Sechzehntes Kapitel

[512] Sonnabend früh mit dem Acht-Uhr-Zuge kam Thilde auf dem Friedrichsstraßenbahnhof an. Den kleinen Handkoffer, den sie mit sich führte, gab sie einem Gepäckträger zugleich mit ihrem Gepäckschein und wies ihn an, ihr alles in ihre Wohnung zu schaffen, drüben zu Schultzes, drei Treppen. »Ja, Fräulein.« Er verbesserte sich aber rasch, denn er kannte sie von alter Nachbarschaft her ganz gut, und versprach, in einer halben Stunde dazusein. Als sie ging sah er ihr einen Augenblick nach. »Was doch nich das liebe Geld alles tut; hat sich[512] schmählich rausgemausert. Or'ntlich ein bißchen forsch und einen Krimstecher.« Während ihr diese Betrachtungen folgten, schritt sie über den Damm hin und sah auf das Haus und nach der dritten Etage hinauf. Es hatte sich nichts verändert, und doch kam ihr alles ganz anders vor. Ein eigentümliches Gefühl beschlich sie, bis sie sich sagte: »Sei froh, daß es ist, wie es ist; es könnte viel schlimmer sein. Wie war es vor zwei Jahren? Da mußt ich noch alles selber tun.« Sie ging auf der rechten Seite der Straße und sah nach der dritten Etage hinauf, ob sie die Alte vielleicht am Fenster sähe. Aber sie sah nichts, auch nicht in den andern Etagen, überall waren noch die Rouleaux herunter. Es war ihr lieb, ganz unbeobachtet zu sein, aber sie war es nicht, und während sie über den Damm ging, sagte die Rätin, die vom Frühstückstisch aufgestanden war und sich ein Kuckloch zurechtgemacht hatte: »Was sitzt du wieder über der Zeitung. So was sieht man nicht alle Tage; sie hat bloß schwarze Handschuh an und sieht aus, als reiste sie nach Dresden und Sächsische Schweiz. Regenmantel und Opernglas; fehlt bloß noch der Alpenstock.« – »Ach, du hast immer was zu reden, Luise. Wenn sie mit einer langen Trauerfahne ankäme, dann wär es auch nicht recht.«

Thilde stieg langsam die Treppen hinauf, je höher sie kam, desto langsamer, weil sie vor der Begegnung mit der Alten erschrak. Auf dem letzten Treppenabsatz stand die Runtschen und nahm ihr, weil sie nichts andres mit sich führte, wenigstens den Regenschirm ab. »Tag, Runtschen, wie geht es?« »Gott, Frau Burgemeistern, wie soll es einem gehn«, und ehe das Gespräch sich fortsetzen konnte, war man oben, und Thilde lief auf die Mutter zu, die, halb sonntäglich zurechtgemacht, in der offnen Tür stand und gleich zu weinen anfing.

»Mutter, weine nur nich gleich. Jeder kommt ran.«

»Ja, bloß der eine zu früh und der andre zu spät. Wenn ich doch rangekommen wäre.«

Und dabei traten sie vom Flur her in das Entree und vom Entree in die Wohnstube, wo vor dem Sofa schon der Kaffee stand und Semmeln und Butter.[513]

»Und nu komm, Thilde, nu wollen wir eine warme Tasse trinken, und erzähle mir alles, wie es war.«

»Ja, Mutter, gleich; ich möchte mir aber erst die Hände waschen, und das Haar is auch in Unordnung, ich hatte den Wind ins Gesicht und wollte nicht zumachen.« Und dabei erhob sich Thilde wieder, legte den Hut und den Krimstecher beiseit und hing den Mantel an einen Ständer im Entree. Dann kam sie wieder und sagte: »So, Mutter, nu schenk uns ein. Kalt war es. Und der Mantel hat auch nicht viel geholfen.«

»Ich dachte, du würdest ein Umschlagetuch drübernehmen. Und überhaupt. Hast du denn gar keine Trauer gehabt? Ich weiß ja, daß es hier sitzt, aber wegen der Leute. Und sie haben sich doch sehr anständig gegen dich benommen.«

»Ja, Mutter, natürlich habe ich Trauer gehabt. Silberstein hat mir alles besorgt und hatte selbst alles auf Lager. Ich war ganz schwarz und Schleier und Schnebbe, alles, wie sich's gehört, aber als ich mich für die Reise zurechtmachte, hab ich alles eingepackt, und du kannst es sehn, wenn es kommt.«

»Und unterwegs wolltest du nicht.«

»Nein, Mutter. Unterwegs nich, und ich wollte auch nich hier so ankommen. Das sieht so gefährlich aus.«

»Aber willst du's denn so liegenlassen. Es kriegt ja Flecke. Silberstein hat es doch auch nich umsonst.«

»Auftragen will ich es nicht. Die meisten glauben nich dran, und ich habe welche gesehn, die zudringlich wurden bloß wegen der Trauer. Manche machen es auch zu toll. Aber wenn ich es auch nicht auftragen will, so werde ich es doch tragen, wo sich's hingehört, wenn ich ernste Besuche mache. Denn wenn ich auch die Pension habe, so muß doch was geschehn.«

»Ach, Thilde, daß du nu davon sprichst. Ich hab es ja nicht gewollt und habe mir diese ganze Nacht gesagt: ›Sprich nich davon, Thilde mag es nich, Thilde war immer großartig, und nu is siehs erst recht.‹ Aber da du nu selber davon anfängst, sage, Kind, was soll nu werden. Denn es war ja doch eine furchtbare Krankheit.«[514]

»Ja, Mutter, das war es. Immer die Beklemmung und die Atemnot.«

»Ach ja, Thilde, die Beklemmung. Aber ich mein nich die Beklemmung, ich mein, daß es so lange gedauert hat.«

»Ja, grad ein Vierteljahr...«

»Und wenn in einer kleinen Stadt der Doktor auch um die Ecke wohnt, die Länge hat die Last, und zuletzt macht es doch was. Und dann die Medizin. Und grade weil es mal besser war, da müssen sie dann immer gestärkt werden. Aber es hilft meistens nich, und alles is bloß hin.«

Thilde nahm ein Stück Zucker und brach es zweimal durch und sah nun auf die vier Krümel, die da vor ihr lagen. In den vier Krümeln hatte sie nun wieder ihr Leben, und die Mutter, die noch kein Wort von dem armen guten Mann gesprochen hatte, rechnete schon wieder, was es gekostet habe. So nüchtern sie selber war, das war ihr doch zuviel. Sie nahm der Alten Hand und sagte: »Mutter, bringe der Runtschen den Kaffee raus, sie wird wohl noch nichts Warmes genossen haben. Die Runtschen is wirklich arm. Ich will in die andre Stube gehn und mich einen Augenblick hinlegen; vielleicht schlafe ich ein, mir is doch so übernächtig.«

Sie dachte nicht an Einschlafen, sie wollte nur allein sein und einen Augenblick andre Gedanken haben. Sie schritt auf und ab. Da war das Stehpult, drauf die juristischen Bücher immer so verstaubt umherlagen, und da war der Sofatisch, auf dem hochaufgeschichtet die kleinen Bücher lagen und ein paar Bleistifte daneben, um immer gleich Notizen an den Rand schreiben zu können. Und da war das Fensterbrett, an das gelehnt sie so sonderbar sentimental ihre Verlobung gefeiert hatten er noch halb krank und verlegen und sentimental, sie nüchtern und berechnend. »Ich habe mich ihm immer überlegen geglaubt. Es war nicht so. Wenn das ewige Nachrechnen klug ist, dann ist Mutter die klügste Frau. Von den andren, zu denen Hugo gehörte, hat man doch mehr, und ich will versuchen, daß ich ein bißchen davon wegkriege. Aber es wird mir wohl nicht viel helfen; von Natur bin ich gradeso wie Mutter, sie berechnet immer,[515] was es kostet, und ich rechne mir den Vorteil aus. Die vier Krümel Zucker will ich mir in eine Schachtel legen und hier in das offne Sekretärfach stellen. Da hab ich es immer vor Augen und will dran lernen, daß das ganz Kleine nu wieder anfängt, und wenn Mutter weimert, will ich nicht ungeduldig werden. Ich dachte, wunder was ich aus ihm gemacht hätte, und nu finde ich, daß er mehr Einfluß auf mich gehabt hat als ich auf ihn. Rechnen werd ich wohl immer, das steckt mal drin, aber nicht zu scharf, und will hülfreich sein und für die Runtschen sorgen. Schon deshalb, weil die Runtschen seine einzige Renonce war. Und wenn er das sieht, wird er mir's danken. Aber er wird es wohl nicht sehn.«

Und dann ging sie wieder auf und ab und trat ans Fenster, und da, wo damals der Mond gestanden hatte, hing ein grau Gewölk.

Aber als ihr Auge noch drauf ruhte, rötete sich's, und die Sonne gab einen goldnen Saum. »Vielleicht ist das meine Zukunft.«

Und sie holte sich den Regenmantel aus dem Entree, deckte sich zu, verfolgte das Schattenspiel an Wand und Decke und schlief ein.

Quelle:
Theodor Fontane: Romane und Erzählungen in acht Bänden. Band 7, Berlin und Weimar 21973, S. 512-516.
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