedten bis Schulau spiegelte, sind dicht verhängt. Und die Tür ist zu: der Hahn und die Hühner stehen unruhig davor und warten vergeblich auf ihr Futter.

Das ist ein Augenblick, dann verweht der Sturm es. Schiffsrat! Aber was ist da zu sagen? Nichts, denn was mit ihnen los ist, weiß der eine wie der andre: vor ihnen ist der gefährliche Brand der Tegeler Plate, sind die Brecher, die Sturzseen. Dahinein und hindurch müssen sie, sonst bleibt ihnen nichts zu tun, als abzudrehen und zu versuchen,[256] den Ewer so hoch wie möglich auf das Watt zu setzen! Kommen sie behalten durch die Brandung, so ist Schiff und Mannschaft geborgen, raken sie Grund, ist alles verloren. Flüchten sie wattenauf, so geht der Ewer in Stücke, aber sie können sich wahrscheinlich im Boot retten. Wahrscheinlich, denn eins ist so gefährlich wie das andre.

Kap Horn sieht starr nach Lee, wo die Feuer des Ewersandes auf den Watten stehen müssen, als wenn er damit sagen will: stranden und landen!

Klaus Mewes aber will seinen Ewer nicht verlassen. Er fühlt das Zittern und Beben des treuen Fahrzeuges und ist entschlossen, sich durchzuschlagen. »Nu hol di fast, Kap Horn!« ruft er gell.

Und hinein in die Brecher geht es! Händereibend steht der Tod neben ihm auf dem Achterdeck und jauchzt: »Nu krieg ik di, Klaus Mees, nu krieg ik di!« Aber der Schiffer hält das Ruder fest und läßt sich nicht erschüttern. Vor ihm tobt der Hexenkessel der Tegeler Plate: er hält darauf zu. Grauenhaft schallt ihm das Donnern und Zischen der Grundseen entgegen, die sich wild überschlagen, – er verzieht keine Miene.

Gott im Heben – da stürzt die erste, große See wie ein wildes Tier auf das Deck und rollt über den Ewer weg, zertrümmert das Backbordschwert, reißt das Boot los und wirft es quer gegen die Winsch, wo es in der Klemme sitzen bleibt. Kap Horn stürzt[257] auf die Luken. Das Nachthaus ist weg, sie sind ohne Kompaß. Ein Glück, daß sie Seemann vorher in die Kapp gestopft haben.

Klaus Mewes steht noch. Der Knecht springt auf, und der Ewer klüst weiter. »Fastholen!«

Das ist eine menschliche Stimme, so schrill sie auch klingt. Die zweite Riesensee stößt wie ein Felsen gegen den Ewer und ergießt sich über das Deck, sie schlägt in die Segel, daß das Fahrzeug sich auf die Seite legt und umkippen will, und die Fahrensleute bringt sie zum Schwimmen. Aber sie lassen ihren Halt nicht los, und weil nicht gleich eine See hinterher kommt und den Rest gibt, vermag der Ewer sich noch wieder aufzurichten.

Abermals fegt es heran, steigt plötzlich steil auf und schlägt furchtbar auf das Deck nieder, daß die Luken verlorengehen und der Ewer sich halb mit Wasser füllt. Da beginnen die Lohnen auf der Diele zu treiben, und Störtebeker und Hein Mück waten aus der Kajüte und klettern oben auf die Treppe, um sofort hinaus zu können, wenn etwas passieren sollte. Fest klammern sie sich an, damit sie nicht hinunterfliegen. »Junge, wat snuft dat langs!« ruft Störtebeker, »ober bang bün ik dorbi doch keen beten!«

An Pumpen ist nicht zu denken: sie müssen sich festhalten! Sie müssen durch! Durch müssen sie! Sie sind mitten in der Brandung: schlimmer kann[258] es nicht werden! Wenn nur die Segel nicht bersten, wenn nur das Ruder hält!

Wieder ein Brecher ...


* * *


Auf der Reede von Blexen, dem oldenburgischen Weserdorf, das dwars von Bremerhaven liegt, ließen sie gegen Morgen den Anker fallen, peilten die Pumpen das Gröbste heraus und krochen dann todmüde in ihre Kojen.

Es war an einem Sonntag. Die Glocken von Blexen, von Nordenham, von Geestendorf und von Bremerhaven klangen über die Weser, aber auf dem Fischerewer rührte sich nichts: alles an Bord schlief.

Erst am Nachmittag zeigte sich wieder Leben an Deck: die Seefischer erschienen einer nach dem andern und überholten das haverierte Schiff, das schwer gelitten hatte. Sie pumpten es leer und freuten sich, als sie feststellten, daß es kein Wasser machte. Seemann beschnupperte den kahlen Besansmast und suchte das Nachthaus und sein Handschuhlager. Klaus und Kap Horn gingen gleich dabei, das Großsegel zu nähen und einen Flicken darauf zu setzen, damit sie ohne Schlepper in die Geeste gelangen konnten.

Von Bremerhaven ließ Klaus drahten, und den andern Tag erschien der Obervorsteher Peter Fick von Finkenwärder und schätzte den Schaden ab. Dann kamen Zimmerbaas und Segelmacher,[259] Reepschläger und Optiker zu gutem Verdienst, – der Ewer aber mußte ganze acht Tage untätig an der Kaje liegen.

Endlich waren sie so weit, daß sie wieder in See gehen konnten.

»Sall he wedder mit?« fragte Kap Horn mit einem Male und blickte nach Störtebeker, der mit Seemann zwischen den weißen Eisschuppen tollte. Klaus Mewes sah seinen Knecht verwundert an.

»Worüm denn ne?« fragte er.

»Och nix, ik meen man bloß«, lenkte der Janmaat ab; der Schiffer aber sah ihn schief an und sagte: »Up wat för Gedanken du ok doch kommen kannst! Hett mol een beten weiht, denn schall woll gliek allens kodimmt wardn, wat?«

»Ik heff jo doch gor nix seggt«, beschwichtigte der alte Jantje ihn sanftmütig und verschwand in der Kajüte.

Klaus stand still und sah ihm nach: ein Wind ging durch seine Seele und wie ein Bluelight, wie ein Notfeuer zuckte es vor ihm auf: hatte das Schicksal ihn warnen wollen, als es ihn über das Watt jagte, sollte er den Jungen abmustern und seiner Mutter zurückschicken, die so sehnlich nach ihm verlangte?

Ach was, – Weibergedanken! Der Junge blieb an Bord und damit gut.

»Störtebeker?«

»Wat schall ik, Vadder? Seemann, nu stopp, rittst mi jo de ganze Büx twei.«[260]

»Wullt noch wedder mit no See?«

»Gewiß, Vadder!«

Das klang so selbstverständlich, daß Klaus Mewes nicht weiter fragte. Er nahm ihn mit nach dem Fischerhaus hinauf, um noch etwas Proviant zu kaufen.


* * *


Im Fischerhaus zu Geestemünde hing ein schlichter Briefkasten an der Wand, unter dem Bilde eines Lloyddampfers und neben dem Sammelschifflein der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Es war nichts Besonderes daran, und doch konnte ich ihn nicht ohne die sonderbarsten Gedanken putzen, denn in ihm steckten die Briefe für die Fahrensleute, für die Schiffer, für die Matrosen. Nach schweren Stürmen: wie füllte er sich dann mit Briefen der Frauen, der Mütter, der Bräute! Wie mancher Seemann trat an den Kasten, schloß ihn auf und blätterte den Haufen durch, blätterte auch wohl ein zweites Mal. Fand er einen Brief, wie glänzten dann seine Augen! Mit verhaltener Stimme, der die Freude anzuhören war, bestellte er einen Bittern und setzte sich mit dem Schatz in den Winkel, um zu lesen. Oder er lief spornstreichs nach der Geeste hinunter. Fand einer nichts, so schloß er leise den Briefkasten. Ein andrer schlug ihn knallend zu.

Nun stand Klaus Mewes mit seinem Jungen davor und blätterte die Briefe durch.[261]

»Peter Jonas? De fohrt ne no de Wesser! ... Richard Grube? De Knecht is all lang afmunstert! ... Hein Fock? Hest all Heimweh no dien vergneugten Hein, Geeschen? ... Willem Mees?« ... – er machte eine lange Pause, denn Willem Mewes war geblieben ... »Paul Külper? De ligt jo blangen uns, den Breef bring em man eben gau dol, Störtebeker!« ... Der Junge war bereit, Briefträger zu spielen, und lief eilends nach der Geeste hinunter ... »Jan Saß? De is no de Ilw, den Breef harrst di sporn kunnt, Trino! ... Hinnik Loop? De kummt woll noch! ... Kassen Husteen, Hinnik Wrie, Hein Külln, Haanrich Kinau ... Seefischer Klaus Mewes, H.F. 125: dat bün ik sülben! August, geef mi mol een lüten Angostura!«

Er verschloß den Kasten und setzte sich mit seinem Brief an den Tisch. Die Reihen waren stellenweise verkleckst, ein Zeichen, daß Gesa beim Schreiben geweint hatte.

Sie schrieb: warum sie denn immer nach der Weser segelten und nicht einmal nach Hause kämen? Sie komme sich vor wie eine Witfrau, so einsam und verlassen sei sie, und habe Tag und Nacht keine Ruhe ... Klaus Mewes fühlte, wie es ihm im Halse aufstieg, und bekam den Husten. »Dor is obern barg baschen Peper twüschen, August! Den mokst du woll sülben, wat?« sagte er laut und hielt das Glas mißtrauisch gegen das Licht. Dann las er weiter ... Ob sie noch gesund wären, ob den Jungen gar nicht nach[262] Hause verlange? Er möchte doch sofort antworten! Am Deich erzählten sie so viel von ihnen. Was es mit der Havarei gewesen wäre? Sie sagten, daß sie schon in London gewesen wären und immer mitten unter den Englischen fischten: das möchte er doch ja lassen, denn das wären böse Briten, die könnten einen totschlagen, hätte der alte Gerd Eitzen gesagt ... Hein Mücks Mutter sei bei ihr gewesen und habe gejammert, daß der Junge gar nichts von sich hören lasse: wenn er nur nicht über Bord gekommen sei, habe sie gemeint.

Dann kamen wieder Klagen über das lange Ausbleiben. Klaus Mewes wurde es weich ums Herz: er holte sich Black und Posensteel, das heißt Tinte und Feder, um Gesa einen langen Trostbrief zu schreiben. Als er aber die Feder eintunkte, wußte er wieder nicht die Worte zu finden, und es wurde wieder einer der berühmten kurzen Briefe daraus, in denen eigentlich nur stand: »Liebe Frau, es grüßt dich dein Mann!«

Als er den Brief zugebackt und durch einen Schlag mit der Faust glattgemacht hatte, ging er aber doch mit dem Bewußtsein einer guten Tat nach dem Ewer zurück, mit den Mehltüten unter dem Arm, rief Störtebeker, der auf einem Eiswagen saß und an einem getrockneten Petermantje kaute, und setzte die Segel auf.

Hein Mück bekam zwischen Großsegel und Besan seinen Segen.[263]

»Segg mol, Hein, schriffst du denn keeneenmol no Hus? Dien gode Moder weet gornix van di af: wat is dat eegentlich?«

»Och, dat ole Schrieben, keen hett dor Lust to«, sagte der Koch leichthin, aber damit bekam er den ganzen Ewer gegen sich, sogar Seemann bellte ihn aus, und sie ruhten nicht eher, bis er in die Kapp stieg und schnell einige Zeilen schrieb, die Störtebeker dann noch zwischen dem Losmachen der Taue nach dem Fischerhaus trug.


* * *


Die Weserfahrerei war aber noch nicht beendet, denn Klaus Mewes mochte sich kein Geld von Gesa schicken lassen, um sie nicht unruhig zu machen. Er hatte deshalb die große Haverei noch nicht ganz bezahlen können. Und weil es ihm ein Greuel war, Schulden zu haben, wie es ihm ein Greuel war, geflickte Segel am Mast oder geflickte Hosen am Leibe zu haben, so segelte er weiter nach der Weser und trug die Rechnungen ab. Auch war ihm bange, daß Gesa den Jungen zurückverlangte.


* * *


Einmal lagen sie im Alten Hafen zu Bremerhaven vor der Fischauktionshalle, da machten Kap Horn und Störtebeker eine schöne Reise: sie gingen zu Fuß nach dem Neuen Hafen. Dort lag hinter den weißen Lloyddampfern und den englischen Baumwollkasten[264] ein großes Segelschiff, und das war Kap Horns alte Bark »Elisabeth«, auf der er lange Jahre gefahren hatte.

Piekfein hatte der alte Jantje sich gemacht, als er mit dem Jungen an Bord ging, um seinen alten Käppen zu begrüßen. Unter dem Arm trug er einen Beutel voll Fische, mit denen er ihn erfreuen wollte, denn er hing noch immer an dem Ollen, an sien Vadder.

Als sie am Fallreep standen, erstaunte Störtebeker sehr über die himmelhohen Masten und über die mächtigen Rahen, denn so nahe hatte er ein großes Schiff noch nicht gesehen, am meisten aber mußte er sich über die vielen Taue wundern, aus denen er gar nicht klug werden konnte. Dann betraten sie den hohen, grauen Windjammer. Der Alte war an Bord und freute sich über seinen alten Vollmatrosen. Obgleich der eigentlich vor den Mast gehörte, nahm er ihn doch sogleich mit nach dem geheiligten Achterdeck. Und sie kamen in ein langes Schimannsgarn von alten und neuen Zeiten, von alten und neuen Schiffen, von alten und jungen Seeleuten.

Störtebeker lehnte erst, etwas benommen von dem ungeheuer langen Deck, an der Reling und hörte mit fremden Augen zu, dann aber untersuchte er das Schiff genauer, maß und klopfte, befühlte und besah. Er ließ sich von dem Koch, einem vergnügten Dicken, ins Verhör nehmen und lauerte sich einen[265] Löffel Labskaus weg, dann aber getraute er sich nach dem Vorderdeck und peilte das Logis. Auf der Back saßen die Matrosen, die keine Landwache genommen hatten, und klönten. Einer spielte leise auf einer Mundharmonika und machte große Augen. Über dem Vortopp aber stand der gelbe Mond und spiegelte sich auf dem blanken Wasser des Hafens, und jenseits des Weserdeiches blinkten die Leuchtfeuer. Schweigend lagen die Dampfer in langen Reihen. Alle Arbeit schwieg. Einzelne Matrosen gingen auf der Kaje vorbei, um die Stadt und ihre Freuden aufzusuchen.

Störtebeker sah alles mit an und machte sich mancherlei Gedanken darüber, wenn auch das meiste noch durch seinen Kopf ging wie ein Traum. So blicken wir, wenn wir Menschen durch unsern Garten kommen sehen, die wir noch nicht kennen: wer sind sie, und was wollen sie von uns, bringen sie Gutes oder Schlechtes, oder haben sie sich vielleicht nur in der Hausnummer versehen?

Erst guckten die Janmaaten nur wenig auf, als der Junge unter der Fockrah stand, als sie aber hörten, daß er Klaus Störtebeker hieß und ein kleiner Fischermann, ein Schollengreifer war, wurden sie lebendig, nahmen ihn in ihre Mitte und fragten ihn aus. Sie lachten über sein Finkenwärder Fischerplatt und versuchten, es nachzuahmen, sie zogen seine Seefestigkeit in Zweifel und verglichen den Fischerewer spottend mit einem Backtrog, der einen[266] alten Kartoffelsack als Segel und einen Besenstiel als Mast hätte, aber Störtebeker ließ sich nicht verblüffen: mit springenden Augen verteidigte er den großen Ewer und die große Seefischerei und sprach so klug und seemännisch von Fahrt und Wind, daß sie sich verwunderten und mehrmals vor Erstaunen die Hände zusammenschlugen. Er zeigte auch, daß er von großen Schiffen etwas wußte und nannte Rahen und Masten beim richtigen Namen, er kannte Nocken und Pferde, Back und Poop, nur mit den Tauen konnte er noch nicht fertig werden, da war er eigentlich nur der Wanten und Pardunen und Brassen ganz sicher.

»Un wo is Backbord?« fragte der Zimmermann, ein Däne.

»Dor frog dien Großmudder man no«, antwortete Störtebeker, »mi kannst ne förn Buern hebben.«

Er blieb aber bei den Matrosen, bis Kap Horn ihn von achtern aussang. Der Segelmacher, der großes Gefallen an ihm gefunden hatte, – alle alten Seeleute sind wunderlich tiefe Kinderfreunde! – schenkte ihm einen ausgestopften, fliegenden Fisch, und sie entließen den kleinen Seemann mit Adjüst und Good bye.

Der Kapitän nahm ihn mit in seine Kajüte und wies ihm seine kleinen Schiffe, das große Haifischmaul und den aus Holz geschnitzten, wunderlichen Götzen, der mit dem Kopf nickte, wenn man ihn ansah. Auch er freute sich über Störtebeker, und als der eine[267] kleine nautische Prüfung mit Auszeichnung bestanden hatte, bekam er die Reichsprämie von dem Alten: ein weiß seidenes Halstuch, das in Tschifu gekauft war.

»Nu gröt dien Vadder, du lütte Seeröver.« – damit wurde Störtebeker zuletzt entlassen, und als er mit Kap Horn auf der Kaje ging, standen die Matrosen auf der Back und guckten ihm nach, wie er hinter Eisenbahnwagen und Baumwollballen im Dunkel der Nacht verschwand. Und sie sprachen noch lange von ihm.

Klaus Mewes aber bewunderte das Halstuch und den fliegenden Fisch und ließ sich das große Belebnis erzählen, während der Knecht mit blanken Augen auf der Bank saß und noch ganz von seinem alten Schiff erfüllt war.

Als der Kapitän der »Elisabeth« den andern Tag etwas in der Bürgermeister-Smidt-Straße zu besorgen hatte, machte er einen Umweg und ging über den Alten Hafen, um die beiden Seefischer wiederzusehen und dem großen Klaus Mewes, von dem sein alter Matrose ihm so viel erzählt hatte, einen Godendag zu entbieten. Aber der Ewer war schon in der Morgenfrühe nach See gesegelt, so daß Käppen Vinnen kein Glück damit hatte.


* * *


Einmal hatten sie dicht beim ersten Feuerschiff eingezogen und waren dabei, den Fang zu sichten und die Fische zu kehlen.[268]

Störtebeker nahm die Knurrhähne aus, die er besser halten konnte als die glatten Schollen und die schleimigen Zungen. Da sah er unter dem Tang und den Seesternen einen besonders großen, dicken Steinbutt spaddeln. Er zog ihn heraus und wies ihn herum: »Kiek mol, Vadder, wat förn scheunen Steenbutt, rein een Stoot!«

Er stand dicht am Setzbord, – und der Ewer holte in diesem Augenblick plötzlich weit über! – da sackte er langsam nach hinten über und fiel über Bord in die Seehinein.

Mann über Bord!

Klaus Mewes, der wohlgefällig den Steinbutt betrachtet hatte, erhob sich jäh von dem Hummerkasten, auf dem er saß, warf Fisch und Messer hin, stürzte nach dem Achterdeck und sprang dem Jungen nach, den er unter dem Wasser spaddeln sah, denn die See war sehr klar und man konnte beinahe Grund sehen. Zu spät dachte er daran, daß er die schweren Stiefel hätte ausziehen sollen. Sie waren ihm sehr hinderlich: er faßte den Jungen nicht und hatte Mühe, wieder an die Oberfläche zu kommen. Wie Blei hing es an ihm.

Da schwamm der Junge. »Hol di, Klaus, fix roonen!« »Jo, Vadder!« Bevor er zum zweitenmal untertauchte, war sein Vater bei ihm und griff ihm unter die Arme. »Lot den Butt doch los, Junge!« »Ne, Vadder!« Zum Glück sah Klaus Mewes den Rettungsring treiben, den Kap Horn[269] über Bord geworfen hatte, und es gelang ihm, ihn zu erfassen, ehe seine Kräfte erlahmt waren.

Mittlerweile hatten der Knecht und der Junge das Fahrzeug herumgekriegt und kamen auf sie zu. Klaus Mewes erfaßte die Leine, die ihm zugeworfen wurde, und nun war Holland nicht mehr in Not: sie wurden an Bord gezogen und konnten sich verpusten.

Störtebeker hatte den Steinbutt noch in der Hand. »Son scheunen Butt schull ik wedder swümmen loten?« sagte er vorwurfsvoll zu seinem Vater, dann zog er das nasse Zeug aus und hängte es an den Wanten auf, damit die Sonne und der Wind es trockneten.

»Up See mütten Kummer gewinnt wardn«, sagte er lachend zu Kap Horn, der ihn kopfschüttelnd betrachtete, ging in die Koje, suchte sich trocknes Zeug aus dem Beutel und setzte sich geruhig wieder bei den Knurrhähnen hin, als wenn nichts geschehen wäre. Was war's denn auch weiter: er hatte bloß einmal über Bord gelegen.

Quelle:
Gorch Fock: Seefahrt ist not!, in: Gorch Fock. Sämtliche Werke, Band 3, Hamburg 1935, S. 231-270.
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