10. Auf H. Cristof Lindners\ vom Salzbrunnen seinen Namenstag

[661] Ich kann nicht wie ich wil. Apollo zürnt mit mir

Vnd sieht mich sawer an, so daß ich heute dir,[661]

Wie schuldig ich auch bin, nichts Artiges kan singen.

Die Saiten sind zu schlaff. Die Leyer wil nicht klingen.

Es ist mir ganz verstimmt. Kein Wirbel wil nicht stehn;

Der Sinnen Uhrwerk stockt, vnd wil nicht richtig gehn.

Des Geistes Flug wird Bley, kann nicht bergan mehr steigen.

So muß ich deinen Tag mit lauter Stilleschweigen

Vnd nichts nicht thun begehen. So pflegt es mir zu gehn;

Denn, wenn zuweilen ich am besten soll bestehn,

Da wil es ganz nicht fort. Nichts meld ich von dem Kränken,

Daß ich dich nicht, wie Brauch, mit etwas soll beschenken,

Das deiner würdig ist. Es mangelt nichts als That;

An Wündschen bin ich reich, vnd habe Vorrat satt.

Doch denk' ich, wenn ich dir dasjenige nur gebe,

So viel mein Reichthumb trägt, von dem ich selbst auch lebe,

So sey es alles gut, nimst du den Willen an,

So hat diß mein Präsent das Seine wol gethan,

Bey mir vnd auch bey dir, was nützt es, daß ichs sage,

Daß ich das Höchste noch in meinem Herzen trage?


Quelle:
Paul Fleming: Deutsche Gedichte, Band 1 und 2, Stuttgart 1865, S. 661-662.
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