Erster Auftritt.

[394] Damon. Myrtillus.


DAMON.

So bist du fremde hier in unsern schönen Fluren?

Was treibt dich denn so weit? Was zieht dich auf die Spuren

Die selten jemand sucht, der nicht zu uns gehört?

MYRTILLUS.

Es hat mein Vater mich den Weg hieher gelehrt:

Denn als er neulich starb und mich zum Erben machte,

Auch in dem Letzten noch an meine Schwester dachte;

Verwies er mich hieher, allwo Damötas wohnt.

Drum hab ich eben itzt, nicht Müh noch Zeit geschont,

Und bin hieher geeilt, um des Gehorsams willen,

Des Vaters letztes Wort auch dadurch zu erfüllen.

DAMON.

So hast du, Fremdling, denn noch eine Schwester hier?

MYRTILLUS.

Ja Schäfer, kennst du sie; so zeige, bitt ich, mir

Den Ort, allwo sie sich die Zeit her aufgehalten.

Damötas heißt der Mann, die Zierde frommer Alten,

Der sie bisher verpflegt. Mein Vater gab sie schon

In früher Kindheit hin, versprach ihm Dank und Lohn,

Wenn er das Mädchen wollt als seine Tochter ziehen:

Denn Väter können sich mit Töchtern nicht bemühen;[394]

Und meine Mutter starb, so bald sie nur das Kind

Ans Licht der Welt gebracht. Damöt war wohlgesinnt,

So wie sein treues Weib; sie waren uns gewogen,

Und so ist Doris denn bisher hier auferzogen.

DAMON.

Da giebst du mir ein Licht, wornach ich längst gestrebt.

So wisse, daß sie hier in gutem Wohlseyn lebt,

Sie blüht gesund und frisch, in angenehmster Jugend,

Und ist vor tausenden ein Muster ächter Tugend.

An Freyern fehlts ihr nicht: doch wie man spüren kann,

So steht Menalkas ihr vor allen andern an;

Damötens wackrer Sohn, der Bruder zwoer Schönen,

Die durch sein Beyspiel sich viel Gutes angewöhnen.

Nur daß die älteste so unempfindlich ist,

Und vor der Liebe stets ihr steinern Herz verschließt.

MYRTILLUS.

Ich hab an unserm Ort bereits davon vernommen.

DAMON.

Du bist doch wohl nicht gar deswegen hergekommen?

MYRTILLUS.

Das sag ich eben nicht; ob ich die Schäferinn

Gleich selber von Person zu kennen lüstern bin.

Ist sie denn schön, mein Freund?

DAMON.

Sie hat nicht ihres gleichen.

Es müssen hier bey uns ihr alle Schönen weichen;[395]

Allein ihr harter Kopf, ihr unbeweglich Herz

Macht sie mir recht verhaßt.

MYRTILLUS.

Liebt sie denn keinen Scherz,

Kein lustig Schäferspiel, kein Tanzen, oder Singen,

Dadurch man fähig wär, ihr Liebe beyzubringen?

DAMON.

Das alles ist umsonst. Mit aller deiner Kunst

Erlangst du nimmermehr bey Atalanten Gunst.

Seitdem die Mutter ihr vor kurzer Zeit gestorben,

Hat mancher Schäfer sich mit Ernst um sie beworben:

Allein sie fragt nach nichts, als Hund, und Wild und Wald;

Und wenn ihr Jägerhorn in unsern Trifften schallt,

Läuft unser Schäfervolk sehr oft in einen Haufen,

Und sieht die Jägerinn erstaunt vorüber laufen.

So bleibt nun ihre Brust bey steter Sprödigkeit.

MYRTILLUS.

Ich danke, Schäfer, dir, daß du in kurzer Zeit

Mir diese Lebensart der Schäferinn erzählet;

Die durch ihr sprödes Thun vielleicht dich selber quälet.

DAMON.

O nein! ich hab ihr schon den Handel aufgesagt.

MYRTILLUS.

Indessen sage mir, was ich vorhin gefragt:

Wo hier Damötas wohnt?[396]

DAMON.

Da, siehst du jene Thüre?

Da wohnt Damötas.

MYRTILLUS.

Gut. Leb wohl!

DAMON.

Mein Freund, ich spüre,

Daß Atalanta bläst. Sie kömmt, drum bleibe hier;

Daß du sie kennen lernst. Verstecke dich mit mir.


Sie verbergen sich.


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin 1968/1970, S. 394-397.
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