[79] 24/6683.
[Concept.]
Nicht die Verordnung der Ärzte mich einige Tage zu Hause zu pflegen hält mich ab Ew. Durchl. heute schuldigst aufzuwarten, sondern die Sorge daß ich an einem öffentlich festlichen Tage, in Gegenwart mehrerer Menschen, die schickliche Fassung nicht finden möchte um meinen gebührenden Dank ohne scheinbare Übertreibung abzustatten. Sie lassen mich nach einem traurigen und schreckenvollen Jahre in ein neues eintreten wo ich in meiner nächsten Umgebung nichts als Gutes und Hoffnungsvollen erblicke und also auch wohl für das Enrferntere das Beste hoffen darf, wo Ew. Durchl. Wirksamkeit mein vorzüglichstes Augenmerk und ein vollkommenes Gelingen Höchst Ihro Bemühungen mein eifrigster Wunsch bleiben wird.
So seltene Gaben wie Sie meinem Sohne zu verleihen geruhen, ausspenden zu können, gehören Übersicht, Gewalt und Wohlwollen in einer Person vereinigt und da ein günstiges Geschick Sie damit ausgestattet hat; so darf ich mich glücklich preisen daß Sie solche mir und den Meinigen besonders zuwenden wollen.
Sie geben meinem Sohne Gelegenheit sich nach zwey Seiten hin auszubilden, in Tagen wo niemand[80] mehr einseitig bleiben darf: denn wenn man voraussehen kann daß Deutschland so bald nicht wieder sich eines bürgerlichen Friedens erfreuen werde; so darf es sich vielleicht mehr als jemals eines gewaffneten Friedens getrösten.
Um so nöthiger ist es daß sich ein jeder vorübe und sich, selbst in dem städtischen und höfischen Zustande, dergestalt vorbereite daß er in keine fremde Region geräth, wenn er in's Feld gefordert wird. Die ehrenvolle und auslangende Gelegenheit, welche Ew. Durchl. meinem Sohne hierzu bereiten, ist mir in ihrem ganzen Umfange deutlich und schätzenswerth. Es fehlt im weder an Zeit noch Kräften, noch an bestrebsamen Willen sich den anvertrauten und angedeuteten Pflichten gleichzustellen und durch den Beyfall seiner Vorgesetzten Ew. Durchl. sich auch in der Abwesenheit zu empfehlen. Mögen Höchstdieselben glücklich zurückkehren um ihre Kräfte, Gaben und Thätigkeit einem erneuten Innern, zu unserm und der Nachkommen Heil und Freude noch bis in die spätesten Zeiten ununterbrochen zu widmen.
Weimar d. 1. Januar 1814.
24/6684.
Ew. Wohlgeboren
erhalten mit Dank die mitgetheilten Briefe ich wünsche nichts mehr als Ihnen bald in Jena meinen Antheil [81] an Ihrer Person und an unsern Geschäften bezeugen zu können.
Weimar d. 2. Jan. 1814.
Goethe.
24/6685.
Zum neuen Jahr will ich dir nur mit wenig Worten ausdrücklich Glück wünschen, da du es weißt, daß ich es gewiß im Stillen thue. Ein artiges Gedicht, das man mir zugewendet, lege ich bey. Ich bin neugierig, ob du, aus dem Addreßkalender, den Namen herausfinden wirst, welcher ein – c – in der Mitte des Namens hat, ohne daß ein ch oder ck darunter verborgen läge. Riemern selbst, dem großen Wortkünstler, ist es nicht gelungen. Lebe recht wohl und grüße die Freunde und die lieben Deinigen.
Weimar d. 2. Jan. 1814.
Goethe.
24/6686.
Ew. Wohlgeb.
Haben mir, bey der Neuenjahres-Feyer, ein so ernstes als anmuthiges Gedicht zugewendet, wofür ich zum allerschönsten danke. In böser Zeit sind beständige Freunde höchst schätzbar und ihre geprüfte Neigung erhält, bey wiedererscheinenden guten Tagen, doppelten [82] Werth. Lassen Sie uns verbunden dem Nächstkommenden getrost entgegengehen.
W. den 2. Jan. 1814.
Goethe.
24/6687.
Ew. Excell.
Erlauben mir nur mit wenigem zu versichern daß mir, durch die Einleituug der Sache die mir so sehr am Herzen lag, eine sehr frohe Aussicht für's neue Jahr eröffnet worden. Da man gegenwärtig ins Allgemeine nicht hinsehen darf; so blicke ich nur aufs Nächste und da bleibt mir kein Wunsch als Ew. Excell. Wohlbefinden, das Übrige wird sich leisten und tragen lassen.
W. d. 2. Jan. 1814.
Goethe.
24/6688.
[Concept.]
Vormals war es eine löbliche Sitte daß man Gönnern und Freunden sich bey'm Jahreswechsel empfahl, als sie aber zur hohlen Gewohnheit ausartete wurde sie gewaltsam auf einmal abgeschafft; nun finde ich daß man gegenwärtig alle Ursache hat sie im ältesten Sinne wiederherzustellen, weil man, [83] durch eine solche Epoche, genöthigt wird die Dauer seiner Gesinnungen auszusprechen, womit man gegen Freunde das Jahr über gewöhnlich zaudert.
Und so lassen Sie mich Ihnen für dießmal sagen daß es mir in meiner nächsten Umgebung sehr glücklich geht, so daß ich sehr ungenügsam seyn müßte, wenn ich nicht das allgemeine Unheil, aus welchem unser Heil entspringen soll, muthig und gelassen ertrüge.
Sagen Sie mir das Gleiche von sich und den lieben Ihrigen und es soll mein Wohlbefinden erhöhen. Grüßen Sie den Herrn Professor Schweigger, und danken ihm für die fortgesetzte Sendung seines interessanten Journals, vorzüglich aber wünschte ich zu hören daß Sie Muße und Glück gehabt Ihre Untersuchungen fortzusetzen.
Von mir kann ich seit vier Monaten wenig rühmen. Wäre der dritte Band meines biographischen Werkleins nicht diesen Sommer redigirt gewesen, so wäre er schwerlich zu Stande gekommen, so aber bedurfte es nur einer treuen Revision, welche der im Echten und Guten immer wachsende Riemer bey'm Abdruck gar freundlich übernommen hat. Wir sind an dem letzten Bogen; wann das Werklein ausgegeben wird weiß ich selbst nicht zu sagen.
Lassen Sie uns in der nächsten Zeit wenigstens alle Vierteljahre etwas von einander hören. Da so vieles zerreißt, so ist es nöthig daß man die freundschaftlichen Knoten, deren man im Geiste gewiß ist, [84] auch mit Worten, es sey schriftlich oder mündlich, immer fester knüpfte. Mit den aufrichtigsten Wünschen.
Weimar d. 3. Jan. 1814.
Meine Frau und die Schreiberinn grüßen, diese ist mir übrig blieben, mir mit der Feder beyzustehen, da meine ganze Canzley das Schwert ergriffen hat. Der Ihrige wie immer.
Goethe.
24/6689.
[Concept.]
[3. Januar 1814.]
Vormals war es eine löbliche Sitte daß man Gönnern und Freunden sich bey'm Jahreswechsel empfahl, als sie aber zur hohlen Gewohnheit ausartete, wurde sie gewaltsam auf einmal abgeschafft; nun finde ich daß man gegenwärtig alle Ursache hat sie im ältesten Sinne wiederherzustellen, weil man, durch eine solche Epoche, genöthigt wird die Dauer seiner Gesinnungen auszusprechen, womit man gegen Freunde das Jahr über gewöhnlich zaudert.
Ich danke daher zum verbindlichsten für den freundlichen Brief, durch den Sie mich berechtigen, auch an Sie ein Blatt zu senden, in der Hoffnung daß Ihr Herr Gemahl glücklich bey Ihnen angelangt seyn werde, und in dem Kreise der Seinigen den [85] schönsten Lohn empfange, für so manche leibliche und geistige Unbilden die er vergangenes Jahr erdulden mußte. Lassen Sie uns das Innere dergestalt auferbauen und erhalten daß wir unsere zurückkehrenden Freunde dereinst recht behaglich bewillkommen und erquicken können.
Mögen Sie mir von dem was Sie vorhaben oder vollenden Kenntniß geben; so bleiben Sie dabey jederzeit meiner aufrichtigsten Theilnahme versichert.
24/6690.
Mögen Sie, mein lieber Professor, beyliegende Gedichte nach Muster des gleichfalls von Ihrer Hand beyliegenden, nach Maaßgabe der Länge entweder einblättrig oder zweyblättrig abschreiben; so werden wir unsere Redaction dadurch sehr befördert sehen. Da Sie den heutigen Abend wohl für sich zu thun haben, ich aber die morgende ganze Zeit versagt bin, so wäre es hübsch wenn Sie sich einrichteten daß wir Mittwoch abends eine recht ernstliche Session halten könnten. Das übrige Beykommende wünsche glücklich und vergnügt zu verzehren und zu verschreiben.
Weimar den 3. Januar 1814.
G.
[86] 24/6691.
Als Gegenvisite Ihrer gestrigen freundlichen Erscheinung sende ein artiges Neujahrsgedicht. Rathen Sie wohl den Nahmen?
– c –
Ein c in der Mitte, ohne daß es auf ck oder ch deute? Hat der Salat ohne Essig und Öl den kleinen Freunden gut geschmeckt?
d. 3. Jan. 1814.
G.
24/6692.
In Beantwortung deines lieben Schreibens erwidere ich nur eilig so viel, daß Durchlaucht der Herzog Sonnabend den 8. abreist, und daß du also zu eilen hast, wenn du ihn noch sprechen willst. Auf alle Fälle kommst du in eine stürmische Epoche, wo die Bedürfnisse der Einzelnen verschwinden und ihre Wünsche verhallen. Die deinigen, so bescheiden sie sind, lassen sich vielleicht im Augenblick nicht erfüllen. Ich weiß, was es für Regoziationen und für Zeit kostete, um zwey wohlempfohlenen jungen Leuten in sächsischen Regimentern die letzten Stellen zu verschaffen. Ich sage dieß voraus, damit ein ungünstiger Erfolg vorbereitet und ein günstiger desto erfreulicher sey. Auf alle Fälle mußt du dich und deinen Sohn [87] darstellen, und man weiß nicht, was in solchen bedeutenden Momenten sich Glückliches ereignen kann. Du steigst bey uns ab, für zwey Personen ist gebettet. Möchten wir dich gesund wiedersehen und froh entlassen!
Weimar den 4. Jan. 1814.
Goethe.
24/6693.
Weimar den 4. Januar. 1814.
Beykommendes war, zu sehr unruhiger Zeit, gesiegelt, als ein Blick auf den Schluß Ihres Blattes mir den Namen einer sehr werthen Freundin vergegenwärtigte, und nun muß ich eine sehr wunderliche Geschichte erzählen. Das prächtige Werk, welches uns der Erzherzogin Christine Grabmal, in Kupfern und Gedichten so würdig darstellt, fand ich am Herbst nach Hause zurückkehrend; nachdem ich mich daran ergetzt übergab ich es den Freunden, und so machte es die Runde, bis es jetzt erst in meine Hände zurückkommt, und nun entdecke ich erst zwischen den vorderen Blättern das beygefügte liebe Schreiben. Dergleichen Übereilungen und Unvorsichtigkeiten begegnen mir mehrere, von denen ich mich zu reinigen glaube wenn ich sie aufrichtig bekenne. Lassen Sie aus Ihrem Munde diese Entschuldigung und einen vorläuftigen Dank recht wirksam seyn.
G.
[88] 24/6694.
Zu dem allgemeinen Wunsche daß das gegenwärtige Jahr Ew. Hochwohlgeboren und uns wo möglich Freude bringen möge, fügt sich noch der besondere Wunsch daß mir darin das Glück Ihrer persönlichen Bekanntschaft beschert sey. Ich beneide meinen Sohn daß er dessen vor mir theilhaftig wird; nehmen Sie ihn gütig auf und beleben Sie seine Lust zu den herrlichen Naturwissenschaften.
Dem Taschenbuche sehe ich mit Verlangen entgegen; vielleicht finde ich mich im Stande zu dem nächsten etwas mitzutheilen, wenn ich es über mich gewinnen kann meine Gedanken über die Zinnformation, auch nur skizzenweise, auszusprechen. Wenn die Sendung aus Spanien glücklich anlangt, so gedenken Sie mein, vielleicht findet sich etwas darunter das die peruanische Zinnformation aufklärt. Von dem dortigen Tropfzinne habe ich zwar nur kleine aber zur Vergleichung mit dem englischen interessante Körner bekommen. Director Sonnenschmidt, gegenwärtig in Ilmenau, besitzt deren, in einer wundersamen, mir unerklärlichen Anhäusung, und außer diesen einen fingerlangen und proportionirt starken Zapfen eben dieses Minerals von dorther.
So viel für dießmal, mich gehorsamst empfehlend
Weimar, den 5. Jan. 1814.
Goethe.
[89] 24/6695.
Die lustige Gegend um Frankfurt am Mayn empfielt zu gnädigem Wohlgefallen, Sich selbst aber zu fortdauerndem Wohlwollen ein wiedergebohrner freyer Reichsbürger.
d. 6. Jan. 1814.
24/6696.
[Concept.]
Dieses Jahr soll keine großen Sprünge machen ohne daß ich dir, mein verehrtester Freund, rechtr lebhaft und treulich danke für alles Gute das mir im vorigen Jahre, unmittelbar oder mittelbar, von dir zugeflossen ist.
Auch der vergangenen Zeiten habe ich alle Ursachen zu gedenken, da ich deinen schätzbaren Aufsatz, über unser erstes Zusammentreffen in Ilmenau, zu meiner Belehrung und zu Belebung der Selbstkenntniß, so eben wieder studirt habe.
Ich bewundere, verehre und liebe die, bey so schöner Einsicht, vorwaltende Neigung und Schonung, den Glauben daß, durch seltsame Mittel, edle ja große Zwecke erreicht werden können, die Vermuthung daß hinter jugendlicher, leidenschaftlicher Trübe, nicht allein guter Wille, sondern auch gute Absichten verhüllt [90] ruhen können. Also auch wiederholen Dank dafür, und für die schöne Tischplatte als ein Zeugniß gemeinsamen Forschens, Wanderns und Unternehmens.
Auch hab ich in diesen Tagen Charpentiers mineralogische Geographie wieder durchstudirt und erfreue mich um so mehr dessen, was du mir von den westlichen Zinnwerken zu verschaffen denkst. Es bedarf keiner Schaustufen, jedes Gestein von der Halde, welches die Stellen obgenannten Buches belegt, soll mir willkommen seyn. Die Kiste von Altenberg hätte ich wohl, bey'm seligen Hintritt des Franzosen, zu erben gewünscht.
Die herrlichen Kupferlasur-Kugeln geben viel zu denken. Daß in irgend einer Flüssigkeit sich Crystalle bilden sind wir gewohnt, daß aber ein ziemlich festes Gestein als Medium dienen könne, in welchem sich gleichfalls Crystallisationen entwickeln, ausbreiten, das Gestein verdrängen, sich an dessen Stelle setzen, das will uns nicht zu Sinne. Und doch habe ich hiezu einen auffallenden Übergang entdeckt. In der Champagne nämlich erzeugt sich im Humus, in der Ackererde, Schwefelkies in Kugelform und derselben sich annähernden Gestalten. Auch dieser Schwefelkies hat nirgends angesessen, ist rund herum frey crystallisirt. Ich habe, in jener unglücklichen Campagne, Zeit genug gehabt sein Vorkommen zu untersuchen und bin überzeugt daß er da entspringt wo [91] er ausgeackert wird. Exemplare kann ich auf Verlangen mittheilen.
Thut man nun einen Schritt weiter, so gelangt man zu dem Sandstein von [Chessy] wo die Kupferlasur, mit mehr Gewalt und schwerer zu begreifendem Wirken, eben dieselben Rechte ausübt, welche sich dort das Eisen anmaßt.
Unsere Chemiker fahren fort die wunderlichsten Dinge zu entdecken, und deine Weissagungen bestärken sich immer mehr. – Da ich von Weissagungen rede, so muß ich bemerken, daß zu unserer Zeit Dinge geschehen, welche man keinem Propheten auszusprechen erlaubt hätte. Wer dürfte wohl vor einigen Jahren verkünden, daß in dem Hörsaale unseres protestantischen Gysmnasiums mahometanischer Gottesdienst werde gehalten und die Suren des Corans würden hergemurmelt werden, und doch ist es geschehen, wir haben der baschkirischen Andacht beygewohnt, ihren Mulla geschaut, und ihren Prinzen im Theater bewillkommt.
Aus besonderer Gunst hat man mir Bogen und Pfeile verehrt, die ich, zu ewigem Andenken, über meinem Kamin, aufhängen werde, sobald Gott diesen lieben Gästen eine glückliche Rückkehr bestimmt hat.
Wir haben diese Tage her nicht sowohl in Unruhe, als in großer Bewegung gelebt. Unser gnädigster Herr begiebt sich zu seinen Herrhausen, welche schon bis Cassel vorangerückt sind. Da wir den [92] Kriegszustand gegenwärtig für den natürlichen und wünschenswerthen halten müssen, so entschlagen wir uns aller Sorgen, um frohen Muthes einen glücklichen Erfolgt zu genießen. Auch mein Sohn wird, nicht dem Kalbfell, wohl aber dem Hüfthorn folgen. Diana war im Frieden und Krieg immer die Schutzgöttin der Weimaraner.
Vom leidigen Nervenfieber würde ich nicht sprechen, wenn es mir nicht zur Entschuldigung dienen müßte daß mein dritter Band, wer weiß wie lange noch, ausbleibt. Jenes zudringliche Ungeheuer scheut sich nicht einmal vor den Buchdruckerpressen, und bedenkt nicht daß sie so eben wieder frey geworden sind und ihm, nach Belieben dick und dünn, die Wahrheit sagen können.
Laß mich, mein Lieber, bald von dir hören. Man bedient sich als Symbol der Ewigkeit der Schlange, die sich in einen Reif abschließt, ich betrachte dieß hingegen gern als Gleichniß einer glücklichen Zeitlichkeit. Was kann der Mensch mehr wünschen, als daß ihm erlaubt sey das Ende an den Anfang anzuschließen, als durch die Dauer der Zuneigung, des Vertrauens, der Liebe, der Freundschaft.
Meine kleine Haushaltung grüßt dich. Meine Frau und die Schreiberin wünschen dich kennen zu lernen, besonders letztere, welche den Mann gern sehen möchte, dem ich mitunter so possirliche Sachen schreibe. [93] Laß mich bald wissen, daß du dich mit den Deinigen recht wohl befindest.
Weimar den 5. Jan. 1814.
Wenn ich diese Blätter mit rother Tinte corrigirt zu dir sende, so ist auch dieß ein Zeichen der Zeit. Unsere jungen Herren finden nichts bequemer als hinaus zu marschiren, um anderen ehrlichen Leuten eben so beschwerlich zu seyn als man uns gewesen, und das ist ein sehr lockender Beruf, da man noch nebenher für einen ausgemachten Patrioten gilt. Uns Übersechzigern aber bleibt nichts übrig als den Frauen schön zu thun, damit sie nicht gar verzweifeln. Wie wollen wir das nur anfangen? mit den bejahrten spiele ich Karte, und die jüngeren lehre ich irgend etwas. Vivat sequens. Gott erhalte deinen Humor! Ich habe keine weitere Ambition als daß man zu mir sagen möge:
You are the merriest undone Man in Europe.
W. d. 7. Jan. 1814.
24/6697.
Um dich, mein lieber Freund, in deinem Vorsatz zu bestärken, damit du dich ja mit unterirdischen Sachen abgebest, da uns die irdischen dießmal sehr unbequem sind, so sende ich einen Actenfascikel, und [94] zu leichterer Benutzung desselben hier eine kleine Einleitung.
a) Beschreibung der Carlsbader Sammlung. Kann überschlagen werden.
b) Karte des Leitmeritzer Kreises, mit geologischen Bemerkungen und Zeichen, doch nicht ausfürlich.
c) Notiz von den Gebirgsarten desselben Kreises.
d) Relation von meinen ersten Tagen des April und May in Töplitz.
1 bis 4 Ausfürlichere Notiz von den Gebirgs-Arten des Leitmeritzer Kreises. Wichtig.
5 und 6 Verzeichnisse eingepackter Mineralien.
7 bis 19 Reise nach Zinnwalde und Altenberg.
Der bedeutendste Aufsatz des Heftes, welchen ich empfehlen kann.
20 bis 27 Verzeichnisse und Notizen.
27a-f Notizen über die Zinnformation.
28 bis 30 Schema zu einem Aufsatz darüber.
31 bis 34 Anfang des ausgeführten Aufsatzes.
Magst du nun diese Acten mit Aufmerksamkeit studiren, besonders aber die Reise, von Zinnwalde bis Altenberg, mit den letzten Blättern zusammenhalten; so wirst du gewiß, wenn du meine Sammlung ansiehst, derselben noch mehr Belehrendes uns Erfreuliches abgewinnen.
Weimar den 7. Jan. 1814.
G.
[95] 24/6698.
Ew. Wohlgeboren erhalten hierbey nach der mir gegebenen Erlaubniß die bewußte Kupferplatte mit Bitte, solche abdrucken zu lassen; die dazu gehörige Beschreibung wird ehestens folgen. Eine Anzahl einzelner Exemplare mit Kupferabdrücken erbitte mir wie das vorige Mal, sowie die Berechnung.
Die Recension des Birkenstockischen Werkes hat mir sehr viel Vergnügen gemacht. Dürfte ich Sie um einen Abdruck des Blattes ersuchen, um solches an Frau Brentano, eine treffliche Tochter des würdigen Mannes, zu senden.
Da Ihre Zeitung an Werth immer gleich bleibt, so wünsche ich nur, daß günstige Umstände eintreten mögen, damit Sie zu allgemeinem Nutzen und Vergnügen sowie zu eigner Zufriedenheit dieses Werk fortsetzen mögen.
Erhalten Sie mir auch im neuen Jahr ein geneigtes Andenken.
Weimar den 7. Januar 1814.
Goethe.
Die angekündigte Beschreibung lege noch bey. In stylo wäre freylich noch einiges zu verbessern. Was die Buchstaben betrifft, so bitte solche bey der Correctur mit der Tafel collationiren zu lassen.
[96] 24/6699.
Wäre meine Canzley wie sonst bestellt; so erhielten Sie, theuerste Freundin, zwey Abschriften des Epilogs, nun muß ich aber diese Bemühung Ihren lieben Fingerchen überlassen. Sodann haben Sie wohl die Güte unsrer wiener Freundinn einige Worte zu Erklärung der ersten zehen Verse zu sagen. Zum schönen Morgen die schönsten Grüsse!
W. d. 8. Jan. 1814.
Goethe.
24/6700.
Herrn Docktor Schoppenhauer wünsche um eilf Uhr, lieber jedoch um halb eilf bey mir zu sehen, um den ersten klaren Sonnenschein zu benutzen.
W. d. 8. Jan. 1814.
Goethe.
24/6701.
Ew. Wohlgeboren haben mir vor geraumer Zeit eine Mineralien-Sammlung, zu pädagogischen Zwecken, übersendet, sie enthielt, wie beykommender Katalog ausweist, nur die Steinarten, und liegt noch bey mir verwahrt. Nun aber erhalte ich von Serenissimo den [97] Befehl eine solche Sammlung des ganzen Mineralreichs, welche freylich nicht nach dem neusten System ganz vollständig zu seyn braucht, sondern nur die Hauptgegenstände enthielte, für den ersten Unterricht heranwachsender Kinder zu besorgen. Wollen Ew. Wohlgeboren nun den hier beykommenden Katalog in Betracht ziehen, und mit Voraussetzung dieses bey mir sich vorfindenden Doubletten, oder aus eigenem Vorrath (in welchem letzten Fall ich das Beygetragene gern honoriren werde) zusammenlegen und katalogiren, auch mir wie solches geschehen baldige Nachricht ertheilen; so werden Sie mir dadurch ein besonderes Vergnügen machen, und mich in den Stand setzen Ihre Bereitwilligkeit, auch in diesem Falle, Serenissimo anzurühmen. Der ich recht wohl zu leben wünsche, und mich nunmehr auf einen längeren Jenaischen Aufenthalt, und eine dort zu hoffende Belehrende und Erheiterung, außerordentlich freue.
Weimar, den 9. Jan. 1814.
Goethe.
24/6702.
Bey Betrachtung der schönen, hiebey mit vielem Dancke zurückkehrenden Contorneaten, muß ich eine doppelte Empfindung bekennen. Einmal daß ich den Besitzer deshalb beneidete; sodann daß ich sie zu besitzen [98] gewünscht hatte, um sie Ew. Exzell. anzubieten.
Dergleichen so würdige als unschuldige Liebhabereyen sind als die wahren Fetische, als Hausgötter anzusehen, die uns in der Zeit der Noth und des Dranges an frohe, athemreiche Zeiten errinernd, diese im Gemüth wiederherstellen und den schönsten Trost gewähren. Möchten Ew. Exzell., durch Auspacken und Ordnen Sich wenigstens Stundenweise gegen den Augenblick schützen und schirmen.
Unsern Feldziehenden und Reisenden allen wünsche die besten Erfolge. Was mußte Prinz Bernhard noch für ein unkriegerisches Abentheuer beym Abschiede erleben.
Gestern wollte jemand sagen es sey Nachricht hier als wenn Cammer Rath Rühlemann unterwegs kranck geworden. Wissen Ew. Exzell. etwas davon? Es sollte mir leid thun wenn August seine erste Reisepflicht als Krankenwärter zu leisten hätte.
Testamente, wie alle Verordnungen mortis causa, scheinen gewöhnlich nur Ricochette des Lebens zu seyn. Uns als ein solches Omen wollen wir Serenissimi Anordnungen ansehen und in dessen Abwesenheit Ihm, uns und den Seinigen leben.
Nächstens erbitte mir eine mündliche Viertelstunde.
W. d. 11. Jan. 1814.
G.
[99] 24/6703.
Dein Carl, mein werther Freund, nachdem er sich die einigen Tage recht gut benommen, ist gestern früh, um zehn Uhr, an der Seite seines Freundes und Waffenbruders, vor unserem Hause vorbey, ausmarschirt; der Weg ging über Berka, weil die Truppen das französische Unwesen, welches die auf dem Petersberg eingeschlossene Garnison noch immer forttreibt, vermeiden und über Arnstadt gehen sollten.
Hierbey das italienische Gedicht! Dem geübten Talent des Herrn Gries wird eine Übersetzung so leicht werden, als sie ihn unterhalten wird. Von einer ganzen Sammlung ähnlicher Gedichte ist dieß das einzige productible, die übrigen sind ein bißchen gar zu lustig.
Dein schlecht verdautes Abendessen beklage ich. Es ist freylich schwer sich in Geduld zu fassen; man muß aber denken, daß es nur eines Betteljuden bedarf, um einen Gott am Kreuze zu verhöhnen.
Mir ist in diesen paar Tagen wieder manches Angenehme zugekommen; manches und vielleicht gerade das Beste ließe sich freylich nur gegenwärtig und gelegentlich mittheilen. So viel für dießmal. Endlich verdient die Kälte doch, daß man von ihren Graden spreche; unsere Beobachter wollen heute 17 bis 18 gehabt haben. Das beste Lebewohl.
Weimar den 12. Jan. 1814.
G.
[100] 24/6704.
Dir soll gleich, mit umgehender Post, die Nachricht werden daß dein Brieflein angekommen ist und uns höchlich erfreut hat. Fahre so fort, mit heiterem Sinn, auf zwey Dinge zu achten, erstlich, wo die Menschen hinaus wollen? und zweitens wie sie sich deshalb masquiren? Zeige dich nicht allzu behäglich, damit sie dir dein Glück nicht übel nehmen. Wir gehen in unsrem Wesen fort und zu diesem Gehen auch das Schlittenfahren, obgleich andere sich daraus ein Bedenken machen.
Die Menschen sind noch eben so absurd wie 1806, wo ich gar frömmlich aufgefordert wurde das Schauspiel abzudanken, nach welchem sie vier Wochen später jämmerlich lechzten, da ich nun die Bosheit hatte die Eröffnung noch vierzehn Tage aufzuschieben, bis sie mich unter Drohungen dazu nöthigten. Wir sind mit Achse genug bestreut, und brauchen nicht noch gar einen Sack überzuziehen.
Erkundige dich, wenn du Zeit hast, nach Antikuaren aller Art, besuche ihre Läden und Zimmer und bringe mir etwas Gedeihliches wohlfeil mit. Wenn dir etwas behagt, so zaudere nur nicht, denn wenn du auch irrtest, hat es nichts zu sagen. Irrend lernt man.
In der Jenaischen Literaturzeitung steht eine treffliche Ankündigung, in welchem Sinne man, zunächst,[101] die politischen Flug-Schriften anzeigen wolle. Ich würde, (bis auf wenige Stellen, die noch einer Erläuterung bedürfen) diese Columnen gern unterschreiben. Folgende Stelle nimm dir zu Herzen, und sprich sie nicht aus. Insofern aber in Frankfurt Exemplare unserer Literaturzeitung gehalten werden, so mache die Menschen, gelinder Weise, darauf aufmerksam. »Unsere Männer und Frauen mögen ja nicht glauben, die Deutschheit sey einerley mit dem Christenthum und der ritterlichen Gesinnungen; denn jenes war ihr an sich fremdartig, zumal ehe es die Reformation verdeutschte, und dieses, gleichfalls ein Sprößling der Fremde, stand in manchem Widerspruch mit der ursprünglichen deutschen National-Freyheit.«
Und hiemit glauben wir für diesesmal aus unsrem gegenwärtigen allgemeinen Schnee, dir den freundlichsten Segen ertheilt zu haben.
Die Nonne grüßt den Hühnermönch zum schönsten, »gieb mir dein Seel«.
Weimar den 14. Jan. 1814.
G.
Cnaja! Cnaja!
24/6705.
Das wunderbare, aber meinem zerstreuten, und in der letzten Zeit vielfach zerrissenen Lebenswandel[102] nicht ganz ungemäße Abentheuer, wodurch ich erst spät erfuhr daß ich das mir zugekommene Exemplar des würdigen Prachtwerckes Ihnen, meine verehrte Freundinn, verdancke, wird unser Schlosser, vorläufig entschuldigend, mitgetheilt haben.
Vielleicht hätte ich noch länger gezaudert meine danckbaren Gesinnungen selbst auszusprechen, wäre ich nicht durch beyliegende Anzeige aufs neue angeregt worden. Der Ankündiger erinnert sich noch danckbar früherer Verhältnisse zu Ihrem fürtrefflichen Herren Vater. Ich lege das Blättchen bey worin Er sie ausspricht.
Ich hoffe mein Sohn soll der Ehre genießen Ihnen, in diesen Tagen, aufzuwarten. Möge er nicht versäumen aus zu drucken wie sehr ich wünsche bald auch wieder einmal dieses Glück theilhaft zu werden. Mit Bitte mich dem Herrn Gemahl und den theuren Ihrigen bestens zu empfehlen
gehorsamst
Weimar d. 15. Jan. 1814.
Goethe.
24/6706.
[Concept.]
[15. Januar 1814.]
Nicht bedeutender noch ausdrucksamer hätte ein Symbol der gegenwärtigen Zeitveränderung zu mir gelangen können, als daß, durch Ew. Wohlgeboren[103] Vermittelung, ein englisches Schiffstau mich in meiner mittelländischen, einsamen Klosterstube besucht, und mich, durch seinen Thrangeruch, an das freie Weltmeer, das ich seit so vielen Jahren nicht wieder erblickt, auf das lebhafteste erinnert.
Dank sey daher Ihnen und Ihrer theueren Gattin gesagt, die jenes gemüthlichen Gleichnisses gegen den Ausländer gedenken wollen, auch ihm danken Sie, wenn es Gelegenheit giebt, zum schönsten.
Ew. Wohlgeboren gleichfalls etwas Angenehmes zu erzeigen muß hiernächst mein erster Wunsch seyn, indessen will ich, den Augenblick ergreifend, mich durch eine Bitte abermals zu Ihrem Schuldner machen.
Vielleicht ist der gefällige Herr Forbes, der in so ausgebreiteten Verhältnissen steht, zu bewegen, daß er mir von den Handschriften bedeutender Engländer, lebender oder abgeschiedener, und wenn es auch nur die Namensunterschrift, oder wenige Zeilen wären, zu verschaffen die Gefälligkeit hat.
Eine in späten Jahren, mit dem löblichen Vorsatz meinen Sohn auf vorzügliche Männer, gleichsam unmittelbar und gegenwärtig aufmerksam zu machen, angefangene Sammlung, ist schon glücklich angewachsen, und bildet den unschuldigsten Zauberkreis, abgeschiedene, oder entfernte Geister heranzuziehen. Ich lege das vor einigen Jahren abgedruckte Verzeichniß bey, welches zu versenden mich damals die Zeitläufe hinderten, welches [104] aber gegenwärtig, um das Vielfache vermehrt ausgeben werden könnte. Verzeihen Sie diese Zudringlichkeit! Dergleichen harmlose Liebhabereyen sind wie weiche Pfühle, die man sich auf einem harten Lager unterschiebt. Möge es Ihnen bey veränderten Verhältnissen wohl und glücklich gelingen.
Weimar den 11. Jan. 1814.
24/6707.
Um an Herrn Ritter von Gentz eine kleine wircksame Depesche zu bereiten, würde ich rathen, daß Ew. Wohlgeboren mir das Zeitungsblatt 245 zusendeten, in welchem der fürtreffliche Aufsatz gewiß jedermann ansprechen und schöne Hoffnungen erregen muß. Zugleich machten Sie Herrn von Gentz mit Ihren Wünschen bekannt. Ich würde diese Blätter alsdann an Herrn von Humboldt adressiren, welcher mit Herrn von Gentz sich im kaiserlich österreichischen Hauptquartier befindet. Das Paketchen schicke ich an meinem Sohn, gegenwärtig in Frankfurt, wo sich wohl ein Weg finden wird, daß unsre Wünsche an Ort und Stelle gelangen.
Das Beste wünschend
Goethe.
Weimar den 15. Januar 1814.
[105] 24/6708.
Ew. Excell.
danckbar für die vorläufig gute Nachricht, vermelde daß ich einen muntern Brief von meinem Sohn erhalten, aus welchem seines Herrn Prinzipals und sein eigenes Wohlseyn hervorgeht.
In dem benachbarten Hanau spuckt der Adresskalender von 1806 und macht die Menschen zu fürchten und zu lachen. Unabhängigere Diener möchten wohl, mercke ich, von anderen Fürsten sich ihre verlohrenen Titel erbitten. Ob man aber dies wohl, in despectum gleichsam ihrer Landesherren thun wolle, ist eine Frage. Kommt ein solcher Antrag an mich; so behandelt und beantwortet man ihn ja wohl dilatorisch.
Was haben Ew. Exzell. zu der Ankündigung in der JALZ. No. 245 gesagt? Sie ist, dünckt mich wohl gedacht und in den Hauptpunckten trefflich. Doch bleibt in dieser Materie soviel problematisches, daß wohl den Verfasser gedachten Aufsatzes, so wie den des Aufrufs von Kalisch, um eine authentische Erklärung ersuchen möchte.
Frey und ohne Rückhalt
der Ihrige
d. 15. Jan. 1814.
Goethe.
[106] 24/6709.
Ew. Wohlgeboren
haben seit geraumer Zeit nichts unmittelbar von mir vernommen, ob mir gleich mancher von München kommende Fremde von Ihrer und Ihres Herrn Sohnes fortdauernder Thätigkeit das Beste zu erzählen gewußt; nun scheint es daß ein neues Jahr die Deutschen wieder auffordern wolle sich, mehr als bisher geschehen, einander mitzutheilen, und sich zu gemeinsamen Zwecken zu vereinigen. Dieses wird gegenwärtig die dringende Pflicht derer, welche zu Hause bleiben, da der größte Theil unserer Jugend mit löblichem Eifer in das Feld strömt und nicht daran denken kann wie der Herd erhalten seyn will, an welchen sie denn doch dereinst zurückzukehren hoffen. Eine solche Betrachtung steht hier um so mehr an ihrem Platze, als gerade die militarisch-patriotische Bewegung bey uns den Tag ausfüllt und wir, sowohl mit den Fortwandernden, als mit denen, welche wider Willen zurückbleiben sollen, unsere liebe Noth haben. Einer der letzteren ist die eigentliche Veranlassung des gegenwärtigen Schreibens.
Der hiesige Kupferstecher Müller, der sich durch mancherley gute Arbeiten, besonders aber durch die Herausgabe mehrerer Kupfer zu Schillerischen Scenen bekannt gemacht, hat einen Sohn, einen geschickten jungen Künstler, dessen angebornes und schon geübtes [107] Talent viel Gutes verspricht; auch er war von dem Verlangen hingerissen für's Vaterland zu fechten; allein sein zarter Körper und andere Betrachtungen haben die höhere Behörde veranlaßt, sein patriotisches Erbieten abzulehnen. Unglücklicherweise sind auch gerade in diesem Augenblicke unsere Kunstanstalten verwaist, so daß mir, der ich sie sonst so gern förderte, fast nichts übrig bleibt als die Inventarien zu künftigem Gebrauch in Ordnung zu halten. Eine doppelte Ungeduld ergreift daher gedachten jungen Mann, diejenigen aber, die sich für ihn interessiren, wünschen nichts lebhafter als ihn an einem Orte zu wissen, wo er sich, in seiner Kunst fortschreitend, sammeln und erheitern könne.
Das nähere Dresden ist leider nicht mehr ein Zufluchtsort der Künste, das entferntere München dagegen, in jedem Betracht, ein höchst wünschenswerther Aufenthalt, wohin man den jungen Künstler sogleich senden würde, wenn nicht in gegenwärtiger Zeit, wo der einzelne wenig vermag, und das Ganze äußerst belastet ist, wo der Untere wie der Obere nur an sich selbst denken kann, wo derjenige, der sonst andere unterstützte, selbst wankt, wenn nicht in einer solchen Zeit wegen seinem dortigen Auskommen einiges bedenken stattfände, und eine vorhergängige Frage veranlaßte.
Gedachter junge Künstler würde ganz zwar nicht entblößt nach München kommen, indem er sowohl von seinem Vater, als von Freunden sich einiger Unterstützung zu getrösten hat, man möchte ihn aber doch nicht auf's [108] Geradewohl in eine solche Ferne senden, und ich ersuche Sie daher, mein werthester Herr Director, mir anzuzeigen, wieviel ein dergleichen junger Mensch, der ein bescheidenes, arbeitsames Leben gewohnt ist, in München allenfalls das Jahr über, zu seinem eigentlichen häuslichen Auskommen bedürfte.
Möchten Sie mir dabey bekannt machen: ob die Theilnahme an den Lehr-Anstalten und Kunststudien frey gegeben wird? oder ob und was allenfalls dafür zu erlägen wäre?
Die bisherige gute Aufführung des jungen Menschen läßt hoffen, daß er auch auswärts, besonders unter guter Leitung nicht ausarten werde, und ich würde ihn glücklich schätzen, wenn Ew. Wohlgeboren und Ihr Herr Sohn ihm eine freundliche belehrende Aufmerksamkeit schenken wollten. Auch mir würde diese Gelegenheit zu besonderem Vortheil gereichen, indem ich dadurch das Glück gewinnen würde mit Denenselben ein früheres Verhältniß wieder anzuknüpfen, und wie vormals in ruhiger Zeit, so gegenwärtig in der bewegten, zu Bildung des Künstlers etwas beyzutragen, damit die, an und für sich unzerstörliche Kunst über den kritischen Augenblick hinüber gerettet werde.
Mich zu geneigtem Andenken bestens empfehlend
Ew. Wohlgeb.
ergebenster Diener
Weimar. d. 17. Jan. 1814.
J. W. v. Goethe.
[109] 24/6710.
Meinen Brief, in Erwiderung des Deinigen, wirst du erhalten haben. Auch der vom 13. ist recht und gut, und du sollst gelobt seyn, daß du den Menschenverstand, das Seelen- und Herzvolle, das Gott, unter Millionen Frauen, über die Welt ausgesäet hat, predigen magst.
Zu tadeln aber habe ich, daß du von Herrn Rühlmann kein Wort sagst, da es doch auch beruhigend wäre ausdrücklich zu vernehmen daß es ihm wohl gehe; ferner wünsche ich daß du folgende Puncte wo möglich erörtern, und respective mir darüber Auskunft geben mögest.
1) Ich wünsche daß du, mit Klugheit, hinhorchtest, was man von Geheimerath Leonhard in Hanau denkt und sagt. Du mußt dazu allerley Gelegenheiten ergreifen: denn man wird von allen denen, die unter der vergangenen Regierung große Vorschritte gemacht haben, also auch von ihm, im jetzigen Augenblick nicht das Beste reden. Darüber mußt du dich aber erheben, und auf's Rechte sehen.
2) Wünscht ich daß du Frau von Brentano, geborne von Birkenstock aufwartetest, und ihr einen anmuthigen Gruß von mir brächtest.
[110] 3) Daß du dich nach Kunsthandlungs-Commissärs erkundigtest, und, was noch mehr ist, sie persönlich kennen lerntest. Ist dir das, wegen Kürze der Zeit, und den Unbilden des Januars (wir haben hier tiefen Schnee) nicht möglich; so frage wenigstens in's Allgemeine, damit wir uns darnach zu richten wissen.
Denn ich habe selbst nicht geglaubt was für schöne und gute Sachen sich im hause befinden, als bis ich sie jetzt historisch zu ordnen Lust und Beharrlichkeit habe. Gott behüte uns vor einer Philister-Sammlung und wenn sie die reichste wäre; aber mit sehr Wenigem kann jetzt ein Herz- und Sinnerfreuendes zusammengelegt werden. Alles grüßt. Grüße die Guten. Mittwoch den 19. schicke ich eine starke Depesche an dich ab, die ich an Schlosser addressiren will.
Erkundige dich indessen wie man Briefe in's kaiserlich-östreichische Hauptquartier sicher befördern kann. Verschriebe, was an die ist, deine Rückkunft.
Weimar den 17. Jan. 1814.
Cnaja Cnaja
Mehrere unserer religiosen Damen haben sich die Übersetzung des Corãns von der Bibliotheck erbeten.
[111] 24/6711.
Du erhältst hiebey, mein lieber Sohn, eine Depesche an Herrn von Humboldt. Thue dich, als ein wahrer Geschäftsträger, nach einer sichern Gelegenheit in's kaiserlich-österreichische Hauptquartier um, und bestelle sie wohl.
Auch ist mir eingefallen, daß die Stadt Frankfurt in ihrer frühern Zeit einen Calender hatte, worauf die Wappen und Namen der sämmtlichen Senatoren, in Kupfer gestochen, nach jedesmaliger Ordnung erschienen. Er bestand aus zwey aneinandergeleimten Bogen. Wahrscheinlicher Weise wird ein solcher jetzt ebenfalls ausgegeben werden. Bringe mir ihn auf ein Stäbchen gerollt mit, oder bitte Herrn Dr. Schlosser um die Gefälligkeit.
Ferner liegt ein Brief bey, den ich aus Versehn eröffnet, von einem Heidelberger Dämmerfürsten, der nun aber zu einem heitern Helden aufgewacht ist. Für dießmal nichts weiter als ein schönes Lebewohl.
Weimar den 18. Januar 1814.
G.
Sobald diese Depesche ankommt und du sie bestellt hast, so melde mir es ja gleich.
Hast du schickliche Gelegenheit gehabt dem Gouverneur aufzuwarten? So auch andern bedeutenden Personen? Bedencke daß du ganz allein dadurch, daß[112] du alle Welt gesehen hast, bey der Welt giltst. Das übrige ist gleichgültig.
Noch andere gute Räthe möcht ich dir als Polonius geben. Finde selbst das Beste. Nur dämmere nicht.
24/6712.
[19. Januar 1814.]
Der gute Ernst ist wieder in Jena, sonst habe ich durch August mittelbar auf ihn gewirkt. Jetzt wünsche ich, mit Ihrer Einstimmung etwas direkt für ihn zu thun. Er will Jurisprudenz studiren und da ist die schönste Gelegenheit in's Lateinische und Römische zu gelangen und sich die Verdienste und Vortheile dieser Sprach- und National Bildung zuzueignen. Für sich das zu thun ist schwer ja unmöglich. Daher würde ich Herrn Eichstedt veranlassen den jungen Mann an sich heranzuziehen, ihn in die lateinische Gesellschaft aufzunehmen und, ihn zum Fleiße nöthigend, ihn fortzuleiten. Geschieht dies mit Ihrem Beyfall; so thu' ichs heute. Alles Gute!
G.
24/6713.
Auf Ew. Wohlgeboren gütige frühere Anfrage erwidere dankbar, daß die erbetenen Abdrücke gar wohl [113] von der Art sey können, wie die für die Literaturzeitung.
Die Depesche an Herrn Humboldt ist abgegangen. Ich wünsche uns, daß Ihre neusten Blätter jenen Freunden so viel Beyfall abgewinnen mögen als mir, und dann wird es an einer thätigen Theilnahme nicht wohl fehlen. Wenn unsre Papiere die Voreilenden nur erst ereilt haben!
Mit den besten Wünschen
ergebenst
Weimar den 19. Januar 1814.
Goethe.
Weimar den 19. Januar 1814.
Zugleich eröffne Ew. Wohlgeboren den Wunsch welchen Dieselben gewiß gern erfüllen werden. Der jüngere Schiller nämlich bleibt, da alles nach den Waffen greift, ungern zurück; er ist nach Jena gezogen und will sich der Rechtsgelahrtheit widmen. Nun ist dieß die schönste Gelegenheit, ja eine dringende Forderung, sich der lateinischen Sprache und den römischen Eigenthümlichkeiten zu nähern und die hohe Cultur wodurch sich jene, und die Tüchtigkeit, wodurch sich diese auszeichnet, an sich heran, wo nicht in sich hinein zu bilden. Dieses wünscht ich dem jungen Schiller unter Ew. Wohlgeboren Leitung. Hätte er sich noch nicht producirt, so haben Sie die Güte ihm Anlaß zu geben, ja es wird vielleicht erforderlich seyn ihn zu einer Annäherung zu nöthigen. Er ist [114] ohnehin in sich gekehrt; die Jugend fürchtet, sich den älteren Personen zu nähern und sich zu entdecken, ja ich fürchte (dieß sey im Vertrauen gesagt), daß er seine Schul- und Heidelberger Universitätsjahre nicht hinreichend genutzt, und sich in den ersten Anfängen nicht sattsam gegründet habe. Mögen Ew. Wohlgeboren ihn väterlich prüfen und leiten, auch insofern er ausgebildet genug seyn sollte, zur lateinischen Gesellschaft heranziehen, und ihm sonst Gelegenheit zu einer freudigen Thätigkeit geben; so werden Sie die Mutter und mich sehr verbinden, und auch die, an dem Schicksal dieser Familie großen Theil nehmenden höchsten Herrschaften erfreuen. Wenn wir hoffen dürften daß auf diese großen erschütternden Bewegungen ein fester Zustand folgen werde, so haben wir alle Ursache einen wissenschaftlichen Stamm zu erhalten, damit die Wiederkehrenden sich anzuschließen desto mehr Lust haben mögen.
Ergebenst
Goethe.
24/6714.
Dießmal, mein lieber Freund, sind die Botenfrauen nicht schuld an der Verspätung, das Packet war durch ein Versehen bey mir liegen geblieben. Ich freue mich der guten Wirkung meiner geologischen Acten, freylich gehören die Gegenstände dazu, da alle Beschreibung und Theorie sich auf dieselben bezieht.
[115] Der Verfasser des Gedichts ist freylich ein neuer, mit Casti gleichzeitig, aber jünger; es sind zwey Bändchen galanter Novellen, unter dem fingirten Namen P. Atanasio da Verrocchio, und dem angeblichen Druckort London 1800 herausgekommen; seinen eigentlichen Namen habe ich noch nicht erfahren können.
Das kleine Gedicht ist von unserm Regirungsrath Peucer, welcher ganz in der Stille ein recht schönes Talent bewahrt.
Unsere Mechaniker beschäftigt gegenwärtig hier eine Feldfuhrküche, erfunden von einem jungen Manne, Namens Kurowski, welcher sie vor kurzem selbst producirte. Der Gedanke ist sehr glücklich und leidet Ausbildung und Anwendung in's Unendliche. Bey Henniger sind hier schon so viele bestellt, daß er sie gar nicht schaffen kann. Die Jenenser sollen sich auch damit hervorthun.
Carl hat sich recht brav bewiesen, und ich will gern am rechten Orte seiner gedenken. Dieß bemerke ich aber: daß für die junge Leute eine wahre Wohlthat ist, wenn ihnen gewisse bessere und höhere Zustände, eine Zeitlang, versagt bleiben; dadurch lernt man erst schätzen was man erhält; denn leider sieht der Mensch, nach einem jeden was ihm geworden, immer wieder was neues Wünschenswerthes vor sich, und seine Ungeduld wächst mit jedem Gelingen. Verzeihe diese allgemeine Bemerkung! ich habe sie aber [116] in meiner Pädagogik gegen meine jungen Leute immer gern zur Ausübung gebracht.
August befindet sich in Frankfurt ganz wohl, doch will es ihm nicht gerade behagen wie sonst, da er jünger war und nicht so scharf bemerkte, was für ein Unterschied in den Culturen ist. Das religios-mystische, leider oft hohle und stets dünkelhafte Wesen hat auch die besten Menschen ergriffen, und Werner findet die beste Gelegenheit, seine Spitzbübereyen auszuüben.
Wenn du das Stammbuch nicht bald expedirst, so wird man dagegen erwarten, daß du mit einer großen Anzahl Freunde darin auftretest.
Die Kugeln sind sehr interessant und ihre Formation jener genannten sehr ähnlich; vor allen Dingen müssen Chemiker um Rath gefragt werden. Das schönste Lebewohl.
Weimar den 19. Jan. 1814.
G.
24/6715.
Die Kayserinn von Rußland wird Dienstag hier erwartet, bleibt den Mittwoch, und setzt ihre Reise nach Frankfurt fort. Dies melde ich dir, weil ein Diplomate alles wissen muß und du vielleicht Eingang findest ihr präsentirt zu werden.
[117] NB Tag und Stunde ist nicht so ganz gewiß. Doch vermuthlich. Lebe wohl. W. d. 21. Jan. 1814.
G.
24/6716.
Ew. Exzell.
nach dem guten Beyspiel unsres Herrn Decans die längsten Jahre wünschend, thue zugleich eine Anfrage welche sich auf eine frühere Unterhaltung bezieht.
Ew. Exzell. äussersten nämlich vor längerer Zeit: daß Sie Sich die Gewißheit wünschten, Ihr schönes und sorgfältig gesammeltes Münzkabinet werde immer beysammen bleiben. Nicht weniger lasse sich hoffen daß darauf, als auf ein sichres Capital, eine Revenue zu Ihrem und der Ihrigen Besten gegründet werden könne. Da es nun, mehr als jemals, an der Zeit ist der Zukunft zu gedencken; so nehme mir die Freyheit anzufragen: inwiefern jener Gedancke noch obwalte? und im bejahenden Falle: welche, beyden Theilen annehmliche, Bedingungen vorzuschlagen wären?
Meine Bitte, mich in dieser Sache allenfalls zur Millelperson zu machen, gründet sich auf die Hoffnung die ich habe hier nützlich seyn zu können und auf den Wunsch von der Masse schuldigen Dancks nur den kleinsten Theil thätig abtragen zu dürfen.
Verehrend und zutrauend
W. d. 21. Jan. 1814.
Goethe.
[171] 24/6716a.
Ew. Exzell.
haben wegen der heutigen Loosung gewiss schon mancherley Berufungen vernommen.
Mich interessiren zunächst der Junge Kreuter und H. M. Körner. Wir können beyde als die unsrigen ansehen. Der erste ist auf der Bibliotheck wircklich nothwendig. Der andre, noch bedeutender, hat für Serenissimum Instrumente zu liefern und für das Observatorium wichtige in Arbeit, durch sein Marschieren, ja nur durch sein augenblickliches Versäumen sind wir gefährdet. Ew. Exzell. kennen die nächsten Mittel und Wege diesen Personen zu helfen. Bitte dieselbe gefällig einzuschlagen und mir einige Nachricht gütig zu ertheilen. Für den letzteren interessirt sich die Hoheit Erbprinzess gar sehr. Kann man ihr rathen einen Schritt zu thun? Und welchen?
Verzeihung! und Wohlwollen!
W. d. 21. Jan. 1814.
Goethe.
[118] 24/6717.
Auf deine liebe Sendung erwidere kürzlich das Nothwendigste.
1. Die von Voigt zugesagten Notizen über die Zinnformation vermisse ich in dem Fascikel, um so unlieber, als jeder Beytrag mir höchst angenehm ist.
2. Unserem trefflichen Gries kann ich nicht verdenken, daß er der einmal ergriffenen Dichtungsart, die so würdig ist, treu bleiben will. Sein Leben ein Traum weiß ich um so mehr zu schätzen, da mir, wie schön es unsere Vorarbeiten zu übertreffen gewußt hat, buchstäblich gegenwärtig ist.
3. Die Paste, die ich noch behalte, ist himmelweit von der von der Nemesis verschieden; sie stellt vor: einen nicht übelgedachten, aber wild und plump ausgeführten Genius/Amor; die Rechte hält den Bogen, und das Keulenartige in der Linken soll wohl der Pfeil seyn. Näher betrachtet könnte es auch wohl für einen Zweig gelten, von welchem ein Genius die Spitze als Frucht abbricht. Noch ein anderer Beobachter könnte behaupten, er habe eine Schlange mit beyden Händen gefaßt und derselben gelähmtes Haupt hänge herunter. Hier bist du also, mein werther Freund, nicht besser dran, als wenn du Notas variorum über eine dunkele Stelle zu Rathe ziehst. [119] Ich will das wunderliche Document noch bey mir behalten und dir zunächst davon Rechenschaft geben.
Auf alle Fälle ist es keine Nemesis. Von dieser würde ich dir sogleich einen schönen Abdruck schicken, wenn ich mich nicht fürchtete in die Kälte zu gehen, und niemand anders hier an meiner Statt suchen und finden kann; nächsten Mittwoch hoffe ich damit aufzuwarten. Ad vocem Nemesis muß ich fragen, ob du die Anzeige in der allgemeinen Literatur-Zeitung und die darin aufgestellten Grundsätze wegen Beurtheilungen der neueren Kriegs- und Staats-Schriften beachtet hast. Wollte Gott unser braver Luden hätte diesen Weg eingeschlagen, so könnte man sich an seiner Bemühung freuen und Theil daran nehmen. Wieviel hat sich in diesen vier Wochen geändert, und wie wenig paßt die damals gerechte Wuth gegen die fliehenden Feinde, zu den jetzigen Erklärungen der Krieg führenden Mächte, welche Schonung und Mitleid aussprechen. Dießmal werden wir doch recht kräftig belehrt, wie schwach und unzeitig das Reden der Einzelnen in prägnanten Momenten sey, von denen man eine gänzliche Umwälzung zu erwarten hat.
4. Vergnüglich nunmehr, nach Anlaß deines Briefes, zur Geologie zurückkehrend, nehme ich dein Anerbieten dankbar an und bitte mir etwas von dem Fichtelberger Zinnsande, nebst näherer Bemerkung des Ortes, wo wir ihn aufgenommen, baldigst zu senden. Die hübsche Bemerkung unsers Heims, daß die Zinnformation [120] öftlich des Thüringerwaldes anfange und längst dem Erzgebirge hin, bis fast an die Elbe sich erstrecke, will ich mir nun, in der Folge von Mustern, zu vergegenwärtigen suchen, um meinen mannigfaltigen Doubletten dieser Art soll dir nächstens etwas zu Theil werden.
5. Deinem Carl bekommt dieser Ausflug gewiß recht wohl, für meinen August hoffe ich das Gleiche.
6. Die Schreiberin bittet inständig um das Stammbuch; in Betracht, daß man, binnen der Zeit, manchen Freund mußte vorbeyziehen lassen, ohne sein Andenken bewahren zu können.
Und somit sey unter vielen Segenswünschen diese Depesche abgeschlossen.
W. d. 22. Jan. 1814.
G.
24/6718.
Durchlauchtigste Fürstinn,
gnädigste Frau,
Wenn Ew. Kayserliche Hoheit beykommendes Paquet an Thurneysen zurück senden zu lassen geruhen; so könnte ihm zugleich gemeldet werden: daß Höchstdieselben, nächstens, aus seinen Catalogen einiges auswählen und befehlen würden. Um deshalb Vorschläge [121] zu thun erbitte mir kurze Frist, damit das Nützlichste und Gefälligste bemerckt werde.
Verehrend und angeeignet
Ew. Kayserlichen Hoheit
unterthänigster
Weimar d. 22. Januar 1814.
J. W. v. Goethe.
24/6719.
Eigentlich sollte mich der tiefe und immer fortstöbernde Schnee nicht abhalten wieder einmal persönlich anzufragen wie Sie Sich, verehrte Freundinn, befinden.
Lieber jedoch will ich in Effigie aufwarten, wo Sie mich gewiß unterhaltender als in der Gegenwart finden werden. Alles Gute! W. d. 23. Jan. 1814.
Goethe.
24/6720.
Ew. Hochwohlgeboren
haben den Doctor John, den Sie vergangenes Frühjahr, als meinen Gesellschefter so gastfrey aufgenommen, abermals, wie er mir schreibt, günstig empfangen, und sich für ihn interessirt.
Was die Umstände betrifft, welche, außer einer schweren Krankheit, die ihn befiel, unsre Trennung[122] veranlaßt, mag er selbst bekennen und entschuldigen, ich dagegen kann mit Wahrheit sagen: daß ich ihn ungern vermißt. Seine schöne Kenntniß der lateinischen Sprache, so wie einiger neueren, seine schon früh geprüfte Gewandtheit in den Rechtswissenschaften, ferner eine leichte Fassungskraft und schöne Handschrift, eine angenehme Unterhaltung, eine Gabe sich fremden Personen vortheilhaft darzustellen, nicht weniger Aufträge persönlich geschickt auszurichten, machten ihn zu einem sehr erwünschten Gesellschafter. Ja, ich würde vielleicht noch jetzt mit ihm einen abermaligen Versuch wagen, hätten sich nicht seit vorigem Sommer, in dem Personal meiner Familien-Umgebung, so wie in dem ganzen bürgerlichen Zustand, entscheindende Veränderungen zugetragen, die es mir unmöglich machen, einem solchen Wohlwollen Raum zu geben.
Können Ew. Hochwohlgeboren dieß gegenwärtige Schreiben zu seiner Empfehlung irgendwo benutzen, so soll es mir um seinetwillen, besonders auch seiner würdigen Eltern willen, sehr angenehm seyn. Diese stehen hier in dem besten Ansehen und mit meinem Haus in freundschaftlichem Verhältniß.
Diese Angelegenheit Ew. Hochwohlgeboren menschenfreundlicher Thätigkeit zutraulich anheimgebend
gehorsamst
Weimar d. 24. Jan. 1814.
J. W. v. Goethe.
[123] 24/6721.
Durchlauchtigste Fürstinn,
gnädigste Frau
Ew. Kayserl. Hoheit geruhen aus dem einen beykommender Blätter zu ersehen wie sich Geh. R. v. Voigt auf einen, ohne Höchstdieselben zu nennen, von mir gethanen Antrag geäussert; das andre Blat enthält meinen vielleicht etwas seltsamen Wunsch wegen der heiligen Kunstbilder.
Diese beyden Papiere würde persönlich überreicht haben, wenn ich nicht zweifelhaft wäre ob Höchstdenenselben Heute oder morgen Abend gefällig seyn könnte meine schuldige Aufwartung anzunehmen.
Gnädigsten Befehlen entgegen sehend
Ew. Kayserlichen Hoheitunterthänigster
W. d. 24. Jan. 1814.
J. W. v. Goethe.
24/6722.
[Concept.]
Dieser Brief soll, gleich einer Schaufel, den physischen Schnee, der uns jetzt trennt und den politischen, der uns bisher trennte, bey Seite räumen und Bahn machen, damit ich von meinen lieben Freunden und[124] Gevattern, von ihrer werthen Nachkommenschaft und all den theuren Göttinger Freunden und Bekannten wieder einmal etwas vernehmen möge. Säumen Sie nicht mir Nachricht zu geben! Von mir sage ich so viel: daß mein Zustand nicht verrückt ist, Sie würden mich wieder finden wie Sie mich verlassen haben. Hievon fühle ich den Werth mit dankbarer Anerkennung, und trage die Unbilden des Tages mit Heiterkeit, damit bey so großem Unheil das Schicksal mir günstig bleibe und mir auch an dem neuen Heile meinen Antheil vergönne.
Erhalte ich durch eine baldige Antwort die Überzeugung daß zwischen uns die Bahn geöffnet sey, so sollen die drey Bändchen meiner Lebenspoesie oder, wenn Sie wollen, Poetenlebens, nächstens erfolgen. Dem dritten Theil wünsche ich das Zeugniß, daß man ihm nicht ansehe in welcher Zeit er geschrieben ist; möchten Sie mein werther Freund bey'm Durchlesen in die friedlichsten Zeiten, wenn auch nur augenblicklich, versetzt werden.
Weimar den 24. Jan. 1814.
24/6723.
Heut Abend ist Ball, meine Kanzley entvölckert. Tausend Danck für das Überschickte. Sonnabend mehr!
W. d. 26. Jan. 1814.
G.
[125] 24/6724.
Man hat Hermann und Dorothea dem Zeitgeist auch als ein Oper darbringen wollen, Ich kann es nicht mißbilligen; denn ich wundre mich selbst, da ich das Büchlein lange nicht angesehen, wie genau nach so großen Veränderungen der Sinn noch paßt und zutrifft. Mag einer Ihrer würdigen Mitarbeiter in dieser Rücksicht etwas darüber sagen, so wird es mir sehr angenehm seyn. Ich lege deshalb ein Exemplar zu beliebigem Gebrauche bey. Man hat von mir einen zweyten Theil verlangt, bis jetzt aber wüßte ich, was Grundsätze und Grundmotive betrifft, diesen nur zu wiederholen. Ist aber das große Werk vollendet, können wir mit Sicherheit ein Gedicht mit Friede! schließen, so wäre freylich der betrachtenden und darstellenden Dichtkunst ein großes Feld eröffnet.
Ferner finden Ew. Wohlgeboren beyliegend einen Bogen, der mir als Maculatur in die Hände gekommen. Unsre Buchhändler können mir das Buch nicht anzeigen, zu welchem er gehört; Ihnen und Ihren theologischen Herrn Collegen wird es ein Leichtes seyn.
Ergebenst
Weimar den 27. Januar 1814.
Goethe.
[126] 24/6725.
Meinem Sohn, oder wenn es sonst interessirt, bitte zu sagen daß der Kayserinn von Rußland Maj. Heute Abend halb sieben Uhr in Weimar eingetroffen. Morgen ist Mittagstafel Abends Schauspiel, wahrscheinlich Egmont. Sonntag zum Geburtstag der Herzoginn Feyerlichkeit und Abends Hofball. Montag wird der Kays. Maj. abreisen. Viele Grüße.
W. d. 28ten Jan. 1814.
G.
24/6726.
Wir stecken mitten in der Herrlichkeit und es sieht bey uns prächtiger aus als je; bis also die hohe Fluth des Hofes und Krieges sich verläuft, mußt du mit wenigem vorlieb nehmen.
Der Genius folgt zurück; was er hält, ist eine erdrosselte Schlange. Der Gedanke wäre nicht übel, wenn er nur gut ausgeführt wäre.
Die Voigtischen Notizen habe gefunden; danke zum schönsten.
Unser Gries soll sich ja über die Schlegelschen. Übersetzungen des Calderons machen, und sie überarbeiten; er wird noch genug daran zu thun finden, so daß er sie wohl sein eigen wird nennen dürfen. [127] Es sind bey allen Verdiensten noch gar viele trübe, undeutliche und gezwungene Stellen drinne.
Das Gläschen Zinnsand ist in die Suite dankbar reponirt worden. Trebra hat angefangen zu senden, nun weiß ich auch wie es in Annaberg aussieht. Je vollständiger die Sammlung wird, desto leichter ist sie zu überschauen.
Unsere Frau von Stein war nicht ganz wohl, ich habe sie leider lange nicht gesehen; der Schnee befängt mich und dann ist des Treibens und Erwartens hier keine Ende. Vor Hälfte Februar ist an keine ruhige Stunde zu denken.
Möchtest du dich wohl und zufrieden in deinem stillen Winkel mit den Deinigen befinden. Alles Gute mit dir. Weimar den 29. Jan. 1814.
Goethe.
24/6727.
Die verlangten Stufen kann ich nicht sogleich senden, da ich vor tiefem Schnee nicht in mein Gartenhaus kommen kann. Haben Sie die Gefälligkeit das Übrige zusammenzutragen, numerirt ist es alsdann bald. Ich wünsche recht wohl zu leben und Sie nächstens zu besuchen.
Weimar den 29. Jan. 1814.
Goethe.
[128] 24/6728.
Hofrath Eichstädt wünscht Ihrem Ernst auf alle Weise nützlich zu seyn, er wird ihn auch zu sich zu kommen veranlassen. Sagen Sie nur dem jungen Mann, daß er sich jenem mit Vertrauen nähere! Leider ziehen sich die jungen Leute zu sehr in sich selbst zurück und begreifen nicht, daß sie das nicht fördern kann. Den schönsten guten Morgen!
W., d. 1. Febr. 1814.
Goethe.
24/6729.
Was wir im Nahmen der Heiligen und untheilbaren Dreyeinigkeit zu zahlen haben ist mir aus den zurückkommenden Blättern ersichtlich gewesen. Danckbar werde ich erkennen wenn Exzell. mir manchmal in meine Celle etwas aus dem wunderlichen Saeculo mittheilen mögen.
Mich angelegentlichst empfehlend
W. d. 4. Febr. 1814.
Goethe.
24/6730.
Weimar den 5. Febr. 1814.
Ew. Wohlgeboren
haben das Kabinett, so wie den Katalog gar schön und instructiv eingerichtet, ich wünschte nur daß[129] Durchlaucht der Herzog es selbst sähen und honorirten. Damit aber doch, in höchst Ihro Abwesenheit, eine billige Anerkennung nicht außen bleibe, so ersuche ich Sie, mein werthester Herr Bergrath, mir anzuzeigen, wie hoch sich die dabey gehabten Anlagen und Zuthaten belaufen können, damit ich mich im Falle sehe das Übrige besorgen zu können.
Auf dem zweyten Blatte des Gegenwärtigen finden Ew. Wohlgebornen eine Stelle die ich in einem alten Tagebuch gefunden. Haben Sie die Gefälligkeit durch Ihre Verbindungen in Regensburg ein paar tüchtige Stücke für mich sowohl als für das Kabinett zu verschaffen so wie die Nachricht wo es eigentlich in jener Gegend gebrochen wird.
ergebenst
Goethe.
24/6731.
Weimar den 5. Febr. 1814.
Heute vermelde ich dir, mein theuerster Freund, daß ein Kleeblatt artiger Freundinnen, ohne den Frost zu fürchten, sich morgen Sonntag den 6. Febr. zusammenthun und auf dem Schlitten dem geliebten Jena zueilen wird. Gegen Abend werden sie bey Euch erscheinen, sie hoffen eine freundliche Aufnahme und ein Whist zu finden, und vertrauen auf Eure Güte.
[130] Eine Zeitlang war ich unschlüssig, ob ich sie nicht begleiten sollte, dann aber behielt die löbliche Hausgewohnheit mächtig die Oberhand. Ich benutze diese ziemlich ruhigen Augenblicke manches zu ordnen, was mehrere Jahre her, durch Krankheit, Reisen und Krieg dergestalt verwirrt worden, daß meine hübschen Besitzungen ein unerträglich chaotisches Ansehen haben und völlig ungenießbar geworden sind. Die Meinigen haben den Auftrag mehr zu erzählen, deshalb ich um Wohlwollen bittend eilig schließe.
Goethe.
[172] 24/6731a.
Mögen Sie mir vor Tische ein Paar Stunden schenken, so werden Sie mich von einer schweren Briefschulden Last befreyen in die ich versunken bin.
[Weimar] d. 6. Febr. 1814.
G.
[130] 24/6732.
Mit vielem Dank erkenne ich die übersendeten Exemplare von Hermann und Dorothea. Haben Sie die Gefälligkeit mir noch funfzig mit der fahrenden Post zu senden, und mir solche in Rechnung zu notiren. So vielen vorübergehenden alten und neuen Freunden wünsche ich immer etwas zum Andenken auf den Weg zu geben. Der dritte Band ist endlich abgedruckt, nach so viel Verspätung, die er durch Nervenfieber, Insurrection und Conscription erlitten. Herr Frommann schreibt, daß Ew. Wohlgeboren ihn erst zu Ostern auszugeben wünschen. Ich überlasse dieß völlig Ihrer Einsicht und Beurtheilung. Auch die mir zugetheilten Exemplare denke ich bis dahin zurückzuhalten, damit ich nicht etwa ein Mißbrauch veranlaßt werde.
[131] Als Winterarbeit habe ich Redaction und Revision meiner Werke vorgenommen. Ein vollständiges Exemplar soll parat liegen, wenn günstigere Umstände die Herausgabe fordern und erlauben.
Für die fortgesetzte Sendung der allgemeinen Zeitung und des Morgenblattes bin ich verbunden. Beyde sind belehrend und unterhaltend; doch wünsche ich letzterm, bey der allgemeinen Befreyung deutscher Gemüther, auch völlige Geistes- und Geschmacksfreyheit, woran es ihm öfter zu gebrechen scheint.
Verzeihung und Neigung!
Weimar d. 7. Febr. 1814.
Goethe.
24/6733.
[Concept.]
[ 7. Februar 1814.]
So vielen Antheil ich auch an dem von Ew. Wohlgeb. behandelten Gegenstand nehme und so gern ich mich mit allem beschäftige was mich über den normalen und abnormen Gang der Natur aufklären kann; so war ich doch diese Tage her nicht im Stande Ihrem schätzbaren Werk diejenigen Aufmerksamkeit zu widmen die mich fähig machte etwas mehr als einen allgemeinen Dank dafür zu entrichten. Doch will ich dieses lieber sogleich thun, als durch ein längeres Zögern, wie es mir so oft geschieht, eine angenehme Pflicht völlig versäumen.
[132] Bringt mich die bessere Jahreszeit nach Jena, so hoffe ich das Vergnügen zu haben mich mit Ihnen über diese und andere Gegenstände zu unterhalten; welches mir um so erfreulicher seyn soll, als es jetzt mehr denn jemals nöthig ist, sich mit dem Neueren und Neuesten in den Wissenschaften bekannt zu machen, wovon doch nur die Kunstverwandten, besonders aber die geistreichen und fleißigen Jüngeren die beste Rechenschaft geben können.
Weimar den 6. Febr. 1814.
24/6734.
[Concept.]
[ 7. Februar 1814.]
Ew. Wohlgeboren
haben mich durch die baldige Mittheilung Ihrer patriotischen Schrift höchlich verbunden. Sie muß einen würdigen Platz einnehmen unter so manchen anderen, welche die Behandlung des reichen Stoffes mit wahrhaft deutscher Gesinnung unternommem. Ist man nun über Gehalt und Zweck vollkommen einig; so kann bey solchen wohlgemeinten und liebenswürdigen Tagesschriften nur die Frage entstehen: bringen sie dasjenige zur Sprache, was der guten Sache, für jetzt und künftig, förderlich ist? und welchen Beyfall kann ihnen der Redekünstler, der Ästhetiker zollen? Beydes, mit Grund, ruhig, und im Zusammenhange [133] zu thun, haben sich vorzügliche Männer vereinigt, deren in der allgemeinen Literaturzeitung schon abgedruckte Äußerung Ew. Wohlgeb. vielleicht nicht unbekannt geblieben sind. Ich bin gewiß, daß man daselbst auch dieser neuen bedeutenden Arbeit alle Gerechtigkeit wird widerfahren lassen, und es soll mich freuen wenn, auch dießmal, die Resultate jener Untersuchungen mit meiner Überzeugung zusammentreffen, und Ew. Wohlgeboren sich dabey meiner vorzüglichen Hochachtung vergewissern werden.
24/6735.
Als ein zwar nicht gieriger, aber doch seit geraumer Zeit von ausländischen Leckerbissen nicht heimgesuchter Tischfreund wollte ich die, durch den buntgefiederten Courier angekündigten, nordischen Wohlthaten erst abwarten; allein da diese bis jetzt noch nicht angelangt, so will ich nicht länger säumen, Ihnen, vortreffliche Freundin, für das gütige und erquickliche Andenken meinen besten Gruß und die Anerkennung Ihres theuern Wohlwollens zu erwidern.
Man enthielte sich gern jetzt alles Blickes in die Ferne, da man mit dem Nächsten auf mancherley Weise bedrängt ist, wenn nicht das Glück der Sieger in Süd-Westen und das Schicksal der Freunde in[134] Nordosten unsere Theilnahme und Aufmerksamkeit gewaltsam an sich zöge. Jene machen unseren Herzen täglich mehr Lust, da sie unsern Hoffnungen immer voreilen; hingegen fühlen wir uns beengt und betrübt, wenn wir an diese gedenken, und ihnen im Geiste nur leere Wünsche, und in Briefen nur gehaltlose Worte zusenden können. Und so hält die Freude den Schmerz im Gleichgewicht, und wiegt ihn zuletzt denn doch auf, weil sich Erwartungen hervorthun, die vielleicht nie gegründeter und von mehr nachhaltiger Kraft unterstützt waren.
Lassen Sie uns also, theure Freundin, diese letzten Wintertage als frühlingsweissagend betrachten. Es müßte seltsam zugehen, wenn nicht bald das Bessere von allen Seiten hervortretten sollte. Ist indeß dem Beobachter nicht ganz erfreulich, wie sich die befreyten Deutschen schon wieder literarisch gegen einander benehmen; so muß man denken, daß dieß nun einmal die Art der Nation ist, sobald sie von fremden Drucke sich befreyt fühlt, unter sich zu zerfallen. Was mich betrifft, so erlauben mir glückliche Umstände und Ereignisse einen ganz engen Zauberkreis um mich her zu ziehen, in welchem ich, nach alter Gewohnheit, meinen stillen Beschäftigungen nachhänge, das was ich Zeitlebens vorgenommen wieder aufnehme, um das brauchbare davon meinen zwar wunderlichen, jedoch immer geliebten Landsleuten aufzubewahren.
[135] Möge ich von Ihnen und Ihrem theuren Gemahl bald recht viel Wünschenswerthes vernehmen.
Riemer dessen Hand Sie wohl in diesem Blatte erkennen grüßt zum schönsten. Möge ich Ihnen immer empfohlen seyn.
Weimar d. 7. Febr. 1814.
Goethe.
24/6736.
[Concept.]
Erst gestern Abend erfahre ich sehr ungern daß Ew. Hochwohlgeboren sich diese Tage nicht wohl befunden, zu meiner Beruhigung aber auch zugleich daß Sie sich auf dem Wege der Besserung fühlen. Seyn Sie überzeugt, daß ich zu schätzen weiß wie viel Sie uns werth sind und daß meine Wünsche für Ihr Wohl das Ganze so wie mich selbst im Auge haben.
Erlauben Sie meinem Sohne der gestern angekommen ist Ihnen aufzuwarten, leiten Sie ihn auf seiner neuen Bahn und lassen ihn erfahren was er zunächst sowohl bey Durchl. Erbprinzen als in der Sache zu thun hat um an seinem Posten nützlich zu seyn.
Haben Sie die Güte seinen Zustand näher zu bestimmen, und mir sowohl als ihm fernerhin Ihre Geneigtheit zu gönnen.
Weimar d. 7. Febr. 1814.
[136] 24/6737.
Weimar, den 8. Februar 1814.
Ew. Wohlgeboren
erhalten hiebey die autorisirten Zettel sowie eine Notiz für den Rentbeamten. Ich erkenne die gehabte Mühe mit Dank sowie den geäußerten guten Willen. In gegenwärtiger Zeit ist jeder verpflichtet für sich selbst zu sorgen und man darf auch wohlmeinenden Freunden nichts zumuthen.
Sind die hinzugefügten kleinen Druckschriften Ihnen und Ihren urtheilenden Freunden noch nicht bekannt, so stehen sie zu kritischen Zwecken zu Diensten. Die Recensionen fahren fort allen Beyfall zu verdienen und klären sich nun schon einander auf.
Unsere Depesche an Herrn von Gentz ist schon vor acht Tagen mit einem Courier von Frankfurt in's kaiserlich-österreichische Hauptquartier abgegangen.
Ergebenst
Goethe.
24/6738.
Ew. Hochwohlgebornen
habe bey der gegenwärtigen Sendung für manches zu danken; vor allem aber will ich meinen Sohn entschuldigen, der auf seine Rückreise nicht, wie er [137] gewünscht, wieder aufwarten können. Der längere Aufenthalt in Frankfurt nöthigte zur Eile.
Die übersendeten Exemplare der so bestimmten als lebhaften Beschreibung des in der Zeitgeschichte so wichtigen Augenblicks habe sogleich an die Behörden abgegeben. Durchlaucht dem Herzog ist das seinige in's Feld gefolgt. Der Dank unserer vortrefflichen Erbprinzeß-Hoheit folgt hiebey, und wird Ihnen selbst zur trüben Stunde viel Freude machen. Die beyden Bände Ihrer immer gleich interessanten Zeitschrift haben auch wieder alte Lieblingsgedanken in mir aufgeregt, wovon ich nächstens etwas erwähne. Erfreulich ist mir's, daß ich in mehreren Aufsätzen solche Überzeugungen finde, die sich auch bey mir nach vieljährigen Beobachtungen und manigfaltigem Nachdenken festgesetzt haben. Man war bisher in geologischen Fällen in dem Nachtheil, daß man mit der herrschenden Meinung controvertiren mußte; und wer mag das gerne und was hilft es? Streiten mag ich im Wissenschaftlichen nicht leicht; dagegen assentire ich sehr gerne.
Mehr sage ich nicht für dießmal, und behalte mir vor, nächstens umständlicher zu seyn. Wenn Sie in Ihrer Lage, so unangenehm sie auch ist, zusehen und temporisiren können, so billige ich das sehr. Ihre Angelegenheiten werde ich nicht außer Augen lassen, es sey nun von Restitution, Restauration oder Translocation die Frage. In diesen [138] ernsten Zeiten haben wir uns alle in Geduld zu fassen.
Mich zu geneigtem Andenken empfehlend
gehorsamst
J. W. v. Goethe.
Weimar den 8. Februar 1814.
Noch eine Frage, um deren gütige Beantwortung ich bitte! Es steht hier ein kleines, ganz neu zusammengestelltes Mineralien-Kabinett von 263 Nummern zu verkaufen. Die Stücke sind nicht von gleicher Größe, aber durchaus frisch und instructiv. In der Sammlung findet man alle bedeutenden Mineral-Körper, Erd- und Steinarten, Salze, Inflammabilien und Metalle, nur die seltensten ausgenommen und solche, die sich nur chemisch darstellen lassen. Das Ganze ist zu pädagogischem Zweck eingerichtet und mit einem Catalog versehen, der auch den Gebrauch dieser verschiedenen anorganischen Naturproducte darlegt. Käufer und Verkäufer dieser Sammlung stehen in einem solchen Verhältniß, daß dieser keinen Preis machen will und jener gern das Billige zahlen möchte. Ew. Hochwohlgebornen haben in diesen Dingen so viel Erfahrung, daß Sie mir ja wohl ungefähr sagen können, was man, ohne zu sehr abzuirren, vorschlagen könnte.
Verzeihung und gütige Gewährung!
[139] 24/6739.
Sie handelten sehr lieb und freundlich, meine Theuerste, mir von Ihrer Genesung sogleich eigenhändige Nachricht zu geben, nachdem das Gerücht von Ihrer Krankheit mich sehr beunruhigt hatte. Diese und ähnliche Übel sind doppelt empfindlich, indem sie uns von den werthen Personen trennen, welche allein sie zu lindern im Stande wären. Geben wir hingegen unsrem Gefühle nach und meiden nicht oder lassen nicht meiden, so verbreitet sich das Übel, und der Wiedergenesene hat einen krankgewordenen Hülfreichen zu beklagen. So sieht es jetzt leider in der ganzen Welt aus, und ein Brief braucht nicht immer schwarz gesiegelt zu seyn, um uns Unheil zu verkündigen.
Dagegen ist aber auch das erworbene Heil so groß, daß sich niemand beklagen wird, an der Gefahr und Noth, wodurch es erworben ward, Theil genommen zu haben oder zu nehmen, es sey handelnd oder leidend, mit der Leibe oder dem Beutel bezahlend; wenigstens dürfen wir uns sagen, daß die Seele gewonnen habe.
An mir ist indeß Ihr schöner Segenswunsch in Erfüllung gegangen und ich bin durch günstige Ereignisse in den Fall gesetzt, meinen löblichen und unlöblichen Gewohnheiten wieder fröhnen zu können; welches, genau besehen, denn doch der Menschen höchster [140] Wunsch bleibt. Das vergangene Jahr hat, nicht allein im Äußern sondern auch im Innern, sich höchst ungünstig gegen mich erwiesen; der Jänner hingegen hat sich höchst freundlich und lieblich gezeigt. Wir wollen sehen, wie sich seine übrigen Jahresgesellen betragen und aufführen werden.
Da wir uns nun unter dem Schutz der heiligen Heer-Schaaren wieder können wohl seyn lassen; so habe ich angefangen meine, vergangenes Jahr zweymal geflüchteten und vergrabenen Kunstschätze und sonstige Prätiosa wieder auszuscharren und aufzustellen, bey welcher Gelegenheit mir mancherley Gutes und Treffliches, und also auch jener Name in Sternenzügen auf's neue geschenkt wird. Lassen Sie ja, theuerste Freundin, wenn Sie sich der Verehrtesten wieder nähern, mein Andenken treulich mit einfließen.
Mein dritter Band kommt noch nicht. Ich glaube er wäre glücklicher wenn er in Sedez gedruckt wäre. Die kleinen Büchelchen sind immer regelmäßig zu Weihnachten da. Für mich ist es ein Glück, daß ich ein alter Schriftsteller bin, dem es um die Publicität nicht sonderlich mehr zu thun ist. Erst entvölkerte Nervenfieber, sodann Insurrection und Conscription die Druckersäle; jetzt hat der Verleger wegen der Versendung Zweifel. Ein junger Autor würde vor Ungeduld aus der Haut fahren; ich aber tröste mich und hoffe daß das Büchlein, wenn es eine Weile liegt, wie die Mispeln nur gewinnen wird.
[141] Und so möge denn der tiefe Schnee diesen Brief nicht abhalten, dem ich abermals ein kleines Büchlein hinzufüge, damit er einiges Gewicht erhalte, und nicht verweht und verwindwebt werde. Leben Sie recht wohl, und lassen mich empfohlen seyn.
Weimar, den 8. Februar 1814.
Goethe.
24/6740.
Ew. Excellenz
geruhen aus beyliegenden Acten, besonders aber aus dem neuerlichen Bericht des Rentamtmann Kühn, Fol. 15 sequent. gefällig zu ersehen, wie weit es mit dem im Juny 1812 gnädigst anbefohlenen Ausbau des rechten Flügels der oberen Etage des Jenaischen Schlosses und dessen Einrichtung zum naturhistorischen Kabinett, unter der Aufsicht des Herrn von Hendrich bis jetzo gediehen. Da nun derselbe, nach seinem Abgang von Jena, die Acten so wie das Geschäft Herzogl. Commission in die Hand gelegt, so habe keinen Anstand genommen Fol. 14 präparatorisch zu verfahren.
Gedachter Bau sollte in 3 Jahren vollführt und die Kosten, damit solche weniger beschwerlich würden, gleichfalls in 3 Jahren verrechnet werden. Nun glaube ich daß wir nicht ganz unrichtig interpretiren, wenn wir 1812, 1813 und 1814 als gedachte 3 Jahre [142] ansehen und somit die Arbeit in diesem Jahre vollenden, welches um so nöthiger ist als durch die bisherige Stockung des Geschäfts sich manche Unordnung und Verwirrung in unsere mineralogische Sammlung eingeschlichen, welche nur durch eine vor mehreren Jahren schon als nöthig anerkannte Erweiterung des Lokals gehoben und vor die Zukunft vermieden werden kann.
Da nun die Lage der Sache von der Art ist daß ich mir Ew. Excellenz Zustimmung gewiß versprechen darf; so habe eine Verordnung an den Rentamtmann Kühn, in Concept und Mundo, jedoch unvorgreiflich beyzulegen und geneigter Approbation anheim zu geben die Freyheit genommen.
Gehorsamst
Weimar d. 8. Febr. 1814.
J. W. v. Goethe.
24/6741.
Weimar, den 9. Februar 1814.
Ew. Wohlgeboren
übersende, um in so wichtigen Augenblicken nicht ganz unthätig zu seyn, abermals eine Flugschrift; andere folgen. Ich verlange zu vernehmen, was Ihre einsichtsvollen Männer über diese und jene frühere gleichen Inhalts sagen werden. Hier haben wir also die Selbsthülfe rechtlich ausgesprochen und [143] die westliche Hälfte von Süddeutschland wenigstens mentaliter revolutionirt. Vorauszusehen war es, abzusehen ist es nicht, in Gedanken dem Gange der Sachen zu folgen löblich und räthlich. Unser Fürst wenigstens kann sich auch darin glücklich preisen, und wir mit ihm, daß unsere Verfassung unverkürzt und unerweitert geblieben. Lassen Sie uns auf alle Weise das innere Gute wirken, das in unseren Kräften steht. Von Serenissimo sind die besten Nachrichten eingetroffen.
Ergebenst
Goethe.
24/6742.
Habe Dank, mein theurer Freund, für die gute Aufnahme der Damen, wofür die Schreiberin nochmals persönlich dankt. Sie haben nicht Wunders genug von deinem dreygemützten Knaben erzählen können. Sollte dieses nicht auf baldige Wiederherstellung der dreyfachen Krone des Papstes deuten? Du kannst dich also wohl trösten, daß du deinen ältesten Sohn an den Altar des Vaterlandes geführt, und ihn dem Opfermesser des Zufalls anheimgegeben hast, da dir die Götter, nicht etwa wie ihrem Günstling, dem Abraham, ein Surrogat in einem Widder gegeben haben, sondern ein leibhaft Gleiches, und wegen seines Werdens und Wachsens noch Angenehmeres.
Wegen Carl sey auch unbesorgt, auch nicht unruhig [144] wegen seines Avancements. Durchlaucht. Herzogin wird gewiß das Mögliche thun. In dem ehernen Kriegswesen aber werden unsere besten Wünsche nur durch Zufall erfüllt. Die gezeichneten Blätter sende zurück. Es ist in ihnen, wie in seinen ersten Sachen, eine malerische Anschauung. Hätte er Ruhe und Fleiß gehabt, sich ein wenig Technik anzueignen, so würde er jetzt den großen Vortheil davon spüren. Wir haben es ja aber auch nicht anders gemacht und uns lieber ein ganzes Leben durch mit Pfuschen, als ein Jahr im Handwerk gequält.
August ist von Frankfurt zurück, wo er ohngefähr vier Wochen verweilt, alte Freunde wiedergefunden und neue erworben hat.
Vom Herzog sind die besten Nachrichten eingegangen; er war schon über Arnheim hin in einem Ort der, wenn ich nicht irre, Bockhold heißt. Möge er bald glücklich in Antwerpen einziehen! An Weyland ist Brief und Empfehlung besorgt, und nun lebe zum schönsten wohl mit den lieben Deinigen.
Weimar den 9. Febr. 1814.
G.
24/6743.
[Concept.]
Ew. Hochgebornen
erhalten hiebey eine Inschrift, jedoch erst nur zu Bezeigung meines guten Willens, denn ich halte sie für [145] den nächsten Zweck nicht eben brauchbar; sie möchte gut seyn, wenn eine große Gesellschaft oder die Menge das Fest gäbe, da es aber im Namen Durchlaucht der Herzogin geschieht; so werde ich auf etwas Anderes denken, oft geräth's erst zum zweyten oder dritten Mal, und ich denke es soll in diesen Tagen nicht fehlen.
Mich gehorsamst empfehlend.
Weimar den 12. Febr. 1814.
24/6744.
Ew. Wohlgeb.
versäumen ja nicht eine schließliche Ausarbeitung auf den sehr schönen Aufsatz zu gründen. Damit die solange schwanckenden Verhältnisse endlich festgesetzt werden. Es ist Ihnen ein leichtes und Sie machen Sich dadurch ein großes Verdienst. In angenehmer Erwartung dieser Schlußarbeit dancke zum schönsten für die Mittheilung des gegenwärtigen.
Mich ergebenst empfehlend
W. d. 12. Febr. 1814.
Goethe.
24/6745.
Vor allen Dingen, werther Herr und Freund, habe ich Ihnen den aufrichtigsten Dank zu sagen für [146] den guten Empfang und fortgesetzte Theilnahme die Sie meinem Sohn haben gönnen wollen; Sie haben dadurch seinen Muth und guten Humor, bey einem eben nicht ganz erfreulichen Geschäfte, gestärkt und er wird Ihnen dafür immer verpflichtet bleiben.
Die Hoffnung die er mir gemacht hat, daß ich wieder neue treffliche Werke unserer lieben römischen Künstler erhalten solle, ist, wie die Aussicht auf das nächste Frühjahr, höchst belebend; ich zweifle nicht daß Freude und Bewunderung an diesen Arbeiten sich immer erhalten, ja vermehren wird. Danken Sie Ihrem Herrn Bruder, dem Vermittler, dafür. Ehestens übersende, wohleingepackt, die mir bisher anvertrauten.
Herrn Werner sagen Sie gefälligst: sein Brief habe mich zum Lachen gebracht, und in den besten Humor versetzt, deshalb ich ihm vielen Dank weiß. Daß eine persönliche Zusammenkunft für uns jetzt nicht wohlthätig seyn könne, ist ein ganz richtiges Gefühl, doch soll mir's, von ihm und seinen, ich hoffe glücklichen Zuständen zu vernehmen immer angenehm seyn.
Soviel für dießmal, mit beygefügtem verpflichteten Dank für die freundliche Besorgung unserer Geschäfte die nicht in besseren Händen seyn können
ergebenst
Weimar d. 13. Februar
Goethe.
1814.
[147] 24/6746.
Weimar d. 13. Februar 1814.
Ihr lieber, herzlicher Brief, verehrter Freund, so wie die Erzählung des rückkehrenden Sohnes, hat uns, Vater und Mutter, auf das angenehmste gerührt: denn was kann man mehr wünschen, als das ein Jüngling, in dem Anfang deiner Laufbahn, einsichtigen, geprüften Männern Vertrauen und Neigung abgewinne. Könnte er sich doch Ihrer Nähe erfreuen, und Ihnen durch Wort und That nützlich und angenehm werden. Sein älterer vorsitzender College, ein sehr tüchtiger Geschäftsmann, der sich auch einer geneigten Aufnahme von Ihnen zu erfreuen hatte, ist mit ihm, sowohl was das Reiseleben, als die Arbeit betrifft zufrieden, und hat ihn nach der Rückkunft schon hohen und höchsten Ortes empfohlen. Möge ihm das als eine Grundlage dienen eines künftigen sichern Zustandes, in einer Zeit wo alles in Bewegung ist. Gebe Ihnen das gute Glück auch Ihren Sohn wieder! Ein junger Mann kann jetzo kaum, ohne militärische Gesinnungen und Erfahrungen der Zukunft getrost entgegen sehen. Leben Sie recht wohl, und erhalten uns ein theilnehmendes liebevolles Andenken.
J. W. v. Goethe.
[148] 24/6747.
Auf Ihren freundlichen, umständlichen Brief, der mir ein langes Entbehren Ihrer Nachrichten auf einmal vergütet, will ich sogleich, mich kurz fassend, einiges erwidern. Von der Schlacht bey Lützen an bis zum Ablauf des Stillstandes befand ich mich in Töplitz (denn es ziemt und wohl in dieser Zeit unsere kleinen Privatzustände der Weltgeschichte zu messen), sodann habe ich in Weimar, die bedeutenden Tage hindurch, Sorge, Furcht, Angst, Schrecken und Leiden mit so viel anderen getheilt, nicht ohne eine gewisse innere Thätigkeit, denn es ist mir inzwischen manche Production gelungen. Nunmehr, seit dem Anfang des neuen Jahres, befinden wir uns wieder, im Rücken so großer Ereignisse, wie im völligen Frieden und werden nur durch einige kriegerische Symbole, durch einen Trupp Baschkiren und, von Zeit zu Zeit, durch einen Kanonenschuß, von der Citadelle von Erfurt, an das Kurzvergangene erinnert.
Ihre Sammlung, so wie Ihr Unternehmen sind mir nicht aus dem Sinne gekommen, beyde sind zu ernstlich als daß ich nicht wünschte Ihnen förderlich zu seyn, auch habe ich mich nicht enthalten können, in dem dritten Bande meines biographischen Versuchs, wo vom Cölner Dom die Rede ist, auf Ihrer Bemühungen hinzudeuten. Sie werden diese apostolische[149] Generosität, da ich gern gebe was ich habe, zum besten aufnehmen.
Zu den glücklichen Acquisitionen gratulire ich allerschönstens, den Meister Hemmelinck möchte wohl kennen lernen. Sie machen sich ein großes Verdienst, jene ersten herrlichen Anfänge wieder zur Anschauung zu bringen, denn man begreift nun erst wie die späten trefflichen Meister, die wir gewöhnlich kennen und bewundern, sich auf dem hohen Grad hervorthun konnten, da sie den schweren Reichthum ihrer Vorfahren nur, mit Talent und gutem Humor, zu vergeuden brauchten.
Könnten Sie veranstalten daß mir auch nur ein Probedruck von der Dresdner Platte zugesendet würde, so sollte er bey mir nicht unter den Scheffel gestellt werden, es giebt dieß Gelegenheit von Ihnen, Ihrer Lage, Ihren Wünschen zu sprechen. Wer weiß wo es einmal Feuer fängt.
Von Cornelius und Overbeck haben mir Schlossers stupende Dinge geschickt. Der Fall tritt in der Kunstgeschichte zum erstenmal ein, daß bedeutende Talente Lust haben sich rückwärts zu bilden, in den Schoß der Mutter zurückzukehren und so eine neue Kunstepoche zu begründen. Dieß war den ehrlichen Deutschen vor behalten und freylich durch den Geist bewirkt, der nicht Einzelne sondern die ganze gleichzeitige Masse ergrifft. Ihre Sammlung und Ihr Dom wirken ja aus gleichem Grunde und in gleicher Richtung.
[150] Unter meine liebsten Wünsche gehört es, dieses Jahr die Bäder am Rhein, die Freunde und Ihre Sammlung zu besuchen, und ob ich gleich an der Gewährung zweifle; so will ich mich doch einstweilen an der Hoffnung ergetzen. Leben Sie recht wohl, und fahren immer, so treu als gründlich, fort. Es müßte nicht mit rechten Dingen zugehen wenn ein so redliches Bemühen nicht belohnt werden sollte.
So wie allem
Weimar den 14. Febr.
Aufrichtigen, Rechten,
1814.
so auch Ihnentreu ergeben
Goethe.
24/6748.
Weimar den 14. Februar 1814.
Unter die schönen Früchte, welche mir die Reise meines Sohnes gebracht, habe ich vorzüglich Ihren lieben und zutraulichen Brief zu rechnen, für welchen hiermit zu danken nicht ermangle. Da ein jeder mit oder wider Willen beschäftigt ist, sich den großen Ereignissen des Tages, wenigstens in Gedanken, gleichzustellen, so machte es mir viel Freude zu sehen, wie jüngere Männer sich dieser hoffnungsreichen Periode zubilden. Sowohl durch Ihren werthen Brief, als durch eine kleine Druckschrift, wird es mir möglich, mich an Ihre Seite zu versetzen; ich glaube daraus [151] Ihre Lage und Ihre Denkart erkannt zu haben; zu beyden wünsche ich Glück. Lassen Sie mich etwas von meinen Betrachtungen hinzusetzen.
Die Vereinigung und Beruhigung des deutschen Reiches im politischen Sinne überlassen wir Privatleute, wie billig, den Großen, Mächtigen und Staatswesen. Über einen moralischen und literarischen Verein aber, welche bey uns wo nicht für gleichgeltend doch wenigstens für gleichschreitend geachtet werden können, sey es uns dagegen erlaubt zu denken, zu reden. Eine solche Vereinigung nun, die religiöse sogar mit eingeschlossen, wäre sehr leicht, aber doch nur durch ein Wunder zu bewirken, wenn es nämlich Gott gefiele, in Einer Nacht den sämmtlichen Gliedern deutscher Nation die Gabe zu verleihen, daß sie sich am andern Morgen einander nach Verdienst schätzen könnten. Da nun aber dieses nicht zu erwarten steht, so habe ich alle Hoffnung aufgegeben, und fürchte, daß sie nach wie vor sich verkennen, mißachten, hindern, verspäten, verfolgen und beschädigen werden.
Dieser Fehler der Deutschen, sich einander im Wege zu stehen, darf man es anders einen Fehler nennen, diese Eigenheit ist um so weniger abzulegen, als sie auf einem Vorzug beruht, den die Nation besitzt und dessen sie sich wohl ohne Übermuth rühmen darf, daß nämlich vielleicht in keiner andern so viel vorzügliche Individuen geboren werden und neben einander existiren. Weil nun aber jeder bedeutende [152] Einzelne Noth genug hat, bis er sich selbst ausbildet, und jeder Jüngere die Bildungsart von seiner Zeit nimmt, welche den Mittleren und Älteren mehr oder weniger fremd bleibt; so entspringen, da der Deutsche nichts Positives anerkennt und in steter Verwandlung begriffen ist, ohne jedoch zum Schmetterling zu werden, eine solche Reihe von Bildungsverschiedenheiten, um nicht Stufen zu sagen, daß der gründlichste Etymolog nicht dem Ursprung unsers babylonischen Idioms, und der treueste Geschichtsschreiber nicht dem Gange einer sich ewig widersprechenden Bildung nachkommen könnte. Ein Deutscher braucht nicht alt zu werden, und er findet sich von Schülern verlassen, es wachsen ihm keine Geistesgenossen nach; jeder, der sich fühlt, fängt von vorn an, und wer hat nicht das Recht, sich zu fühlen? So, durch Alter, Facultäts- und Provinzial-Sinn, durch ein auf so manche Weise hin und wieder schwankendes Interesse, wird jeder in jedem Augenblicke verhindert, seine Vorgänger, seine Nachkommen, ja seinen Nachbar kennen zu lernen.
Da nun dieses Mißverhältniß in der nächsten Zeit immer zunehmen muß, indem außer den vom Druck Befreyten und wieder neu Auflebenden, nun auch noch die große Masse derer, welche durch kriegerische Thatkraft die heilsame Veränderung bewirkten, ein entschiedenes Recht haben zu meinen, weil sie geleistet haben: so muß der Conflict immer wilder, [153] und die Deutschen mehr als jemals, wo nicht in Anarchie, doch in sehr kleine Parteien zerplittert werden. Verzeihen Sie mir, daß ich so grau sehe; ich thue es, um nicht schwarz zu sehen; ja manchmal erscheint mir dieses Gemisch farbig und bunt. Gebe uns das gute Glück eine feste politische Lage, so wollen wir die obige Jeremiade in Scherz- und Spaßlieder umwandeln.
Aufrichtig zu sagen, ist es der größte Dienst, den ich glaube meinem Vaterlande leisten zu können, wenn ich fortfahre, in meinem biographischen Versuche die Umwandlungen der sittlichen, ästhetischen, philosophischen Cultur, insofern ich Zeuge davon gewesen, mit Billigkeit und Heiterkeit darzustellen, und zu zeigen, wie immer eine Folgezeit die vorhergehende zu verdrängen und aufzuheben suchte, anstatt ihr für Anregung, Mittheilung und Überlieferung zu danken. Genauer als sonst werde ich die Tagesschriften, sie mögen sich hervorbringend oder beurtheilend beweisen, lesen oder betrachten, und es sollte mir sehr angenehm seyn, wenn diese Barometer des Zeitgeistes eine bessere Witterung andeuten, als ich mir erwarte.
Leben Sie recht wohl, und wachsen einer glücklichen Zeit und einer vollendeten Bildung entgegen, wie sie der jüngere Deutsche jetzt mehr als jemals hoffen kann.
Keinen höheren Wunsch wüßte hinzuzufügen.
Goethe.
[154] 24/6749.
Mein August hat auch darin gute Geschäfte gemacht, daß er mir von Ihnen, theuerster Freund, ein ausfürliches Schreiben, ein sehr angenehmes Büchlein, und eine schätzenswerthe Notiz über die vorseyende Stadt-Regiments-Veränderung mitgebracht hat. Nehmen Sie für alles und jedes den gefühltesten Dank.
Eigentlich aber haben Sie mich, mein Werthester, durch die poetische Bergfahrt und durch die derselben beygefügte Karte sehr unruhig gemacht. Ich wünschte nun, unter solchem Geleit, das in frühern Zeiten nur flüchtig und ohne die nöthigen Kenntnisse durchwandelte Gebirg aufgeklärter zu besuchen, und die, durch Ihre Sorgfalt, zu Tage liegenden historischen und antiquarischen Merkwürdigkeiten in einer geregelten Folge kennen zu lernen. Ihr Gedicht wird gewiß jedem, der jene Gegenden besucht, das angenehmste Geschenk seyn; manchen Fremden wird es anlocken, da Sie den bedeutenden Gegenständen, durch blühende und harmonische Verse, einen doppelten Reiz gegeben haben.
Sobald die neue Verfassung festgestellt ist, so er bitte mir eine detaillirte Kenntniß derselben, womöglich mit Gegenüberstellung der alten. Schon sehe ich aus dem mir zugesendeten Entwurf manche zeitgemäße Veränderung.
[155] Werden Sie Ihre glücklich angebrachten Schmetterlinge nicht selbst nach Wien geleiten? Es freut mich sehr, daß Sie diese kostbare und doch hinderliche Last endlich in guten Händen sehen.
Ich habe meine Kupferstiche, die im Hause vielfach zerstreut herumlagen, endlich, nach Schulen, zusammengeordnet. Ich kann sie nur5 in meinem Sinne, das heißt spärlich vermehren. Könnten Sie mir gelegentlich vorerst einen Mantegna und Martin Schön um billigen Preis verschaffen, so geschähe mir ein besondrer Gefallen. Hat irgend ein Händler gute Abdrücke, besonders aus den italienischen Schulen, und wollte mir das Verzeichniß mit billigen Preisen zusenden, so würde ich mir wohl etwas auslesen. Sie müssen ja, mein Werthester, in Frankfurt alle Winkel kennen.
Es ist Ihnen gewiß nicht unlieb, wenn ich Ihren Taunus den Jenaischen Literatur-Freunden empfehle. Soll man, um dessen zu gedenken, etwa die Quartausgabe abwarten?
Lassen Sie uns, da durch meines Sohnes Zwischenkunft Bahn gebrochen ist, öfter von einander hören. Deutsche müssen jetzt frische Luft bekommen, ihren Landsleuten, noch mehr aber ihren Stadtgenossen, Verwandten und Freunden etwas Angenehmes zu erzeigen. Doch dazu muß ja einer wissen, wie dem andern zu Muthe ist.
[156] Das Beste wünschend und mit Ihrem freundschaftlichen Andencken empfehlend
Weimar den 14. Februar 1814.
Goethe.
24/6750.
Die Erzählungen meines Sohnes, begleitet von einem Schreiben Ihrer liebwerthen Hand, haben mich in jene so ruhig als unschuldige Zeiten zurückversetzt, in welchen wir einer heitern und lustigen Jugend genossen. Ich freue mich daß Sie, als ein besonders theurer Freund, zu den übrig gebliebnen gehören und wir uns noch, bis auf diesen Tag, zusammen der Vergangenheit freuen können. In meinem dritten Bande finden Sie Ihren geschätzten Nahmen und die Erinnerung unsrer näheren Verhältnisse, nicht ohne Bemerckung des vielfältigen Widerspruchs mit welchem der Freund meinen Enthusiasmus zu zügeln und meine Dialecktik zu üben verstand.
Auch habe ich, bey Gelegenheit der lebhaften Erzählung meines Sohnes, die Narbe an dem rechten Zeigefinger vorgewiesen, welche Sie mir schlugen, als ich mit demselben, unter einer Forsthaus Laube, etwas schalkisch, auf ein herankommendes Frauenzimmer deutete, dem wir beyde gewogen waren. Wir bereiteten uns eben einen Teller Schincken zu verzehren und Sie hatten das aufgehobne Messer in der Hand, [157] welches zu meiner Bestrafung sich etwas eilig niedersenckte.
Solche lustige, leichte Wunden schlägt das fortschreitende, immer ernstere Leben nicht, und ich wünsche Ihnen Glück, daß Sie, bey so großem Wechsel der Dinge, als einzelner Mann, weniger Sorgen unterworfen, an Ihrer Stelle unverruckt geblieben. Grüßen Sie mir unser Fränzchen zum schönsten, deren Heiterkeit sich gewiß erhalten hat. Eine so beständige Freundschaft deutet auf redliche, treue Gemüther und einen ruhigen, gleichen Lebenswandel.
Mögen Sie noch lange, amtlich auf dem Kirchhofe beschäftigt, diesem und jenem ein Erbbegräbniß zutheilen und mit dem besten Humor sich selbst und Ihren nächsten Umgebung leben, zu Trost und Freude, und auch dabey immer fort meiner in Liebe gedencken.
Herzlich angeeignet
Weimar d. 14. Febr. 1814.
Goethe.
24/6751.
Damit ja kein Posttag versäumt werde, sende ich dir sogleich Singbares und Klangloses; laß das eine deinem Kunstsinne, das andere deinem Verstande gefallen. Wie unendlich deine Sendung mich gefreut und erquickt hat, auszusprechen, müßte ich auch Geschichten [158] erzählen; heute jedoch nur den herzlichsten Dank.
Weimar, den 14. Februar 1814.
G.
24/6752.
[Concept.]
Von Ew. Wohlgeboren selbst hatte vor allen Dingen gewünscht über Ihre Zustände Aufklärung zu erhalten, ehe ich meinen Antheil, wie gegenwärtig geschieht, ausspräche. Benachrichtigt von jenem fatalen Proceß, lebte ich der festen Überzeugung, daß der erregte Verdacht ungegründet müsse befunden werden, und erkundigte mich, bey meinem Aufenthalt in Dresden, öfter nach Ihnen; jedoch zu meinem Leidwesen ohne sonderlichen Erfolg. Zur Zeit der kriegerischen Ereignisse vermuthete ich Sie in Leipzig, und hoffe daß Sie mit den übrigen Einwohnern, zwar Furcht und Angst, aber doch eine leidliche Entwickelung der ungeheueren Bedrängnisse würden getheilt haben. Nach Ihrem Brief kann ich Ihnen nun freylich zu weiter nichts Glück wünschen, als das Leben gerettet zu haben. Möge, bey der neueintretenden Ordnung der Dinge, Ihre Thätigkeit Sie in einen glücklichern Zustand wieder herstellen.
Die Übersendung des Portefeuilles mit Kupfern und Zeichnungen, soll mir angenehm seyn; wollen Sie die übrigen orientalischen Literatur- und Kunstwerke[159] beylegen, so bitte nur daß alles in einen Kasten, wohl und genau, eingepackt werde. Emballage und Porto hin und her zahle gern. Es ist zwar jetzt die Zeit nicht, solche Dinge selbst Kunst und Wissenschaft liebenden Fürsten anzubieten, allein immer gut ein solches Interesse lebendig zu erhalten.
Haben Sie die Gefälligkeit die Kiste, mit der fahrenden Post, hierher zu senden und an Herzogliche Bibliothek zu addressiren. Mit den aufrichtigsten Wünschen.
Weimar den 16. Februar 1814.
24/6753.
Schon mehrmals ist es mir so ergangen, daß, wenn ich mich, nach langem Zaudern, endlich entschloß lieben Freunden zu melden daß eine zugedachte Gabe nicht angekommen, sogleich nach abgesendetem Briefe das Erwartete glücklich eintraf; und so ging es auch jetzt mit den fünf köstlichen Gänse-Brüsten, die in einem Körbchen glücklich anlangten, und vortrefflicher schmecken, oder zu schmecken scheinen, als alle sonst genossene. Seit den letzten von Ihnen erhaltenen sind keine wieder in meine Speisekammer gekommen, und die Köstlichkeit derselben bezeugt vorzüglich Riemer, der sich die Abende wieder fleißig bey mir einfindet, und mir mancherley vorbereiten hilft, [160] was Ihnen dereinst auch Vergnügen machen soll, zugleich mit mir dankt und sich Ihrem theueren Andenken empfiehlt.
Lassen Sie mich, nach einer so schmackhaften leiblichen Speise, ohne gesuchten Übergang, von einer Gleichfalls wohlbereiteten geistigen Speise reden! ich meine das Werck sur l'Allemagne, von Frau von Staël; Sie haben es selbst gelesen, und es bedarf also meiner Empfehlung nicht. Ich kannte einen großen Theil desselben im Manuscript, lese es aber immer mit neuem Antheil. Das Buch macht auf die angenehmste Weise denken, und man steht mit der Verfasserin niemals in Widerspruch, wenn man auch nicht immer gerade ihrer Meinung ist. Alles was sie von der Pariser Societät rühmt kann man wohl von ihrem Werke sagen.
Man kann das wunderbare Geschick dieses Buches wohl auch unter die merkwürdigen Ereignisse dieser Zeit rechnen. Die französische Polizey, einsichtig genug daß ein Werk wie dieses das Zutrauen der Deutschen auf sich selbst erhöhen müsse, läßt es weislich einstampfen, gerettete Exemplare schlafen, während die Deutschen aufwachen, und sich, ohne solch eine geistige Anregung, erretten. In dem gegenwärtigen Augenblick thut das Buch einen wundersamen Effect. Wäre es früher da gewesen, so hätte man ihm einen Einfluß auf die nächsten großen Ereignisse zugeschrieben, nun liegt es da wie eine spät [161] entdeckte Weissagung und Anforderung an das Schicksal, ja es klingt als wenn es vor vielen Jahren geschrieben wäre. Die Deutschen werden sich darin kaum wiedererkennen, aber sie finden daran den sichersten Maaßstab des ungeheuern Schrittes den sie gethan haben.
Möchten sie, bey diesem Anlaß, ihre Selbstkenntniß erweitern, und den zweyten großen Schritt thun ihre Verdienste wechselseitig anzuerkennen, in Wissenschaft und Kunst, nicht, wie bisher, einander ewig widerstrebend, endlich auch gemeinsam wirken, und, wie jetzt die ausländische Sclaverey, so auch den inneren Parteisinn ihrer neidischen Apprehensionen unter einander besiegen, dann würde kein mitlebendes Volk ihnen gleich genannt werden können. Um zu erfahren inwiefern dieses möglich sey, wollen wir die ersten Zeiten des bald zu hoffenden Friedens abwarten.
Dem freundlichsten Lebewohl füge ich einen wiederholten aufrichtigen Dank hinzu.
Weimar den 17. Feb. 1814.
Goethe.
24/6754.
Die Frauenzimmer verlassen mich heute für den ganzen Tag. Mögen Sie, werthester, zu Tische kommen oder gegen Abend, sollen Sie wohl empfangen seyn. Nur Ein Wort! daß ich mich einrichten kann.
W. d. 18. Febr. 1814.
G.
[162] 24/6755.
Hierbey folgt, wertheste Freundin, ein Vorschlag, wie der irdische Raum zwischen den beyden himmlischen Figuren auszufüllen und ihre Umgebung zu bezeichnen seyn möchte. Sie werden die zarten Strichlein lesen und ihnen, durch eine kräftige und geschmackvolle Ausführung, erst den rechten Werth geben. Ich füge noch so viel hinzu. Der Himmel, von des Engels Seite am hellsten, deutet auf einen klaren Sonnentag, in dessen Äther sich die Heiligenscheine angenehm verflössen, ganz hinten ist eine blaue Ferne vorausgesetzt, an Schloß und Felsen bemerkt man schon eine gelbliche Localfarbe, der nähere Wald könnte mit mancherley Grün mehr warm als kalt, vielleicht hie und da etwas röthlich belebt werden. Ganz vorne ist eine Brustlehne supponirt die, aus zusammengebundenen Rohren bestehend, mit Vinia, oder einem ähnlichen Gesträuch überzogen wäre, hier wären blaugrüne, nicht allzugroße Blätter, und blaue violettliche Blumen am Orte. Dieses alles, sowie den theils angegebene, theils angedeuteten Weinstock, werden Sie, meine kunstreiche Freundin, mit mehr Geschmack im Einzelnen ausführen, als es hier entworfen werden konnte. Vielleicht kommt unter der Arbeit ein besserer Gedanke. Schließlich kann ich zu bemerken nicht unterlassen: