Vierter Aufzug

[874] Das Innere einer Höhle. Kurzes Theater. Im Vorgrunde rechts das Ende einer von oben herabführenden Treppe. In der Felsenwand des Hintergrundes ein großes, verschlossenes Tor.


MEDEA steigt, in der einen Hand einen Becher, in der andern eine Fackel, die Treppe herab.

Komm nur herab! Wir sind am Ziel!

JASON oben, noch hinter der Szene.

Hierher das Licht!

MEDEA die Stiege hinaufleuchtend.

Was ist?

JASON mit gezogenem Schwert auftretend und die Stiege eilig herabsteigend.

Es strich an mir vorbei! Halt! Dort!

MEDEA.

Was?

JASON.

An der Pforte stehts, den Eingang wehrend.

MEDEA hinleuchtend.

Sieh, es ist nichts und niemand wehrt dir Eingang,

Wenn du nicht selbst.


Sie setzt den Becher weg und steckt die Fackel in einen Ring am Treppengeländer.


JASON.

Du bist so ruhig.

MEDEA.

Und du bists nicht!

JASON.

Als es noch nicht begonnen,

Als ichs nur wollte, bebtest du, und nun

MEDEA.

Mir graut, daß du es willst, nicht daß dus tust. –

Bei dir ists umgekehrt.

JASON.

Mein Aug ist feig,

Mein Herz ist mutig. – Rasch ans Werk! – Medea!

MEDEA.

Was starrst du ängstlich?[874]

JASON.

Bleicher Schatten, weiche!

Laß frei die Pforte, du hältst mich nicht ab,


Auf die Pforte zugehend.


Ich geh trotz dir, durch dich zum Ziel- nun ist er fort!

Wie öffnet man das Tor?

MEDEA.

Ein Schwerthieb an die Platte

Dort in der Mitte öffnet es.

JASON.

Gut denn!

Du wartest meiner hier.

MEDEA.

Jason!

JASON.

Was noch?

MEDEA weich und schmeichelnd.

Geh nicht!

JASON.

Du reizest mich!

MEDEA.

Geh nicht, o Jason!

JASON.

Hartnäckige, kann nichts dich denn bewegen,

Zu opfern meinem Entschluß deinen Wahn?

MEDEA.

Man ehrt den Wahn auch dessen, den man liebt.

JASON.

Genug nunmehr, ich will!

MEDEA.

Du willst?

JASON.

Ich will.

MEDEA.

Und nichts vermag dagegen all mein Flehn?

JASON.

Und nichts vermag dagegen all dein Flehn.

MEDEA.

Und auch mein Tod nichts?


Sie entreißt ihm durch eine rasche Bewegung das Schwert.


Sieh! dein eignes Schwert

Gekehrt ists gegen meine Brust. Ein Schritt noch weiter

Und vor dir liegt Medea kalt und tot.

JASON.

Mein Schwert!

MEDEA.

Zurück! Du ziehst aus meiner Brust!

Kehrst du zurück?

JASON.

Nein!

MEDEA.

Und wenn ich mich töte?

JASON.

Beweinen kann ich dich, rückkehren nicht.

Mein Höchstes für mein Wort und wärs dein Leben!


Auf sie zugehend.


Gib Raum, Weib, und mein Schwert![875]

MEDEA indem sie ihm das Schwert gibt.

So nimm es hin

Aus meiner Hand, du süßer Bräutigam!

Und töte dich und mich! – Ich halte dich nicht mehr!

JASON auf die Pforte zugehend.

Wohlan!

MEDEA.

Halt! Eins noch! Willst du jetzt schon sterben?

Das Vließ, am heilgen Baum,

Ein Drache hütets, grimm,

Unverwundbar seine Schuppenhaut,

Alldurchdringend sein Eisenzahn,

Du besiegst ihn nicht.

JASON.

Ich ihn oder er mich.

MEDEA.

Grausamer, Unmenschlicher! Oder er dich! und du gehst?

JASON.

Wozu die Worte?

MEDEA.

Halt!

Den Becher hier nimm!

Vom Honig des Berges,

Dem Tau der Nacht,

Und der Milch der Wölfin

Brauset drin gegoren ein Trank.

Setz ihn hin, wenn du eintrittst,

In der Ferne stehend.

Und der Drache wird kommen,

Nahrung suchend,

Zu schlürfen den Trank.

Dann tritt hin zum Baume

Und nimm das Vließ – Nein, nimms nicht,

Nimms nicht und bleib!

JASON.

Törin! Her den Trank! Gib!


Er nimmt ihr den Becher aus der Hand.


MEDEA um seinen Hals fallend.

Jason! – So küß ich dich und so, und so, und so!

Geh in dein Grab und laß auch Raum für mich!

Bleib!

JASON.

Laß mich, Weib! Mir schallt ein höhrer Ruf!


Gegen die Pforte zugehend.
[876]

Und bärgest du des Tartarus Entsetzen,

Ich steh dir!


Er haut mit dem Schwerte gegen die Pforte.


Tut euch auf, ihr Pforten! – – Ah!


Die Pforten springen auf und zeigen eine innere schmälere Hohle, seltsam beleuchtet. Im Hintergrunde ein Baum. An ihm hängt,

hellglänzend, das goldene Vließ. Um Baum und Vließ windet sich eine ungeheure Schlange, die beim Aufspringen der Pforte ihr in dem Laube verborgenes Haupt hervorstreckt und züngelnd vor sich hinblickt.

Jason fährt aufschreiend zurück und kommt wieder in den Vorgrund.


MEDEA wild lachend.

Bebst du? Schauert dir das Gebein?

Hasts ja gewollt, warum gehst du nicht?

Starker, Kühner, Gewaltiger!

Nur gegen mich hast du Mut?

Bebst vor der Schlange? Schlange!

Die mich umwunden, die mich umstrickt,

Die mich verderbt, die mich getötet!

Blick hin, blicks an, das Scheusal,

Und geh und stirb!

JASON.

Haltet aus, meine Sinne, haltet aus!

Was bebst du, Herz? Was ists mehr, als sterben?

MEDEA.

Sterben? Sterben? Es gilt den Tod!

Geh hin, mein süßer Bräutigam,

Wie züngelt deine Braut!

JASON.

Von mir weg, Weib, in deiner Raserei!

Mein Geist geht unter in des deinen Wogen!


Gegen das Tor zu.


Blick nur nach mir; du findest deinen Mann!

Und wärst du zehnmal scheußlicher, hier bin ich!


Er geht drauf los.


MEDEA.

Jason!

JASON.

Hinein!

MEDEA.

Jason!

JASON.

Hinein!


Er geht hinein, die Pforten fallen hinter ihm zu.


MEDEA schreiend an die nunmehr geschlossene Pforte hinstürzend.

Er geht! Er stirbt.[877]

JASON von innen.

Wer schloß die Pforte zu?

MEDEA.

Ich nicht!

JASON.

Mach auf!

MEDEA.

Ich kann nicht. – Um aller Götter willen!

Setz hin die Schale, zaudre nicht!

Du bist verloren, wenn du zauderst.

– Jason! – Hörst du mich? – Setz hin die Schale! –

Er hört mich nicht! – Er ist am Werk!

Am Werk! – Hilfe, ihr dort oben!

Schaut herab auf uns, ihr Götter!

Doch nein, nein, schaut nicht herab

Auf die schuldige Tochter,

Der Schuldigen Gemahl;

Ich schenk euch die Hilfe, ihr mir die Rache!

Kein Götteraug seh es,

Dunkel hülle die Nacht

Unser Tun und uns!

Jason, lebst du? – Antwort gib!

Gib Antwort! – Alles stumm,

Alles tot! – Ha? – Er ist tot!

Er spricht nicht, ist tot – tot.


Sie sinkt an der Türe nieder.


Liegst du, mein Bräutigam? Laß Raum,

Raum für die Braut!

JASON inwendig, schreckhaft.

Ah!

MEDEA aufspringend.

Das war seiner Stimme Klang! Er lebt!

Ist in Gefahr! Zu ihm! Auf, Pforte, auf!

Wähnst du zu widerstehn? Ich spotte dein!

Auf!


Sie reißt mit einem Zuge gewaltsam beide Torflügel auf.

Jason stürzt wankend heraus, das Vließ als Banner auf einer Lanze tragend.


MEDEA.

Lebst du?

JASON.

Leben? – Leben? – Ja! – Zu! zu da!


Er schließt ängstlich die Pforte zu.
[878]

MEDEA.

Und hast das Vließ?

JASON es weit von sich weghaltend.

Berührs nicht! Feuer! Feuer!


Seine Rechte mit ausgestreckten Fingern hinhaltend.


Sieh hier die Hand – wie ichs berührt – verbrannt!

MEDEA seine Hand nehmend.

Das ist ja Blut!

JASON.

Blut?

MEDEA.

Auch am Haupte Blut.

Hast dich verletzt?

JASON.

Weiß ichs? – Nun komm! Nun komm!

MEDEA.

Hast dus vollführt, wie ichs gesagt?

JASON.

Ja wohl.

Die Schale stellt ich hin, mich selber seitwärts

Und harrte schnaufend. Rufen hört ich, doch

Nicht zu erwider wagt ich vor dem Tier.

Das hob sich blinkend auf nun, und schon wähnt ich,

Auf mich hin schieb es rauschend seine Ringe;

Allein der Trank wars, den das Untier suchte,

Und weit gestreckt in durstig langen Zügen

Sog, meiner nicht mehr achtend, es den Trank.

Bald, trunken oder tot, lags unbeweglich.

Ich rasch hervor vom marternden Versteck.

Zum Baum hin und das Vließ – hier ists – Nun fort!

MEDEA.

So komm, und schnell!

JASON.

Als ichs vom Baume holte,

Da rauscht' es auf, wie seufzend, durch die Blätter,

Und hinter mir riefs: Wehe!

Ha? – Wer ruft?

MEDEA.

Du selbst!

JASON.

Ich?

MEDEA.

Komm!

JASON.

Wohin?

MEDEA.

Fort!

JASON.

Fort, ja fort!

Geh du voran, ich folge mit dem Vließ,

Geh nur! Geh, zaudre nicht! Voraus! Voran!


Beide ab, die Treppe hinauf.

[879] Freier Platz vor der Höhle. Im Hintergrunde die Aussicht aufs Meer, die auf der rechten Seite durch einen am Ufer liegenden Hügel verdeckt wird, hinter dem, nur mit den Masten und dem Vorderteile sichtbar, das Schiff der Argonauten liegt.

Milo, Argonauten, teils mit Arbeiten des Einschiffens beschäftigt, teils als Wachen und ruhend gruppiert.


MILO.

Das Schiff ist hergezogen. Gut. Doch hört!

Nicht Anker ausgeworfen! Hört ihr? Nicht!

Der Augenblick kann uns die Abfahrt bringen,

Und obs zum Lichten Zeit dann, weiß ich nicht.


Auf und ab gehend.


Er kommt noch immer nicht. Daß er ihr traute!

Ich hab ihn wohl gewarnt. Doch hört er Warnung?

Sonst ja, daheim, da horcht' er meiner Rede

Und tat auch, was ihm riet mein treuer Mund,

So folgsam, so ein Kind, und doch ein Mann.

Doch hier ist er verwandelt ganz und gar.

Verwandelt gleich – uns allen, sagt ich schier,

Vom giftgen Anhauch dieses Zauberbodens.

O dieses Weib! Mir graut, denk ich an sie.

Wie sie so dastand, mit den dunkeln Brauen

Gleich Wetterwolken an der finstern Stirn,

Das Augenlid gesenkt, in düsterm Sinne:

Nun hob sichs und wie Wetterleuchten fuhr

Der Blick hervor und faßt' und schlug und traf –

Ihn traf er! – Nu, die Götter mögens wenden.


Was bringen dort die beiden. Griechen sinds.

Ein Weib! Gebunden! Memmen ihr! – Holla!


Zwei Griechen treten auf, Gora mit gebundenen Händen in ihrer Mitte.


MILO.

Was ist? Was bindet ihr das Weib! – Gleich löst sie!

SOLDAT.

Das Weib da kam an unsre Vorwacht, Herr,

Und fragte nach – nu, nach der Kolcherin,

Die heut wir fingen.

GORA.

Kolcherin?

Ha, Sklav, Medea ists,

Des Kolcherfürsten Tochter.

Wo habt ihr sie?

SOLDAT.

Wir wollten sie nicht lassen, daß sie nicht

Dem Feinde Kundschaft gäb von unsrer Lagrung,[880]

Allein sie wehrt' es und fast männlich, Herr,

Doch banden wir sie, weil sie sich nicht fügte,

Und bringen sie euch her!

MILO.

Löst ihre Bande!


Es geschieht.


GORA.

Wo ist Medea? Wo ist mein Kind?

MILO.

Dein Kind?

GORA.

Ich hab sie gesäugt, gepflegt.

Als eine Mutter mein Kind. Wo habt ihr sie?

Sie sagen: freien Willens sei sie geblieben

Bei euch in eures Lagers Umfang;

Aber 's ist Lüge, ich kenne Medea,

Ich kenne mein Kind.

Gefangen haltet ihr sie zurück.

Gebt sie heraus! Wo ist sie?

MILO.

Ganz gut kommst als Genossin du für sie,

Leicht fände sie sich einsam unter Menschen.

Bringt sie ins Schiff!

GORA.

So weilt sie dort?

MILO.

Geh nur!

Zu bald wirst du sie noch erblicken! – Geh!

GORA die abgeführt wird.

Ins Meer, nicht in das Schiff, wenn ihr mich täuscht.


Ab.


MILO ihr nachschauend.

Ha! bringen wir die wilden Tiere alle

Nach Griechenland, ich sorge, man erdrückt uns,

Die Seltenheit zu sehn! – Und er kommt nicht!


Man hört dumpfe Schläge unter der Erde.


Was ist das? – Horch! – Speit auch der Boden Wunder?

Versuchts der Feind? –


Gegen die Krieger, das Schwert ziehend.


Holla! zur Hand!


Die Krieger greifen nach ihren Waffen.


MILO.

Die Erde hebt sich! – Was geschieht noch alles?


Eine Falltüre öffnet sich am Boden. Medea steigt herauf.


MEDEA.

Hier ist der Tag.


Nachdem sie ganz heroben ist.
[881]

Und hier die Deinen.

Ich hielt, was ich versprach.


Jason mit dem Vließ – Banner steigt auch herauf. Medea läßt die Falltüre nieder.


MILO auf ihn zueilend und seine Hand nehmend.

Du bist es, Jason!

Du!

JASON der mit gebeugtem Kopf dagestanden, emporblickend.

Jason! – Wo? – Ja so! Ja, ja!


Ihm die linke Hand reichend. In der rechten hält er das Banner.


Freund Milo!

MILO im Vortreten.

Und mit dem Vließ.

JASON schreckhaft sich umsehend.

Ha! – Mit dem Vließ! –


Es hinhaltend.


Hier ists!


Sich noch einmal umsehend.


Ein widerlicher Mantel dort, der graue,

Und drein gehüllt der Mann bis an die Zähne.


Auf ihn zugehend.


Borg mir den Mantel, Freund!


Der Soldat gibt den Mantel.


Ich kenne dich,

Du bist Archytas aus Korinth. Ja, ja,

Ein lustger Kauz, ein Geist mit Fleisch und Blut!


Ihn an der Schulter anfassend.


Mit Fleisch und Blut!


Widerlich lachend.


Ha! ha! – Ich dank dir, Freund!

MILO.

Wie sonderbar –

JASON den Mantel um das Vließ hüllend.

Wir wollen das verhüllen,

So – und hier aufbewahren, bis wirs brauchen.


Er legt das Vließ hinter ein Felsenstück, auf das sich Medea sinnend gesetzt hat.


Was sinnest du, Medea, sinnest jetzt?

Laß uns die Überlegung aufbewahren

Als Zeitvertreib auf langer Überfahrt.

Komm her, mein Weib, mir angetraut

Bei Schlangenzischen unterm Todestor.[882]

MILO sich zu Medea wendend.

Das Schiff dort birgt, was dir willkommen wohl.

Ein Weib, Medeens Pflegerin sich nennend,

Ward eingebracht –

MEDEA.

Gora. – Zu ihr!

JASON rauh.

Bleib da!


Medea erschrocken die Hände auf Brust und Stirne legend, bleibt stehen.


JASON milder.

Ich bitte dich, bleib da!


Indem er sie zurückführt.


Geh nicht, Medea!


Sie wirft einen scheuen Blick auf ihn.


Entwöhne dich vom Umgang jener Wilden,

Dafür an unseren gewöhne dich!

Wir sind jetzt eins, wir müssen einig denken.

MILO.

Kommt jetzt zu Schiff!

JASON.

Ja, ja! Komm mit, Medea!

Wie lau die Feinde sind! Ich hätte Lust

Zu fechten, fechten. Doch sie schlafen, scheint es!

ABSYRTUS hinter der Szene.

Hierher!

MILO.

Sie schlafen nicht.

JASON.

So besser! Schließt euch!

Zieht gegen unser Fahrzeug euch zurück.

Wir wollen unser Angedenken ihnen

Zum Abschied noch erneun auf immerdar.


Er rafft das verhüllte Vließ auf.


Medea, in den Kreis und zittre nicht!


Absyrtus tritt mit Kolchern auf.


ABSYRTUS.

Hier ist sie! Komm zu mir! Medea! Schwester!

MEDEA die bei seinem Eintritt ihm unwillkürlich einige Schritte entgegengegangen ist, jetzt stehenbleibend.

Wohl deine Schwester, doch Medea nicht!

JASON.

Was weilst du dort, Tritt wieder her zu uns!

ABSYRTUS mitleidig zu ihr tretend.

So wär es wahr denn, was sie alle sagen

Und ich nicht glauben konnte bis auf jetzt.

Du wolltest ziehen mit den fremden Männern?[883]

Verlassen unsre Heimat, unsern Herd,

Den Vater und mich, Medea,

Mich, der dich so liebt, du arme Schwester!

MEDEA an seinen Hals stürzend.

O Bruder! Bruder!


Mit tränenerstickter Stimme.


O mein Bruder!

ABSYRTUS.

Nein, es ist nicht wahr! – Du weinst!

Ich muß auch weinen. Doch was tuts?

Ich schäme mich der Tränen nicht, Genossen,

Im Kampf will ich zeigen, was ich wert.

Weine nicht, Schwester, komm mit mir!

MEDEA an seinem Halse, kaum vernehmlich.

O könnt ich gehn mit dir!

JASON hinzutretend.

Du willst mit ihm?

MEDEA furchtsam.

Ich?

JASON.

Du sagtests!

MEDEA.

Sagt ich etwas, Bruder?

Nein, ich sagte nichts!

ABSYRTUS.

Wohl sagtest dus, und komm, o komm,

Ich führe dich zum Vater, er verzeiht!

Schon hat ihn mein Flehen halb erweicht;

Gewiß verzeiht er, noch ist nichts geschehn,

Die Fremden, sie fandens noch nicht, das Vließ.

MEDEA sich entsetzt aus seinen Armen losreißend.

Nicht?


Schaudernd.


Sie habens!

JASON indem er die Hülle von dem Vließ reißt und es hochgeschwungen vorzeigt.

Hier!

ABSYRTUS.

Das Vließ!


Zu Medeen.


So hast du uns denn doch verraten,

Geh hin in Unheil denn und in Verderben!


Zu Jason.


Behalt sie, doch das Vließ gib mir heraus![884]

JASON.

Du schwärmst, mein junger Fant! Mach dich von hinnen,

Und sag dem Vater, was du hier gesehn.

Nehm ich die Tochter, schenk ich ihm den Sohn!

ABSYRTUS.

Das Vließ!

JASON.

Ich will dein Blut nicht. Schweig und geh!

Mit Drachen ist mein Arm gewohnt zu kämpfen,

Mit Toren nicht, wie du: Geh, sag ich, geh!

ABSYRTUS eindringend.

Das Vließ.

JASON ausweichend.

Mir zu begegnen ist gefährlich,

Denn ich bin grimmig wie der grimme Leu.

ABSYRTUS.

Das Vließ!

JASON.

So habs!


Er haut, über die linke Schulter ausholend, mit einem grimmigen Seitenhieb auf Absyrtus, daß Helm, Schild und Schwert ihm rasselnd entfallen, er selbst aber, obschon unverwundet, taumelnd niederstürzt.


MEDEA bei dem Fallenden auf die Kniee stürzend und sein Haupt in ihrem Schoß verbergend.

Halt ein!

JASON.

Ich töt ihn nicht!

Allein gehorchen muß er, muß – gehorchen;

MEDEA Absyrtus aufrichtend.

Steh auf!


Er ist aufgestanden und lehnt sich betäubt an ihre Brust.


MEDEA.

Bist du verletzt?

ABSYRTUS matt.

Es schmerzt! – Die Stirn!

MEDEA ihre Lippen auf seine Stirne pressend.

Mein Bruder!

MILO der früher spähend abgegangen ist, kommt jetzt eilig zurück.

Auf! Die Feinde nahen! Auf!

In großer Zahl, der König an der Spitze!

MEDEA ihren Bruder fester an sich drückend.

Mein Vater!

ABSYRTUS matt.

Unser Vater!

JASON zu den beiden.

Ihr, zurück!

MILO auf Absyrtus zeigend.

Der Sohn sei Geisel gegen seinen Vater.

Bringt ihn dort auf die Höh zum Schiff hinauf![885]

ABSYRTUS matt die ihn Anfassenden abwehren wollend.

Berührt ihr mich?

MEDEA.

O laß uns gehn, mein Bruder!


Sie werden auf die Höhe gebracht.


JASON.

Hinan, ins Schiff und spannt die Segel auf


Aietes kommt mit bewaffneten Kolchern.


AIETES hereinstürzend.

Haltet ein! Meine Kinder! Mein Sohn!

ABSYRTUS oben am Hügel sich loszumachen strebend.

Mein Vater!

JASON den Hügel hinaufrufend.

Haltet ihn!


Zu Aietes.


Er bleibt bei mir,

Folgt mir zu Schiff, als Geisel wider dich.

Wenn nur ein Kahn, ein Nachen uns verfolgt,

So stürzt dein Sohn hinab ins Wellengrab!

Erst wenn erreicht ist Kolchis letzte Spitze,

Setz ich ihn aus und send ihn her zu dir.

Barbar, du lehrtest mich, dich zu bekämpfen!

AIETES.

Sohn, stehst du in den Armen der Verworfnen?

ABSYRTUS fruchtlos sich loszuwinden strebend.

Laß mich!

MEDEA.

Mein Bruder! – Vater!

JASON.

Haltet ihn!

AIETES.

Komm, Sohn!

JASON.

Umsonst!

AIETES.

So komm ich, Sohn, zu dir!

Mir nach, ihr Kolcher, folget eurem König!

JASON.

Zurück!

AIETES vordringend.

Glaubst du, du schreckest mich?

JASON.

Zurück!

Du rettest nicht den Sohn, als wenn du weichst.

Kein Haar wird ihm gekrümmt, ich schwör es dir!

Bringt ihn an Bord!

ABSYRTUS ringend.

Mich? Nimmermehr!

AIETES.

Mein Sohn![886]

ABSYRTUS.

Fall sie an, befrei den Sohn, o Vater!

AIETES.

Kann ichs? sie töten dich, wenn ichs tue!

ABSYRTUS.

Lieber frei sterben, als leben gefangen,

Fall ich auch, wenn nur sie fallen mit!

JASON.

An Bord mit ihm!

AIETES.

Sohn, komm!

ABSYRTUS der sich losgerissen hat.

Ich komme, Vater!

Frei bis zum Tod! Im Tode räche mich!


Er springt von der Klippe ins Meer.


MEDEA.

Mein Bruder! Nimm mich mit!


Sie wird zurückgehalten und sinkt nieder.


AIETES.

Mein Sohn!

JASON.

Er stirbt!

Die hohen Götter ruf ich an zu Zeugen,

Daß du ihn hast getötet und nicht ich!

AIETES.

Mein Sohn! – Nun Rache! Rache!


Auf Jason eindringend.


Stirb.

JASON.

Laß mich!

Soll ich dich töten?

AIETES.

Mörder, stirb!

JASON.

Ich, Mörder?

Mörder du selber!


Das Vließ einem Nebenstehenden entreißend, dem er es früher zu halten gegeben.


Kennst du dies?

AIETES schreiend zurücktaumelnd.

Das Vließ!

JASON es ihm vorhaltend.

Kennst dus?

Und kennst du auch das Blut, das daran klebt?

's ist Phryxus Blut! – Dort deines Sohnes Blut!

Du Phryxus Mörder, Mörder deines Sohns!

AIETES.

Verschling mich, Erde! Gräber, tut euch auf


Stürzt zur Erde.


JASON.

Zu spät, sie decken deinen Frevel nicht.

Als Werkzeug einer höheren Gewalt

Steh ich vor dir. Nicht zittre für dein Leben,

Ich will nicht deinen Tod; ja stirb erst spät,

Damit noch fernen Enkeln kund es werde,

Daß sich der Frevel rächt auf dieser Erde.[887]

Nun rasch zu Schiff, die Segel spannet auf,

Zurück ins Vaterland!

AIETES an der Erde.

Weh mir, weh,

Legt mich ins Grab zu meinem Sohn!


Indem die Kolcher sich um den König gruppieren und Jason mit den Argonauten das Schiff besteigt, fällt der Vorhang.
[888]

Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 1, München [1960–1965], S. 874-889.
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