Sechzehntes Kapitel

Eine Fahrt nach Ilseburg

[352] Hilde tat nach des alten Melchers Rat, und es vergingen nicht drei Tage, so hielt der kleine Jagdwagen vor der Treppe des Hauses, und Hilde stieg auf und ließ sich das Kind reichen, das heute das Köpfchen fast verdrießlich in die Kissen barg. Es war, als ob es wisse, was ihm diese Fahrt bedeute. Zuletzt erschien auch der Heidereiter, schwang sich über das Rad weg auf den Vordersitz hinauf und nahm die Leinen aus Joosts Hand, der schon vorher das Büchsgewehr in den anderen Eckplatz gestellt hatte. Denn in Ilseburg war Freischießen, und[352] Baltzer, der seit Jahr und Tag nicht hinübergekommen war, wollte mal wieder mit dabeisein.

Und nun zogen die Pferde an, und Grissel, die dem Fuhrwerke nachsah, sagte zu Joost: »Oll Schliephake... Klook is he... Awers wat helpt et? He wahrd ook nich veel ut em moaken.«

»Worüm sall he nich?«

»Wiel uns' Lütt utgeiht as 'n Licht... Un weetst, wat ick disse Nacht siehn heww?«

»Nei. Wohier sall ick?« antwortete Joost.

»'n Sarch wier et... Un stunn upp unsen Floor.«

»Un wihr leeg in?«

»lck künn et nich recht siehn. Een witt Doog leeg dröver, un ick glöw, et wihr de Lütt... Un denn wihr et ook wedder so grot.«

»Se seggen joa, dat bedüt ümmer wat Goods.«

»Joa, vör twelven.«

Und während sie so sprachen, fuhr der Wagen durchs Dorf und alsbald an einer hohen, etwas zurücktretenden Berglehne hin, über deren Tannenwald ein bläulicher Nebel lag. Aber zur anderen Seite der Straße dehnte sich alles in klarer Luft: Brachund Stoppelfelder und dazwischen ein paar verspätete Haferstreifen. Und wo das Feld inmitten des Flachlandes leise wieder anstieg, standen ein paar Burgtrümmer und Schindeltürme.

Die Bocholtschen Eheleute sprachen nicht. Baltzer hatte mit den Pferden zu tun, die seit ein paar Tagen nicht herausgekommen waren, und Hilde sah auf das Kind und mühte sich, ihm ein Lächeln abzugewinnen. Umsonst, es wollte nicht lächeln und wandte sich unwirsch ab, als es merkte, daß es sich durchaus freuen solle. So ging es unter den schwer tragenden Apfelbäumen hin, die von links und rechts her den Weg einfaßten und Hilden ein Mal über das andere mit einer Zweigspitze streiften. Einmal griff sie danach, riß einen Apfel ab und hielt ihn dem Kinde hin. Und sieh, es lächelte und streckte die Hand danach. Und nun lächelte auch Hilde.

So ging die Fahrt, und als sie den halben Weg hatten und[353] den Berg hinauf waren, der hinter einem der alten Klosterdörfer ansteigt, sahen sie das schöne Ilseburg mit seinem Turm und seinem Schlosse vor sich liegen, und an einem ausgestorbenen Kirchhof entlang, über dessen eingefallene Gräber hin eine ganze Wildnis von Holunder und Hagebuttensträuchern wuchs, fuhren sie durch ein seitwärts gelegenes Gatter in das Städtchen hinein.

In allen Straßen war Lust und Leben, und Baltzer freute sich von Herzen, mal unter Menschen zu sein und etwas anderes zu sehen als eine weinende Frau. Das mit dem Kinde hielt er für nicht so schlimm und entsann sich mit einem gewissen Behagen, daß ihm in seinen jungen Jahren von seiner Mutter immer wieder und wieder erzählt worden war, er sei klein und dürftig und überhaupt ein schwächliches Kind gewesen. Und so stand ihm denn fest, daß ihm der alte Schliephake, den er von seiner großen Krankheit her schätzte, nicht bloß einen guten Rat, sondern auch einen guten Trost geben werde. Warum sollt es denn auch ein schwächliches Kind sein?

An der Ilsenbrücke war ein Wirtshaus mit einem an einem Arm hängenden Schilde, darauf ein goldener Ritter mit geschlossenem Visier abgebildet war. Mutmaßlich ein alter Emmeroder Graf. An diesem Wirtshause hielten sie, stiegen ab und gingen nach einer kurzen Zwiesprach mit der Wirtin auf des Doktors Haus zu, das in nächster Nähe gelegen war.

Sie fanden ihn in einer Hinterstube, gerade damit beschäftigt, über den Hof hin einen ganzen Regen von Gerstenkörnern auszustreuen. Denn er war ein leidenschaftlicher Tauben- und Hühnerzüchter, und wenn die zwei jungen Hähne, die den Hof beherrschten, die Glucken und Küken nicht nahe genug heranließen, so griff er in eine neben ihm stehende Schüssel mit Kartoffeln und Mohrrüben und warf die Stücke mit solcher Geschicklichkeit nach den allzu Zudringlichen, daß sie, kollernd und krähend, auf ein paar Augenblicke das Feld räumten. Er nannte das seinen »Schutz der Witwen und Waisen« und verschwor sich hoch und teuer, daß die ganze Welt in derselben Weise regiert werden müsse.[354]

Die Bocholtschen Eheleute hatten nach einer halb herzlichen, halb verlegenen Begrüßung am Speisetische Platz genommen, und Hilde säumte nun nicht länger, unter einem Strome von Tränen alles vorzutragen, was ihr das Herz bedrückte. Baltzer wollte verbessernd dazwischensprechen, aber der Doktor wies ihn mit einer leisen Handbewegung zurück und sagte: »Nicht doch, Bocholt. Eine Mutter sieht immer am besten. Und jedenfalls besser als ein Vater.« Und danach nahm er das Kind aus den Kissen und behorchte seinen Atem und den Schlag seines kleinen Herzens, ganz wie Melcher Harms es seinerzeit getan hatte.

Das waren erwartungsvolle Minuten. Endlich aber gab er das Kind an Hilde zurück und sagte: »Geht ins Freie mit ihm, liebe Frau. Die Luft ist zu schwül und zu drückend hier. Und Luft ist alles für das Kind. Ich will aber doch etwas aufschreiben, zur Erleichterung, und es Eurem Manne geben... Er kommt Euch dann nach.«

All das klang ihr nicht gut und trostreich, und sie sah wohl, daß er allerlei Dinge zu sagen hatte, die sie nicht hören sollte. Sie ging aber, und als Schliephake, der ihr mit dem Ohre gefolgt war, die Haustür ins Schloß fallen hörte, schob er seinen Stuhl näher an Baltzer heran und sagte: »Ich wollt erst Eure Frau forthaben; Ihr aber, Bocholt, Ihr müßt es hören können... Es muß sterben.«

Baltzer Bocholt fuhr zusammen und sagte dann, indem seine Stimme stotterte: »Warum sterben?«

»Weil es kein Leben hat. Es ist welk, so welk, daß jede Stunde Leben ein Wunder ist.«

Aber das gefiel dem Heidereiter nicht, der ein dünkelvoller Mann war und in seinem Dünkel auch auf seine Kraft und Kernigkeit große Stücke hielt. Und er antwortete mit sichtlicher Verstimmung: »Ich bin ein gesunder Mann, Doktor, und hab eine junge Frau.«

Schliephake lächelte vor sich hin und sagte, während er seine Hand vertraulich auf des Heidereiters Knie legte: »Wohl, ich seh schon, es mißfällt Euch, und Ihr hört nicht gern von dem[355] welken Kind. Aber daß ich's Euch sage, Baltzer Bocholt, mit unserer Kraft ist nichts getan, und ist nicht besser damit als mit unserem Wissen. Alles ist Stückwerk und nichts weiter.«

Er schwieg eine Weile. Als er aber wahrnahm, daß ihn der Heidereiter immer noch verwundert ansah, nahm er wieder das Wort und sagte: »Ja, Baltzer Bocholt, Ihr starrt mich an. Aber seht, unsere Stunden sind nicht gleich, und an der Stunde hängt alles. Und oft auch am Augenblick. Ihr seid ein rüstiger Mann, und Eure fünfzig haben Euch noch nicht viel getan. Es stimmt noch in Brust und Rückgrat, und von dem bißchen Grau sprech ich nicht, das kleidet Euch. Aber wie steht es hier?« und dabei stieß er leise mit dem Finger auf Baltzer Bocholts Herz.

Der verfärbte sich.

»Und«, fuhr Schliephake fort, »wie steht es mit Eures Weibes Herz? Ihr sollt mir die Frage nicht beantworten, und vielleicht auch könntet Ihr's nicht. Denn wer liest in anderer Leute Herzen und nun gar in eines Weibes Herz! Aber das will ich Euch sagen: auf das Herz kommt es an; das Herz entscheidet. Und wo Freude wohnt, da gibt es Leben, und wo Leid wohnt, da gibt es Tod. Und das Leid hat eine große Gevatterschaft: Angst und Not und Kummer und Reu. Und wenn Ihr so feste Rippen hättet wie der Halberstädter Roland und es zehrte was hier, so wär es nichts mit Eurer Kraft. Und an jedem zehrt es mal, mal so, mal so, und wandelt ihm die Kraft in Unkraft. Im Letzten freilich ist alles Geheimnis, es heiße nun Leben oder Tod. Aber das ist gewiß, Eures Kindes Herz ist krank, und es muß sterben.«

Ein Verdacht, ähnlich dem, den er gegen Melcher Harms hegte, schoß einen Augenblick in des Heidereiters Herzen auf. Aber er bezwang sich rasch wieder und dankte dem Alten für seinen Rat, so schmerzlich ihm derselbe gewesen. Und danach bat er ihn noch, ihm, wie er's vorgehabt, etwas für das Kind aufschreiben zu wollen, wenn auch nur zum Schein und um der Frau willen. Und als er den Zettel in Händen hatte, ging er murmelnd und kopfschüttelnd aus dem Hause, um Hilden aufzusuchen.[356]

Er war fest entschlossen, ihr von dem angeblich hoffnungslosen Zustande des Kindes nichts zu sagen, und fand sich um so leichter in diese Rolle hinein, als des alten Schliephake Wort ihn noch viel mehr verdrossen als betrübt hatte. Wohl, er liebte das Kind; aber wenn es doch nicht leben konnte, so war es am besten tot.

Er blieb nicht lange mit Hilde, ging vielmehr bald auf die Wiese hinaus, wo das Freischießen schon im Gange war, und freute sich, als er von der angeheiterten Gesellschaft mit einem Hoch empfangen wurde. Hart am Scheibenstande plätscherte die Ilse vorüber; am anderen Ufer aber stieg der Unterbau des alten Schlosses auf, und von allen Seiten her schmetterte Musik und klang aus den Bergen wider.

»Nun, Heidereiter«, rief ihm einer von den Ilseburgern zu, »schießt für mich. Ich bin an der Reihe, so habt Ihr den ersten Schuß.« Und er nahm es an. Aber die Kugel traf nur den Rand, und allerlei Stichelreden wurden laut, die den Alten in seiner Eitelkeit und Standesehre verdrossen, so wenig böse sie gemeint waren. Und als auch ein zweiter Schuß wieder ein Fehlschuß war oder doch nicht viel besser, verließ er auf Augenblicke den Schießstand, um in der Budenreihe, die den Schützenplatz einfaßte, sein Glück zu versuchen. Er wollte dem Kinde ein Spielzeug gewinnen, oder vielleicht war auch ein Aberglaube dabei, und so warf er denn dreimal und zuletzt so heftig, daß der eine der drei Würfel über die Bande sprang. Aber er blieb jedesmal unter zehn, und weil er nicht mit leeren Händen heimkehren wollte, wie wenn er des Kindes gar nicht gedacht hätte, so sah er sich gezwungen, einiges von dem Spielzeug zu kaufen.

Und danach ging er auf einem Umwege wieder an den Schießstand zurück.

Auf diesem jedoch stellte man eben das Schießen ein, und er kam nur noch zu rechter Zeit, um sich einem abziehenden Trupp Osteroder, deren Wiesen und Äcker mit Emmerode grenzten, zu gemeinschaftlicher Rückfahrt anzuschließen, allerdings erst, nachdem man vorher noch in dem großen und langgebauten Erfrischungszelt, an dessen Flaggenstange das braunschweigische[357] Roß flatterte, gevespert und natürlich auch einen guten Trunk genommen haben würde. Und nicht lange, so saßen sie, jung und alt, um die langen, aufgenagelten Tische her und sprachen dem Einbecker Biere zu, das in diesem Zelt am besten und frischesten zu haben und eben deshalb auch eines besonderen Zuspruchs sicher war. Auch ein paar Ilseburger, die mit dem Heidereiter Freundschaft oder Gevatterschaft hielten, hatten sich eingefunden, und weil das gute Bier allen die Zunge löste, so gab es bald ein Erzählen von Krieg und Frieden und am meisten von den hannoverschen Rotröcken, die mit übers Wasser müßten, ohne Recht und Ordnung. Und sei 'ne Schand. Aber zuletzt kamen alle wieder auf das Nächstliegende zurück und sprachen von Diegels Mühle, die ja nun verkauft werden solle, nächsten Freitag schon, und auf siebentausend Gulden werde sie wohl kommen, oder noch höher, weil ja das ganze Elsbruch zugehöre, mitsamt dem Kamp oben und Ellernklipp.

All das hatte sich bald an diesen und bald an jenen gerichtet, als aber das Wort Ellernklipp fiel, beugte sich einer von den Osterodern vor und rief über den Tisch hin: »Is et denn woahr, Heidereiter, wat se seggen?«

»Was?« fragte dieser.

»I, se seggen joa, et spökt upp Ellernklipp. Un schreegt un röppt.«

»Unsinn«, preßte Baltzer heraus. »Und was ruft es denn?«

»Vader, röppt et. Ümmer man dat een.«

Und der Heidereiter, der eben den Krug erhoben hatte, setzte wieder ab.

»Ich denke, wir machen uns auf den Weg.«

Alle waren einverstanden.

Und nachdem man noch verabredet hatte, sich bei der oberen Schloßbrücke treffen und, weil Mondschein sei, den Weg durch die Berge nehmen zu wollen, trennte man sich in Scherz und guter Laune.

Der Heidereiter aber ging erregt in die Stadt zurück, um Hilden und das Kind aus dem Wirtshause abzuholen.[358]

Quelle:
Theodor Fontane: Romane und Erzählungen in acht Bänden. Band 3, Berlin und Weimar 21973, S. 352-359.
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