Der zweyte Auftritt.

[47] Cato. Domitius.


CATO.

Domitius, wohlan! was hast du mir zu sagen?

DOMITIUS.

Auf Cäsars Wort, hab ich dir, Cato, vorzutragen – –

CATO.

Wie? Cäsar giebt Befehl, und du gehorchst ihm gern?

DOMITIUS.

Warum nicht?

CATO.

Armer Sklav! Leibeigner deines Herrn!

Das heißt der Aeltern Grab durch deinen Schimpf entehren!

Die wollten in der Welt von keinen Herren hören![47]

Ists möglich, daß in dir des großen Brutus Blut,

Von dem du stammen willst, nicht bessre Wirkung thut?

Half nicht sein tapfrer Muth, aus Abscheu vor Tyrannen,

Die königliche Macht aus Latien verbannen?

Und du, sein ächter Sohn! du führst sie wieder ein;

Ja willst ein Bürger Roms zu Roms Verderben seyn?

DOMITIUS.

Welch Laster ist es denn? den Consul muß man ehren!

CATO.

Was Consul? sprich Tyrann, der Staat und Recht will stören.

Hat ihm wohl Rath und Volk, wie man vordem geschaut,

Durch freyer Bürger Wahl das Consulat vertraut?

Verwegenheit und List sind Cäsars beste Rechte!

Verheert und plagt er nicht das menschliche Geschlechte?

Es ist ja seine Lust, wenn er nur Thränen sieht,

Und das sonst freye Rom zum Sklavenjoche zieht.

Ja, wo die Götter uns nicht augenscheinlich retten:

So legt der Wütrich noch die ganze Welt in Ketten.

DOMITIUS.

Ach gib dem Neide doch nicht alsofort Gehör!

Sein unverschämtes Maul verlästert ihn zu sehr.

Er sucht, in Wahrheit, nur die Gleichheit einzuführen.

Meynst du, ich wollte selbst die Freyheit gern verlieren?[48]

So wahr ich römisch bin! Bey aller Götter Macht,

Betheur ichs hier vor dir; daran ist nie gedacht!

Wenn das die Absicht wär; ich selber wollt ihn fällen!

Ich selber würde gleich zum wütenden Rebellen.

Da würde diese Faust der Freyheit Schutz genannt,

Und Cäsars Freundschaft ganz aus meiner Brust verbannt.

Doch itzt gehorch ich ihm, und thu es ohne Sünde:

Weil ich den Gegenpart weit ungerechter finde.

Zwar fällt ihm Cato bey: jedoch, ein großes Herz,

Erleichtert immer gern der Unterdrückten Schmerz.

CATO.

Du schmäuchelst mir umsonst! wer Cäsarn billig nennet,

Der hat mich selber schon für ungerecht erkennet.

Fürwahr, Domitius, du kennest Cäsarn nicht:

Die Larve deckt noch stets sein falsches Angesicht.

Besiegt er mich dereinst: dann wirst du ihn erst kennen,

Und dich, wiewohl zu spät, von ihm betrogen nennen.

Wie oftmals hat man nicht das Laster erst erblickt,

Wann es, durch unsre Schuld, uns gänzlich unterdrückt.

Den strafet ein Tyrann zu allererst am Leben,

Der ihm behülflich war, ihn auf den Thron zu heben.

Erzittre! – – Doch, genug. Nun mache mir bekannt,

Warum man dich hieher nach Utika gesandt?

Sprich![49]

DOMITIUS.

Cäsar wollte gern, der Römer Wohlfahrt wegen,

Mit dir allein allhier, was Großes überlegen.

CATO.

Er komme, wenn er will; ich bin dazu bereit:

Allein, was fodert er zu seiner Sicherheit?

DOMITIUS.

Auf deine Tugend bloß, ist sicher gnug zu bauen!

Wiewohl Pharnaz ist hier; ist diesem wohl zu trauen?

CATO.

Er ist in Utika mir gleichfalls unterthan.

Dieß Schloß, darinn wir sind, stößt an die Mauren an,

Und schützt die ganze Stadt. Wir Römer halten Wache:

Daher bedarf es nicht, daß man sich Sorgen mache.

Pharnaz ist ohnedieß am Ufer bey der See,

Und forscht, wie es allda um seine Flotte steh.

Sein Volk darf näher nicht nach unsern Thoren dringen,

Man giebt auf alles Acht; auf ihn vor allen Dingen.

In diesem Schlosse nun kann es gar leicht geschehn,

Daß Cäsar mit mir spricht, eh ihn ein Mensch gesehn.

Entfernen nämlich sich die nahen Legionen;

So will ich auch das Thor mit der Besatzung schonen:

So ist für ihn und mich vollkommne Sicherheit.

Doch, in des Herzens Grund dringt Cato jederzeit!

Mein Blick reißt jedermann die Larve von den Augen:

Die reine Wahrheit nur; sonst kann vor mir nichts taugen.[50]

Das thu dem Cäsar kund! Verstellter Worte Fluß

Verblendet mich nicht so, wie den Domitius.


Er geht ab.


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin 1968/1970, S. 47-51.
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