Der siebente Auftritt.

[57] Felix. Pharnaces.


PHARNACES.

Ach komm, mein Felix, komm! Die Zeit muß nicht verfließen – – –

FELIX.

Hier bin ich schon, mein Herr, nun kehrt sich alles um!

PHARNACES.

Wie so? rückt Cäsar an? Ich gäbe was darum!

FELIX.

Ach nein! die Zwietracht scheint aus Africa zu fliehen,

Man sieht die Römer schon den Helm vom Haupte ziehen,

Sie trauren insgesammt um ihrer Freunde Tod,

Und sind den Waffen gram, womit sie sonst gedroht.

Man läuft einander da vergnügt und froh entgegen,

Wo sonst die Streitenden erhitzt zu fechten pflegen.

Der Vater zückt nicht mehr das Schwert auf seinen Sohn;

Es regt das warme Blut sich auch in Brüdern schon.

Die Arme sind nunmehr der schweren Waffen müde;

Und kurz; es zeiget sich ein allgemeiner Friede!

PHARNACES.

Wie? Billigt Cäsar denn, was Timon und Arbat,

In meinem Namen ihm für einen Vorschlag that?[58]

Gefällt es ihm, sein Reich auf Catons Kopf zu bauen?

Sind beyde wieder hier? Ich hab ein gut Vertrauen!

FELIX.

Nein, Herr, noch sieht man nichts: und ich begreife nicht,

Was ihrer Wiederkunft im Lager widerspricht.

PHARNACES.

Allein die Zeit vergeht. Wir müssen nichts versäumen,

Den Schutt von Utika auf ewig aufzuräumen.

Durch Morden, Glut und Stahl, verkehrt sich das Geschick,

Das meinem Haupte droht, in ein erwünschtes Glück.

FELIX.

Allein wir sind hier stets den Römern im Gesichte.

PHARNACES.

Behutsamkeit und List macht allen Witz zunichte.

Die Arglist sieht so schön, als wahre Klugheit, aus,

Und ein verschwiegner Mund führt alles wohl hinaus.

Du wirst es selber sehn, mein Felix, was ich sage;

Ich kenne dieses Schloß an Festigkeit und Lage.

Mein Vater that mir einst viel Unrecht und Gewalt,

Drum floh ich ihn, und fand allhier den Aufenthalt.

Die Felsen, so die Burg auf einer Seite schützen,

Daran die Wellen stets mit Wuth und Schäumen spritzen,

Sind durch die Fluthen hohl, und ganz bequem gemacht,

So daß ich damals schon ein Schiff ans Schloß gebracht.[59]

Du weist, als diese Nacht ein großer Sturm entstanden,

Daß wir uns nicht sehr weit von Utika befanden.

Gefahr und Noth war groß, die Flotte ward zerstreut:

Doch manches Schiff fand hier, gewünschte Sicherheit.

Das weis hier noch kein Mensch, und niemand kanns ergründen!

Dadurch will ich den Weg in diese Mauren finden.

Ich schleiche mich sehr leicht mit einer Schaar hinein:

Die soll das Werkzeug dann zu meiner Rache seyn.

Die Wachen heb' ich auf, und Cato wird erschlagen,

Arsenen sollst du selbst nach meinem Schiffe tragen;

Hernach steck ich zuletzt, mit meiner eignen Hand,

Das Schloß von Utika, ja selbst die Stadt in Brand.

FELIX.

Fürwahr, der Vorsatz ist so heimlich als verwägen!

Der Himmel, wie mich dünkt, verspricht ihm selbst den Segen.

Es scheint, das Schicksal ist auf deinen Wink bereit,

Dieweil kein Hinderniß den Eingang hier verbeut.

Dein Heer wird durch das Schloß bis in die Stadt geführet:

Man weis nicht wie es kömmt, und Cäsar triumphiret!

PHARNACES.

Gut! Felix, kehre nur bis an die See zurück;

Da wähl ein muthig Heer, und komm den Augenblick,[60]

Wenn du die Flamme siehst aus Dach und Thürmen dringen,

Mit auserlesner Macht mir tapfer beyzuspringen.

Darauf wird Catons Kopf dem Cäsar überbracht,

Und dir vor andern ist die Ehre zugedacht.

FELIX.

Ja, Cato sterbe nur! Ich thu was du gebothen,

Und würd ich selbst dabey ein Mitgenoß der Todten.

Ich fürchte weiter nichts, als deinen Zorn und Haß.

PHARNACES.

So machts, wer treulich dient. Indeß verschweige das!

Wer große Dinge wagt, muß heimlich seyn und eilen:

Du sollst auch Glück und Ruhm mit deinem Herren theilen.


Ende des zweyten Aufzuges.


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin 1968/1970, S. 57-61.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Aristophanes

Die Vögel. (Orinthes)

Die Vögel. (Orinthes)

Zwei weise Athener sind die Streitsucht in ihrer Stadt leid und wollen sich von einem Wiedehopf den Weg in die Emigration zu einem friedlichen Ort weisen lassen, doch keiner der Vorschläge findet ihr Gefallen. So entsteht die Idee eines Vogelstaates zwischen der Menschenwelt und dem Reich der Götter. Uraufgeführt während der Dionysien des Jahres 414 v. Chr. gelten »Die Vögel« aufgrund ihrer Geschlossenheit und der konsequenten Konzentration auf das Motiv der Suche nach einer besseren als dieser Welt als das kompositorisch herausragende Werk des attischen Komikers. »Eulen nach Athen tragen« und »Wolkenkuckucksheim« sind heute noch geläufige Redewendungen aus Aristophanes' Vögeln.

78 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon