Erster Aufzug

[891] Vor den Mauern von Korinth. Links im Mittelgrunde ein Zelt aufgeschlagen. Im Hintergrunde das Meer, an dem sich auf einer Landspitze ein Teil der Stadt hinzieht. Früher Morgen noch vor Tagesanbruch. Dunkel.

Ein Sklave steht rechts im Vorgrunde in einer Grube, mit der Schaufel grabend und Erde auswerfend. Medea auf der andern Seite, vor ihr eine schwarze, seltsam mit Gold verzierte Kiste in welche sie mancherlei Gerät während des Folgenden hineinlegt.


MEDEA.

Bist du zu Ende?

SKLAVE.

Gleich, Gebieterin!


Gora tritt aus dem Zelte und bleibt in der Entfernung stehen.


MEDEA.

Zuerst den Schleier und den Stab der Göttin;

Ich werd euch nicht mehr brauchen, ruhet hier.

Die Zeit der Nacht, der Zauber ist vorbei

Und was geschieht, ob Schlimmes oder Gutes,

Es muß geschehn am offnen Strahl des Lichts.

Dann dies Gefäß: geheime Flammen birgts,

Die den verzehren, ders unkundig öffnet;

Dies andere, gefüllt mit gähem Tod,

Hinweg ihr aus des heitern Lebens Nähe!

Noch manches Kraut, manch dunkel-kräftger Stein,

Der ihr entsprangt, der Erde geb ich euch.


Aufstehend.


So. Ruhet hier verträglich und auf immer!

Das Letzte fehlt noch und das Wichtigste.


Der Sklave, der unterdes aus der Grube herausgestiegen ist und sich hinter Medeen, das Ende ihrer Beschäftigung abwartend, gestellt hat, greift jetzt, um zu helfen, nach einem, an einer Lanze befestigten, Verhülltem, das an einem Baume hinter Medeen lehnt; die Hülle fällt auseinander, das Banner mit dem Vließe leuchtet strahlend hervor.


SKLAVE das Banner anfassend.

Ists dieses hier?

MEDEA.

Halt ein! Enthüll es nicht! –

Laß dich noch einmal schaun, verderblich Gastgeschenk!

Du Zeuge von der Meinen Untergang,

Besprützt mit meines Vaters, Bruders Blut,

Du Denkmal von Medeens Schmach und Schuld.


Sie tritt mit dem Fuße auf den Schaft, daß er entzwei bricht.
[891]

So brech ich dich und senke dich hinab

In Schoß der Nacht, dem dräuend du entstiegen.


Sie legt das gebrochene Banner zu dem andern Gerät in die Kiste und schließt den Deckel.


GORA vortretend.

Was tust du hier?

MEDEA umblickend.

Du siehsts.

GORA.

Vergraben willst du

Die Zeichen eines Dienstes, der Schutz dir gab

Und noch dir geben kann?

MEDEA.

Der Schutz mir gab?

Weil mehr nicht Schutz er gibt, als er mir gab,

Vergrab ich sie. Ich bin geschützt genug.

GORA.

Durch deines Gatten Liebe?

MEDEA zum Sklaven.

Bist du fertig?

SKLAVE.

Gebietrin, ja!

MEDEA.

So komm!


Sie faßt die Kiste bei einer Handhabe, der Sklave bei der andern, und so tragen beide sie zur Grube.


GORA von ferne stehend.

O, der Beschäftigung

Für eines Fürsten fürstlich hohe Tochter!

MEDEA.

Scheints dir für mich zu hart, was hilfst du nicht?

GORA.

Jasons Magd bin ich, nicht die deine;

Seit wann dient eine Sklavin der andern?

MEDEA zum Sklaven.

Jetzt senk sie ein und wirf die Erde zu!


Da Sklave läßt die Kiste in die Grube hinab und wirft mit der Schaufel Erde darüber. Medea kniet dabei.


GORA im Vorgrunde stehend.

O laßt mich sterben, Götter meines Landes,

Damit ich nicht mehr sehn muß, was ich sehe!

Doch vorher schleudert euren Rachestrahl

Auf den Verräter, der uns dies getan!

Laßt mich ihn sterben sehn, dann tötet mich!

MEDEA.

Es ist getan. Nun stampf den Boden fest

Und geh! Ich weiß, du wahrest mein Geheimnis,

Du bist ein Kolcher und ich kenne dich.


Der Sklave geht.
[892]

GORA mit grimmigem Hohn, nachrufend.

Verrats nicht eurem Herrn, sonst weh euch beiden!

Hast du vollendet?

MEDEA zu ihr tretend.

Ja. – Nun bin ich ruhig.

GORA.

Und auch das Vließ vergrubst du?

MEDEA.

Auch das Vließ.

GORA.

So ließt ihr es in Jolkos nicht zurück,

Bei deines Gatten Ohm?

MEDEA.

Du sahst es hier.

GORA.

Es blieb dir also und du vergrubst es

Und so ists abgetan und aus!

Weggehaucht die Vergangenheit,

Alles Gegenwart, ohne Zukunft.

Kein Kolchis gabs und keine Götter sind,

Dein Vater lebte nie, dein Bruder starb nicht:

Weil dus nicht denkest mehr, ists nie gewesen!

So denk denn auch, du seist nicht elend, denk,

Dein Gatte, der Verräter, liebte dich;

Vielleicht geschieht es!

MEDEA heftig.

Gora!

GORA.

Was?

Meinst du, ich schwiege?

Die Schuldige mag schweigen und nicht ich!

Hast du mich hergelockt aus meiner Heimat

In deines trotzgen Buhlen Sklaverei,

Wo ich, in Fesseln meine freien Arme,

Die langen Nächte kummervoll verseufze

Und jeden Morgen zu der neuen Sonne

Mein graues Haar verfluch und meines Alters Tage,

Ein Ziel des Spotts, ein Wegwurf der Verachtung,

An allem Mangel leidend, als an Schmerz,

So mußt du mich auch hören, wenn ich rede.

MEDEA.

So sprich! –

GORA.

Was ich vorhergesagt, es ist geschehn!

Kaum ists ein Mond, daß euch das Meer von sich stieß,

Unwillig, den Verführer, die Verführte,

Und schon flieht euch die Welt, folgt euch der Abscheu.

Ein Greuel ist die Kolcherin dem Volke,[893]

Ein Schrecken die Vertraute dunkler Mächte,

Wo du dich zeigst, weicht alles scheu zurück

Und flucht dir. Mög der Fluch sie selber treffen!

Auch den Gemahl, der Kolcherfürstin Gatten,

Sie hassen ihn um dein-, um seinetwillen.

Der Oheim schloß die Tür ihm seines Hauses,

Die eigne Vaterstadt hat ihn verbannt,

Als jener Oheim starb, man weiß nicht wie,

Kein Haus ist ihm, kein Ruhplatz, keine Stätte:

Was denkst du nun zu tun?

MEDEA.

Ich bin sein Weib!

GORA.

Und denkest nun zu tun?

MEDEA.

Zu folgen ihm

In Not und Tod.

GORA.

In Not und Tod, ja wohl!

Aietes Tochter in ein Bettlerhaus!

MEDEA.

Laß uns die Götter bitten um ein einfach Herz,

Gar leicht erträgt sich dann ein einfach Los!

GORA grimmig lachend.

Ha ha! Und dein Gemahl?

MEDEA.

Es tagt. Komm fort!

GORA.

Weichst du mir aus? Ha, du entgehst mir nicht!

Der einzge lichte Punkt in meinem Jammer

Ist, daß ich seh, an unserm Beispiel seh,

Daß Götter sind und daß Vergeltung ist.

Bewein dein Unglück und ich will dich trösten,

Allein verkennen sollst dus frevelnd nicht

Und leugnen die Gerechtigkeit da droben,

Da du die Strafe leugnest, deinen Schmerz.

Auch muß ein Übel klar sein, will mans heilen!

Dein Gatte, sprich! ist er derselbe noch?

MEDEA.

Was sonst?

GORA.

O spiel mit Worten nicht!

Ist er derselbe, der dich stürmend freite,

Der, dich zu holen, drang durch hundert Schwerter,

Derselbe, der auf langer Überfahrt

Den Widerstand besiegte der Betrübten,

Die sterben wollte, Nahrung von sich weisend,[894]

Und sie nur allzuschnell bezwang mit seiner Glut?

Ist er derselbe noch? Ha, bebst du? Bebe!

Ihm graut vor dir, er scheut dich, flieht dich, haßt dich,

Wie du die Deinen, so verrät er dich!

Grab ein, grab ein die Zeichen deiner Tat,

Die Tat begräbst du nicht!

MEDEA.

Schweig!

GORA.

Nein!

MEDEA sie hart am Arm anfassend.

Schweig, sag ich! –

Was rasest du in deiner tollen Wut?

Laß uns erwarten, was da kommt, nicht rufen.

So wär denn immer da, was einmal da gewesen

Und alles Gegenwart? – Der Augenblick,

Wenn er die Wiege einer Zukunft ist,

Warum nicht auch das Grab einer Vergangenheit?

Geschehen ist, was nie geschehen sollte,

Und ich beweins und bittrer als du denkst,

Doch soll ich drum, ich selbst, mich selbst vernichten?

Klar sei der Mensch und einig mit der Welt!

In andre Länder, unter andre Völker

Hat uns ein Gott geführt in seinem Zorn,

Was recht uns war daheim, nennt man hier unrecht,

Und was erlaubt, verfolgt man hier mit Haß;

So laß uns denn auch ändern Sitt und Rede,

Und dürfen wir nicht sein mehr, was wir wollen,

So laß uns, was wir können, mindstens sein.

Was mich geknüpft an meiner Väter Heimat,

Ich hab es in die Erde hier versenkt;

Die Macht, die meine Mutter mir vererbte,

Die Wissenschaft geheimnisvoller Kräfte,

Der Nacht, die sie gebar, gab ich sie wieder,

Und schwach, ein schutzlos, hilfbedürftig Weib,

Werf ich mich in des Gatten offne Arme;

Er hat die Kolcherin gescheut, die Gattin

Wird er empfangen, wies dem Gatten ziemt.

Der Tag bricht an – mit ihm ein neues Leben!

Was war, soll nicht mehr sein; was ist, soll bleiben!

Du aber, milde, mütterliche Erde,[895]

Verwahre treu das anvertraute Gut.


Sie gehen auf das Zelt zu; es öffnet sich und Jason tritt heraus mit einem korinthischen Landmann, hinter ihm ein Sklave.


JASON.

Sprachst du den König selbst?

LANDMANN.

Ja wohl, o Herr!

JASON.

Was sagtest du?

LANDMANN.

Es harre jemand außen,

Ihm wohlbekannt und gastbefreundet zwar,

Doch der nicht eher trete bei ihm ein,

Umringt von Feinden, von Verrat umstellt,

Bis er ihm Fried gelobt und Sicherheit.

JASON.

Und seine Antwort?

LANDMANN.

Er wird kommen, Herr!

Ein Fest Poseidons feiern sie hier außen,

Am offnen Strand des Meeres Opfer bringend,

Der König folgt dem Zug mit seiner Tochter,

Da, im Vorübergehen, spricht er dich.

JASON.

So, es ist gut! Hab Dank!

MEDEA hinzutretend.

Sei mir gegrüßt!

JASON.

Du auch.


Zum Sklaven.


Ihr aber geht, du und die andern,

Und brechet grüne Zweige von den Bäumen,

Wies Brauch hier Landes bei den Flehenden.

Und haltet ruhig euch und still. Hörst du? Genug!


Der Landmann und der Sklave gehen.


MEDEA.

Du bist beschäftigt?

JASON.

Ja.

MEDEA.

Du gönnst

Dir keine Ruh.

JASON.

Ein Flüchtiger und Ruh?

Weil er nicht Ruh hat, ist er eben flüchtig.

MEDEA.

Du schliefst nicht heute nacht, du gingst hinaus

Und walltest einsam durch die Finsternis.

JASON.

Ich lieb die Nacht, der Tag verletzt mein Aug.

MEDEA.

Auch sandtest Boten du zum König hin;

Nimmt er uns auf?[896]

JASON.

Erwartend weil ich hier.

MEDEA.

Er ist dir freund.

JASON.

Er wars.

MEDEA.

Willfahren wird er.

JASON.

Verpesteter Gemeinschaft weicht man aus. –

Du weißt ja doch, daß alle Welt uns flieht,

Daß selbst des falschen Pelias, meines Oheims, Tod,

Des Frevlers, den ein Gott im Grimm erwürgte,

Daß mir das Volk ihn schuld gibt, deinem Gatten,

Dem Heimgekehrten aus dem Zauberlande?

Weißt du es nicht?

MEDEA.

Ich weiß.

JASON.

Wohl Grunds genug,

Zu wandeln und zu wachen in der Nacht! –

Doch was trieb dich schon vor der Sonn empor?

Was suchst du in der Finsternis? – Ei ja!

Riefst alte Freund aus Kolchis?

MEDEA.

Nein.

JASON.

Gewiß nicht?

MEDEA.

Ich sagte: nein.

JASON.

Ich aber sage dir,

Du tust sehr wohl, wenn du es unterläßt!

Brau nicht aus Kräutern Säfte, Schlummertrank,

Sprich nicht zum Mond, stör nicht die Toten,

Man haßt das hier und ich – ich haß es auch!

In Kolchis sind wir nicht, in Griechenland,

Nicht unter Ungeheuern, unter Menschen!

Allein ich weiß, du tusts von nun nicht mehr,

Du hasts versprochen und du hältst es auch.

Der rote Schleier da auf deinem Haupt,

Er rief vergangne Bilder mir zurück.

Warum nimmst du die Tracht nicht unsers Landes?

Wie ich ein Kolcher war auf Kolchis Grund,

Sei eine Griechin du in Griechenland.

Wozu Erinnrung suchen des Vergangnen?

Von selbst erinnert es sich schon genug!


Medea nimmt schweigend den Schleier ab und gibt ihn Goran.


GORA halbleise.

Verachtest du dein Land um seinetwillen?[897]

JASON erblickt Gora.

Du auch hier? – Dich haß ich vor allen, Weib!

Beim Anblick dieses Augs und dieser Stirn,

Steigt Kolchis Küste dämmernd vor mir auf,

Was drängst du dich in meines Weibes Nähe?

Geh fort!

GORA murrend.

Warum?

JASON.

Geh fort!

MEDEA.

Ich bitt dich, geh!

GORA dumpf.

Hast mich gekauft? daß du mir sprichst als Herr?

JASON.

Die Hand zuckt nach dem Schwert. Geh, weils noch Zeit ist;

Mich hats schon oft gelüstet, zu versuchen,

Ob deine Stirn so hart ist, als sie scheint.


Medea führt die Widerstrebende begütigend fort.


JASON der sich auf einen Rasensitz niedergeworfen hat auf die Brust schlagend.

Zerspreng dein Haus und mach dir brechend Luft!

Da liegen sie, die Türme von Korinth,

Am Meeresufer üppig hingelagert,

Die Wiege meiner goldnen Jugendzeit!

Dieselben, von derselben Sonn erleuchtet,

Nur ich ein andrer, ich in mir verwandelt.

Ihr Götter! warum war so schön mein Morgen,

Wenn ihr den Abend mir so schwarz bestimmt.

O, wär es Nacht!


Medea hat die Kinder aus dem Zelte geholt und führt sie an der Hand vor Jason.


MEDEA.

Hier sind zwei Kinder,

Die ihren Vater grüßen.


Zu dem Knaben.


Gib die Hand!

Hörst du? Die Hand!


Die Kinder stehen scheu seitwärts.


JASON die Hand schmerzlich nach der Gruppe hinbreitend.

Das also wär das Ende?

Von trotzgen Wilden Vater und Gemahl!

MEDEA zu dem Kinde.

Geh hin![898]

KNABE.

Bist du ein Grieche, Vater?

JASON.

Und warum?

KNABE.

Es schilt dich Gora einen Griechen!

JASON.

Schilt?

KNABE.

Es sind betrügerische Leut und feig.

JASON zu Medea.

Hörst du?

MEDEA.

Es macht sie Gora wild. Verzeih ihm!


Sie kniet bei den Kindern nieder und spricht ihnen wechselweise ins Ohr.


JASON.

Gut! Gut!


Er ist aufgestanden.


Da kniet sie, die Unselige,

Und trägt an ihrer Last und an der meinen.


Auf und ab gehend.


Die Kinder; laß sie jetzt und komm zu mir!

MEDEA.

Geht nur und seid verträglich. Hört ihr?


Die Kinder gehen.


JASON.

Halt mich für hart und grausam nicht, Medea!

Glaub mir, ich fühl dein Leid so tief als meines.

Getreulich wälzest du den schweren Stein,

Der rück sich rollend immer wiederkehrt

Und jeden Pfad versperrt und jeden Ausweg.

Hast dus getan? hab ichs? – Es ist geschehn.


Eine ihrer Hände fassend und mit der andern über ihre Stirne streichend.


Du liebst mich. Ich verkenn es nicht, Medea;

Nach deiner Art zwar – dennoch liebst du mich,

nicht bloß der Blick, mir sagts so manche Tat.


Medea lehnt ihre Stirn an seine Schulter.


Ich weiß, dein Haupt ist schwer von manchem Leid

Und Mitleid regt sich treulich hier im Busen.

Drum laß uns reif und sorglich überlegen,

Wie wir entfernen, was so nah uns droht.

Die Stadt hier ist Korinth. In frührer Zeit,

Als ich, ein halb gereifter Jüngling noch,

Vor meines Oheims wildem Grimme floh,

Nahm mich der König dieses Landes auf,

Ein Gastfreund noch von meinen Vätern her,[899]

Und wahrte mein, wie eines teuern Sohns.

In seinem Hause lebt ich sicher manches Jahr.

Nun auch –

MEDEA.

Du schweigst?

JASON.

Nun auch, da mich die Welt

Verstößt, verläßt, in blindem Grimm verfolgt,

Nun auch hoff ich von diesem König Schutz:

Nur eines fürcht ich und nicht ohne Grund.

MEDEA.

Was ists?

JASON.

Mich nimmt er auf, ich weiß es wohl,

Und auch die Kinder, denn sie sind die Meinen,

Nur dich –

MEDEA.

Nimmt er die Kinder, weil sie dein,

Behält er als die Deine wohl auch mich.

JASON.

Hast du vergessen, wies daheim erging,

In meiner Väter Land, bei meinem Ohm,

Als ich zuerst von Kolchis dich gebracht?

Vergessen jenen Hohn, mit dem der Grieche

Herab auf die Barbarin sieht, auf – dich?

Nicht jedem ist wie mir bekannt dein Wesen,

Nicht jedem bist du Weib und Mutter seiner Kinder,

Nicht jeder war in Kolchis, so wie ich.

MEDEA.

Der Schluß der herben Rede, welcher ists?

JASON.

Es ist des Menschen höchstes Unglück dies:

Daß er bei allem, was ihn trifft im Leben,

Sich still und ruhig hält, bis es geschehn,

Und wenns geschehen, nicht. Das laß uns meiden.

Ich geh zum König, wahre meines Rechts

Und reinge vom Verdacht mich, der uns trifft;

Du aber mit den Kindern bleib indes

Fern von der Stadt verborgen, bis –

MEDEA.

Bis wann?

JASON.

Bis – Was verhüllst du dich?

MEDEA.

Ich weiß genug.

JASON.

Wie deutest du so falsch, was ich gesagt!

MEDEA.

Beweise mir, daß ich es falsch gedeutet.

Der König naht – sprich, wie dein Herz dirs heißt.

JASON.

So stehen wir dem Sturm, bis er uns bricht.


[900] Gora tritt mit den Kindern aus dem Zelte. Medea stellt sich zwischen die Knaben und bleibt anfangs beobachtend in der Ferne.

Der König tritt auf mit seiner Tochter, von Knaben und Mädchen begleitet, die Opfergerät tragen.


KÖNIG.

Wo ist der Fremde? – Ahnend sagt mein Herz,

Er ist es, der Verbannte, der Vertriebne –

Der Schuldige vielleicht. – Wo ist der Fremde?

JASON.

Hier bin ich und gebeugt tret ich vor dich;

Kein Fremder zwar, doch nur zu sehr entfremdet.

Ein Hilfesuchender, ein Flehender.

Von Haus und Herd vertrieben, ausgestoßen,

Fleh ich zum Gastfreund um ein schützend Dach.

KREUSA.

Fürwahr er ists! Sieh, Vater, es ist Jason!


Einen Schritt ihm entgegen.


JASON ihre Hand fassend.

Ich bin es, so wie du es bist, Kreusa,

Dieselbe noch, in heitrer Milde strahlend.

O führe mich zu deinem Vater hin,

Der ernst dort steht, den Blick mir zugewandt,

Und zögert mit dem Gegengruß, ich weiß nicht,

Ob Jason zürnend oder seiner Schuld.

KREUSA Jason an der Hand, ihrem Vater entgegentretend.

Sieh, Vater, es ist Jason!

KÖNIG.

Sei gegrüßt!

JASON.

Dein Ernst zeigt mir den Platz, der mir geziemt.

Hin werf ich mich vor dir und faß dein Knie,

Und nach dem Kinne streck ich meinen Arm;

Gewähre, was ich bat, gib Schutz und Zuflucht!

KÖNIG.

Steh auf!

JASON.

Nicht eher bis –

KÖNIG.

Ich sage dir, steh auf!


Jason steht auf.


KÖNIG.

So kehrtest du vom Argonautenzug?

JASON.

Kaum ists ein Mond, daß mich das Land empfing.

KÖNIG.

Den Preis des Zugs, du brachtest ihn mit dir?

JASON.

Er ward dem Oheim, der die Tat gebot.

KÖNIG.

Und warum fliehst du deiner Väter Stadt?

JASON.

Sie trieb mich aus; verbannt bin ich und schutzlos.[901]

KÖNIG.

Des Bannes Ursach aber, welche wars?

JASON.

Verruchten Treibens klagte man mich an!

KÖNIG.

Mit Recht, mit Unrecht? dies sag mir vor allem!

JASON.

Mit Unrecht, bei den Göttern schwör ich es!

KÖNIG ihn rasch bei der Hand fassend und vorfahrend.

Dein Oheim starb?

JASON.

Er starb.

KÖNIG.

Und wie?

JASON.

Nicht durch mich!

So wahr ich leb und atme, nicht durch mich!

KÖNIG.

Doch sagts der Ruf und streuts durchs ganze Land.

JASON.

So lügt der Ruf, das ganze Land mit ihm.

KÖNIG.

Der einzelne will Glauben gegen alle?

JASON.

Der eine, den du kennst, gen alle, die dir fremd.

KÖNIG.

Wie aber fiel der König?

JASON.

Seine Kinder,

Sein eigen Blut hob gegen ihn die Hand.

KÖNIG.

Entsetzlich. Sprichst du wahr?

JASON.

Die Götter wissens!

KÖNIG.

Kreusa naht, sprich nicht davon vor ihr,

Gern spar ich ihr den Schmerz ob solchem Greuel.


Laut.


Ich weiß genug für jetzt. Das andre später:

Solang ich kann, glaub ich an deinen Wert.

KREUSA hinzutretend.

Hast, Vater, ihn gefragt, Nicht wahr? Es ist nicht?

KÖNIG.

Tritt nur zu ihm, du kannst es ohne Scheu.

KREUSA.

Du hast gezweifelt, weißt du? Niemals ich,

In meiner Brust, im eignen Herzen fühlt ichs,

Es sei nicht wahr, was sie von ihm erzählten:

Er war ja gut; wie tat er denn so schlimm?

O wüßtest du, wie alle von dir sprachen.

So arg, so schlimm. Ich hab geweint, daß Menschen

So böse, so verleumdrisch können sein.

Du warst kaum fort, da scholls im ganzen Lande

Von gräßlich wilden Taten, die geschehn,

In Kolchis ließen sie dich Greuel üben,

Zuletzt verbanden sie als Gattin dir[902]

Ein gräßlich Weib, giftmischend, vatermördrisch.

Wie hieß sie – Ein Barbarenname wars –

MEDEA mit ihren Kindern vortretend.

Medea.

Ich bins!

KÖNIG.

Ist sies?

JASON dumpf.

Sie ists.

KREUSA an den Vater gedrängt.

Entsetzen!

MEDEA zu Kreusen.

Du irrst; den Vater hab ich nicht getötet;

Mein Bruder fiel, doch frag ihn, ob durch mich?


Auf Jason deutend.


Auf Tränke, Heil bereitend oder Tod,

Versteh ich mich und weiß noch manches andre,

Allein ein Ungeheuer bin ich nicht

Und keine Mörderin.

KREUSA.

O, gräßlich! Gräßlich!

KÖNIG.

Und sie dein Weib?

JASON.

Mein Weib.

KÖNIG.

Die Kleinen dort –

JASON.

Sind meine Kinder.

KÖNIG.

Unglückseliger!

JASON.

Ich bins. – Ihr Kinder kommt mit euren Zweigen,

Reicht sie dem König dar und fleht um Schutz!


Sie an der Hand hinführend.


Hier sind sie, Herr, du wirst sie nicht verstoßen!

KNABE den Zweig hinhaltend.

Da nimm!

KÖNIG die Hände auf ihre Häupter legend.

Du arme, kleine, nestentnommne Brut!

KREUSA zu den Kindern niederknieend.

Kommt her zu mir, ihr heimatlosen Waisen,

Wie frühe ruht das Unglück schon auf euch;

So früh und, ach, so unverschuldet auch.

Du siehst wie sie – du hast des Vaters Züge.


Sie küßt das Kleinere.


Bleibt hier, ich will euch Mutter, Schwester sein!

MEDEA.

Was nennst du sie verwaist und klagst darob?

Hier steht ihr Vater, der sie Seine nennt,[903]

Und keiner andern Mutter brauchts, solange

Medea lebt.


Zu den Kindern.


Hierher zu mir! Hierher!

KREUSA zu ihrem Vater emporblickend.

Laß ich sie hin?

KÖNIG.

Sie ist die Mutter.

KREUSA zu den Kindern.

Geht zur Mutter!

MEDEA.

Was zögert ihr?

KREUSA zu den Kindern, die sie um den Hals gefaßt haben.

Die Mutter ruft. Geht hin!


Die Kinder gehen.


JASON.

Und was entscheidest du?

KÖNIG.

Ich habs gesagt.

JASON.

Gewährst du Schutz mir?

KÖNIG.

Ja.

JASON.

Mir und den Meinen?

KÖNIG.

Ich habe dir ihn zugesagt. – So folge!

Zuerst zum Opfer und sodann ins Haus

JASON zum Fortgehen gewendet, zu Kreusen.

Gönnst du mir deine Hand wie sonst, Kreusa?

KREUSA.

Kannst du sie doch nicht fassen so wie sonst.

MEDEA.

Sie gehn und lassen mich allein. Ihr Kinder,

Kommt her zu mir, umschlingt mich! Fester! Fester!

KREUSA umkehrend, vor sich hin sprechend.

Noch eine fehlt. Warum folgt sie uns nicht?


Zurückkommend, aber in einiger Entfernung von Medeen stehend.


Du gehst nicht mit zum Opfer, nicht ins Haus?

MEDEA.

Die Ungeladnen weist man vor die Tür.

KREUSA.

Allein mein Vater bot dir Herd und Dach.

MEDEA.

Ganz anders klang, was ich von euch vernahm.

KREUSA näher tretend.

Beleidigt hab ich dich. Ich weiß. Verzeih!

MEDEA sich rasch gegen sie kehrend.

O holder Klang! – Wer sprach das milde Wort?

Sie haben mich beleidigt oft und tief,

Doch keiner fragte noch, obs weh getan?

Hab Dank! und wenn du einst in Jammer bist, wie ich;[904]

Gönn dir ein Frommer, wie dus mir gegönnt,

Ein sanftes Wort und einen milden Blick.


Sie will ihre Hand fassen, Kreusa weicht scheu zurück.


O weich nicht aus! Die Hand verpestet nicht.

Ein Königskind, wie du, bin ich geboren,

Wie du ging einst ich auf der ebnen Bahn,

Das Rechte blind erfassend mit dem Griff.

Ein Königskind wie du, bin ich geboren,

Wie du vor mir stehst, schön und hell und glänzend,

So stand auch ich einst neben meinem Vater,

Sein Abgott und der Abgott meines Volks.

O Kolchis! o du meiner Väter Land!

Sie nennen dunkel dich, mir scheinst du hell!

KREUSA ihre Hand fassend.

Du Arme!

MEDEA.

Du blickst fromm und mild und gut

Und bists auch wohl; doch hüte, hüte dich!

Der Weg ist glatt, ein Tritt genügt zum Fall!

Weil du in leichtem Kahn den Strom hinabgeglitten,

Dich haltend an des Ufers Blütenzweigen,

Von Silberwellen hin und her geschaukelt,

So hältst du dich für eine Schifferin?

Dort weiter draußen braust das Meer,

Und wagst du dich vom sichern Ufer ab,

Reißt dich der Strom in seine grauen Weiten.

Du blickst mich an? Du schauderst jetzt vor mir?

Es war 'ne Zeit, da hätt ich selbst geschaudert,

Hätt ich ein Wesen mir gedacht, gleich mir!


Sie verbirgt ihr Gesicht an Kreusens Halse.


KREUSA.

Sie ist nicht wild. Sieh, Vater, her, sie weint.

MEDEA.

Weil eine Fremd ich bin, aus fernem Land

Und unbekannt mit dieses Bodens Bräuchen,

Verachten sie mich, sehn auf mich herab,

Und eine scheue Wilde bin ich ihnen,

Die Unterste, die Letzte aller Menschen,

Die ich die Erste war in meiner Heimat.

Ich will ja gerne tun, was ihr mir sagt,

Nur sagt mir, was ich tun soll, statt zu zürnen.[905]

Du bist, ich sehs, von sittig mildem Wesen,

So sicher deiner selbst und eins mit dir;

Mir hat ein Gott das schöne Gut versagt.

Doch lernen will ich, lernen, froh und gern.

Du weißt, was ihm gefällt, was ihn erfreut,

O lehre mich, wie Jason ich gefalle,

Ich will dir dankbar sein.

KREUSA.

O sieh nur, Vater!

KÖNIG.

Nimm sie mit dir!

KREUSA.

Willst du mit mir, Medea?

MEDEA.

Ich gehe gern, wohin du mich geleitest,

Nimm dich der Armen, der Verlaßnen an,

Und schütze mich vor jenes Mannes Blick!


Zum König.


Sieh nur nach mir, du schreckst mich dennoch nicht,

Obgleich, ich sehs, du sinnest, was nicht gut.

Dein Kind ist besser als sein Vater!

KREUSA.

Komm!

Er will dir wohl! – Und ihr kommt auch, ihr Kleinen!


Führt Medeen und die Kinder fort.


KÖNIG.

Hast du gehört?

JASON.

Ich hab.

KÖNIG.

Und sie dein Weib?

Schon früher gab uns Kunde das Gerücht,

Doch glaubt ichs nicht und nun, da ichs gesehn,

Glaub ichs fast minder noch! – Dein Weib!

JASON.

Du siehst den Gipfel nur, die Stufen nicht,

Und nur von diesen läßt sich jener richten.

Ich zog dahin in frischer Jugendkraft,

Durch fremde Meere zu der kühnsten Tat,

Die noch geschehn, seit Menschen sind und denken.

Das Leben war, die Welt war aufgegeben,

Und nichts war da als jenes helle Vließ,

Das durch die Nacht, ein Stern im Sturme, schien.

Der Rückkehr dachte niemand, und als wär

Der Augenblick, in dem der Preis gewonnen,

Der letzte unsers Lebens, strebten wir.

So zogen wir, ringfertige Gesellen,[906]

Im Übermut des Wagens und der Tat,

Durch See und Land, durch Sturm und Nacht und Klippen,

Den Tod vor uns, und hinter uns den Tod.

Was gräßlich sonst, schien leicht und fromm und mild,

Denn die Natur war ärger als der Ärgste;

Im Streit mit ihr und mit des Wegs Barbaren

Umzog sich hart des Mildsten weiches Herz;

Der Maßstab aller Dinge war verloren,

Nur an sich selbst maß jeder was er sah.

Was allen uns unmöglich schien, geschah:

Wir sahen Kolchis wundervolles Land,

O hättest dus gesehn in seinen Nebeln!

Der Tag ist Nacht dort und die Nacht Entsetzen,

Die Menschen aber finstrer als die Nacht.

Da fand ich sie, die dir so greulich dünkt;

Ich sage dir, sie glich dem Sonnenstrahl,

Der durch den Spalt in einen Kerker fällt.

Ist sie hier dunkel, dort erschien sie licht,

Im Abstich ihrer nächtlichen Umgebung.

KÖNIG.

Nie recht ist Unrecht, Schlimmes nirgends gut.

JASON.

Der Obern einer wandt ihr Herz mir zu;

Sie stand mir bei in mancher Fährlichkeit.

Ich sah die Neigung sich in ihr empören,

Doch störrisch legt' sie ihr den Zügel an,

Und nur ihr Tun, ihr Wort verriet mir nichts.

Da faßt' auch mich der Wahnsinn wirbelnd an,

Daß sies verschwieg, das eben reizte mich,

Auf Kampf gestellt, rang ich mit ihr, und wie

Ein Abenteuer trieb ich meine Liebe.

Sie fiel mir zu. Ihr Vater fluchte ihr.

Nun war sie mein – hätt ichs auch nicht gewollt.

Durch sie ward mir das rätselvolle Vließ,

Sie führte mich in jene Schauerhöhle,

Wo ichs gewann, dem Drachen abgewann.

Sooft ich ihr seitdem ins Auge blicke,

Schaut mir die Schlange blinkend draus entgegen,

Und nur mit Schaudern nenn ich sie mein Weib.

Wir fahren ab. Ihr Bruder fiel.[907]

KÖNIG rasch.

Durch sie?

JASON.

Er fiel der Götter Hand. – Ihr alter Vater,

Ihr fluchend, mir und unsern künftgen Tagen, grub

Mit blutgen Nägeln sich sein eignes Grab

Und starb, so heißt es, gen sich selber wütend.

KÖNIG.

Mit bösen Zeichen fing die Eh dir an.

JASON.

Mit schlimmern setzte sie sich weiter fort.

KÖNIG.

Wie wars mit deinem Ohm? erzähl mir dies!

JASON.

Vier Jahr verschob die Rückkehr uns ein Gott,

Durch Meer und Land uns in der Irre treibend.

In Schiffes Enge, stündlich ihr genüber,

Brach sich der Stachel ab des ersten Schauders;

Geschehn war, was geschehn – Sie ward mein Weib.

KÖNIG.

Und nun daheim, in Jolkos bei dem Oheim?

JASON.

Verwischt war von der Zeit der Greuel Bild,

Und, halb Barbar, zur Seite der Barbarin,

Zog stolz ich ein in meiner Väter Stadt.

Im Angedenken noch des Volkes Jubel

Bei meiner Abfahrt, hofft ich freudiger

Noch den Empfang, da ich als Sieger kehrte.

Doch still wars in den Gassen, als ich kam,

Und scheu wich der Begegnende mir aus.

Was dort geschehn in jenem dunkeln Land,

Vermehrt mit Greueln hatt es das Gerücht

Gesät in unsrer Bürger furchtsam Ohr;

Man floh mich und verachtete mein Weib –

Mein war sie, mich verschmähte man in ihr.

Mein Oheim aber nährte schlau die Stimmung,

Und als ich forderte das Erbe meiner Väter,

Das er mir nahm und tückisch vorenthielt,

Da hieß er mich, mein Weib von mir zu senden,

Die ihm zum Greuel sei mit ihrem dunkeln Streben,

Wo nicht, sein Land, der Väter Land zu meiden.

KÖNIG.

Du aber?

JASON.

Ich? Sie war mein Weib;

Sie hatte meinem Schutz sich anvertraut,

Und der sie forderte, es war mein Feind.

Hätt er auch Billiges begehrt, beim Himmel,[908]

Er hätt es nicht erlangt: so minder dies.

Ich schlug es ab.

KÖNIG.

Und er?

JASON.

Er sprach den Bann.

Desselben Tags noch sollt ich Jolkos meiden.

Ich aber wollte nicht und blieb.

Da wird der König plötzlich krank. Gemurmel

Läuft durch die Stadt, gar Seltsames verkündend!

Wie vor dem Hausaltar er sitze, wo

Das Wundervließ man weihend aufgehängt,

Mit unverwandtem Aug es starr betrachtend.

Oft schrie er auf: sein Bruder schau ihn an,

Mein Vater, den er tückisch einst getötet

Beim Wortstreit ob des Argonautenzugs,

Er schau ihn an aus jenes Goldes Flimmer,

Das er mich holen hieß, der falsche Mann,

Aus fernem Land, auf daß ich drob verderbe.

Als nun die Not des Königs Haus bedrängte,

Da traten seine Töchter vor mich hin,

Um Heilung flehend von Medeens Kunst.

Ich aber sagte: Nein! Sollt ich den Mann erretten,

Der mein Verderben sann und all der Meinen?

Da gingen sie, die Mädchen, weinend hin,

Ich aber schloß mich ein, nichts weiter achtend.

Und ob sie wiederholt gleich flehend kamen,

Ich blieb bei meinem Sinn und meinem: Nein!

Als ich darauf nun lag zu Nacht und schlief,

Hör ich Geschrei an meines Hauses Pforten

Akastos ists, des bösen Oheims Sohn,

Der stürmt mein Tor mit lauten Pöbelhaufen

Und nennt mich Mörder, Mörder seines Vaters,

Der erst gestorben, in derselben Nacht.

Auf stand ich und zu reden sucht ich, doch

Umsonst, das Volksgebrüll verschlang mein Wort.

Und schon begann mit Steinen man den Krieg.

Da nahm ich dies mein Schwert und schlug mich durch.

Seitdem irr ich durch Hellas weite Städte,

Der Menschen Greuel, meine eigne Qual,[909]

Und, nimmst du mich nicht auf, ein Ganzverlorner!

KÖNIG.

Ich hab dirs zugesagt und halt es auch.

Doch sie –

JASON.

Eh du vollendest, höre mich!

Du nimmst uns beide, oder keinen, Herr!

Mein Leben wär erneut, wüßt ich sie fort,

Doch muß ich schützen, was sich mir vertraut.

KÖNIG.

Die Künste, die sie weiß, sie schrecken mich,

Die Macht zu schaden zeugt gar leicht den Willen.

Auch ist ihr Schuld nicht fremd und arge Tat.

JASON.

Wenn sie nicht ruhig ist, so treib sie aus,

Verjag sie, töte sie und mich – uns alle.

Doch bis dahin gönn ihr noch den Versuch,

Ob sies vermag, zu weilen unter Menschen.

Beim Zeus, der Fremden Schützer, bitt ich es,

Und bei dem Gastrecht fordr ichs, das die Väter

In längstentschwundner Zeit uns aufgerichtet,

In Jolkos und Korinthos, solcher Schickungen

Mit klugem Sinn in vorhinein gedenkend.

Gewähre mirs, damit nicht einst den Deinen

In gleichem Unheil gleiche Weigrung werde.

KÖNIG.

Den Göttern weich ich, gegen meinen Sinn.

Sie bleibe. Doch verrät mir nur ein Zug

Die Rückkehr ihres alten, wilden Sinns,

So treib ich sie aus meiner Stadt hinaus

Und liefere sie denen, die sie suchen.

Hier aber, wo ich dich zuerst gesehn,

Erhebe sich ein heiliger Altar.

Der Fremden Schützer, Zeus, sei er geweiht

Und Pelias, deines Oheims blutgen Manen.

Dort wollen wir vereint die Götter bitten,

Daß sie den Eintritt segnen in mein Haus,

Und gnädig wenden, was uns Übles droht.

Und nun komm mit in meine Königsburg.


Zu seinen Begleitern, die sich jetzt nähern.


Ihr aber richtet aus, was ich befahl.


Indem sie sich zum Abgehen wenden, fällt der Vorhang.
[910]

Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 1, München [1960–1965], S. 891-911.
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