Erster Akt


[127] Der Magier allein.


MAGIER.

Sey mir gegrüßet, segensvoller Morgen,

Heilbringend Licht, das aus dem Osten dringt;

Die Nacht ist schauervoll dem der geweihet

In ihres tiefen Schlundes Gährung schaut,

Da regen sich und dehnen sich die Kräfte,

Und brausen, heben und bekämpfen sich,

Als wollte sich der Dinge Ordnung lösen,

So ringen sie chaotisch wider sich.

Als sey im Todeskampfe alles Leben,

So sträubt sich's zwischen Daseyn und Vergehn.

Entsetzlich so ist Nachts der Dinge Schwanken,

Daß Lebende den Todten ähnlich sind,

Und Todte gleich Lebend'gen irdisch wallen. –

Drum wohl dem der an allen Sinnen blind

Der Kräfte innre Feindschaft nie gesehen.

Es hüllt die Nacht in Schatten weislich sich,

Und senkt sich schwer auf aller Menschen Augen,

Daß keiner ihre Schrecken je belauscht:

Da kommt der Morgen, da gießt süßes Leben

Und Eintracht hin sich über die Natur,

Und sie erwachet wie aus schweren Träumen[127]

Und lächelt, und in ihren Augen stehn

Die Thränen, die die Angst des Traums erpreßte;

Doch alle küßt sie ihr die Sonne weg. – –

Drum segensvolles Licht! sey mir gegrüßet,

Du gießest Friede auch in meine Brust,

Indem du sühnst den Zwist der Elemente,

Der Dinge Daseyn neu versicherst mir

Die nächtlich selbst sich zu zerstöhren drohten,

In blindem Eifer wider sich entbrannt.


Ligares kommt.


LIGARES.

Es ruhen auf dem Caucasus Gewitter,

Noch säumend krächzt der Rabe durch die Nacht;

Doch quellen aus dem Ost schon Sonnenstrahlen

Und zeigen meinem Boten seinen Pfad.

Er könnte hier schon seyn – Wie! du mein Vater!

Ich staune! was beraubt des Schlummers dich?

MAGIER.

Ich ruhe nicht, weil durch den Schein der Ruhe

Der Nächte nicht mein Aug betrogen ist;

Ich seh den innern Kampf der Lebenskräfte,

Den Schlaf und Nacht wohlthätig dir verhüllt.

LIGARES.

Warum weihst du mich nicht in deine Künste,

Enthüllest meinem Aug die Dinge nicht?

MAGIER.

Wohlthätig ist dem Sterblichen die Hülle,

Die die Natur auf ihre Tiefen legt.[128]

Sieh an die Farben, wie sie freundlich milde

Dem Auge reden, sieh der Formen Zier,

Wie lieblich sie sich heben, beugen, schwellen,

Und sich vermählen mit des Lichtes Glanz;

In solchen Schmuck hat sich Natur verborgen,

In schöne Ruhe ihren Zwist versteckt.

Weh dem! der frech den heil'gen Schleier hebet,

In ihr Geheimniß frevelnd dringen will,

Belauschet was sie suchet zu verbergen,

Weh dem! es rächt die Göttinn schrecklich sich

Am Unglücksel'gen, der sie überraschet,

Denn sie ist jungfräulich und streng gesinnt;

Aktäon sollte dich davon belehren,

Er sah sie, doch verwandelt ward er ganz,

Ein Ungeheuer, das man nicht erkannte,

Deß Sprache Allen unverständlich ward;

So fiel er durch der heil'gen Isis Strenge,

Weil hüllenlos die Göttinn er gesehn.

LIGARES.

Ihr nahte sich Aktäon ungeweihet

Und zitternd seines Frevels sich bewußt;

Du aber Vater! gib mir rechte Weihen,

Daß ich ihr ohne Zagen nahen darf.

MAGIER.

Es drängen viele sich zum Heiligthume

Und alle geitzen nach der Göttin Gunst;

Doch von den Tausenden, die zu ihr wollen,

Hebt Einer wohl den dichten Schleier kaum;[129]

Denn es erheischt ein ungetheiltes Leben

Die strenge Isis; wer mit fremdem Dienst

Und andern Wünschen ihrem Tempel nahet,

Den straft sie für den Frevel fürchterlich. –

Und doch ist's schwer sich gänzlich hinzugeben.

Die Priesterinn Apolls zu Delphi selbst

Wird oft zum Dreifuß mit Gewalt gerissen,

Gezwungen dann verkündiget ihr Mund

Was ihr Apoll der Bebenden vertrauet;

Und wie die Welt auch ihre Weisheit ehrt,

So zagt sie doch dem Gotte sich zu geben. –

LIGARES.

Was sollen, Vater! diese Reden doch?

MAGIER.

Daß sich die Sterne Dich nicht ausersehen.

LIGARES.

Entscheiden sollen Sterne, was ich darf?

Und über meinen Werth und Unwerth richten?

Nur darum gingen sie den Riesenschritt,

Nur darum wären sie in Licht gekleidet,

Dem Menschen anzudeuten sein Geschick?

MAGIER.

Nicht weil die Menschen handlen, kreisen Sterne;

Die Menschen wandlen nach der Sterne Lauf.

Wie Fluth und Ebbe nach dem Mond sich richten

Und fallen, schwellen, wie er kommt und geht;[130]

So heben sich Gedanken und versinken

Gelenket von der Himmelskörper Lauf.

Des Menschen Brust ist gleich des Meeres Spiegel,

Der widerstrahlet von der Sonne Bild

Und dunkel ist und glanzlos, wenn sie sinket.

So jedem Sterblichen ist sein Gestirn

Des Nordens Pol, der ewig an ihn ziehet;

Er aber ist die kleine Nadel nur,

Die ewig sich nach ihrem Sterne wendet. –

So kann, wer eingeweiht, am Himmel sehn,

Wie sich die ird'schen Dinge fügen werden,

Und ahndungsvoll sieht er der Erde an,

Wie droben sich die Himmelsmächte reihen,

Die herrschend auf die Erde niedersehn.

LIGARES.

Ich fühle frei mich ganz in meinem Herzen,

Von der Gestirne Einfluß unberührt;

Es zieht mich vieles an im bunten Leben,

Und vieles werd' ich können, weil ich will;

In diesem stolzen Glauben will ich bleiben,

Mich selber fühlen als des Schicksals Herr;

Mich nicht entnerven durch ein feiges Wähnen,

Als sey ich fremden Mächten unterthan.

MAGIER.

Mein Sohn! es ziemt dir wohl also zu denken,

Ich weiß es, nur erkenne deine Bahn,

Und dränge dich nicht hin zu den Erwählten,

Die demuthsvoll sich einem Gotte weihn.[131]

Dir ruft die Welt, dir rufen Ruhm und Ehre

Und ins Gewühl reißt dich die Thatenlust;

Durch Handlen wird das Irdische erschaffen,

Doch still betrachtet will der Himmel seyn.


Ab.


LIGARES.

Mein Vater hat der Sterne Lauf gemessen,

Der Erde Tiefen hat sein Aug durchforscht,

Doch meinen Busen hat er nie durchschauet;

Wenn er beschwört, gehorcht der Geist ihm nicht,

Der böse Dämon, der in meinem Herzen,

Ein gierig Raubthier, sich und mich verzehrt.

Gleich einem Tieger, der in Libyens Wüste

Im heißen Sand sich durstig brüllend wälzt,

So wüthet Leidenschaft in meiner Seele

Von keinem Tropfen Hoffnung mehr erquickt.


Zeno kommt.


ZENO.

Du auch schon hier? O gönne dir den Schlummer!

Es ist des Mohnes Saft, die süße Milch,

Die zu der Leidenschaften wildem Treiben

In deinem heißen Blute Balsam mischt

Und Kühlung in dein ungestümmes Sehnen.

LIGARES.

Des Mohnes Blume senkt ihr blättrig Haupt

Von Schlummer schwer und traumgedrückt zur Erde;

Denn süßes Wähnen wohnt in ihrem Kelch,

Der Liebe Schmachten, träumerisch Umfangen,

Begierig Sehnen und versagte Lust,[132]

Ein wehmuthsvoll und seeliges Vergehen,

Sanft aufgelößt in Schlummerssüßigkeit;

So sind die Träume, so des Gottes Walten

Deß Stirne sich mit dunklem Mohn bekränzt.

Was Liebe reizt, was Liebe schmeichlend nähret,

Das soll' ein Mittel gegen Liebe seyn?

ZENO.

Wie? hast du selbst dir heilig nicht gelobet,

Der falschen Hoffnung länger nicht zu traun?

Dich gänzlich von Ladikä abzuwenden,

Seit du es wissest, daß sie dich verschmäht?

LIGARES.

Was sind, o Freund! verliebten Zornes Schwüre?

Ein Schneegestöber im Aprillenmond.

Ein Tropfen Thau bei heißen Sommersgluthen,

Gar leichtlich von der Sonne aufgezehrt.

Wenn Wasser schwört sich aufwärts zu ergießen,

Nicht zu verbrennen Feuer dir gelobt,

Und was so wider die Natur ist, übet,

Dann glaub es, wann die Liebe hassen will.

ZENO.

Nun seh ich wohl, es ist dir nicht zu helfen,

Da deine Gluth sich durch Verzweiflung stärkt,

Von ihrem Gifte üppig sich ernähret,

Und ob verwundet gleich von Eifersucht;

Im tiefsten Herzen tödlich angefallen

Von der Verschmähung meuchlerischem Dolch[133]

Doch lebt, und lebt durch das was würgen sollte.

Ja deine Liebe ist der Schlange gleich,

Die sich von giftgen Kräutern üppig mästet,

Erhitzet dann vom schauerhaften Mahl

Im wilden Durst die kühle Quelle suchet;

So ist dein Lieben, seiner Nahrung gleich.

LIGARES.

Gefährlich ists die Zauberformel nennen,

Die Höllengeister aus dem Abgrund ruft;

Drum hüte dich Gedanken aufzureitzen,

Die leis nur schlummern in des Herzens Grund.

ZENO.

Nicht wecken will ich sie, dich will ich wecken,

Daß du ein Hüter ihres Kerkers seyst.


Ein Bote kommt.


LIGARES.

Da ist der Knabe. Sprich! was läßt sie sagen?

So rede doch, dein Zögern ängstet mich!

BOTE.

Ich ward, o Herr! wie immer abgewiesen.

Mit deinem Feind vermählt sie morgen sich.

LIGARES.

O wohl getroffen! meuchlerische Schlange!

Du zieltest recht, ich fühle schon den Tod

Durch alle meine Adern brennend rollen.

O weh mir! daß dies Auge sie gesehn,[134]

Mein Ohr die schmeichlerische Lockung hörte!

Daß ich in ihren Küssen mich berauscht!

Mich fangen ließ in falscher Schwüre Schlingen,

Die nackte Brust dem Mörderstahle bot!

ZENO.

Fürwahr! du solltest sie zu sehr verachten

Um Raum zu geben solchem bittren Haß.

LIGARES.

Ja ich verachte sie in tiefster Seele,

Mir schwindelt, hör' ich ihren Namen nur;

Und alle meine Lebensgeister fliehen

Mit Widerwillen von ihr abgewandt.

Ich möchte zu den Höllenflüssen wallen,

Um nicht dasselbe Licht mit ihr zu sehn.

Zu nah für mich ist jede Erdenferne,

Zu klein der Raum stets zwischen ihr und mir:

Denn wo ich sey, so bringen doch die Lüfte

Den süßen Hauch des Zauberodems mir.

Dasselbe Gift haucht jede Frühlingsblume,

Und alles Schöne mahnt mich ja an sie.

Drum mögt' ich zu den dunklen Schatten fliehen,

Wo jeder Reiz, wo jeder Glanz erlischt;

Wo keine Blume duftet mehr und blühet,

Wo tief vergraben in Vergessenheit,

Und unbezeichnet traurend Schatten wallen,

In bleiches Grau einförmig eingehüllt.

Und ging sie drunten auch an mir vorüber,

Kein leiser Schauer mehr verrieth es mir,[135]

Erloschen wär' der dunklen Augen Feuer

Der Wange Roth verglüht in Gräber Nacht,

Der Ton der süßen Stimme wär' verhallet,

Verwischt in Grau die liebliche Gestalt:

So ging sie unerkannt an mir vorüber,

Ich fühlt' es nicht, kein ungestümmer Drang

Empörte mehr mein Blut in heißen Wogen,

Die bleiche Wange bliebe ungefärbt,

Und ruhig schlagend meine trägen Pulse

Vom Hauch der Liebe nimmer aufgeregt.

ZENO.

Wie hat dich dieses Weib so ganz verwandelt!

Seit du sie kennst, kenn' ich dich nicht mehr,

Dein fester Sinn ist wandelbar geworden;

Ja einem Fiederkranken gleichst du fast,

In jäher Hitze tobend hingerissen,

Dann wieder seufzend wie ein jammernd Weib.

Ermanne dich und lerne sie verschmähen,

Die dich verschmähte, die dich so betrog.

LIGARES.

Halt ein, o Freund! was lästerst du die Sonne,

Daß sie sich auch zum Weste neigen mag?

Sie kann dem Ost zu bleiben nicht geloben;

Der West erstarrte, blieb die Sonne treu.

Ich bin der Ost in dunkler Nacht begraben,

Weil sich das Licht des Tages abgewandt.


Ab.

Der Magier kommt.
[136]

MAGIER.

Geh, Knabe, geh! und folge meinem Sohne;

Du aber Zeno bleibe noch bei mir.


Der Knabe ab.


Des Sohnes Klage hab ich wohl vernommen

Und dunkel ahndete mir sein Geschick. –

Doch zur Gewißheit kann ich es nicht bringen,

Denn schwer ergründlich ist der Sterne Lauf.

Die Zeichen wanken, Linien betrügen,

Gezeichnet in des Menschen eigne Hand;

Der Dinge Geister scheinen einverstanden,

Zu necken des verwegnen Forschers Kunst.

ZENO.

Kann so am Ziel die Wissenschaft noch trügen,

Der du dein Leben hingegeben hast?

MAGIER.

Am Ziel, o Freund! Wer kann zum Ziel gelangen?

Unendlich ist die Bahn, das Leben kurz;

Das ist die Täuschung, der wir unterliegen,

Als sey erreichbar was doch ewig ist.

Die Kunst ist wahr und ohne trügend Schwanken,

Doch leicht betrogen ist des Menschen Sinn;

Der Sterne Weg ist recht in ihren Bahnen,

Allein des Menschen Aug ist blöd und müd.


Pause.


Geh! wache über meines Sohnes Schritte

Und laß ihn heute nur zur Stadt nicht gehn,[137]

Ich weiß, daß dort ein Unfall ihn bedrohet.

Geh! einsam will ich forschen was ihm frommt.


Beide ab.

Ein Zimmer.

Cassandra allein.


CASSANDRA.

Will das Gespenst des Traumes nicht entfliehen?

Das Nacht-Phantom verträgt der Sonne Licht?

Kein Hahnenschrei will es von mir verscheuchen,

Es mischt in all' mein Denken warnend sich. –

Von schwerer Schuld ist so mein Geist belastet,

Daß Freude selbst mich nicht erquicken kann.

Erinnrung will sich nimmer mir versöhnen,

Nicht blässer werden durch Vergangenheit:

Denn immer steht vor meiner bangen Seele

Der Tag, da ich den Gatten so verrieth,

Da aller heil'gen Pflichten ich vergessend

Mich in des fremden Mannes Arme warf.

O Stunde des Entsetzens! aus dem Grabe

Stehst jeden Tag du drohend vor mir auf

Und zeigst das Bild Alkmenes mir erzürnet,

Die Mutter hassend den verlaßnen Sohn.


Timandras kommt.


TIMANDRAS.

Darf ich zu dir jetzt die Geliebte führen?

Sie freut sich herzlich, Theure! dich zu sehn.


Pause.
[138]

Wie! du bist traurig, Mutter? nicht empfinden

Willst du die Wonne deines lieben Sohns?

Du weinest Thränen in den Freudenbecher,

Trittst traurend in den hochzeitlichen Reih'n?

Ich bitte dich, mit solcher trüben Miene

Empfange mir das holde Mädchen nicht;

Laß deine Augen freundlich sie begrüßen,

Beschütze gleich den güt'gen Laren sie,

Daß sie nicht fremd in deinem Haus sich fühle,

Verscheucht, verlegen, und dir unerwünscht.

CASSANDRA.

Zu leicht gesinnt knüpfst du so feste Bande.

TIMANDRAS.

Zu trüb erschien dir immerdar die Welt!

Soll zitternd man des Lebens Blumen brechen,

Und nennst du zweifeln weiser als vertraun?

CASSANDRA.

Ein böser Traum gab mir dies bange Zagen,

Ein Traum bedeutungsvoll und ernst und tief –

Mir war, du gingst zum Tempel mit dem Mädchen,

Ich folgte dir, doch Nacht war um uns her,

Und eine Fackel trug ich in den Händen,

Die immer dem Erlöschen nahe war.

Es war mir wohl, wenn hoch die Fackel flammte,

Doch tief beklommen, wenn sie bleicher schien.

Wir gingen fort, und immer stand der Tempel

Ganz nah vor uns, doch unerreichbar stets.[139]

Da fühlt' ich am Gewand mich festgehalten,

Ein kalter Schauer zuckt durch mein Gebein,

Und ich erblicke meinen ersten Gatten,

Wie Todte bleich, und ernsthaft vor mir stehn;

Ich will entfliehen, doch die Kraft versaget,

Ich mögte rufen, doch die Stimme stockt.

Er aber winket schweigend mir zu folgen;

Und als ich vor Entsetzen es nicht kann,

Sieht er mich an mit einem solchen Blicke,

Der schneidend tief mir in die Seele dringt.

Und plötzlich werden seine Augen Flammen,

Die schrecklich zünden alles um uns her;

Auch dir ergreifen sie die braunen Locken,

Den Myrthenkranz selbst in Ladikä's Haar.

Da wird es Nacht vor meinen trüben Augen,

Ich hör ein dumpfes Brausen nur um mich,

Wie wilde Winde, wenn sie tobend ringen;

So eingewiegt verliert mein Denken sich

In tiefe Ohnmacht, unbewußten Schlummer,

Und ich erwache spät, und müd und krank –

Und kann mich noch dem Schreckniß nicht entreißen.

TIMANDRAS.

So schlimm, o Mutter! scheint mir nicht der Traum,

Und wär er schlimm, wir wollen gut ihn deuten;

Gewiß ich bringe jetzt ein heiter Bild,

Ein Frühlingslächeln dir in deine Seele:

Ladikä wartet draußen, dich zu sehn;

Mein Herz klopft laut dem Augenblick entgegen,[140]

Wo was ich liebe liebend sich vereint.


Er öffnet die Thüre; Ladikä und Mandane treten ein.


Sieh Mutter! das ist meine süße Liebe,

Ich führ in deinen Arm die Tochter dir.


Ladikä will sich Cassandren nähern, tritt aber erschrocken zurück.


LADIKÄ zu Mandane.

O Himmel! sind das nicht Ligares Augen?

Mandane sieh! das ist Ligares Mund!

Es hat ein böser Geist des Jünglings Züge

Gezaubert in Cassandrens Angesicht.

MANDANE.

Fürwahr, nichts Aehnlichers hab' ich gesehen,

Doch fasse um der Götter willen dich.

CASSANDRA zu Timandras.

Was ist ihr? Sohn! warum will sie nicht nahen?

Sie scheint erschrocken mir und außer sich –

LADIKÄ.

O Gott! o Gott! das ist auch seine Stimme!

Wie wird mir! O Mandane führ mich weg.


Sie sinkt in Mandanens Arme.


MANDANE.

Führt sie ins Freie, ihr wird besser werden.

TIMANDRAS.

O Gott! Mandane! sieh, wie sie erblaßt!

MANDANE.

Ladikä! Ach ihr Auge ist geschlossen.[141]

LADIKÄ.

Hinweg von hier! Mandane, führ mich fort!


Ladikä, Mandane und Timandras ab.


CASSANDRA.

Wie sie erschrak, und ab sich von mir wandte!

Ist denn mein Antlitz so verräthrisch noch?

Kann sie in ihm die schlimme That noch lesen,

Die Reue und Vergangenheit begrub? –

Hinweg von dem Gedanken des Entsetzens,

Den krankhaft Reue immer neu erzeugt;

Warum Vergangnes aus dem Grabe rufen?

Es ruhet besser in Vergessenheit.

Hab eines Sohnes Liebe ich verlohren,

So hab ich die des andern doch verdient;

Versöhnet sind die Götter, denn sie haben

Timandras mir, den liebsten Sohn, geschenkt.

Quelle:
Karoline von Günderrode: Gesammelte Werke. Band 1–3, Band 2, Berlin-Wilmersdorf 1920–1922, S. 127-142.
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