Mora

Frothal, König von Scandinavien.


Mora, seine Geliebte.


Karmor, ein Krieger.


Thormod,


Carul, Barden.


Carul.


Wehet ihr Lüfte des Frühlings, spielt mit den Locken der Mädchen, flüstert im hohen Gras der Wiese, und rauscht in den Wipfeln des Hains; aber haltet eure Fittiche, daß sie nicht aufrauschen im Sturm, und meine Stimme ungehört entführen, wenn ich den Frühling singe. Schön bist du o Frühling! lieblich deine Tritte über die Fluren! Blumen entkeimen; Quellen entsprudeln dir! Dir jauchzen die Vögel entgegen, diese melodischen Barden der Natur, und sie verstummen, wenn du enteilest, du lieblicher, säuselnder Sohn des Himmels!


Thormod.


Sahst du den Abend herabsteigen auf die Hügel von Scandinavien? du lieblicher Sänger des Frühlings! langsam sind seine Schritte, dunkel sein Gewand von Wolken. Er steigt herauf über die Wälder und Berge, wie die Geister der Verstorb'nen aus ihren Gräbern. Da verstummen die Vögel, kühle Schauer durchzucken alles Leben, feuchte Nebeldünste versammeln sich. Nur der Wiederhall[55] seufzt durch die Nacht, nur die Unke des Sumpfs, und die krächzende Eule unterreden sich mit ihm.


Carul.


Aber die Sterne kommen und lächlen freundlich, und die glänzenden Locken des Mondes, seine grünlichen Strahlen erleuchten die Erde. Nicht alles Leben verstummt in der Nacht, die Lüfte des Abends säuseln, der Wasserfall murmelt melodisch; und das Land der Träume öffnet seine Thore, und die lieblichen Kinder der Gedanken flattern herauf, und küssen die Stirnen der Schlummernden.


Thormod.


Horch! was braust durch den Wald? was hebt so die wogende See? die Winde haben ihre Fesseln gelöst. Reichlicher Regen stürzt herab, Wolken thürmen sich! Blitze zerspalten die Nacht! der Stern des Abends weint in seinen Wolken, die Orkane haben sich ausgerast, zerwühlen den Busen des schäumenden Meers, und zerreissen die Segel kämpfender Schiffe. Der Donner rollt! und der Sohn der Felsen ruft ihm mit hundert Stimmen nach.


Carul.


Frothal, der König der Spere wandelt allein und verirret im Wald, dunkel ist die Nacht, und sein Fuß betritt nicht den Weg der Heimath.


Thormod.


Gräßlich rollt der Donner, die Erde zittert, aber Frothal zittert nicht.


Carul.


Sieh! durch die Nacht sendet ein freundliches Licht den bleichen Schimmer, es ist das Licht von Mora, der schönen Tochter von Torlat. Ihre gastliche Hütte empfängt den irrenden Wand'rer,[56] und ihre Schönheit umfängt das Herz des Königs. Da war Frothal nicht verirrt, als er irrte zu dem lieblichen Mädchen.


Frothal.


Angenehm ist meinem Ohre euer Gesang, ihr Barden des Liedes.


Mora.


Thormod! dein Gesang ist wie der Flug des Adlers. Carul! lieblich ist dein Lied wie die Stimme der Liebe.


Frothal.


Meine Seele ist erregt, mein Arm zuckt nach dem Speer. Komm mit mir zur Jagd der waldigen Insel, Tochter von Torlat.


Mora.


Gehe nicht zur Jagd der wald'gen Insel, meine Seele bangt, denn mich warnte ein Traum; ich sah dich erlegt vom Jagdspies, darum meide die Jagd, o König!


Frothal.


Soll ich die Jagd vermeiden! nimmer Mädchen, nimmer meid ich Gefahr, denn mir ward Liebe und Ruhm, so ist mein Sterben kein Tod, was fürcht' ich noch, Tochter von Torlat?


Mora.


Stirbst du mit Ruhm und Liebe, so starbst du doch Frothal für mich.


Frothal.


Komm zur muntern Jagd, nimm die Waffen der Könige Scandinaviens daß du glänzest im Stahle der Helden, und folge mir Mädchen.


Mora allein nachher Karmor.


Mora.


Die Nacht ist verbraust auf den waldigen Höhen, und Frothal schlummert so süß in der Höhle des Felsen. Ach! mir gab die Jagd nicht[57] Freude, die Ermüdung nicht Schlummer. Meine Seele ist traurig, mein Herz klopft ängstlicher und Frothal schlummert so süß.


Karmor.


Ja er muß hier seyn, hier in der Höhle. Frothal! komm!


Mora.


Was willst du von Frothal? Warum verscheucht deine Stimme den Schlummer?


Karmor.


Ich rufe den König zum Zweikampf.


Mora.


Warum rufst du ihn!


Karmor.


Er hat mir die Seele meines Busens geraubt, ich liebte die Tochter von Torlat, und sie wählt ihn.


Mora.


Sie wählt ihn, und nicht dich. Was nutzt dir der Kampf? was hilft dir der Sieg?


Karmor.


Du bist Frothal, dies ist sein Schwerd, dies der Schild der Könige, komm zum Kampfe um Torlats langlockigte Tochter. Oder fürchtest du das Schwert von Karmor, wie's dein Zögern verräth, kämpfst du nicht für das Mädchen deiner Liebe!


Mora.


Komm, mich dürstet nach Kampf, mein Muth jauchzt der Gefahr entgegen, komm!


Frothal, nachher Thormod und Carul.


Frothal.


Welches Getöse erweckte mich! mir war als vernähm ich fernes Waffengeklirr! aber jetzt ists so stille, nur der Morgenhauch schlüpft durch die Blätter. – Horch! was rauscht im Wald? es ist der leise Fußtritt von Mora. Mora! komm, komm meine Geliebte!


[58] Carul.


Mora kommt nicht zu dir, o König der Speere!


Thormod.


Mora begegnet dir nicht mehr, nicht mehr in der Halle der Muscheln, noch auf grünenden Triften. Sie wandelt in Walhallas traumreichen Hainen, durchbohrt ist ihr Busen so weiß, die dunkeln Locken schwimmen in Blut.


Frothal.


Trauer umnachtet meine Seele, ihr Söhne des Gesangs! ewige Trauer umarmt mich.


Carul.


Karmor, der düstere Krieger, liebte das Mädchen, und fodern wollt' er dich zum Kampfe, aber Moras Schild glänzte wie der der Könige, ihr Schwert war das der Herrscher. Frothal! sie fiel für dich.


Frothal.


Singet ihr Barden, das Lob der schönen Tochter von Torlat! singet den Ruhm des Mädchens, daß unsterblich blühe die leicht verwelkliche Schönheit. Und ruft mir zum Kampfe den finstern Karmor, fallen soll er, und wäre sein Arm mächtig wie der Arm von Thor, sein Schwert wie Odins.


Carul.


Mora du bist gefallen in deiner Schönheit, gesunken in deiner Blüthe! lieblich warst du wie der Stern des Abends, freundlich wie die scheidende Sonne.


Thormod.


Brüllende Bergströme stürzen von ihren Gipfeln, Wogen brausen! tobende Winde heulen über der Eb'ne, aber nicht Bergströme, Wogen, und Stürme erwecken Mora, denn sie schläft den langen Schlummer. Mora! Mora dich erweckt nicht der[59] blumige Frühling, nicht der Glanz des Morgens, nicht der Purpur des Abends, nicht der Ruf der Liebe. Schön ists zu wandeln, im Lichte des Lebens, aber eng ist das Grab und finster, ewig der Schlummer, darum weinet um Mora, denn sie kehrt nicht wieder zum Lichte.

Quelle:
Karoline von Günderrode: Gesammelte Werke. Band 1–3, Band 1, Berlin-Wilmersdorf 1920–1922, S. 52-60.
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