Des Herrn Verfassers Vorrede zur ersten Ausgabe 1732.

Ich unterstehe mich eine Tragödie in Versen drucken zu lassen, und zwar zu einer solchen Zeit, da diese Art von Gedichten in Deutschland, seit dreyßig und mehr Jahren, ganz ins Vergessen gerathen; und nur seit kurzem auf unserer Schaubühne sich wieder zu zeigen angefangen hat. Diese Verwägenheit ist in der That so groß, daß ich mich deswegen ausführlich entschuldigen muß. Ich weis zwar, daß ein einziges treffliches Muster, dieser in Verfall gerathenen Art der Gedichte, wohl eher ganze Nationen rege gemachet, und ihnen einen Geschmack davon beygebracht hat. Der berühmte Cid des Corneille hat dieses in Frankreich, die Merope des Hrn. Maffei in Italien, und Hrn. Addissons Cato in Engelland zur Gnüge erwiesen. Allein ich bin auch im Gegentheile versichert: daß Leute, die einer Sache nicht recht gewachsen sind, durch übelgerathene Proben alles verderben; und oftmals eine Art von Poesien in solche Verachtung bringen können, daß sich niemand mehr die Mühe nimmt, sie zu übertreffen, oder dasjenige, was sie schlimm gemachet haben, wieder zu verbessern.

Eben deswegen habe ich mich seit dreyen Jahren, da ich in meiner kritischen Dichtkunst unsre Nation zu Hervorsuchung dieser Art großer Gedichte aufgemuntert, und einige Anleitung dazu gegeben, nicht gewaget, selbst ans Licht zu treten, oder andern mit meinem Exempel vorzugehen. Ich habe gewartet, ob sich nicht etwa ein geschickterer Poet unsres Vaterlandes hervorthun, und ein Werk unternehmen würde, welches ihm[3] und Deutschland Ehre machen könnte. Es fehlet uns in der That an großen und erhabenen Geistern nicht, die zur tragischen Poesie gleichsam gebohren zu seyn scheinen. Es kömmt nur auf die Wissenschaft der Regeln an; die aber nicht ohne alle Bemühung und Geduld gefasset werden können. Es gehöret auch Gelegenheit dazu, die deutsche Schaubühne nach ihren bisherigen Fehlern und erfoderlichen Tugenden kennen zu lernen: wie denn auch die Kenntniß des französischen, englischen und italiänischen Theaters einiger maßen hierzu nöthig ist. Und ungeachtet ich Ursachen habe, zu glauben, daß es verschiedene unter unsern Dichtern giebt, die mit allen diesen Vortheilen reichlich versehen sind; wie ich denn selbst einige davon nennen könnte: so habe ich doch bisher vergeblich auf die Erfüllung meines Wunsches gehoffet.

Ehe ich mich aber erkläre, aus was für Ursachen ich mich endlich entschlossen habe, dieses Trauerspiel ans Licht zu stellen, muß ich mit wenigem melden, wie ich zuerst auf die theatralische Poesie gelenket worden; und was mich endlich bewogen, selbst Hand anzulegen, und einen Versuch darinnen zu thun. Es sind nunmehro 15 oder 16 Jahre, als ich zuerst Lohensteins Trauerspiele las, und mir daraus einen sehr wunderlichen Begriff von der Tragödie machte. Ob ich gleich diesen Poeten von vielen himmelhoch erheben hörte: so konnte ich doch die Schönheit seiner Werke selber nicht finden, oder gewahr werden. Ich ließ also diese Art der Poesie in ihren Würden und Unwürden beruhen: weil ich mich nicht getrauete, mein Urtheil davon zu sagen. Ich las auch um eben die Zeit, Opitzens Antigone, die er aus dem Sophokles verdeutschet hat. Allein ob mir wohl die andern Gedichte dieses Vaters unsrer Dichtkunst ungemein gefielen: so konnte ich doch die rauhen Verse dieser etwas gezwungenen Uebersetzung nicht leiden; und daher kam es, daß ich auch an dem[4] Inhalte dieser Tragödie keinen Geschmack fand. Ich blieb also im Absehen auf die theatralische Poesie in vollkommener Gleichgültigkeit oder Unwissenheit, bis ich etliche Jahre hernach den Boileau kennen lernte. Damals ward ich denn, theils durch die an Molieren gerichtete Satire; theils durch den hin und her eingestreuten Ruhm und Tadel theatralischer Stücke, begierig gemachet, selbige näher kennen zu lernen.

Obwohl ich nun Molieren leicht genug zu lesen bekam; so war doch in meinem Vaterlande keine Gelegenheit eine Komödie oder Tragödie spielen zu sehen: als wozu mir dieses Lesen eine ungemeine Lust erwecket hatte. Ich mußte mir also diese Lust vergehen lassen, bis ich im 1724. Jahre nach Leipzig kam; und daselbst Gelegenheit fand, die privilegirten dresdnischen Hofkomödianten spielen zu sehen. Weil sich dieselben nur zur Meßzeit allhier einfanden, so versäumte ich fast kein einziges Stück, so mir noch neu war. Dergestalt stillte ich zwar anfänglich mein Verlangen dadurch; allein ich ward auch die große Verwirrung bald gewahr, darinn diese Schaubühne steckete. Lauter schwülstige und mit Harlekins Lustbarkeiten untermengte Haupt- und Staatsactionen, lauter unnatürliche Romanstreiche und Liebesverwirrungen, lauter pöbelhafte Fratzen und Zoten waren dasjenige, was man daselbst zu sehen bekam. Das einzige gute Stück, so man aufführete, war der Streit zwischen Ehre und Liebe, oder Roderich und Chimene; aber nur in ungebundener Rede übersetzet. Dieses gefiel mir nun, wie leicht zu erachten ist, vor allen andern, und zeigte mir den großen Unterscheid, zwischen einem ordentlichen Schauspiele, und einer regellosen Vorstellung der seltsamsten Verwirrungen, auf eine sehr empfindliche Weise.

Hier nahm ich also Gelegenheit, mich mit dem damaligen Principal der Komödie bekannt zu machen, und zuweilen von[5] der bessern Einrichtung seiner Schaubühne mit ihm zu sprechen. Ich fragte ihn sonderlich, warum man nicht Andr. Gryphs Trauerspiele, imgleichen seinen Horibilicribrifax u.d.m. aufführete? Die Antwort fiel, daß er die erstern auch sonst vorgestellet hätte: allein itzo ließe sichs nicht mehr thun. Man würde solche Stücke in Versen nicht mehr sehen wollen: zumal sie gar zu ernsthaft wären, und keine lustige Person in sich hätten. Ich rieth ihm also einmal ein neues Stück in Versen zu versuchen; und versprach selbsten einen Versuch darinn zu thun. Da ich aber noch keine Regeln der Schauspiele verstund, ja nicht einmal wußte, ob es dergleichen gäbe: so übersetzte ich aus den Fontenellischen Schäfergedichten den Endimion, so wie ich denselben bey der ersten Auflage der Gespräche von mehr als einer Welt habe drucken lassen; machte aber hier und da, noch einige Zusätze von lustigen Scenen darzwischen, welche zusammen ein Zwischenspiel ausmachten, so mit der Haupthandlung gar nicht verbunden war. Ich verstund nämlich die Schaubühne so wenig, als der Principal der Komödie; und ungeachtet es mich damals verdroß, daß er das Herz nicht hatte meine Uebersetzung aufzuführen: so ist mirs doch itzo sehr lieb, daß solches nicht geschehen ist; zumal da Endimion sich besser zu einer Oper, als zu einer Komödie geschicket hätte.

Indessen gaben mir die schlechten Stücke, die ich spielen sah, vielfältige Gelegenheit, auch ohne alle Kenntniß der Regeln, das unnatürliche Wesen derselben wahrzunehmen: zugleich aber machte mich dieses begierig, mich um die Regeln der Schaubühne zu bekümmern. Ich konnte mir nämlich leicht einbilden, daß eine so weitläuftige Art der Gedichte unmöglich ohne dieselben bestehen könnte; da man es den allerkleinsten Poesien daran nicht hatte fehlen lassen. In allen unsern deutschen[6] Anleitungen zur Poesie fand ich kein Wort davon; ausgenommen in Rothens deutscher Poesie, die 1688. hier in Leipzig herausgekommen. Alle übrige, auch so gar Menantes in seinen theatralischen Gedichten, und der von ihm ans Licht gestellten allerneuesten Art zur galanten Poesie zu gelangen, hatten nur eine seichte Anleitung zur Oper gegeben. Doch da mir auch Rothe noch kein Gnügen that, ob er gleich nicht übel davon gehandelt hat; und ich in ihm Aristotels Poetik gelobet fand: so ward ich begierig dieselbe zu lesen: und es fiel mir zu allem Glücke Daciers französis. Uebersetzung derselben in die Hände. Diese hielt außer dem Texte sehr ausführliche Anmerkungen in sich, und gab mir also den längstgewünschten Unterricht in diesem Stücke. Es kamen mir nachmals Casaubonus DE POESI SATYRICA GRAECORUM, Rappolts POETICA ARISTOTELICA, imgleichen Heinsius DE TRAGŒDIÆ CONSTITUTIONE, des Abts Hedelin von Aubignac PRATIQUE DU THEATRE, und andre Schriften mehr in die Hand, die nur beyläufig von diesen Sachen handelten; dahin ich hauptsächlich den englischen Spectator, und den St. Evremont rechnen muß. Und zu geschweigen, daß ich mir des CORNEILLE, RACINE, LA GRANGE, LA MOTTE, MOLIERE, VOLTAIRE u.a. Schauspiele nebst denen ihnen vorgesetzten Vorreden, und beygefügten kritischen Abhandlungen bekannt gemachet: so kam endlich auch noch des Abts BRUMOIS THEATRE DES GRECS, und des Italiäners RICCOBONI HISTOIRE DU THEATRE ITALIEN dazu, die mir noch mehr Licht in dieser Materie verschaffeten.

Jemehr ich nun durch die Lesung aller dieser Werke die wohleingerichteten Schaubühnen der Ausländer kennen lernte: destomehr schmerzte michs, die deutsche Bühne noch in solcher Verwirrung zu sehen. Indessen aber, daß mir das Licht nach und nach aufgieng: so geschah es, daß die dresdenischen Hofkomödianten einen andern Principal bekamen; der nebst seiner[7] geschickten Ehegattin, die gewiß in der Vorstellungskunst keiner Französinn oder Engelländerinn was nachgiebt, mehr Lust und Vermögen hatte, das bisherige Chaos abzuschaffen, und die deutsche Komödie auf den Fuß der französischen zu setzen. Den ersten Vorschub dazu that so zu reden der hochfürstl. Braunschweigische Hof: woselbst zu des höchstsel. Herzogs Anton Ulrichs Zeiten, schon längst ein Versuch gemachet worden war, die Meisterstücke der Franzosen in deutsche Verse zu übersetzen, und wirklich aufzuführen. Man gab ihnen die Abschriften vieler solchen Stücke; und ob sie gleich mit dem Regulus des Pradons, eines nicht zum besten berüchtigten Poeten, den Anfang machten, welchen Bressand an obgedachtem Hofe schon vor vielen Jahren, in ziemlich rauhe Verse übersetzet hatte: so gelung ihnen doch dieses Stück durch die gute Vorstellung so gut, daß sie auch den Brutus, imgleichen den Alexander und Porus von eben diesem Uebersetzer; und bald darauf auch den Cid des Corneille aufführeten: der aber von einem weit geschicktern Poeten, in viel reinere und angenehmere Verse übersetzt war, als jene; und also auch ungleich mehr Beyfall fand, als alle poetische Stücke, die man vorhin gesehen hatte.

Hierauf schlug ich, die angefangene Verbesserung unsrer Schaubühne, so viel mir möglich war, fortzusetzen, und zu unterstützen, dem dermaligen Director derselben, auch den, von einem vornehmen Raths-Gliede in Nürnberg, übersetzten Cinna vor: der in der Sammlung seiner Gedichte, die unter dem Titel der Vesta und Flora herausgekommen, befindlich ist. Wie nun dieses Meisterstück des Corneille durchgehends großen Beyfall fand: so machte ich selbst endlich mit Uebersetzung der Iphigenia aus dem Racine einen Versuch, und spornte zugleich ein paar gute Freunde, und geschickte Mitglieder der deutschen Gesellschaft allhier an, dergleichen zu thun: da denn der eine den zweyten Theil des[8] Cids, oder Chimenens Trauerjahr; der andere aber die Berenice aus dem Racine ins Deutsche brachte. Alle drey wurden mit ziemlichem Beyfalle aufgeführet, so daß man dergestalt schon acht regelmäßige Tragödien in Versen auf unsrer Schaubühne sehen konnte. Ich schweige noch, was wir durch einige andere nicht ganz ungeschickte Federn bald darauf erhalten haben.

Nachdem ich also beyläufig eine kurze Historie von der angefangenen Verbesserung der deutschen Schaubühne gegeben: so muß ich endlich auch auf meinen Cato kommen, und überhaupt von der Einrichtung dieses Stückes Rede und Antwort geben.

Cato von Utica ist zu allen Zeiten für ein ganz besonderes Muster der stoischen Standhaftigkeit, und der patriotischen Liebe zur Freyheit gehalten worden. Poeten, Redner, Geschichtschreiber und Weltweisen haben ihn in ihren Schriften um die Wette bewundert und gepriesen. So gar unter dem unumschränkten Regimente der römischen Kaiser, welche alle Cäsars Nachfolger waren, konnten sich die größten Leute in Rom nicht enthalten, diesen eifrigen Verfechter einer freyen Republik zu loben: der in dem ersten Unterdrücker derselben, alle Fortpflanzer seiner Herrschaft und Regierung, für Tyrannen erkläret hatte. Virgil und Horaz haben dieses unter Augusts Regierung; Lucan, und Seneca aber unter dem Claudius und Nero gethan. Maternus, ein Poet, der nach dem Berichte des alten Gespräches von Rednern, oder von den Ursachen der verfallenen Beredsamkeit, eine Tragödie vom Cato gemachet hat, muß auch etwa um diese Zeiten[9] gelebet haben: und sein Trauerspiel wird gewiß den Haß gegen das monarchische Regiment nicht undeutlich oder schwach ausgedrücket haben; weil seine guten Freunde es für anzüglich und gefährlich hielten: wie aus dem angezogenen Gespräche, gleich im Eingange erhellet.

Cato hat sich in Utica selbst ermordet. Diese außerordentliche Todesart hat sein Ende zu einer Tragödie überaus geschickt gemachet, und es ist also kein Wunder, daß die Poeten aller Nationen diese Begebenheit in solcher Absicht ergriffen, und sie auf die Schaubühne zu bringen bemühet gewesen. Der obgedachte Maternus ist wohl der erste gewesen, der unter Catons Landsleuten solches versuchet hat: es ist nur zu bedauren, daß dieses Trauerspiel verlohren gegangen. Ohne Zweifel würden wir in demselben starke Ueberreste einer römischen, das ist, edlen Liebe zur Freyheit, und einen großen Haß wider die Tyranney angetroffen haben; die durch den nahen Eindruck, den so viel ungerechte und grausame Kaiser erhabnen Gemüthern damals machten, ziemlich lebhaft werden vorgestellet worden seyn.

Etwa im 1712 Jahre und also vor zwanzig Jahren, hat sich Addison, ein Englischer Staatssecretar und berühmter Poet, an eben diesen Helden gemachet, und im Anfange des 1713ten Jahres denselben wirklich aufführen lassen, wie ich aus dem Gardian ersehe. Es ist unbeschreiblich, mit was für einer Begierde dieses Trauerspiel von jedermann besuchet, und wie gut es von allen, die es gesehen, aufgenommen worden. Es kann seyn, daß die Neigung der englischen Nation zu ihrer Freyheit, und der ihr gleichsam angebohrne Abscheu vor einem tyrannischen Regimente, viel dazu beygetragen, daß die Vorstellung eines eben so gesinnten Römers ihnen so wohl gefallen hat. Allein so viel ist auch gewiß, daß dieses Trauerspiel sehr viele wahrhafte Schönheiten in sich hält, die nicht nur[10] Engelländern, sondern allen vernünftigen Zuschauern von der Welt gefallen müssen. Die Charactere, Sitten und Gedanken der Personen sind überaus wohl beobachtet: sonderlich ist Cato selbst, als der redlichste Patriot, als der tugendhafteste Mann und vollkommenste Bürger einer freyen Republik darinnen vorgestellet. Doch dieses Trauerspiel bedarf meines Lobes nicht, da es auch in einer ungebundenen französischen Uebersetzung schon diesseits des Meeres überall Beyfall gefunden hat.

Fast um eben die Zeit, oder doch nicht viel später, hat sich auch in Frankreich jemand an diese tragische Begebenheit gemachet, und sie auf die Schaubühne gestellet. Dieses war Herr DES CHAMPS, der mir nicht weiter, als aus seinem Cato, der im Haag 1715. herausgekommen, bekannt ist. Es scheint, dieser Poet habe des Hrn. Addisons Arbeit noch gar nicht gesehen gehabt, oder vieleicht gar nichts davon gewußt, als er sein Trauerspiel unternommen: denn beyde haben nicht die geringste Aehnlichkeit mit einander. Man findet eine ganz andere Fabel, andre Personen, andere Verwirrungen, und eine andere Auflösung derselben darinnen, als in der englischen Tragödie. Nur Catons Character ist darinn eben so vortrefflich beobachtet, als in Addisons Cato immer geschehen: wann man nur den Tod selbst, ja die ganze letzte Handlung ausnimmt. Denn wie ich bald erinnern will, so hat die englische Tragödie hierinn ihren besondern Vorzug: da hergegen die französische, ihrer regelmäßigen Einrichtung nach, der englischen weit vorzuziehen ist.

Wer da weis, daß die africanische Königinn Sophonisbe auch das Glück gehabt, von vier heutigen Nationen in Trauerspielen aufgeführet zu werden, nämlich von Italienern, Franzosen, Engelländern und Deutschen: den wird es nicht wunder nehmen, daß auch Cato dieser Ehre würdig geschätzet worden.[11] Nur ist es zu beklagen, daß sich unter uns Deutschen keine geschicktere Feder an diese Arbeit gemachet, als eben die meinige. Eben diese Erkenntniß meiner Unfähigkeit aber hat auch verursachet, daß ich mich nicht unterfangen habe, eine ganz neue Fabel zum Tode Catons auszusinnen. Zweene von meinen Vorgängern waren mir bekannt, und ich habe mir beyder Stücke zu Nutze gemachet; so daß man, wie dort vom Terenz gesaget wird, auch von mir sagen kann:


QUÆ CONVENERE IN ANDRIAM EX PERINTHIA,

FATETUR TRANSTULISSE, ATQUE USUM PRO SUIS.


Mein Trost aber ist gleichfalls, daß ich eben sowohl, als dort an einem andern Orte geschieht, mit dem Exempel andrer berühmter Poeten entschuldiget werden kann:


HABET BONORUM EXEMPLUM: QUO EXEMPLO SIBI

LICERE ID FACERE, QUOD ILLI FECERUNT, PUTAT.


Denn zu geschweigen, daß Terentius selbst vielmals ganze Stücke, doch mit einiger Veränderung, aus dem Menander entlehnet, oder anders zusammen gesetzet hat: so haben ja auch die größten französischen Tragödienschreiber z. B. Corneille und Racine sehr oft den Sophokles und Euripides der Griechen dergestalt gebraucht, daß sie selbige theils nachgeahmet, theils übersetzet, theils nach ihrem eigenen Kopfe in etlichen Stücken etwas verändert haben: wie unter andern aus dem Oedipus und der Iphigenia zu ersehen ist.

Nun ist es zwar gewiß, daß man mir anfänglich eine bloße Uebersetzung des englischen Cato zugemuthet: wozu ich auch in reimlosen Versen den Anfang gemachet, wie neulich in den Beyträgen zur kritischen Historie der deutschen Sprache eine Probe davon mitgetheilet worden. Allein nachdem ich die[12] ganze Einrichtung desselben nach theatralischen Regeln untersuchte, so fand ich: daß selbiger so regelmäßig bey weitem nicht war, als die französischen Tragödien zu seyn pflegen. Die Engelländer sind zwar in Gedanken und Ausdrückungen sehr glücklich; sie bilden gute Charactere, und wissen die Sitten der Menschen glücklich nachzuahmen: allein was die ordentliche Einrichtung der Fabeln anlangt, darinn sind sie noch keine Meister; wie fast aus allen ihren Schauspielen erhellet. Nun wollte ich auf unsrer deutschen Schaubühne nicht gern ein neues Muster aufführen lassen, das den Feinden aller Regeln einen neuen Vorwand geben könnte, zu sagen: daß ein Stück, auch ohne dieselben schön seyn könne. Daher änderte ich meinen Vorsatz, und beschloß einen ganz andern Cato, als den, welchen Addison gemachet hatte, zu verfertigen.

Es kam mir hier ungemein zu statten, daß die französische Arbeit des Hrn. DES CHAMPS weit genauer den Regeln Aristotels und andrer Kunstrichter gefolget war: ja die kritische Vergleichung, so am Ende derselben befindlich ist, bekräftigte mich in meinen Gedanken von den Fehlern des englischen Cato noch mehr.

Zum 1) hat Addison gleichsam drey Fabeln in einer gemacht, davon eine jede für sich allein bestehen kann, und nichts zu der Hauptfabel beyträgt; ja dieselbe oft dem Zuschauer oder Leser aus den Augen bringt. Das Hauptwerk ist dieses. Cato ist nebst wenigen Römern, und einiger numidischen Reuterey, in Utica von Feinden umschlossen. Cäsar schicket zu ihm, und beut ihm den Frieden an. Cato schlägt ihn aus; Cäsar läßt sein Heer anrücken; Cato sieht kein Mittel ihm zu widerstehen, und ersticht sich.[13]

Diese Haupthandlung nun zu verlängern, sind zwo Nebenfabeln mit eingeschaltet. Die erste ist diese: Portius und Marcus, Catons Söhne, lieben die Lucia, eines römischen Rathsherrn Tochter. Portius, dem sein Bruder sein Geheimniß anvertrauet, verhält sich als ein rechtschaffener Mensch, ohne seiner eigenen Liebe Eintrag zu thun, oder seinen Bruder zu verrathen. Indessen wird Marcus ermordet, und Portius bekömmt die Lucia.

Die andere ist folgende: Der junge Prinz Juba liebt Catons Tochter Marcia, die von dem Sempronius, einem römischen Rathsherrn, auch geliebet wird. Dieser ist ein Verräther, und will den Cato ausliefern. Syphax ein Numidier, will ihm darinn behülflich seyn; und die Soldaten empören sich schon: Cato besänftiget sie aber. Sempron verkleidet sich in des Juba Kleidung, und will die Marcia entführen. Darüber wird er vom Juba erstochen, der endlich die Marcia bekömmt.

Diese beyde Zwischenfabeln haben nun mit der Hauptsache, das ist dem Tode Catons, keine andere Verknüpfung, als daß sie zu einer Zeit, und an einem Orte vorgehen. Sie gehören also gar nicht mit dazu, und streiten wider die Einheit der Handlung, die in jedem Schauspiele seyn muß: zu geschweigen, daß es nicht sehr wahrscheinlich ist, daß man zu einer solchen Zeit, da alles in Lebensgefahr stund, auf viele Liebesverwirrungen werde gedacht haben. Auch die possirliche Verkleidung des Sempronius sieht viel zu komisch für eine Tragödie aus. Cato selbst kömmt in den ersten Handlungen selten in seiner rechten Größe zum Vorscheine; außer da er den Aufruhr stillet, und den Tod seines Sohnes Marcus beklaget. Die ganze übrige Zeit wird mit fremden Dingen zugebracht, die ihn nicht viel angehen.

Zum 2) aber hängen auch die Auftritte der englischen Tragödie sehr schlecht an einander; wovon Aubignac in seiner[14] PRATIQUE DU THEATRE kann nachgesehen werden. Die Personen gehen ab und kommen wieder, ohne daß man weis warum? und die Schaubühne bleibt oft leer, wenn gleich noch kein Aufzug aus ist. Endlich sind auch oft die Scenen gar nicht abgetheilet, wenn gleich neue Personen auftreten, oder alte abgehen: welches bey den Franzosen niemals geschieht; weil es eine Unordnung in dem äußerlichen Ansehen verursachet.

Endlich zum 3ten gefiel mirs im englischen Trauerspiele nicht, daß der sterbende Cato, dieser strenge Verfechter der Freyheit, der ganz andre Dinge im Kopfe hatte, noch in seinem Letzten ein paar Heurathen bestätigen muß. Das Hochzeitmachen hat in theatralischen Vorstellungen dergestalt überhand genommen, daß ich es längst überdrüßig geworden bin. Die Alten haben es überaus selten angebracht, und ich habe es daher auch hier versuchen wollen, ob denn ein Trauerspiel nicht ohne die Vollziehung einer Heurath Aufmerksamkeit erlangen könne? Dieses ist mir denn eben nicht übel gelungen: obgleich hier noch nicht halb so viel von der Liebe geredet worden, als in des Racine Berenice; wo es aber gleichfalls zu keiner Vermählung kömmt.

Fraget mich nun jemand: Warum ich nicht den ganzen französischen Cato übersetzet habe? so sind dieses meine Ursachen. So wahrscheinlich anfänglich die ganze Fabel eingerichtet ist, und so groß Cato in den ersten Handlungen dargestellet wird: so schlecht kömmt mir die letzte Handlung vor. Er läßt diesen großen Mann nicht als einen Weltweisen, sondern als einen Verzweifelnden sterben. Es entsteht ein Tumult in Utica, der von dem Pharnaz herrühret: und da Cäsar eben daselbst zugegen ist, seine Soldaten aber außer der Stadt meynen, ihr Haupt sey in Gefahr; so dringen sie herein, und hauen alles darnieder. Darüber nimmt sich Cato das Leben. Das heißt aber gar zu sehr wider die Wahrheit der Geschichte, und wider den philosophischen Character des Cato gehandelt.[15]

Hernach hatte man hier dem Cato gar keinen Sohn gegeben: gleichwohl waren die Stellen im englischen Trauerspiele gar zu schön, wo er den einen Sohn todt vor sich sieht, und den andern zur Feindschaft der Tyranney ermahnet, als daß ich sie hätte weglassen sollen. Ich habe also den Porcius beybehalten, ob ich ihm gleich ganz andre Scenen gegeben, als in beyden Tragödien geschehen; den Marcus aber habe ich nur todt vor ihn bringen lassen, nachdem ihn Pharnaz erleget hatte. Dieses mußte ich geschehen lassen, weil ich keinen Sempronius oder Syphax mehr hatte, der in dem englischen Stücke befindlich war. Die letzte Handlung habe ich also fast ganz aus dem Addison beybehalten, außer daß ich die Personen geändert, und die Heurathen des Porcius und des Juba weggelassen habe. Den Cato hergegen habe ich ganz was anders, aus dem Deschamps, dafür sagen lassen, ehe er stirbt.

Uebrigens wird ein jeder wohl sehen, daß hier sowohl die Person des Arsene, als ihre dem Pharnaces versprochene Ehe nur erdichtet worden. Herr Deschamps hat sich deßwegen in seiner Vorrede sattsam gerechtfertiget; weil dasjenige, was uns die Geschichte von Catons Tode lehren, viel zu kurz gewesen wäre, eine ganze Tragödie auszufüllen. Es ist aber alles sehr wahrscheinlich eingerichtet, so daß niemand etwas widersprechendes darinnen antreffen wird. Bey dieser Zwischenfabel nun, die sich so genau zur ganzen Hauptgeschichte schicket, hat man Gelegenheit, eine sehr lasterhafte Person gegen die Tugend des Cato zu stellen; um dieselbe desto mehr zu erheben: wie etwa die Maler durch den Schatten das Licht desto mehr zu erhöhen wissen.

Eben so verhält sichs mit der Person Cäsars. In der That ist selbiger nicht nach Utica gekommen; sondern es ist abermals nur erdichtet worden: um diese zween große Römer gegen einander zu halten; und den Unterscheid einer wahren und tugendhaften Größe, von einer falschen zu bemerken;[16] die aus einem glücklichen Laster entsteht, welches zuweilen den Schein der Tugend annimmt. Die Auftritte, da Cato und Cäsar mit einander sprechen, haben daher nicht wenig beygetragen, daß ich die Einrichtung der französischen Fabel der englischen vorgezogen. Der Verfasser hat auch die Kunst gewußt, Cäsars Gegenwart in Utica so wahrscheinlich zu machen, als es möglich gewesen; indem er gedichtet, daß dieser Held, nicht nur aus Begierde zum Frieden, sondern auch aus Liebe zu der vermeynten parthischen Königinn, sich in diese Gefahr gewaget. Was waget nämlich ein Verliebter nicht, um seinen Gegenstand zu sprechen! Oder vielmehr, was hatte Cäsar bey einem redlichen Cato für Gefahr zu befürchten?

Endlich muß niemand denken, als wenn die Absicht dieses Trauerspieles diese wäre, den Cato als ein vollkommenes Tugendmuster anzupreisen. Nein, den Selbstmord wollen wir niemals entschuldigen, geschweige denn loben. Aber eben dadurch ist Cato ein regelmäßiger Held zur Tragödie geworden, daß er sehr tugendhaft gewesen: doch so, wie es Menschen zu seyn pflegen; daß sie nämlich noch allezeit gewisse Fehler an sich haben, die sie unglücklich machen können. So will Aristoteles, daß man die tragischen Hauptpersonen bilden soll. Durch seine Tugend erwirbt sich Cato unter den Zuschauern Freunde. Man bewundert, man liebet und ehret ihn. Man wünschet ihm daher auch einen glücklichen Ausgang seiner Sachen. Allein er treibt seine Liebe zur Freyheit so hoch, daß sie sich gar in einen Eigensinn verwandelt. Dazu kömmt seine stoische Meynung von dem erlaubten Selbstmorde. Und also begeht er einen Fehler, wird unglücklich und stirbt: wodurch er denn das Mitleiden seiner Zuhörer erwecket, ja Schrecken und Erstaunen zuwege bringet. Man hat ihn selbst zuletzt noch einen Seufzer zu den Göttern thun[17] lassen, dieselben um ihre Barmherzigkeit anzuflehen; im Falle er irgend zuviel gethan hätte. Dieses kann allerdings auch ein Weltweiser thun: wie man denn von dem Aristoteles schreibt, daß er mit diesem Seufzer verschieden sey: ENS ENTIUM MISERERE MEI!

Wie ich nun in dem allen, die Regeln der Alten von Trauerspielen, aufs genaueste beobachtet zu haben glaube: also habe ich das Vergnügen gehabt, zu sehen, daß dieses Stück, auch in der Aufführung, Gelehrten und Ungelehrten gefallen, und vielen von beyden Gattungen, Thränen ausgepresset hat. Es ist wahr, daß die gute Vorstellung der theatralischen Hauptpersonen viel dazu beygetragen; darunter gewiß Cato, Portia und Cäsar die Vornehmsten gewesen. Deswegen habe ich auch kein Bedenken getragen, nach dem Exempel der Franzosen und Engelländer, die Namen dieser und aller übrigen geschickten Personen, hierbey bekannt zu machen. Ich überlasse es aber verständigen Lesern, ob sie auch ohne die äußerliche Vorstellung, bey eigener Aufmerksamkeit, einige Bewegungen dabey empfinden werden.

Geschieht dieses, so bin ich zufrieden, daß ich zum wenigsten das Gute des französischen und englischen Stückes nicht ganz verderbet habe. Denn überhaupt bekenne ich, daß alles, was an diesem meinem Cato zu loben seyn wird, vom Herrn Addison und Deschamps herrühret; alles schlechte aber, mir selber und meiner Unfähigkeit in der tragischen Poesie zuzuschreiben sey. Ich erkenne es also nunmehr selbst, wiewohl zu spät, daß ich lieber einen bloßen Uebersetzer abgeben; als mich selbst gewisser maßen zu einem tragischen Poeten hätte aufwerfen sollen.

Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin 1968/1970, S. 3-18.
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