Die letzte Rose von Charlottenhof.

[409] Zwei Jahre fast sind verschwunden seit der Einnahme Sebastopols, – Frieden sind geschlossen, neue Bündnisse erregen die Welt, der Osten stürzt sich mit Gewalt in die Cultur des Westen und reißt die fest gebauten Schranken zweier Jahrhunderte nieder.

Die Dynastie der Napoleoniden ist legitimirt durch Visiten und Gegenvisiten, es hat ein Heer von Sternen geregnet – Frankreich hat seinen Sohn – und der Hat-Humayum hat Alles beim Alten gelassen! Unter der Asche Italiens lodert die Revolution und am Ganges zieht das Gericht der Vergeltung herauf für die prahlerischen Wucherer mit dem Blute der Völker.

Was ist anders? – Ein großes Herz fehlt in den Reihen der Gesalbten und viermalhunderttausend ordinaire Menschen deckt die orientalische Erde!!! – – –

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Die sonntäglichen Extrazüge haben Tausende müßiger, vergnügungslustiger Berliner nach dem Paradiese von Sanssouci befördert, von dem sich der Königliche Monarch von Preußen nur den kleinen Raum der obern Terrasse mit der Sterbestätte seines großen Ahnen bewahrt. Wenn das Leben und Wohnen irgend eines Hofes der Welt öffentlich und dem Volke gehörig ist, so ist es das des Königlichen Hauses der Hohenzollern. Der König von Preußen ist ärmer, als der geringste seiner Unterthanen; denn er hat in der That kaum ein eigenes Haus.

Dieser schöne Zug von Königlichem Socialismus zeigt sich durch die ganze erhabene Familie. Fremde und Einheimische erzählen, daß der ritterliche Prinz von Preußen mit dem beau idéal eines künftigen Regenten, dem Prinzen Friedrich Wilhelm, geduldig vor der Thür von Babelsberg, ihrem herrlichen Schlosse, gewartet haben, indeß das Publikum neugierig und indifferent ihre Arbeits- und Schlafkabinette beschaute. Eben so hindert auf Sanssouci die dünne Schnur vor dem Zugang der obersten Terrasse nicht den Blick in die Häuslichkeit des mächtigen Fürsten.

Die Kunstschätze und die herrlichen Anlagen des Parks haben[410] heute nicht allein die Menge nach der zweiten Residenz des Königs gezogen. Erhabene Gäste weilen dort, – Namen, auf welche die Welt schaut, eine hohe Frau, jedem Preußen bekannt und jedem Preußenherzen theuer in ihrem Wittwenschleier, wie einst unter dem Blumenkranz des Mädchens und unter der Krone des größten Reiches der Welt; – ein Fürst, der eine halbe Erde, sein Erbe reformiren will und der Raum zu dem Versuche findet von der Weichsel bis zum chinesischen Meer, vom Nordpol bis zum Fuß des Ararat; – ein Prinz, der sich im Schlachtgewühl von Inkerman den Lorbeer geholt, den er jetzt in den Myrthenkranz der Braut schlingen will.

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Das schöne militairische Fest des Mittags, dem der ganze Hof beigewohnt, ist vorüber, die Höchsten Herrschaften haben sich einen Augenblick zurückgezogen, die Hitze hat auch das Publikum vertrieben, und nur einzelne Gruppen von Damen und Herren, meist in reichen Uniformen, bewegen sich in dem duftigen Schatten der riesigen hundertjährigen Orangen und der vergoldeten Broncelauben, während die Wasser der herrlichen Cascadenfontainen über ihre Marmorbecken niederrauschen und aus dem Meer grüner Baumgipfel der Strahl der Riesenfontaine seine Perlen in die Lüfte streut.

Auf einer der zierlichen Gitterbänke von Gußeisen sitzen zwei Damen, eine ältere mit festen aristokratisch stolzen Zügen, das Auge beweglich und doch so sicher, die Zweite jung, zierlich und elegant gebaut, zu dem hellblonden Haar und der etwas matten seinen Miene passend. Eine Dritte, imponirend durch ihren Wuchs, die Zahl der Sommer durch die blendende Toilette unmöglich zu entscheiden, wenn der Gothaer Almanach nicht zu Hülfe kommt, mit dunklem Auge die Gruppe überblitzend, stützt leicht die von der feinsten Pariser Hülle bedeckte Hand auf den Kasten des nächsten Orangenbaumes.

Vier Herren stehen im Gespräch um sie gruppirt, nur einer davon ist in Civil, die drei Andern tragen Uniform. Der Erste von ihnen ist ein hoher Offizier von hohem Alter, aber von ungebeugter martialischer cavaliermäßiger Haltung. In dem kleinen von Falten umgebenen Auge, das scharf umherblickt, liegt ein gewisser gutmüthiger Humor; er spricht langsam und gegen Männer mit dem Ausdruck Eines, der zu befehlen gewohnt ist.

Der Zweite ist ein Garde-Artillerie-Offizier in der vollen stattlichsten Mannesblüthe. Sein frisches Äußere imponirt, seine Bewegungen sind die der höchsten Gesellschaft und stellen seinen Nachbar in Schatten, der zwar von gleichem Alter und in einer glänzenden russischen Garde-Uniform, die junge breite Brust mit Orden bedeckt, doch zuweilen zeigt, daß das Feldlager und Schlachtgewühl ihm ein gewohnterer Boden, als das Parket eines glänzenden Hofes. Sein interessantes männlich schönes Gesicht ist eine Verschmelzung slavischer mit deutschen Zügen.[411]

Der Herr im schwarzen Civilfrack, auf der Brust eine Reihe von Orden, unter denen das Hohenzollernkrenz ein Herz deckt, das mit jedem Gedanken, mit Wort und That auf diese Anerkenntniß seines Königs ein Recht hatte, zeigt ein gewisses Embonpoint, jene solide Behaglichkeit geistreicher Genußmenschen. Für die letztere Eigenschaft spricht das runde kräftige Kinn, für die erstere das blaue klare und doch scharfe Auge, die rastlose Beweglichkeit dieses höfischen gemüthlichen Proteusgesichts, das bald Spott und Humor, bald sinnenden Ernst, ja tiefes Studium zeigt, ewig wechselnd im Ausdruck nach der Stimmung und dem Stoff, mit dem sich sein Geist augenblicklich beschäftigt, – den Ausdruck, dessen Vielseitigkeit auf die Leinwand zu fesseln der geniale Pinsel Adams's allein vermocht hat.

Der fortschreitende Geist der Zeit hat nicht allein die Völker, sondern auch die Höfe der Fürsten geläutert. An Stelle der Grumbkow's sind Männer wie Humboldt und Jener getreten, das schönste Zeugniß für den erhabenen Standpunkt Dessen, der ihnen das Vertrauen seiner Mußestunden zugewendet.

»Sie sind uns noch den hohen Scherz schuldig, Prinz Kraft,« sagte die sitzende Dame mit dem strengen Ausdruck, »über den unser Hofrath so viel gelacht. Mon Dieu, wäre er nicht für unsere Ohren?«

»Warum nicht, meine gnädigste Gräfin,« erwiederte der junge Offizier. »Ich überbrachte die telegraphische Depesche von Wien, welche für morgen die Ankunft Ihrer Majestät der Königin von Griechenland meldet; Seine Majestät meinten heiter scherzend: Das Hotel zum Schwarzen Adler wäre in diesem Sommer doch das besuchteste von ganz Berlin.«

»Wenn Ihre Majestät die Königin von Griechenland kommt,« bemerkte mit leichter Satyre die hohe Dame am Orangenbaum, »so werden wir Gelegenheit haben, zu erfahren, ob Ihr Herr Caraiskakis oder Grivas noch am Leben, lieber Hofrath?«

»Es ist doch recht abscheulich von Ihnen,« sagte die junge Blondine, »daß Sie das arme Marketendermädchen so grausam sterben lassen. Sie sind sonst so ein herzensguter Mann und lesen uns manchmal so liebe komische Dinge, daß ich gar nicht begreife, wie Sie so grausam sein können.«

»Also Sie haben das Buch auch gelesen, ma chère?« fragte scharf die ältere Dame, »Sie leugneten es doch neulich auf das Bestimmteste.«

Das reizende Gesichtchen der jungen Baronesse überzog sich mit Roth. »Es fielen mir neulich einzelne Hefte bei meiner Schwester in Berlin in die Hände, deren Gemahl sich dafür interessirt. Die Beschreibungen der Schlachten sind wirklich – wie soll ich sagen, recht unterhaltend, namentlich wenn man jetzt die Herren vor sich sieht, die darin mitgekämpft. Haben Sie nicht auch die militairischen Schilderungen recht pikant gefunden, Excellenz?«[412]

»Verzeihen Baroneß,« sagte der alte Feldmarschall trocken, »ich lese dergleichen Zeug's nicht. Ich begreife nicht, wie sich hier der Hofrath, seiner Zeit ein ganz verständiger Soldat, mit so nichtsnutzigem Geschreibsel befassen kann!«

Der Hofrath wehrte mit Hand und Mund. »Ich bitte Euer Excellenz und Sie meine gnädigsten Damen auf das Unterthänigste, doch endlich Akt zu nehmen von meinem Protest. Ich werde doch gewiß nicht einen solchen Verstoß begehen, ein Buch zu schreiben, in dem allerlei lebende hohe und verehrungswürdige Persönlichkeiten mit so frevelhafter Dreistigkeit behandelt sind.«

»Sie haben Recht, lieber Hofrath,« sagte die ältere Dame, »ich traue Ihnen so Etwas nicht zu, obschon Sie manchmal gewisse kleine Tücken noch immer nicht ablegen können. Nicht wahr, ma Comtesse, Sie sind auch meiner Meinung?«

Die schöne Dame am Baum klappte mit einem leichten ironischen Lächeln den Fächer zu. »Man hätte am Ende gar noch zu befürchten, selbst zur Staffage der Scenen des unbekannten Autors zu dienen!«

»Himmel! was denken Sie, meine Liebe, – eine solche Anmaßung! Ich schicke Ihnen morgen Ihr häßliches Buch durch meinen Diener zurück, Hofrath, ich mag es gar nicht zu Ende lesen; es war ohnehin unverantwortlich von dem Autor, wer der Herr auch sei, so lange mit dem Schluß uns warten zu lassen.«

»Ich traue Ihnen doch nicht, Hofrath,« sagte der Artillerie-Offizier, »die allgemeine Stimme hält Sie oder den Kabinetsrath für den geheimen Verfasser oder Faiseur, denn es ist unglaublich, daß einem der gewöhnlichen Herren von der Feder alle die Hilfsquellen und Mittel zu Gebote gestanden hätten, die offenbar zu dem Buche benutzt sind.«

»Auf meine Ehre, Durchlaucht,« betheuerte der Hofmann, »Sie thun mir Unrecht. Der Autor, wenigstens der, den ich dafür halten muß und den ich freilich das Unglück habe zu kennen, der mir aber gewiß selbst noch irgend eine Bosheit für das Gerücht spielt, war heute im Park. Ich sah ihn unter dem Publikum bei dem Fest.«

»Ei, und Sie zeigten ihn uns nicht? Sein Name?«

Der in die Enge getriebene Hofrath nannte nach einigem Sträuben, als die Hand der schönen Dame sich halb schmeichelnd halb befehlend auf seinen Arm legte, den bescheidenen Schriftsteller-Namen.

Niemand zollte ihm weitere Aufmerksamkeit, als der Russe; – mit der Gewöhnlichkeit eines Namens schwindet ja so häufig das Interesse an irgend einer bis dahin pikanten Erscheinung.

Der russische Capitain bat den Hofmann, den Namen zu wiederholen, was dieser mit seiner einschmeichelnden Gefälligkeit that. »Er wird vielleicht ein kleines Interesse für Sie haben, Herr von [413] Potemkin, weil Sie selbst ja jene blutigen Tage so ehrenvoll mit durchkämpft,« er deutete fein auf die Orden. »Ja – es ist merkwürdig, ich erinnere mich sogar, daß Ihr in Rußlands Geschichte so berühmter Name in eine Scene an der Donau, ich glaube, bei der Verwundung des Generals Schilder, verflochten ist.«

»Ich stand allerdings bei Silistria und hatte bei Inkerman die Ehre, Seiner Kaiserlichen Hoheit bekannt und deshalb zu Höchstseinem Stabe befördert zu werden. Das Buch, von dem Sie sprechen, mein Herr, ist mir jedoch unbekannt und ich fragte bloß nach dem Namen, weil er der meiner verstorbenen Mutter ist. Sie war eine Deutsche und mein Vater lernte sie in dem Feldzuge von 1813 kennen.«

»Ihre gnädige Frau Mutter hat vielleicht Verwandte bei uns?«

»Ich weiß es nicht – meine Mutter starb sehr jung – man sagte mir später, am Heimweh. Ich habe nie den meinen Verwandten gehört und mein Kriegerleben von Jugend auf hat mich auch gehindert, danach zu forschen.«

Die Gesellschaft erhob sich, denn es zeigte sich eine Bewegung am mittlern Pavillon und aus den Laubgängen von der Seite der berühmten Mühle von Sanssouci her kam, von hohen Militairs gefolgt, ein majestätisch stattlicher Offizier in der Uniform eines preußischen Ulanen-Regiments. Der Feldmarschall ging ihm sogleich ehrerbietig entgegen.

»Bitte, bester Hofrath,« flüsterte im Vorübergehen die junge blasse Baronesse dem Civilisten zu, »fragen Sie doch den Herrn, was aus der Gräfin Iwanowna geworden und ob sie sich wirklich noch bekommen haben?«

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In der schattigen Allee, nahe der prächtigen und künstlerisch sinnigen Idylle, mit deren Namen ein mächtiger Fürst das Andenken seiner erhabenen Schwester feierte, und die in früheren Zeiten, als der unvergeßliche, heilig verehrte Vater noch die Krone trug, sein Lieblingsaufenthalt war, gingen zwei Männer spazieren, von einem blonden kräftigen Knaben gefolgt.

Wir sind ihnen früher begegnet – auf der Rennbahn bei Berlin, dem Journalisten mit dem losen Mund und seinem Freund, dem Arzt, der damals nach Sebastopol ging. Er ist zurückgekommen aus den südlichen Steppen des russischen Kaiserreichs, wo er nach dem Fall von Sebastopol sich eine Existenz gegründet hat, um noch ein Mal die hochbetagte Mutter zu sehen und die Freundin, die treulich auf ihn, den längst in Rußland Verheiratheten in stiller unerkannter Liebe gehofft.

»Sagen Sie mir, lieber Freund,« fragte der Doctor, »was ist aus der vornehmen schönen Dame geworden, der wir damals zufällig Gelegenheit hatten, einen kleinen Dienst zu erweisen? – Besuchen Sie noch ihr Haus, wohin der Herr Gemahl Sie eingeladen?«[414]

»Der Graf ist vor etwa zwei Jahren gestorben und hat sie als reiche Frau hinterlassen. Die Gräfin hat jedoch vorgezogen, die erneuerten Bewerbungen des früheren Verehrers zurückzuweisen, und statt am Cap der guten Hoffnung sich unter den Kaffern und Buschmännern anzusiedeln, mit – einem hübschen an Kindesstatt adoptirten Mädchen auf eines ihrer Güter in Schlesien zurückzuziehen. Doch bei der Erwähnung fällt mir ein, daß Sie ja damals auch mit einer der Persönlichkeiten bekannt wurden, denen man später den gemeinen Verrath der von untreuen Dienern erkauften russischen Depeschen an Frankreich und England schuld gab.«

»Wen meinen Sie?«

»Den Mann, der das Geheimniß der armen Frau von jenem abscheulichen Weibe erfahren wollte und leider auch wirklich später durch einen unglücklichen Zufall erfahren hat. Er sog sich wie ein Blutigel an dem Erlauschten fest und erst der Tod ihres Gemahls befreite die Gräfin von seinen Erpressungen.«

»Es erfolgten ja damals wohl verschiedene Verurtheilungen?«

»Das Sprüchwort von den kleinen und großen Dieben hat sich nur theilweise bewahrheitet. Es schwebt immer noch ein gewissen Geheimniß über der Sache, das die eben verbreitete Nachricht eines Berliner Blattes von der Anstellung einer der Hauptpersonen keineswegs geeignet ist, aufzuklären. Ein Opfer ist freilich der Justiz gefallen. Wenn man, wie Andere, aus aller Zeit dreitausend Thaler Antheil an gewissen Versicherungsgesellschaften bezieht, kann man wenigstens den Folgen Trotz bieten. Die Polizeiakten einer nordischen Provinzial-Residenz sollen darüber interessante Daten liefern.«

»Lassen Sie mich etwas Anderes fragen. Wollen Sie denn Ihr Buch nicht beenden? So viele der lebendigen Figuren, an denen der Leser reges Interesse genommen, sind ohne Abschluß geblieben.«

Der Journalist lächelte spöttisch, indem er dem Knaben, der neben ihn getreten, das blonde Haar aus der Stirn strich. »Warum denn Alles immer erschöpfen bis auf die Hefe der Alltäglichkeit? Sind wir nicht schon Philister genug? Soll ich ihnen etwa erzählen, daß der deutsche Demokrat und seine schwarze Gattin von Mariam's Todesgeschenk glücklich und zufrieden unter dem Schutz der despotischen Herrschaft des Doppeladlers in Odessa leben, die schwarze Frau ihrer Liebe und er in weitem Wirkungskreise geehrt und gesucht? – Sie selbst sind dem Paar ja dort begegnet und wissen, daß er das beste Theil erwählt; denn mit der Mohrin am Arm wäre in den Berliner Straßen ihm die löbliche Gassenjugend nachgelaufen und hätte Pietsch gespielt!«

»Aber Méricourt? Iwanowna?«

»Auf den hohen Bergebenen des freien Daghestan soll ein Haus stehen, halb Palanka, halb Villa, das der Gattin Djemaladin's gehört, des verschollenen Tscherkessenprinzen, die er sich geholt[415] in sternenloser Nacht am Ufer des Kuban. Dort wohnt ein fremder Krieger mit seinem Weibe, – sie Beide haben Namen und Glanz aufgegeben und mit der Vergangenheit gebrochen; er schwingt den Säbel nicht mehr für Ehre und Fürstengunst, sondern nur, wenn die Gefahr es heischt, für die heiligen Nationalrechte eines freien Volkes; sie vergißt im Arm der Freundschaft und Liebe den undankbaren Fluch eines Bruders. Ob es Méricourt, ob Iwanowna, das Paar, von dem ich hörte – ich weiß es nicht! Was kümmern mich die Briefe an Herrn Nöhring, meinen Verleger, die nach ihrem Schicksal fragen. Wollen Sie die Badeliste von Kissingen lesen, – Sie finden vielleicht Fürst Iwan darin. Durch die französischen und deutschen Blätter lief schon im vergangenen Winter die artige Anecdote von dem Zuaven-Sergeanten, der ein Kind in den Trümmern von Sebastopol unverletzt in den Armen einer blutbedeckten, anscheinend todten Frau fand und mit sich nahm. Eine trauernde Dame – so lautet die Geschichte der Zeitungen – steigt eines Tages, nachdem die Presse viel von dem kleinen Regimentsknäblein der Zuaven erzählt hat, in Begleitung von Freunden an der Kaserne der Rue de la Pépinière ab; sie fragt nach dem Sergeanten B ......, man sagt ihr, der Herr Lieutenant wohne in der Nachbarschaft. Die Besucher begeben sich dahin. Als die junge Frau in das bescheidene Zimmer des Offiziers tritt, sinkt sie ohnmächtig auf einen Stuhl; sie hat das Kind, das sie zu Sebastopol verlor, spielend am Boden erkannt. Lieutenant B. erzählt einfach, was er gethan, und indem er die älteren Rechte ehrt, bittet er nur um die Erlaubniß, den Kleinen von Zeit zu Zeit umarmen zu dürfen. Der Bericht fügt bei, daß der Knabe im Hôtel der schönen russischen Dame mit dem französischen Namen bald Vater und Mutter haben würde. Sind Sie nun befriedigt?«

»Aber – – –«

»Kein ›Aber‹, Freund, ich habe genug schon gegen das eigene Gefühl gesündigt. Da blicken Sie hin, ein Stück Geschichte aus der Gegenwart, das interessanter ist, als jede Romanfigur. Die Mütze ab, mein Junge, hier kommen Die, vor denen sie jeder Preuße zieht.«

Equipagen, gallonirte Vorreiter voran, die prächtigen Rappen des Trakehner Gestüts biegen in die Allee und halten vor dem Eingang von Charlottenhof. Ehrerbietig ziehen sich die Zuschauer in die Umgebung des berühmten Rosengartens der Villa zurück. Der prächtige Blumenflor ist zwar längst vorbei, die Hitze des Sommers hatte die Blätter vor ihrer Zeit verdorrt, die Winde haben den Rest zerstreut in die Lüfte und blüthenleer stehen die mit seltener Kunst gezogenen und gepflegten Stämme.

Nur an einem Zweig noch blüht in sich entfaltender Pracht eine dunkle Granatrose, gleich einem schimmernden Blutfleck auf dem grünen Gewand der Blätter. Herrlich ist ihr Kelch aufgethan, süß der Duft, der ihr entströmt.[416]

In ehrerbietiger Ferne halten sich die wenigen zufällig Anwesenden, als die hohe Gesellschaft aus dem grünen Rondeel der prächtigen Villa tretend, den leeren Rosengarten durchwandelt. Eine Dame, in einen Schleier gehüllt, die Farben ihrer Robe blau und weiß, wird von einem jungen stattlichen Offizier geführt; der hohe Mann, den auf der Terrasse der Feldmarschall begrüßte, geht an ihrer andern Seite, mit einer still freundlichen Dame sich unterhaltend, die jenen höchsten Ruhm des Frauenhaften selbst auf einem Throne genießt, daß nur bei Werken des Segens von ihr gesprochen wird. Ein ältlicher, etwas starker Herr von etwa 60 Jahren, in einfacher Uniform, promenirt, mit einem jungen reizenden Mädchen plaudernd, voraus. Seine Stirn ist hoch, das runde offene Gesicht voll Seelengüte und Würde, die von der Kurzsichtigkeit und dem Bedürfniß, sich eines Glases zu bedienen, häufig zwinkernden Augen leuchten Humor und Geist. Der Herr bleibt vor der Rose stehen und betrachtet sie durch das Glas. »Ah magnifique! Sehen Sie einmal, schöne Nichte, ist das nicht deliciös? Noch so spät und so süperbe Entfaltung!« Er verweilt einen Augenblick, während der hohe Kreis weiter schreitet. Sein Auge fällt auf eine Gruppe, die in einem Seitengang des Gartens steht – ein hoher, alter und ehrwürdig aussehender Mann von feiner aristokratischer Haltung, an seiner Hand ein junges reizendes Mädchen, und neben ihnen ein schlichter, einfacher Arbeiter in kräftigen Mannesjahren, mit einer offenen Blouse und einem grauen Hut bekleidet, den er jetzt in der Hand trägt und der um einer preußischen Kokarde geschmückt ist, obschon der Mann etwas Fremdes in seinem Äußern zeigt.

Die kleine Gesellschaft ist schon früher dem Arzt und Journalisten aufgefallen, wie sie jetzt dem hohen Herrn am Rosenbaum auffällt. Er winkt ihr, näher zu treten, und der alte Mann, die Hand des Mädchens fassend, gefolgt von dem Handwerker, naht sich mit ehrerbietigen, von der feinsten Tournüre zeigenden Verbeugungen.

»Wer sind Sie? – Sind Sie fremd hier?«

»Sire! ich nenne mich Creuxdeven! und komme aus – aus dem neuen Canton Neuenburg, Sie noch ein Mal zu sehen, ehe ich mein Haupt niederlege auf die Erde meiner und Ihrer Väter.«

Der hohe Herr scheint betroffen von der Auskunft, die er erhalten. Auf seinem Antlitz zeigt sich eine schmerzliche tiefe Bewegung. Er sucht sie mit Gewalt zurückzudrängen.

»Ist dies Ihre Tochter, Herr Graf?«

»Mein einziges Kind, Sire, ihre Mutter war aus der Familie Gélieu. Hätte Gott meine Ehe mit Söhnen gesegnet, Sire, so würden diese Sie um eine neue Heimath gebeten haben. Ich bin zu alt, um die gewohnte noch zu verlassen. Diesen Mann hier, den Milchbruder meiner Tochter, den Montagnard mit preußischem[417] Herzen, begleiten wir auf dem Weg nach Schlesien, wo er sich anzusiedeln gedenkt.«

Wiederum zuckt es schwer und trübe über das Antlitz des hohen Herrn. Seine Hand bricht unwillkürlich achtlos, wie krampfend vom innern Schmerz, die Rose von dem Strauch an seiner Seite. –

»Sire!« sagt der Greis, »leben Sie wohl! Möge Gott Sie und Ihr hohes Haus segnen, unser Herz bleibt das Ihre, auch wenn Ihr Premier nicht den preußischen Friedrichsd'or für den neuenburger Groschen wagen wollte!«

»Schweigen Sie, Herr Graf!«

Der Greis beugt sich auf seine Hand und küßt sie. In die Augen des hohen Herrn steigt es trübe empor – ein Tropfen – ein kostbares heiliges Naß fällt auf die Rose in seiner Linken; dann reicht er sie dem jungen Mädchen und mit den Worten: »Nehmen Sie, mein gnädiges Fräulein – zum Andenken, und bewahren Sie Alle das meine – wie ich –« wendet er sich hastig ab und schreitet sichtlich bewegt seiner hohen Gesellschaft zu.

Der majestätische Offizier in der Ulanen-Uniform tritt ihm entgegen mit einem Blick nach jener Gruppe: »Immer freundlich und huldreich gegen die Damen, mein Oheim?!«

Ein schweres trübes Lächeln liegt um den Mund des Herrn, als er den ernsten Blick zuerst auf der hohen Dame in Weiß und Blau ruhen läßt und ihn dann auf den Fragenden wendet: »Verzeihung, mon neveu, daß ich Sie warten ließ. Ich tauschte eben die letzte Rose von Charlottenhof für das Vergißmeinnicht von Sebastopol!«


Ende.[418]

Quelle:
Herrmann Goedsche (unter dem Pseudonym Sir John Retcliffe): Sebastopol. 4 Bände, Band 4, Berlin 1856, S. 409-419.
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