113. Die zwei Brüder.

[130] (S. Dielhelm S. 715. Geib S. 631 etc. Gottschalk, Ritterburgen Deutschlands Bd. V. S. 195 etc.)


Unterhalb St. Goar liegt das Dorf Hirzenach und etwas weiterhin das schöne Kapuzinerkloster Bornhofen, wo sich ein wunderbares Marienbild befindet, nach welchem namentlich von kinderlosen Frauen viel gewallfahret wird, weil dieselben glauben durch die Fürbitte desselben ihren Wunsch, Kinder zu bekommen, erreichen zu können. Ueber dem Kloster auf zwei besondern, aber nahe bei einander liegenden Bergen sieht man die Trümmer der beiden verfallenen Schlösser Liebenstein und Sternenfels, welche schon im 17. Jahrhundert auf Landkarten jener Gegend die beiden Brüder heißen. Die eine einfache Sage berichtet, es seien diese Schlösser von zwei reichen Brüdern erbaut und bewohnt worden, deren Schwester aber, welche blind gewesen, habe für ihr Erbtheil drei Andachtsörter, nämlich das genannte Bornhofen und im Rheingau Kidrich und Nothgottes angelegt. Nachmals aber hätten die beiden Brüder, weil sie in Uneinigkeit gerathen, einander ihre Schlösser verheert.

Die spätere Sage, welche übrigens das Schloß Sternberg statt Sternenfels nennt, erzählt, es habe einst auf Liebenstein, seiner Stammburg, ein gleichnamiger Ritter von Liebenstein gelebt, derselbe habe zwei Söhne gehabt, deren Sinn jedoch ziemlich verschieden war, denn während der eine mehr eine stille Häuslichkeit liebte, war der andere mehr für Prunk und äußern Glanz eingenommen. Nun befand sich aber auf dem Schlosse ein junges Edelfräulein, eine Waise, welche der Ritter von Liebenstein nach dem Tode ihrer Eltern zu sich auf sein Schloß genommen hatte, um sie mit seinen Söhnen zu erziehen. Dieselbe ersetzte ihm überdies auch die Stelle einer Hausfrau, denn seine eigene treue Gattin war lange schon gestorben. Mittlerweile war aber aus der brüderlichen Zuneigung, welche die zwei Söhne des Ritters für die mit ihnen erzogene Waise fühlten, ein anderes innigeres Gefühl entstanden; beide hatten sich in das schöne Mädchen verliebt, allein da sie dem jüngern Sohne den Vorzug zu geben schien, verschloß der ältere, der bescheidenere, seine Neigung tief in seine Brust, und so kam es, daß als sein jüngerer Bruder ihr seine Hand bot, sie selbige sofort annahm, ohne zu wissen, wie tief sie dadurch seinen ältern Bruder verletze. Indeß vermochte derselbe nicht länger das Glück der beiden Liebenden ruhig mit anzusehen; er begab sich also an den Hof des deutschen Kaisers, um dort seine unglückliche Liebe zu vergessen. Mittlerweile kam aber der unter dem Namen des h. Bernhard bekannte Abt von Clairvaux auch nach Deutschland, um dort den Kreuzzug zu predigen; haufenweise strömten die Ritter vom Main und Rhein nach Frankfurt, wo Kaiser Konrad selbst dem zahlreich versammelten Volke diesen Apostel vorstellte. Seine Beredtsamkeit riß Alles mit sich fort und auch nach Liebenstein drang der Ruf dieser allgemeinen Begeisterung, so daß auch der junge Bräutigam[130] davon ergriffen ward und seinem Vater und seiner betrübten Braut erklärte, daß er mit nach Palästina ziehen und für die Sache der Christenheit sein Schwert ziehen wolle. Alle Vorstellungen und Bitten vermochten nicht ihn von seinem einmal gefaßten Entschluß abwendig zu machen, er rüstete sich eilig zur Abreise und eilte mit seinen Mannen zu dem Heere des Kaisers, welches sich am obern Rhein sammelte. Auch sein älterer Bruder hatte sich der Kreuzfahrt anschließen wollen, als er aber die Kunde erhielt, daß sein jüngerer Bruder bereits das Kreuz genommen und seinen alten Vater und seine Braut schutzlos verlassen habe, da hielt er es für seine Pflicht, zurückzubleiben und die Zurückgelassenen ritterlich zu schirmen. Er kehrte also auf die Burg zurück und bemühte sich seinem greisen Vater die wenigen Tage, die er noch zu leben hatte, so gut als möglich zu versüßen, gegen die Braut seines Bruders aber hielt er sich streng in den Schranken brüderlicher Freundschaft, so daß sie nichts von seinen Gefühlen für sie ahnte, wohl aber selbst seinen einfachen, biedern, herzlichen Charakter mit dem aufbrausenden, veränderlichen Sinn ihres Bräutigams nicht zum Vortheil des letztern vergleichen lernte. Mittlerweile aber ließ der alte Ritter seinem jüngern Sohne eine zweite Burg auf dem benachbarten Felsen erbauen und nannte sie Sternberg; allein er erlebte den Tag nicht, wo derselbe, was er sehnlichst wünschte, sie mit seiner jungen Gattin beziehen sollte; er starb und so blieb sie unbewohnt, denn sein älterer Sohn mußte auf Liebenstein zurückbleiben, um diese seine Stammburg gegen die damals so zahlreichen Raubritter zu schützen.

Mittlerweile waren zwei Jahre vergangen und von dem jüngern Bruder keine Nachrichten angelangt; da auf einmal brachten einige rheinische Ritter, welche von dem Kreuzzuge zurückkehrten, die Nachricht mit, er sei auf dem Rückwege begriffen, es folge ihm aber eine schöne Griechin, mit der er sich in Konstantinopel vermählt habe. Welch ein Donnerschlag war aber diese Neuigkeit für den ältern Bruder und die verlassene Braut! Nur darin war ihre Wirkung verschieden, daß während letztere sich starrem Gram hingab und in stiller Ergebung den Treubruch zu ertragen suchte, ersterer in glühendem Zorn gegen seinen leichtsinnigen Bruder entbrannte. Letzterer hatte indeß bereits unterwegs vernommen, daß sein Vater die zweite Burg für ihn habe erbauen lassen; er begab sich demnach mit seiner Griechin unmittelbar dahin, indem er sich vielleicht der unfruchtbaren Hoffnung hingab, seine Braut werde, wie einst die Gräfin von Gleichen, seinen Besitz mit der Fremden theilen wollen. Allein er täuschte sich; der Bruder verschloß ihm Thor und Burg und die Braut Herz und Kammer. Dies verdroß aber den jüngern Bruder so, daß er nicht blos zwischen seiner Burg und der seines Bruders eine starke Scheidewand aufführen ließ, sondern auch demselben einen Fehdebrief schrieb. Derselbe ward auch ausgeführt; mehr als einmal kämpften die Knappen der beiden Brüder in offenem Kampfe mit einander und schließlich forderten die Brüder selbst einander zum Zweikampfe am Fuße des Berges heraus. Beide Ritter erschienen auch zur Stelle und schon sollte der Kampf beginnen, da trat die verlassene Braut des jüngern plötzlich zwischen sie, ermahnte sie zur Versöhnung und erklärte, daß sie selbst ihrem Bräutigam sein Wort zurückgebe, denn sie sei entschlossen, sich statt des irdischen einen himmlischen Bräutigam zu wählen. Die beiden Brüder gehorchten ehrfurchtsvoll den Worten der edlen Jungfrau, steckten ihre[131] Schwerter ein und kehrten in ihre Burgen zurück; sie aber begab sich in das im Thale liegende Nonnenkloster und nahm hier den Schleier. Während nun aber der ältere Bruder auf Liebenstein sein verfehltes Leben einsam betrauerte, ging es auf Sternberg gar hoch her, denn die Griechin liebte Prunk und Festlichkeiten über Alles, und so geschah es, daß sich bald auch Gäste dort einfanden, welche nicht blos des Ritters wegen kamen, sondern sich auch um die Gunst der Hausfrau bewarben. Nicht lange dauerte es, so fand sich auch ein treuloser Gastfreund, der die Frau seines Freundes zur Sünde verführte; allein der Verräther schlief nicht lange, der ältere Bruder auf Liebenstein bekam Kunde davon und theilte, was er erfahren, dem betrogenen Gatten mit. Voll grenzenloser Wuth stürmte der Unglückliche mit entblößtem Schwerte in das Gemach seines ehrvergessenen Weibes, um an ihr und dem Buhlen, der täglich auf dem Schlosse war, blutige Rache zu nehmen; jedoch beide waren, durch Vertraute ihrer Sünden schon gewarnt, mit einander in ein fremdes Land entflohen.

Nun eilte der arme betrogene Ritter nach Liebenstein, trat vor seinen Bruder und bat ihn flehentlich, das Geschehene zu vergessen, ihm seine brüderliche Liebe wieder zu schenken und die Tage, die er noch zu leben habe, in trauter Gemeinschaft mit ihm zu verbringen, denn daß auch er nie einen Ehebund schließen werde, wisse er ja. So geschah es auch. Beide verlebten ihre Tage als wahre Brüder, indem sie einander Hülfe und Trost bis an's Grab weihten. Die Jungfrau aber verbrachte ebenfalls den traurigen Rest ihrer Tage in der einsamen Zelle des Klosters unter Gebet und Mildthätigkeit und hinterließ ihre reichen Güter frommen Stiftungen und den Armen. Nach dem Erlöschen dieses Stammes fiel die eine Burg an die adelige Familie der Herren von Schenk zu Oberspey, die andere aber ward als ein Chur-Trierisches Lehen von dem Churfürsten von Trier eingezogen.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 130-132.
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