Zu Immermanns Gedächtnis

[13] Hieher soll man junge Leute führen, damit sie den Eindruck eines soliden, redlich verwandten Daseins gewinnen; hier soll man sie drei Gelübde ablegen lassen, das des Fleißes, der Wahrhaftigkeit, der Konsequenz.

Wir sind weit mehr in andern vorhanden, als in dem, was wir unser Selbst nennen. Die ganze Bedeutung des höheren Lebens ist eben, aus uns heraus zu gelangen und in anderen eine verklärte Persönlichkeit zu gewinnen. Denkt man dies recht durch, so verliert der Tod den größten Teil seiner Schaurigkeit, selbst wenn man die Hoffnung persönlicher Fortdauer auf sich beruhen läßt. Ich glaube an letztere und halte es für wahrscheinlich, daß die Hand, in welcher jedes Stäubchen aufbehalten bleibt, auch das kleine Fünkchen, welches Ich heißt, vor dem Erlöschen in der großen Nacht zu bewahren wissen wird. Nur verliert sich alle ängstliche und ausmalende Betrachtung dieses Punktes an den Särgen so hoher Menschen, wo man mit einem Blicke ihre verstäubende Asche und ihr ewiges, wesenhaftes Fortleben auf der Oberwelt umfaßt. Dann erscheint ein unvergängliches Leben schon hienieden verbürgt, dem dereinst die Auferstehung folgen möge, wenn sich die Zeiten erfüllt haben werden.

Immermann,

Tagebuchblätter über Goethes

Haus und Goethes Grab


So lehnt' er fromm dort seinen Wanderstab,

Ein Heros selbst, an der Heroen Grab;

Gesenkt das Haupt, ein ernster Pilgersmann,

Trat an die Särge dienend er heran,

Und ließ voll Mut Unsterblichkeitsgedanken

Als Totenkranz um ihren Staub sich ranken.


Ein Opfer, wie er's bringen mußte! – Keins,

Das würd'ger wäre! – Tief ergreift nur eins!

Daß er, der Hohe selbst, der es gebracht,

Sobald schon einging in die »große Nacht«;

Daß er es brachte nur, um uns zu lehren,

Wie wir ihn selbst im Tode würdig ehren!


Gescheh' es denn! – Wir fassen uns ein Herz!

Verwunden jetzt der erste jähe Schmerz!

Wir wissen es, ein Gott hat ihn gefällt,

Am Boden reglos liegt der starke Held;

Doch eisenadrig trotzt er der Vernichtung,

Ein edler Fels im Walde deutscher Dichtung.


Drin wird er ragen – jetzt und immerdar!

Für viele noch ein schroffes Rätsel zwar;

Ein Runenstein, mit Moose rauh bedeckt,

Der den Verzagten und den Blöden schreckt;

Doch stets des Volkes Edelsten und Größten

Ein ernster Freund, zu wecken und zu trösten!
[14]

Als solcher dastehn wird er allezeit!

Wie um ihn her auch toben mag der Streit,

Wie unterm Beil der Jahre Baum an Baum

Zusammenrasselt – er vernimmt es kaum!

Der Aar des Ruhmes zieht in treuen Kreisen

Um seine Stirn: – laßt uns ihn glücklich preisen!


Und doppelt glücklich, weil mit ehrnem Tritt,

Recht als ein Sieger, er von dannen schritt;

Weil, eh' er ihn verließ, auf seinem Pfad

Sieg noch auf Sieg, Tat folgte noch auf Tat,

Und weil, die spät noch in sein Leben glänzte,

Weinend die Liebe seinen Tod bekränzte!


So wurden die Heroen einst entrückt!

So die Propheten! – Nachsah tief gebückt

Des Volks, der Nächsten kummervolle Schar!

Bald aber senkte Tröstung wunderbar

In ihre Brust sich! Sie erhuben Steine

Und legten Kränze drauf! – Wo steht der seine?


Sucht ihn nicht auf in einer Fürstengruft!

Er hat ein Grab in frischer Rheinesluft;

Das Land der Berge sendet Waldeshauch

Dem jungen Gras, dem jungen Rosenstrauch,

Die es umwehn; frei netzt es Tau und Wolke –

Bei Fürsten nicht, er ruht bei seinem Volke.


Sei es ein Zeichen! – Wie wir ruhn ihn sehn

Bei allem Volke, wird er auferstehn

Im Herzen auch des Volks: – er selbst, verklärt

In uns, in andern! Ew'gen Lebens Herd

Dies stumme Grab, auf das wir sinnend blicken,

Und es nach Kräften würdig möchten schmücken!


Sein bester Schmuck, was er uns selbst vermacht!

Was er im Herzen frisch uns angefacht:

Erinnerung, Gedanke, Bild und Wort,

Weih' es in Andacht jeder diesem Ort!

Kehr' es ihm wieder, rein und ohne Fehle –

Mir klingt es also recht in tiefer Seele:


O, schweift' ich wieder, wo ein Bursch' ich war,

Auf meiner Heimat waldbewachsner Haar,

O, ständ' ich wieder, wenn die Drossel schlägt,[15]

Dort, wo der Hofschulz Femgericht gehegt,

Auf Lisbeths, Oswalds, meinem eignen Boden –

Da bräch' ich still des Holzes grünste Loden!


Und flöchte sie zum schattenreichen Kranz;

Den sollt' er haben, frisch und voll und ganz;

Den legt' ich fromm auf seinen schlichten Stein!

Westfälisch Laub! Es müßt' ihn doch erfreun!

Gewiß, er nähm' ihn – aus der Blätterfülle

Des Eichkamps seiner prächtigen Idylle!


Und zu des Kranzes Rauschen spräch' ich dann:

Das soll ein Dank sein, du gewalt'ger Mann!

Du Mann der Liebe, wie der schroffen Kraft,

Wahr, fest, beharrlich, eisern-eichenhaft,

Fast wie dein Hofschulz! einen stillen Segen

Und diesen Kranz laß auf dein Grab mich legen!


Du weißt es nicht, was ich dir schuldig bin!

Auf dich, als Leuchtturm, blick' ich täglich hin!

In Kunst und Leben irrt' ich, ach, schon viel:

Dein hohes Bild gab Richtung mir und Ziel!

Aus deinem Grabe noch vor wenig Wochen

Hast du erschütternd mir ins Herz gesprochen!


In Goethes Räumen jenes ernste Wort!

Wie eine Glocke hör' ich's fort und fort!

Es stürmt mich auf, und ruft beständig mir:

Tu das Gelübde! – Wohl! doch tu' ich's hier!

Bei dir, dem Festen, den man hieß den Starren,

Gelob' ich Fleiß, Wahrhaftigkeit, Beharren!


Zu deinem Ziele führen nur die drei!

Laß mich, mir selbst und meinem Pfunde treu,

Nach seinem Maße fürder tun mit Lust,

Was meines Amtes – ruhig und bewußt

Mich oben haltend in der Zeitflut Ringen!

Hilf mir, du Starker! hilf und laß gelingen!


So würd' ich reden! – Und ich rede so!

Bald auch der Eiche Blätter hol' ich froh

Von meiner Heimat Oberhöfen dir:

Heut sei der Rheinstrom treuer Bote mir!

Dieselbe Flut, die jetzt zu meinen Füßen

Ans Ufer schlägt, wird morgen dich begrüßen!
[16]

Sie mag dies Lied dir tragen niederwärts! –

Ich weiß es nicht, mir ist so kühn ums Herz;

Hell durch die Brust mir bebt ein mut'ger Klang:

Für dich kein Lied, wie ich es Grabbe sang!

Das Haupt gehoben! Dein der Sieg, der Friede!

Weh' beider Odem auch in diesem Liede! –


Den Toten Ehre, sei ihr Schlummer lind,

Die Rat und Stab noch den Lebend'gen sind;

Die ew'gen Lichtes vorglühn unsrer Bahn;

An deren Gruft, wenn wir ihr zitternd nahn,

Um leise weinend ein Gebet zu stammeln,

Wir frischen Mut und neue Tatkraft sammeln!


St. Goar, Juni 1842.


Quelle:
Ferdinand Freiligrath: Werke in sechs Teilen. Band 2, Berlin u.a. [1909], S. 13-17.
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