295. Das Quaritzer Gespenst.

[360] (S. Wagener, Neue Gespenster. Berlin 1802 Bd. II. S. 73. etc.)


Quaritz ist ein früher der freiherrlichen Familie von Tschammer gehöriger Marktflecken zwei Meilen von Groß-Glogau in Niederschlesien. Hier lebte[360] um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein durch Hypochondrie schwächlicher Dorfpastor, Namens Carl Wilhelm Tile, der sich seiner Kränklichkeit wegen einen Gehilfscandidaten zur bessern Abwartung seines Amtes hielt. Das Haus, welches er bewohnte, war einstöckig, hatte aber mehrere Dachstuben, jedoch nur eine Thür, die Hausthüre. Seine Hausgenossen waren damals seine Ehefrau, eine geborne Conradi aus Glogau, die ihn überlebte, eine Hausmagd, die bei ihrer Herrschaft für sehr treu galt, und jener Candidat der Gottesgelehrtheit. Einst entstand plötzlich das Gerücht – es war in den letzten Jahren des 7jährigen Krieges – die Russen seien in Anmarsch, Tile besorgte, von ihnen geplündert zu werden, er zeigte daher seinem Candidaten ein gewisses Spind und bat ihn, mit dem in demselben befindlichen Gelde und Silbergeräthe die Flucht zu ergreifen, bis die Gefahr der Plünderung vorüber sei. Die Schreckenspost von dem Anmarsche der Russen war indessen nur blinder Lärm und das Entfliehen mit dem Gelde nun nicht nöthig. Auch hatte der Candidat dasselbe noch nicht angerührt, als man auf einmal bemerkte, daß es aus dem Spinde herausgenommen sei. Niemand im ganzen Hause wollte es genommen haben. In den Augen des kranken Predigers, der beiden, seiner Magd und seiner Gattin blindlings trauete, fiel ungeprüft der Verdacht einzig auf den Candidaten. Er war sogar ungerecht und unvorsichtig genug, ihm denselben nicht undeutlich zu erkennen zu geben. Der arme, und wahrscheinlich ganz schuldlose Candidat fand sich durch ein so entehrendes Mißtrauen und durch das höchst beleidigende Benehmen der sämmtlichen Hausgenossen gegen ihn tief gekränkt und verließ unter Thränen, welche ihm das beleidigte Ehrgefühl auspreßte, ein Haus, das ihm so ganz zuwider werden mußte, er rief unter Betheuerung seiner Unschuld Gott an, diese an den Tag bringen zu wollen, indessen wirkten Gram und Verdruß über seine verletzte Ehre schrecklich auf seine Gesundheit und warfen ihn endlich auf das Krankenlager, von welchem er nicht wieder aufstand.

Einige Zeit nach diesem Vorfalle verließ auch die Magd die Behausung ihrer bisherigen Herrschaft, sie heirathete einen armen Schuster zu Quaritz. Nach einigen Jahren ward sie sehr krank und verlangte den Zuspruch des Geistlichen. Da sie aber nach der Versicherung der Frau Pastorin im hitzigen Fieber lag, nahm der Prediger Anstand, zu ihr zu gehen. Indessen schickte sie zum zweiten Male, ließ ihm das Gegentheil versichern und sagen, daß sie ihm etwas von Wichtigkeit zu entdecken habe, sie bitte ihn daher um Gottes willen, eiligst zu ihr zu kommen. Der Prediger hatte diesen Augenblick einige Abhaltung, und da er sich endlich nach Verlauf einer Stunde zu der Kranken verfügen wollte, erfuhr er, sie sei bereits todt.

Von dem Abend desselben Tages (v. 3. August 1763) an äußerten sich nun die ersten spukhaften Bewegungen auf der Pfarre. Es hatte nämlich der Rektor und Mittagsprediger Herr R ... in Obersch ... bei Glogau versprochen am 7. August 1763 in Quaritz zu predigen und kam Tags vorher gegen Abend daselbst an. Er war mit dem Pastor Tile und seiner Frau bis 11 Uhr beisammen, dann ward ihm sein Bett in einer Stube unter dem Dache angewiesen. Er setzte das Licht auf einen Stuhl, der neben dem Bette stand, legte sich nieder und überlas seine Predigt. Unter dieser Beschäftigung hörte er drunten auf dem Saale eine Zeit lang kehren,[361] auch berührte etwas seine Stubenthür. Er war ärgerlich, daß er gestört wurde und löschte das Licht aus. Nun kam es ihm vor, als wenn man von außen mit einem Reisgebunde in den Ofen führe um einzuheizen; da es nun zur Zeit der Hundstage war, so dachte der Fremde, die Leute im Hause hätten den Verstand verloren, er beschloß am andern Morgen die Frau Pastorin hiervon in Kenntniß zu setzen, vergaß aber den ganzen Vorgang. Er fiel ihm erst nach einem halben Jahre wieder ein, als er in einer entfernten Gegend von den Unruhen in diesem Hause zum ersten Male reden hörte. Zwei Jahre darauf kam er wieder nach Quaritz, erzählte dort seine damalige Wahrnehmung und da versicherten der Pastor und seine Frau, daß die spukhaften Unruhen, ob sie gleich nichts gesagt, früher bereits angefangen hätten, aber nach der Zeit immer größer geworden wären.

Das Gerücht von dem Poltergeiste verbreitete sich nach und nach überall hin; es strömten aus der Nachbarschaft, und selbst aus Berlin, Breslau und ganz Schlesien Neugierige herbei, um mit eigenen Ohren überirdische Töne zu vernehmen; ein jeder untersuchte dann nach seiner Art, Niemand entdeckte eine Selbsttäuschung, Niemand nahm einen Betrug wahr. Dadurch sah sich der damalige Hoffiscal Bingart zu Groß-Glogau veranlaßt, unter dem ersten März 1764 die Königliche Kammer mit dem Gesuche anzugehen, ihm eine Untersuchung dieser Angelegenheit, der gewiß ein Betrug zu Grunde liege, anzuvertrauen. Dieselbe ward jedoch nicht ihm, sondern unter dem 23. März 1764 dem damaligen Besitzer des Dorfes Quaritz, dem Freiherrn Carl Günther von Tschammer übertragen. Derselbe verlangte nun von dem Pastor Tile einen Bericht über den Hergang der Sache und erhielt einen solchen auch am 13. April 1764. Derselbe lautete nun so:

»Ungefähr seit dem August vorigen Jahres (1763) wurden in meinem Hause, nachdem sämmtliche Bewohner schon zu Bette waren, solche Bewegungen wahrgenommen, als eine Person, die noch wirthschaftlich beschäftigt ist, vornehmen kann. Ein Hin- und Hergehen in der Küche, auch wohl im Vorderhause, ein Auf- und Zumachen der Küchstübelthür und der in der Küche befindlichen Spinden, ein Rascheln auf dem Feuerheerd, ein Niedersetzen und Zusammenstoßen der Kannen und Schüsseln etc. Nächstdem hörte man auch im zweiten Stockwerke, bald hier bald da, jedoch öfter im Hinter- als im Vordertheile des Hauses ein merkliches Geräusch, ein Klopfen, bald schwach, bald stärker, ein Fallen und Hinwerfen, als ob Holz oder sonst etwas hingeworfen werde, ein Klappern an der Klinke der Thüren und Schlösser. Manchmal war es, als gehe Jemand auf bloßen Strümpfen die Treppe hinauf und hinunter und so kann man alle die verschiedenen und mancherlei Bewegungen und Töne nicht alle namhaft machen. Es blieb auch kein Ort im ganzen Hause frei. Meine Stube allein machte eine Ausnahme, wenigstens so lange als ich darin war. Jedoch that es in einer Nacht, vor einigen Wochen, zweimal drei Schläge an meine Thüre, als wenn Jemand mit der Faust anschlägt. Dies geschah als ich noch Licht und mich kaum zu Bette gelegt hatte, meine Frau aber zum Zubettgehen sich eben bereitet hatte. Ueberhaupt war dies die schreckhafteste Nacht für mich, indem, nach dem Anklopfen an meine Stubenthür, geschwinder als ich denken konnte, von einem Orte zum andern etliche Male stark angeschlagen, und alsdann so donnernd gelärmt, auch oben im Hause so ungestüm gepocht wurde, als[362] wenn mit Holzäxten alles zerschlagen würde; das dauerte eine ganze Stunde lang. Der Wächter, welcher sonst außer dem Hause zu wachen pflegte, hörte diesen Vorgang im Hause, ohne zu wissen, was er bei genauer Achtsamkeit um das Haus herum (es war eine ganz helle Nacht) daraus machen sollte. Dies ward eine Veranlassung, um beständige Wächter innerhalb des Hauses zu bitten. Die bisherige Gegenwart der Wächter hat indeß nichts weniger als eine gänzliche Nachlassung verursacht. Man hörte manchmal klopfen, anschlagen, gehen, Geschäftigkeit in der Küche und an andern Orten, von mancherlei Art. In den ersten Zeiten vernahm man dergleichen nur des Nachts, seit einiger Zeit äußert es sich aber bald des Abends, bald des Nachts und manchmal gegen Morgen, einmal mehr, das andere Mal weniger. Auch sind diese Bewegungen bald an diesem, bald an jenem Orte, unten und oben im Hause, in und außer den Stuben wahrgenommen worden. Seit einigen Wochen ist es gar sehr gemäßigt gewesen, so daß durch ein- und abermaliges Klopfen nur die Fortdauer hat erkannt werden können. Doch geschieht's auch jetzt, daß, wenn etliche Tage fast gar nichts gehört worden, alsdann wieder eine desto merklichere und schreckhaftere Wahrnehmung die Nacht schlaflos macht. Niemals aber ist etwas geschehen, Niemand ist beleidigt, nichts von Ort und Stelle gerückt befunden worden .... Oft sind nun an 12 Personen, je zwei und zwei mit Lichtern versehen überall im Hause herumgestellt worden, doch Niemand hat je etwas wirklich gesehen, nur gehört.«

Nach Einsendung dieses Berichts ist von der Regierung unter dem 18. Mai die Fortführung der Untersuchung befohlen worden, allein angeblich hörte mit Johannis desselben Jahres das Spuken auf. Indeß haben sich dieselben Erscheinungen später oftmals wieder wahrnehmen lassen. So hat der obengenannte Rektor R. im Jahre 1765 im September ebenfalls wieder dort übernachtet und hat bemerkt, daß in der Studirstube des Pastors nach 10 Uhr plötzlich wie mit eisernen Stangen an das Fenster geschlagen wurde, dies geschah mehrere Male und dann hörte man wieder einen durchdringenden Ton, wie das tiefe C im Pedal einer Orgel. Der Rektor ging nun in einem Stübchen zu ebener Erde zu Bett, allein kaum hatte er sich niedergelegt, so hörte er wie mit Spitzruthen an das Fenster schlagen und in der daranstoßenden größern Stube die Thüren auf- und zumachen, auch die Stühle in dem Schlafzimmer herumdrehen. Ende desselben Monats übernachtete er mit einem Candidaten in demselben Zimmer, da hörten sie gegen Morgen in dem verschlossenen Zimmer des obern Stocks, gerade über dem ihrigen, deutlich eine ganze Familie herumgehen und sich anscheinend mit etwas beschäftigen. Man hörte einen betagten Mann stark auftreten, eine anscheinend junge Frau gleichsam auf hölzernen Schuhspitzen herumgehen und dann Kinder von allerlei Größe und Alter herumtappen. Im Jahre 1769 studirte der Pastor Tile in seiner Studirstube an einem Sonnabend an der Predigt, als der Poltergeist in der an die Stube grenzenden Kammer einen Lehnstuhl immer hin- und herrückte. So wie er in die Kammer trat, war es ruhig, hatte er aber den Rücken gewendet, so hörte er den Stuhl von einem Ende der Kammer zum andern ziehen. So hat der Poltergeist den armen Pastor bis an seinen im Jahr 1789 erfolgten Tod beunruhigt, und soll auch nach dieser Zeit und bis auf die jüngste Vergangenheit sich noch in dem genannten[363] Pfarrhause haben hören lassen, allein man hat die Sache stets zu unterdrücken gesucht, um jenes Haus nicht in übeln Ruf zu bringen.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 360-364.
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