Sechzehnter Auftritt

[437] Lottchen. Damis.


LOTTCHEN. Kommen Sie mir zu Hülfe. Und wenn sie mein Unglück auch alle wollen: so sind doch Sie zu großmütig dazu. Was geht mit meinem Bräutigam vor? Sagen Sie mir's aufrichtig.[437]

DAMIS. Er ist Ihnen untreu.

LOTTCHEN. Auch Sie sind mein Feind geworden? Hat Sie mein Liebhaber beleidiget: so handeln Sie doch wenigstens so großmütig und sagen mir nichts von der Rache, die Sie an ihm nehmen wollen.

DAMIS. Mein Herz ist viel zu groß zur Rache.

LOTTCHEN. Aber klein genug zur Undankbarkeit? Hat Ihnen mein Geliebter nicht heute den redlichsten Dienst erwiesen?

DAMIS. Wollte der Himmel, er hätte mir ihn nicht erwiesen: so würden Sie glücklicher, und er würde nur ein verborgner Verräter sein.

LOTTCHEN. Betrüger! Verräter! Sind das die Namen meines Freundes, den ich zwei Jahre kenne und liebe?

DAMIS. Wenn ich die Aufrichtigkeit weniger liebte: so würde ich mit mehr Mäßigung vor Ihnen reden. Aber mein Eifer gibt mir für Ihren Liebhaber keinen andern Namen ein. Sie, meine Schwester, sind Ihres Herzens wegen würdig, angebetet zu werden, und eben deswegen ist der Mensch, der bei Ihrer Zärtlichkeit und bei den sichtbarsten Beweisen der aufrichtigsten Liebe sich noch die Untreue kann einfallen lassen, eine abscheuliche Seele.

LOTTCHEN. Eine abscheuliche Seele? Wohlan; nun fordere ich Beweise. Heftiger. Doch weder Ihr Vormund, noch Sie, noch meine Schwester, noch mein Vater selbst werden ihm meine Liebe entziehn können. Und ich nehme keinen Beweis an als sein eigen Geständnis. Ich bin so sehr von seiner Tugend überzeugt, daß ich weiß, daß er auch den Gedanken der Untreue nicht in sich würde haben aufsteigen lassen, ohne mir ihn selbst zu entdecken. Und ich würde ihn wegen seiner gewissenhaften Zärtlichkeit nur desto mehr lieben, wenn ich ihn anders mehr lieben könnte.

DAMIS. Ich sage es Ihnen, wenn Sie mir nicht trauen: so gebe ich Ihnen das Herz meiner Braut wieder zurück. Ihnen bin ich's schuldig; aber ich mag nicht die größte Wohltat von Ihnen genießen und zugleich Ihr Unglück sehn.

LOTTCHEN. Sie müssen mich für sehr wankelmütig halten, wenn Sie glauben, daß ich durch bloße Beschuldigungen mich in der Liebe irren lasse. Haben Sie oder ich mehr Gelegenheit gehabt, das Herz meines Bräutigams zu kennen? Wenn Sie recht haben, warum werfen Sie ihm seine Untreue abwesend vor? Rufen Sie[438] ihn hieher. Alsdann sagen Sie mir seine Verbrechen. Er ist edler gesinnet als wir alle. Und ich will ihn nun lieben.

DAMIS. Sie haben recht. Ich will ihn selbst suchen.


Quelle:
Christian Fürchtegott Gellert: Werke, Band 1, Frankfurt a.M. 1979, S. 437-439.
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