1245. Der Meermann und die Zwerge auf Sylt.

[1012] (S. Hansen a.a.O. S. 52 etc.)


Einst hatte Ekke zu hören bekommen, daß ein anderer kleiner Menschenschlag als die Rantumer auf dem Nordende von Sylt wohne. Er dachte, er wolle sein Glück einmal bei demselben versuchen. – Als die Friesen zuerst nach Sylt gekommen waren, hatten die kleinen Leute, die schon vor ihnen da gewesen, sie nordwärts gejagt nach der Heide und den unfruchtbaren Stellen und hatten sie da wohnen lassen. Die kleinen Leute, die wohl zu den Finnen oder Kelten (Celten) gehört haben, krochen in die Hügel und Höhlen auf der Heide und in das Gebüsch, welches damals viele Niederungen im Norden von Braderup füllte. Sie hatten rothe Mützen auf dem Kopfe, lebten mehrentheils von Beeren und Schaalthieren, fingen auch wohl Fische und Vögel und sammelten Eier. Sie hatten steinerne Aexte, Messer und Streithämmer, die sie sich selber schliffen, und sie machten auch Töpfe aus Erde und Thon. Sie waren arm, aber allezeit fröhlich. Sie sangen und tanzten oft beim Mondschein auf ihren Hügeln oder Häusern, aber sie waren falsch, arbeiteten wenig und stahlen, allwo sie was bekommen konnten, sogar Kinder und schöne Frauenzimmer. Daher mußten die Friesen, welche nahe bei der Heide wohnten, stets wachende Augen haben und aufpassen, daß ihre Weiber und Mädchen nicht gestohlen, und ihre Kinder nicht verwechselt wurden von den Unterirdischen (Oendernersken), denn so nannte man die, welche unter der Erde in den Hügeln wohnten. – Die Einzelnen, welche sich in den Gebüschen, später auch in den Häusern aufhielten, wurden Pucken genannt; eine Schlucht im Nordost von Braderup heißt noch jetzt nach ihnen das Puckthal. Sie waren übrigens allesammt Heiden, konnten hexen und verwandelten sich oft in Mäuse und Kröten. Sie hatten eine besondere Sprache, aber es scheint, als wenn sie später viel von der Sylter Sprache angenommen hätten. Man kennt noch einige ihrer Sprüche. Ihr Oberster hieß Finn, er wohnte in dem Erhebungshügel mitten auf der hohen Heide zwischen den drei Norddörfern, jedoch waren diese damals noch nicht da, nur einige Häuser, da wo nun Braderup steht. Es heißt, es wären einst im Winter drei junge Leute vom Festlande über das Eis gekommen, die Jeß, Dorret und Jasper geheißen, die hätten Braderup zu bauen angefangen. Allein einige meinen, daß dieses einmal gewesen wäre nach einer Pest, welche auf Sylt viele Menschen und alle Bewohner der Norddörfer bis auf einen Mann weggerafft hatte. Gleichviel, es ist doch einst in alten Zeiten geschehen.

Um diese Zeit nun hatte Ekke sich in eine leere Höhle in einem Hügel auf dem rothen Kliff gefunden und begann um eine junge Zwergmamsell[1012] zu freien. Aber diese war so hochmüthig, daß sie ihm sofort einen Korb gab. Sie sang und antwortete ihm höhnisch in der Sprache der Unterirdischen diesen Vers:


In der Zwergsprache:

»Einer (ist) mein (den ich) mag:

»Ene mene mei:

Akel Dakel Dummeldei.

Akel Dakel Dummeldei.

Wölfe, Hunde (bleiben) oben

Uelwer, Bülwer bop.

Du alte Quappe,

Din uald Quop

Ekke, bekommst:

Ekke, fat:

Bundis Katze.«

Bundis Kat.«


Ekke wurde böse, kehrte ihr den Rücken zu und rief:


In der Syltersprache:

»Ehre, wehre gute Freunde;

»Järe, miare gude Frinjer;

Pik Pock weg!«

Pik Pak wegh.«


Er ging nun ostwärts nach dem weißen Kliff bei Braderup und suchte sich dort ein Loch, um darin zu wohnen. Unterwegs kehrte er ein bei dem Zwergkönige Finn in dem Reise- (Erhebungs-) Hügel, um einen guten Rathspruch bei ihm zu holen. Finn hatte grade kurz vorher Hochzeit gehabt mit einer schönen Jungfrau aus Braderup und war wohl so vergnügt. Er erzählte dem Ekke, er hätte einst gehört, daß ein Braderuper Mädchen, welches wie die meisten Sylterinnen etwas viel arbeiten mußte, gesagt hätte zu einem anderen Mädchen: »Wenn man's doch so gut hätte wie die Unterirdischen; sie sind stets lustig, sie tanzen und singen jeden Abend, und brauchen am Tage nicht mehr zu arbeiten, als sie auch mögen.« – Einst am Morgen früh ging diese Jungfrau an seinem Hügel vorbei. Er lief zu ihr hinaus und fragte sie, »ob sie das gemeint, was sie neulich gesagt hatte.« Sie antwortete ihm, »sie meinte alles, was sie sagte.« Er sprach: »Dann bleibe Du bei mir und sei mein Weib, dann sollst Du es eben so gut bekommen, wie wir es haben.« – Sie nahm ihn bei der Hand und sprach »Ja« zu allem, was er von ihr verlangte. Er führte sie ein in seinen Hügel und sie machten am folgenden Abend Hochzeit. Alle Zwerge waren geladen zu dem Gelage von der ganzen Nordheide und der Morsumer Heide und sie kamen auch alle wohl so froh und geschmückt, jeder mit seiner Festgabe. Der eine brachte einen Napf oder ein Schälchen voller Beeren oder Muscheln, der andere einen Fingerhut oder ein Töpfchen mit Milch oder Honig, der dritte eine Mausefalle oder ein Fischnetz, der vierte einen Besen oder einen Haarkamm, der fünfte einen hölzernen Löffel oder einen Schleifstein, der sechste ein Nasentuch oder ein Bettlaken, der siebente einen krummen Nagel oder einen Thürschlüssel. – Es wurde gewaltig aufgetischt vor den Gästen. Sie bekamen Häringsmilch und Rogen, geröstete Sandspierlinge, gesalzene Eier, Iltisbraten und Austern mit Heidelbeeren und Moosbeeren zu essen und Meth vollauf zu trinken. Der König Finn saß auf seinem Thron, auf dem großen Sesselstein, hatte einen Mantel von weißen Mäusefellen über den Schultern und eine Krone wie ein Donnerstein oder ein Seeigel von Edelsteinen auf dem Haupte. Auf der Seite von ihm saß seine junge Frau, die nun Königin[1013] war. Sie hatte ein Kleid an, so fein und durchsichtig, als wenn es aus lauter Flügeln der Wasserlibellen zusammengenäht wäre, einen Kranz von den schönsten Heideblumen, voll von Diamanten oder andern glänzenden Steinen auf dem Kopfe und andere goldene Ringe über jedem Finger. Die Unterirdischen tanzten und sprangen die ganze Nacht. In ihrer Freude dichteten sie ein kleines Lied und sangen es vor dem Könige und der Königin. Es hieß also:


In der Zwergsprache:

»Eine feine Sippschaft, seht!

»Ene pene Sippe, see!

Appel Dappel donnere nicht!

Appel Dappel dunre nee!

Isa, die Braut sitzt;

Iis sas

Halt sie fest,

Hul de fas

Wird sie Christin,

De Krestii,

Ist sie frei.«

De er frii.«


Auf solche Weise hatte Finn seine geliebte Jis oder Isa zur Frau bekommen, und die beiden lebten glücklich mit einander seit der Zeit.

Alles dieses erzählte Finn dem Meermanne und rieth ihm, er solle es auch so machen, es wären mehrere solche Mädchen in Braderup, die lieber sich freien (verheirathen) ließen, als arbeiten möchten. Ekke dachte: in Braderup soll ich mein Glück machen.

Eines Morgens früh saß Ekke und sah aus seiner Höhle östlich von Braderup nach dem Morgenroth im Osten und dem Mondschein im Westen und hatte seine eigenen Gedanken darüber. Da kam ein schöner Jüngling längs dem Thale bei ihm vorbeigegangen, um in dem Haff sich zu baden. Es war Dorret Bundis von Braderup. Ekke war so lange nicht im Wasser gewesen, daß er auch Lust bekam sich zu baden, vielleicht wollte er auch Bekanntschaft machen oder dem Knaben das Schwimmen lehren. Als Ekke hinunter an das Ufer kam, wurde Dorret erschreckt und wollte die Flucht nehmen, denn Dorret war kein Knabe, sie war ein Mädchen, welche Mannskleider trug, damit die Unterirdischen sie nicht nehmen, wie Finn sein Weib. Aber es half ihr nichts, Ekke ergriff und hielt sie so fest, wie viel sie auch bat, daß er sie gehen lasse und Niemand es sagen solle, daß sie ein Mädchen sei. Er versprach ihr das, wenn sie seine Braut sein und ihn um Jahr und Tag heirathen wolle. Sie mußte ihm das geloben, sonst hätte er sie gleich mitgenommen nach seiner Höhle. Nun war Ekke froh, aber der arme Teufel – er konnte nicht verschweigen, was er wußte. Er saß wohl oft in seinem Loche oder auf den Hügeln beim Mondschein und sang:


In der Syltersprache:

»Ekke soll brauen

»Ekke skel bruu,

Und Ekke soll backen,

En Ekke skel baak,

Ekke er will Hochzeit machen.

Ekke hi wel Bröllep maak.

Dorte Bundis ist seine Braut;

Dörte Bunjis es min Brid;

Ich bin Ekke Nekkepenn,

Ik sen Ekke Nekkepen

Und das weiß Niemand als ich allein.«

En dit weet nemmen üs ik alliining.«


Das hörten die Braderuper und auch andere Leute und so kam es aus, daß Dorret ein Mädchen und Ekke's Braut war. Dorret, die später[1014] auch Dorte und Djüür genannt wurde, ärgerte sich recht krank darüber. Es verdroß die Braderuper um sie, und daß die Unterirdischen so trachteten nach ihren schönen Mädchen und überdies ihnen oft etwas wegnahmen und von ihnen liehen, was sie wieder bekamen. Sie hielten deshalb Wache bei ihren Frauen und schlugen die kleinen Leute, wo sie diese sahen.

Sie waren so böse auf Ekke, daß sie nachher allezeit ihre todten Kälber und Hunde in die Schlucht dicht bei Ekke's Wohnung warfen – man nennt die Stelle noch deshalb Aasthal – und sogar einst eine todte Katze ihm zum Verdruß in die Höhle steckten und ihm zuriefen: »Das ist Bundis Katze, mit der kannst Du Dich verheirathen.« – Ekke konnte es zuletzt da nicht mehr aushalten vor Gestank und Schimpf und mußte die Flucht nehmen. Er ging wieder zu dem Finn und klagte dem seine Noth. Finn wurde recht bitter, als Ekke ihm alles erzählt hatte, was ihn drückte. Finn sagte: »Der Sadrach drückt Dich! Du bist allzu dumm für einen Unterirdischen. Als Du das Mädchen hattest, da solltest Du es behalten haben, und sonst hättest Du schweigen sollen. Dein Singsang verräth Dich bei dem Pöbel und macht Dir und uns allen Anderen Unglück. Geh' Du wieder nach Hörnum oder zur See, bei uns auf der Heide und in den Hügeln taugst Du nicht.« – Ekke wurde grob, sagte, er sei eben so klug wie Finn, und er wolle ihm beweisen, daß er nicht allein auf der See Macht habe, sondern auch auf dem Lande mehr tauge als Finn. Er setzte sich nieder auf den großen Sessel oder Sitzstein und rief Finn zu: »Kannst Du mich nun von dem Stein wegstoßen, so bist Du stärker als Ekke, sonst bleibe ich bei Euch auf der Heide und will König über Euch Alle sein.« – Finn antwortete ihm: »Es ist nichts leichter als das.« – Er lief einmal gegen Ekke an und gab ihm einen tüchtigen Schlag auf den Kopf. – »Au!« rief Ekke, aber er blieb sitzen. – »Warte nur!« rief Finn, »ich will meine Axt holen.« – Ekke dachte: »Er könnte mich wohl todt schlagen«, aber er sagte: »Ekke hat einen dicken Kopf und einen starken Rücken; so lange als ich auf dem Stuhle sitze, ist Ekke König über die ganze Heide und alle Heidehügel und Unterirdischen; wer auf dem Königsstuhle sitzt, der ist König.« – Dagegen konnte Finn nichts sagen, er ging nun aus, um seine Axt zu holen, welche er vergraben hatte. Es dauerte nicht lange, da kam er wieder zurück. Er sagt zu seiner Frau, die vor einigen Wochen ein Kleines (Kind) bekommen hatte: »Es ist ein Schiff auf den Strand gekommen.« – »Wo?« rief Ekke, der neugierig wurde. – »Hier dicht bei«, antwortete Finn. »Es ist durchs Riisgap (Loch im rothen Kliff) hineingetrieben; es hat Affen an Bord, die Komödie machen. Wir, ich und meine Frau, wollen heut Abend zur Komödie und Du kannst auf das Kind passen, welches in der Wiege liegt.« – »Ich will mit!« rief Ekke und sprang von dem Steine ab.

»Meine Axt ist noch scharf«, sagte Finn und lachte bei sich selbst. Ekke wurde bestürzt, er bedachte sich aber, daß er aufgestanden war, und setzte sich schnell wieder auf seinen Stein. Allein er wollte doch nicht zu Hause bleiben, um auf das Kind zu passen, und war neugierig die Komödie zu sehen. Er band sich den großen Sesselstein auf den Rücken, keuchte mit dem Steine westwärts und dachte, daß Finn und sein Weib schon voran wären. Als er sich mit dem Steine eine halbe Stunde geschleppt hatte, war er so müde wie eine Made, er pustete und stöhnte und war durchnäßt vom[1015] Schweiß. Er konnte die Last nicht länger tragen, er mußte den Stein fallen lassen, aber er setzte sich sofort oben auf denselben. Er saß da auf dem Sesselstein die ganze Nacht und hoffte, daß Finn zu ihm kommen und die Komödie beginnen sollte, allein es wurde nichts aus all diesem. Er glotzte hinunter in die Niederung, die nachher das Affenthal genannt worden ist, ob er nicht das Schiff oder die Affen gewahr werden könne, aber er sah nichts. – Am andern Morgen früh, während er da noch auf dem Königstuhle saß und die Zeit ihm schrecklich lang wurde, kam ein ganzer Trupp Zwerge über die Kesseldünen vom Strande herauf. Sie schleppten ein wunderliches großes Ding mit sich. Es war in der Mitte so dick wie eine Tonne, hatte einen Kopf wie ein Mensch und einen Schwanz wie ein Fisch; es heulte und weinte und wollte nicht mit. – »Oho!« rief Ekke, als sie näher kamen. »Es ist mein altes Meerweib Rom. Kommt nicht näher!« schrie er den Zwergen zu. »Bringet das alte Beest wieder ins Wasser, ich will nichts mehr von ihr wissen!« Aber es war, als wenn sie nicht verstanden hätten, sie kamen immer näher. – »Bleibet mir vom Halse mit ihr!« rief er. »Ich bin nun Euer König. Ekke sitzt auf dem Sesselstein und dann sollt Ihr ihm gehorchen!« – Es half nichts, sie kamen immer näher. Als Ekke das sah, ließ er den Stein liegen, lief westwärts über das Kliff hinunter nach dem Strande, sprang ins Wasser und schwamm südwärts und kam nimmer wieder zu den Zwergen. Sein altes Weib kam bald hinten nach und war ihm immer auf den Fersen. Aber der Sesselstein liegt noch bei dem Affenthale und Riisgap, dem Riesenloch oder Friesenhafen, von wo die Angelsachsen und Friesen einst absegelten um Britannien zu erobern.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 1012-1016.
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