Dritter Aufzug

[929] Vorhof von Kreons Burg. Im Hintergrunde der Eingang von der Wohnung des Königs; rechts an den Seitenwänden ein Säulengang zu Medeens Aufenthalt führend.

Medea im Vorgrunde stehend, Gora weiter zurück mit einem Diener des Königs sprechend.


GORA.

Sag du dem Könige:

Medea nehme Botschaft von Sklaven nicht.

Hab er Werbung an sie, Komm er selbst,

Vielleicht hört sie ihn.


Der Diener ab.


GORA vortretend.

Sie meinen, du würdest gehn,

Den Haß bezähmend und die Rache.

Die Törichten!

Oder wirst du es? Wirst dus?

Fast glaub ich, du tusts,

Denn nicht Medea bist du mehr,

Des Kolcherkönigs königlicher Sproß,

Der erfahrnen Mutter erfahrnere Tochter:

Hättest du sonst geduldet, getragen

So lange, bis jetzt?

MEDEA.

Hört ihrs, Götter? Geduldet! getragen!

So lange! bis jetzt!

GORA.

Ich riet dir zu weichen,

Da du noch weilen wolltest,

Verblendet, umgarnt;

Als noch nicht gefallen der Streich,

Den ich vorhersah, warnend dir zeigte:

Aber nun sag ich: bleib!

Sie sollen nicht lachen der Kolcherin,

Nicht spotten des Bluts meiner Könige,

Herausgeben die Kleinen,

Die Schößlinge der gefällten Königseiche;

Oder sterben, fallen,

In Grauen, in Nacht! –[929]

Wo hast du dein Gerät?

Oder was beschließest du?

MEDEA.

Erst meine Kinder will ich haben –

Das andre findet sich.

GORA.

So gehst du denn?

MEDEA.

Ich weiß es nicht.

GORA.

Lachen werden sie dein!

MEDEA.

Lachen? Nein!

GORA.

Was also sinnest du?

MEDEA.

Ich gebe mir Müh, nichts zu wollen, zu denken.

Ob dem schweigenden Abgrund

Brüte die Nacht.

GORA.

Und wenn du flöhest, wohin?

MEDEA schmerzlich.

Wohin? Wohin?

GORA.

Hier Lands ist nicht Raum für uns,

Die Griechen, sie hassen, sie töten dich.

MEDEA.

Töten? Sie mich? Ich will sie töten, ich!

GORA.

Auch daheim in Kolchis wartet Gefahr.

MEDEA.

O Kolchis! Kolchis! O Vaterland!

GORA.

Du hast wohl gehört, dir ward wohl Kunde,

Daß dein Vater gestorben, bald darnach,

Als du Kolchis verließest, dein Bruder fiel?

Gestorben? es klang anders, deucht mir,

Daß er, den Schmerz anfassend wie ein Schwert,

Gen sich selber wütend, den Tod sich gab.

MEDEA.

Was trittst du in Bund mit meinen Feinden

Und tötest mich?

GORA.

Nun siehst du wohl.

Ich hab dirs gesagt, dich gewarnt.

Flieh die Fremden, sagt ich dir,

Vor allem aber ihn, der sie führt,

Den glattzüngigen Heuchler, den Verräter.

MEDEA.

Den glattzüngigen Heuchler, den Verräter! –

Sagtest du So?

GORA.

Wohl sagt ichs.

MEDEA.

Und ich glaubte dir nicht?

GORA.

Glaubtest mir nicht und gingst ins Todesnetz,[930]

Das nun zusammenschlägt über dir.

MEDEA.

Glattzüngiger Heuchler! das ist das Wort.

Hättest du so gesagt, ich hätts erkannt;

Aber du nanntest ihn: Feind und verhaßt und abscheulich,

Er aber war schön und freundlich, und ich haßt ihn nicht!

GORA.

So liebst du ihn?

MEDEA.

Ich? Ihn?

Ich haß ihn, verabscheu ihn,

Wie die Falschheit, den Verrat,

Wie das Entsetzlichste, wie mich!

GORA.

So straf ihn, triff ihn,

Räche den Vater, den Bruder,

Unser Vaterland, unsre Götter,

Unsre Schmach, mich, dich!

MEDEA.

Erst meine Kinder will ich haben,

Das andre deckt die Nacht. –

Was glaubst du? wenn er daherzög

In feierlichem Brautgeleit

Mit ihr, die ich hasse,

Und vom Giebel des Hauses entgegen

Flög ihm Medea, zerschmettert, zerschellt.

GORA.

Der schönen Rache!

MEDEA.

Oder an Brautgemachs

Schwelle Läge sie tot in ihrem Blut,

Bei ihr die Kinder, Jasons Kinder, tot.

GORA.

Dich selber trifft deine Rache, nicht ihn.

MEDEA.

Ich wollt, er liebte mich,

Daß ich mich töten könnte, ihm zur Qual! – –

Oder sie? die Falsche! die Reine!

GORA.

Näher triffst du schon!

MEDEA.

Still! still!

Hinab, wo du herkamst, Gedanke,

Hinab in Schweigen, hinunter in Nacht!


Sie verhüllt sich.


GORA.

Die andern alle, die mit ihm zogen

Den frevelnden Argonautenzug,

Alle haben sie, rächend, strafend,

Die vergeltenden Götter erreicht,[931]

Alle fielen in Tod und Schmach;

Er nur fehlt noch – und wie lang?

Täglich hör ich, emsig horchend,

Hoch mich erlabend, wie sie fallen,

Fallen, der Griechen strahlende Söhne,

Die aus Kolchis, vom Raube gekehrt.

Den Orpheus erschlugen thrakische Weiber;

Hylas versank im Wellengrab;

Theseus, Pirithous stiegen hinab

In des Aides finstere Wohnung,

Der Schatten gewaltigem Herrn zu rauben

Die strahlende Gattin, Persephoneia,

Doch der fing sie und hält sie gefangen

In ehernen Ketten, in ewiger Nacht.

MEDEA rasch den Mantel vom Gesicht ziehend.

Weil sie kamen, das Weib zu rauben?

Gut! Gut! – So tat auch er, tat mehr noch!

GORA.

Dem Herakles, der sein Weib verließ,

Von anderer Liebe gelockt,

Sandte sie rächend ein leinen Gewand;

Als er das antat, sank er dahin

In Qual und Angst und Todesschmerz,

Denn sie hatt es heimlich bestrichen

Mit argem Gift und schnellem Tod.

Hin sank er, und des Öta waldiger Rücken

Sah ihn vergehn, in Flammen vergehn.

MEDEA.

Und sie selbst webt es, das Gewand?

Das Tödliche?

GORA.

Sie selbst!

MEDEA.

Sie selbst!

GORA.

Des Meleager rauhe Gewalt,

Des kaledonischen Eberbezwingers,

Tötet' Althea, die Mutter das Kind.

MEDEA.

Verließ sie der Gemahl?

GORA.

Er erschlug ihren Bruder.

MEDEA.

Der Gatte?

GORA.

Der Sohn!

MEDEA.

Und als sies getan, starb sie?[932]

GORA.

Sie lebt.

MEDEA.

Tat es und lebt! Entsetzlich! –

So viel weiß ich und soviel ist mir klar:

Unrecht erduld ich nicht ungestraft.

Aber was geschieht, weiß ich nicht, wills nicht wissen!

Verdient hat er alles, das Ärgste verdient,

Aber – schwach ist der Mensch;

Billig gönnt man zur Reue Zeit!

GORA.

Reue? – Frag ihn selbst, obs ihn reut,

Denn dort naht er mit eilendem Schritt.

MEDEA.

Mit ihm der König, mein arger Feind,

Der ihn verlockt, der ihn verfahrt.

Ihm entweich ich, nicht zähmt ich den Haß!


Geht rasch dem Hause zu.


Aber will er, will Jason mich sprechen,

So heiß ihn treten zu mir ins Gemach,

Dort will ich reden zu ihm, nicht hier,

An der Seite des Manns, der mein Feind.

Sie nahen. Fort!


Ab in Haus.


GORA.

Da geht sie hin!

Ich aber soll reden mit dem Mann,

Der mein Kind verderbt, der gemacht,

Daß ich mein Haupt legen muß auf fremde Erde,

Des bittern Kummers Tränen verbergen muß,

Daß nicht drüber lacht fremder Männer Mund.


Der König und Jason kommen.


KÖNIG.

Was flieht uns deine Frau? Das nützt ihr nichts.

GORA.

So floh sie denn? Sie ging. Weil sie dich haßt.

KÖNIG.

Ruf sie heraus?

GORA.

Sie kommt nicht.

KÖNIG.

Doch sie soll!

GORA.

Geh selbst hinein und sag ihrs, wenn dus wagst.

KÖNIG.

Wo bin ich denn und wer? daß dieses Weib

In ihrer Wildheit mir zu trotzen wagt?

Die Magd fürwahr das Bild der Frau, und beide

Das Bild des dunkeln Landes, das sie zeugte.

Noch einmal: ruf sie her![933]

GORA auf Jason zeigend.

Den will sie sprechen,

Und hat er Mut dazu, tret er ins Haus.

JASON.

Verwegne, geh! mein Haß von Anfang her!

Und sag ihr, daß sie komme, die dir gleiche.

GORA.

O gliche sie mir doch! ihr trotztet nicht!

Doch sie wirds noch erkennen und dann weh euch!

JASON.

Ich will sie sprechen!

GORA.

Geh hinein.

JASON.

Das nicht!

Sie soll heraus! und du geh hin und sag ihrs!

GORA.

Nun wohl, ich geh, euch länger nicht zu sehn,

Und sag ihrs an, doch kommt sie nicht, das weiß ich,

Zu sehr fühlt sie die Kränkung und sich selbst.


Ab ins Haus.


KÖNIG.

Nicht einen Tag duld ich sie in Korinth.

Die sprach nur aus, was jene finster brütet;

Allzu gefährlich dünkt mir solche Nähe!

Auch deine Zweifel, hoff ich, sind besiegt.

JASON.

Verfahre, Herr, in deinem Richteramt!

Sie kann nicht länger stehen neben mir,

So gehe sie; noch mild ist diese Strafe.

Denn wahrlich, minder schuldig doch als sie,

Trifft mich ein härtres Los, ein schwerers.

Sie zieht hinaus in angeborne Wildnis,

Und wie ein Füllen, dem das Joch entnommen,

Strebt sie hinfort in ungezähmtem Trotz:

Ich aber muß hier still und ruhig weilen,

Belastet mit der Menschen Hohn und Spott,

Dumpf wiederkäuend die verfloßne Zeit.

KÖNIG.

Du wirst dich wieder heben, glaube mirs.

Dem Bogen gleich, der raschen Schwunges losschnellt

Und fliegend zu dem Ziele schickt den Pfeil,

Sobald entfernt, was seinen Rücken beugte,

Wirst du erstarken, ist nur sie erst fern.

JASON.

Ich fühle nichts in mir, das solcher Hoffnung Bürgschaft.

Verloren ist mein Name und mein Ruf,

Ich bin nur Jasons Schatten, nicht er selbst.

KÖNIG.

Die Welt, mein Sohn, ist billiger, als du.[934]

Des reifen Mannes Fehltritt ist Verbrechen,

Des Jünglings Fehltritt ein verfehlter

Tritt, Den man zurückzieht und ihn besser macht.

Was du in Kolchis tatst, ein rascher Knabe,

Vergessen ists, zeigst du dich nun als Mann.

JASON.

Könnt ich dir glauben, selig wär ich dann!

KÖNIG.

Laß sie erst fort sein und du sollst es sehn.

Hin vors Gericht der Amphiktyonen

Tret ich für dich, verfechte deine Sache

Und zeige, daß nur sie es war, Medea,

Die das verübt, was man an dir verfolgt,

Daß sie die Dunkle, sie die Frevlerin.

Gelöset wird der Bannspruch, und wenn nicht,

Dann stehst du auf in deiner vollen Kraft,

Schwingst hoch das goldne Banner in die Luft,

Das du geholt vom Äußersten der Länder,

Und stromweis wird die Jugend Griechenlands

Um dich sich scharen gegen jedermann,

Um den Gereinigten, den Neuerhobnen,

Den starken Hort, des Vließes mächtgen Held.

Du hast es doch,

JASON.

Das Vließ?

KÖNIG.

Ja wohl!

JASON.

Ich nicht!

KÖNIG.

Doch nahms Medea mit aus Pelias Haus.

JASON.

So hat denn sies!

KÖNIG.

Sie muß es geben, muß.

Dir ists der künftgen Größe Unterpfand.

Du sollst mir groß noch werden, groß und stark,

Du meines alten Freundes einzger Sohn!

Es hat der König Kreon Macht und Gut.

Und gern teilt ers mit seinem Tochtermann.

JASON.

Auch meiner Väter Erbe fordr ich dann,

Vom Sohn des Oheims, der mirs vorenthielt.

Ich bin nicht arm, wird alles mir zurück.

KÖNIG.

Sie kommt, die uns noch stört, bald ists getan.


Medea kommt mit Gora aus dem Hause.


MEDEA.

Was willst du mir?[935]

KÖNIG.

Die Diener, die ich sandte,

Du schicktest sie mit harten Worten fort

Und von mir selbst verlangtest du zu hören,

Was ich geboten und was dir zu tun.

MEDEA.

So sags.

KÖNIG.

Nichts Fremdes, Neues künd ich dir.

Ich wiederhole nur den schon gesprochnen Bann

Und füge zu, daß du noch heute gehst.

MEDEA.

Und warum heute noch?

KÖNIG.

Die Drohungen,

Die du gesprochen gegen meine Tochter –

Denn die gen mich veracht ich allzusehr –

Der wilde Sinn, den du nur erst gezeigt,

Sie nennen mir gefährlich deine Nähe,

Und darum sollst du heute mir noch gehn.

MEDEA.

Gib mir die Kinder und ich tus vielleicht.

KÖNIG.

Du tusts gewiß. – Die Kinder aber bleiben!

MEDEA.

Wie, meine Kinder? Doch wem sag ich das?

Mit dem da laß mich sprechen, mit dem Gatten!

KÖNIG zu Jason.

Tus nicht!

MEDEA zu Jason.

Ich bitte dich!

JASON.

Wohlan, es sei!

Damit du siehst, daß ich dein Wort nicht scheue.

Laß uns, o König, hören will ich sie.

KÖNIG.

Ich tu es ungern; schlau ist sie und listig.


Er geht.


MEDEA.

So, er ist fort. Kein Fremder stört uns mehr;

Kein Dritter drängt sich zwischen Mann und Weib;

Wir können reden, wie das Herz gebeut.

Und nun sag an mir, was du denkst?

JASON.

Du weißts.

MEDEA.

Ich weiß wohl, was du willst, nicht, was du meinst.

JASON.

Das erstere genügt, denn es entscheidet.

MEDEA.

So soll ich gehen?

JASON.

Gehn!

MEDEA.

Noch heute?[936]

JASON.

Heute!

MEDEA.

Das sagst du und stehst ruhig mir genüber,

Und Scham senkt nicht dein Aug und rötet nicht die Stirn?

JASON.

Erröten müßt ich, wenn ich anders spräche.

MEDEA.

Das ist recht gut, und sprich nur immer so,

Wenn du vor andern dich entschuldgen willst,

Doch mir genüber laß den eiteln Schein!

JASON.

Die Scheu vor Greueln nennst du eiteln Schein?

Verdammt hat dich die Welt, verdammt die Götter,

Und so geb ich dich ihrem Urteil hin.

Denn wahrlich, unverdient trifft es dich nicht!

MEDEA.

Wer ist der Fromme denn, mit dem ich spreche?

Ist das nicht Jason? und der wär so mild?

Du Milder, kamst du nicht nach Kolchis hin

Und warbst mit Blut um seines Königs Kind?

Du Milder! schlugst du meinen Bruder nicht?

Fiel nicht mein Vater dir, du Frommer, Milder?

Verlässest du das Weib nicht, das du stahlst,

Du Milder, du Entsetzlicher, Verruchter!

JASON.

Du schmähest. Das zu hören ziemt mir nicht.

Du weißt nun, was zu tun, und so leb wohl!

MEDEA.

Noch weiß ichs nicht, drum bleibe, bis ichs weiß.

Bleib! Ruhig will ich sein. Ruhig wie du.

Verbannung wird mir also? und was dir?

Mich dünkt, auch dich traf ja des Herolds Spruch?

JASON.

Sobald bekannt, daß ich am Frevel rein,

Am Tod des Oheims, löst der Bann sich auf.

MEDEA.

Und du lebst froh und ruhig fürder dann?

JASON.

Ich lebe still, wies Unglückselgen ziemt.

MEDEA.

Und ich?

JASON.

Du trägst das Los, das du dir selbst bereitet.

MEDEA.

Das ich bereitet! Du wärst also rein?

JASON.

Ich bins!

MEDEA.

Und um den Tod des Oheims hast

Du nicht gebetet?

JASON.

Ihn befördert nicht!

MEDEA.

Mich nicht versucht, ob ichs nicht üben Wollte?

JASON.

Der erste Zorn spricht manches sprudelnd aus,[937]

Was, reifer überdacht, er nimmer übt.

MEDEA.

Einst klagtest du dich selber dessen an,

Nun ist gefunden, der die Schuld dir trägt.

JASON.

Nicht der Gedanke wird bestraft, die Tat!

MEDEA rasch.

Ich aber tat es nicht.

JASON.

Wer sonst?

MEDEA.

Ich nicht!

Hör, mein Gemahl, und dann erst richte mich.

Als ich an die Pfoste trat,

Das Vließ zu holen,

Der König auf seinem Lager;

Da hör ich schreien; hingewendet,

Seh ich den Mann vom Lager springen,

Heulend, bäumend sich umwindend.

Kommst du, Bruder, schreit er,

Rache zu nehmen, Rache an mir!

Noch einmal sollst du sterben, noch einmal!

Und springt hin und faßt nach mir,

In deren Hand das Vließ.

Ich erbebte und schrie auf

Zu den Göttern, die ich kenne.

Das Vließ hielt ich vor mir als Schild.

Da zuckt Wahnsinus Grinsen durch seine Züge,

Heulend faßt er die Bande seiner Adern,

Sie brechen, in Güssen strömt hin sein Blut,

Und als ich um mich schaue, entsetzt, erstarrt,

Liegt der König zu meinen Füßen,

Im eignen Blut gebadet,

Kalt und tot.

JASON.

Das sagst du mir, Zaubrische! Gräßliche?

Hebe dich weg von mir! Fort!

Mir graut vor dir! Daß ich dich je gesehn!

MEDEA.

Du hast es ja gewußt. Das erstemal,

Als du mich sahst, sahst mich in meinem Dienst.

Und doch verlangtest, strebtest du nach mir.

JASON.

Ein Jüngling war ich, ein verwegner Tor,

Der Mann verwirft, was Knaben wohlgefällt.[938]

MEDEA.

O schilt das goldne Jugendalter nicht!

Der Kopf ist rasch, allein das Herz ist gut!

O wärst du, der du warst, mir wäre besser!

Nur einen Schritt komm in die schöne Zeit,

Da wir in unsrer Jugend frischem Grünen

Uns fanden an des Phasis Blumenstrand.

Wie war dein Herz so offen und so klar,

Das meine trüber und in sich verschloßner,

Doch du drangst durch mit deinem milden Licht,

Und hell erglänzte meiner Sinne Dunkel.

Da ward ich dein, da wardst du mein. O Jason!

So ist dir ganz dahin die schöne Zeit,

So hat die Sorge dir für Haus und Herd,

Für Ruf und Ruhm dir ganz getötet

Die schönen Blüten von dem Jugendbaum?

O sieh, in Schmerz und Jammer, wie ich bin,

Denk ich noch oft der schönen Frühlingszeit,

Und warme Lüfte wehn mir draus herüber.

War dir Medea damals lieb und wert,

Wie ward sie dir denn gräßlich und abscheulich?

Du kanntest mich und suchtest dennoch mich,

Du nahmst mich, wie ich war, behalt mich, wie ich bin!

JASON.

Der Dinge denkst du nicht, die seither sind geschehn!

MEDEA.

Entsetzlich sind sie, ja, ich geb es zu,

Am Vater hab ich schlimm, am Bruder schlimm getan!

Und ich verdamme selber mich darob,

Man strafe mich, ich will ja gerne büßen,

Doch du sollst mich nicht strafen, Jason, du nicht!

Denn was ich tat, zu Liebe tat ichs dir.

Komm, laß uns fliehn, vereint, mitsammen fliehn!

Es nehm uns auf ein fernes Land!

JASON.

Und welches?

Wohin?

MEDEA.

Wohin?

JASON.

Du rasest und du schiltst mich,

Daß ich mit dir nicht rase. Es ist aus.

Die Götter haben unsern Bund verflucht,

Als einen, der mit Greueltat begann[939]

Und in Verbrechen wuchs und Nahrung suchte.

Laß sein, daß du den König nicht getötet;

Wer war dabei, wer sahs, wer glaubt dir?

MEDEA.

Du!

JASON.

Und wenn auch ich, was kann ich? was vermag ich?

Drum laß uns weichen dem Geschick, nicht trotzen!

Die Strafe nehme jedes büßend hin,

Du, da du fliehst, wo du nicht bleiben kannst,

Ich, da ich bleibe, wo ich fliehen möchte.

MEDEA.

Den schwerern Teil hast du dir nicht erwählt!

JASON.

So wär es leicht, zu leben als ein Fremdling

In fremdem Haus, von fremden Mitleids Gaben?

MEDEA.

Dünkts dir so schwer, was wählst du nicht die Flucht?

JASON.

Wohin und wie?

MEDEA.

Einst warst du minder sorglich,

Als du nach Kolchis kamst, die Vaterstadt verlassend,

Und eitelm Ruhme nach durch ferne Länder zogst.

JASON.

Ich bin nicht, der ich war, die Kraft ist mir gebrochen

Und in der Brust erstorben mir der Mut.

Das dank ich dir. Erinnrung des Vergangnen

Liegt mir wie Blei auf meiner bangen Seele,

Das Aug kann ich nicht heben und das Herz.

Auch ist der Knabe Mann seit dem geworden,

Und nicht mehr kindisch mit den Blüten spielend,

Greift er nach Frucht, nach Wirklichkeit, Bestand.

Die Kinder sind mir und kein Ort für sie,

Besitztum muß ich meinen Enkeln werben.

Soll Jasons Stamm, wie trocknes Heidekraut,

Am Wege stehn, vom Wanderer getreten?

Hast du mich je geliebt, war ich dir wert,

So zeig es, da du mich mir selber gibst

Und mir ein Grab gönnst in der heimschen Erde!

MEDEA.

Und auf der heimschen Erd ein neues Ehebett?

Nicht so?

JASON.

Was soll das?

MEDEA.

Hab ichs nicht gehört,

Wie er verwandt dich hieß und Sohn und Eidam?

Kreusa locket dich, und darum bleibst du?[940]

Nicht also? Hab ich dich?

JASON.

Du hattest nie mich,

Und hast auch jetzt mich nicht.

MEDEA.

So willst du büßen?

Und darum soll Medea fort von dir?

Stand ich denn nicht dabei, dabei in Tränen,

Wie du mit ihr vergangne Zeit durchgingst,

Bei jedem Schritte stillstandst, süß verweilend,

Zum Echo schwandest der Erinnerung?

Ich aber geh nicht, nicht!

JASON.

So ungerecht,

So hart und wild wie immer!

MEDEA.

Ungerecht?

So wünschest du sie nicht zum Weib? Sag: Nein!

JASON.

Den Ort such ich, mein Haupt zur Ruh zu legen;

Was sonst kommt, weiß ich nicht!

MEDEA.

Ich aber weiß es,

Und denk es noch zu wehren, hilft ein Gott.

JASON.

Du kannst nicht ruhig sprechen, leb denn wohl.


Er geht.


MEDEA.

Jason!

JASON umkehrend.

Was ists?

MEDEA.

Es ist das letztemal:

Das letztemal vielleicht, daß wir uns sprechen!

JASON.

So laß uns scheiden ohne Haß und Groll.

MEDEA.

Du hast zu Liebe mich verlockt und fliehst mich?

JASON.

Ich muß.

MEDEA.

Du hast den Vater mir geraubt

Und raubst mir den Gemahl?

JASON.

Gezwungen nur.

MEDEA.

Mein Bruder fiel durch dich, du nahmst mir ihn

Und fliehst mich?

JASON.

Wie er fiel, gleich unverschuldet.

MEDEA.

Mein Vaterland verließ ich, dir zu folgen.

JASON.

Dem eignen Willen folgtest du, nicht mir.

Hätts dich gereut, gern ließ ich dich zurück!

MEDEA.

Die Welt verflucht um deinetwillen mich,[941]

Ich selber hasse mich um deinetwillen.

Und du verläßt mich?

JASON.

Ich verlaß dich nicht,

Ein höhrer Spruch treibt mich von dir hinweg.

Hast du dein Glück verloren, wo ist meins?

Nimm als Ersatz mein Elend für das deine!

MEDEA.

Jason!


Sie fällt auf die Kniee.


JASON.

Was ist? Was willst du weiter?

MEDEA aufstehend.

Nichts!

Es ist vorbei! – Verzeihet, meine Väter,

Verzeiht mir, Kolchis stolze Götter,

Daß ich mich selbst erniedriget und euch.

Das Letzte galts. Nun habt ihr mich!


Jason wendet sich zu gehen.


MEDEA.

Jason!

JASON.

Glaub nicht, mich zu erweichen!

MEDEA.

Glaub nicht, ich wollt es. Gib mir meine Kinder!

JASON.

Die Kinder? Nimmermehr!

MEDEA.

Es sind die meinen!

JASON.

Des Vaters Namen fügt man ihnen bei,

Und Jasons Name soll nicht Wilde schmücken.

Hier in der Sitte Kreis erzieh ich sie.

MEDEA.

Gehöhnt von Stiefgeschwistern? Sie sind mein!

JASON.

Mach nicht, daß sich mein Mitleid kehr in Haß!

Sei ruhig, das nur mildert dein Geschick.

MEDEA.

Wohl denn, so will ich mich auf Bitten legen! –

Mein Gatte! – Nein, das bist du ja nicht mehr

– Geliebter! – Nein, das bist du nie gewesen –

Mann! – wärst du Mann und brächst dein heilig Wort –

Jason! – pfui! das ist ein Verrätername –

Wie nenn ich dich? Verruchter! – Milder! Guter!

Gib meine Kinder mir und laß mich gehn!

JASON.

Ich kann nicht, sagt ich dir, ich kann es nicht.

MEDEA.

So hart? Der Gattin nimmst du ihren Gatten,

Und weigerst nun der Mutter auch ihr Kind!

JASON.

Nun wohl, daß du als billig mich erkennst,

Der Knaben einer ziehe denn mit dir![942]

MEDEA.

Nur einer? einer?

JASON.

Fordre nicht zu viel!

Das Wen'ge fast verletzt schon meine Pflicht.

MEDEA.

Und welcher?

JASON.

Ihnen selbst, den Kindern sei die Wahl.

Und welcher will, den nimmst du mit dir fort –

MEDEA.

O tausend Dank, du Gütiger, du Milder!

Der lügt fürwahr, der dich Verräter nennt.


König kommt.


JASON.

O König, komm!

KÖNIG.

So ist es abgetan?

JASON.

Sie geht. Der Kinder eines geb ich ihr.


Zu einem, der mit dem Könige kam.


Du eile, bring die Kleinen zu uns her!

KÖNIG.

Was tust du? Beide bleiben sie zurück!

MEDEA.

Was mir so wenig scheint, dünkt dir zu viel?

Die Götter fürchte, allzustrenger Mann!

KÖNIG.

Die Götter auch sind streng der Freveltat.

MEDEA.

Doch sehn sie auch, was uns zur Tat gebracht.

KÖNIG.

Des Herzens böses Trachten treibt zum Bösen.

MEDEA.

Was sonst zum Übeln treibt, zählst du für nichts?

KÖNIG.

Ich richte selbst mich streng, drum kann ichs andre.

MEDEA.

Indem du Frevel strafst, verübst du sie.

JASON.

Sie soll nicht sagen, daß ich allzu hart,

Drum hab ich eins der Kinder ihr gewährt,

In Leid und Not der Mutter lieber Trost.


Kreusa kommt mit den Kindern.


KREUSA.

Die Kinder fordert man, ward mir gesagt.

Was will man denn und was soll denn geschehn?

O sieh, sie lieben mich, nur erst gekommen,

Als ob wir jahrelang uns sähn und kennten.

Mein mildes Wort, den Armen ungewohnt,

Gewann mir sie, wie mich ihr Unglück ihnen.

KÖNIG.

Der Kinder eines soll der Mutter folgen.

KREUSA.

Verlassen uns?

KÖNIG.

So ists, so wills der Vater!


Zu Medeen, die in sich versunken da gestanden ist.


Die Kinder, sie sind hier, nun laß sie wählen![943]

MEDEA.

Die Kinder! Meine Kinder! Ja, sie sinds!

Das einzge, was mir bleibt auf dieser Erde.

Ihr Götter, was ich Schlimmes erst gedacht,

Vergeßt es und laßt sie mir beide, beide!

Dann will ich gehn und eure Güte preisen,

Verzeihen ihm und – nein, ihr nicht! – Ihm auch nicht!

Hierher, ihr Kinder, hier! – Was steht ihr dort,

Geschmiegt an meiner Feindin falsche Brust?

O wüßtet ihr, was sie mir angetan,

Bewaffnen würdet ihr die kleinen Hände,

Zu Krallen krümmen eure schwachen Finger,

Den Leib zerfleischen, den ihr jetzt berührt.

Verlockst du meine Kinder? Laß sie los!

KREUSA.

Unselig Weib, ich halte sie ja nicht.

MEDEA.

Nicht mit der Hand, doch hältst du, wie den Vater,

Sie mit dem heuchlerischen, falschen Blick. Lachst du?

Du sollst noch weinen, sag ich dir!

KREUSA.

O strafen mich die Götter, lacht ich jetzt!

KÖNIG.

Brich nicht in Zorn und Schmähung aus, o Weib,

Tu ruhig, was dir zukommt, oder geh!

MEDEA.

Du mahnest recht, o mein gerechter König,

Nur nicht so gütig, scheint es, als gerecht.

Wie oder auch? Nun ja, wohl beides gleich!

Ihr Kinder seht, man schickt die Mutter fort,

Weit über Meer und Land, wer weiß wohin?

Die gütgen Menschen, euer Vater aber

Und der gerechte, gute König da,

Sie haben ihr erlaubt, von ihren Kindern,

Der Mutter von den Kindern, eines, eins –

Ihr hohen Götter, hört ihrs? eines nur! –

Mit sich zu nehmen auf die lange Fahrt.

Wer nun von beiden mich am meisten liebt,

Der komm zu mir, denn beide dürft ihr nicht.

Der andre muß zurück beim Vater bleiben

Und bei des falschen Mannes falscher Tochter! –

Hört ihr? – Was zögert ihr?

KÖNIG.

Sie wollen nicht!

MEDEA.

Das lügst du, falscher, ungerechter König![944]

Sie wollen, doch dein Kind hat sie verlockt!

Hört ihr mich nicht? – Verruchte! Gräßliche!

Der Mutter Fluch, des Vaters Ebenbild!

JASON.

Sie wollen nicht!

MEDEA.

Laß jene sich entfernen!

Die Kinder lieben mich, bin ich nicht Mutter?

Doch sie winkt ihnen zu und lockt sie ab.

KREUSA.

Ich trete weg, ist gleich dein Argwohn falsch.

MEDEA.

Nun kommt zu mir! – Zu mir! – Natterbrut!


Sie geht einige Schritte auf sie zu. Die Kinder fliehen zu Kreusen.


MEDEA.

Sie fliehn mich! Fliehn!

KÖNIG.

Du siehst, Medea, nun,

Die Kinder wollen nicht, und also geh!

MEDEA.

Sie wollen nicht? Die Kinder die Mutter nicht?

Es ist nicht wahr, unmöglich! –

Äson, mein Ältester, mein Liebling!

Sieh, deine Mutter ruft dir, komm zu ihr!

Ich will nicht mehr rauh sein und hart,

Du sollst mein Kostbarstes sein, mein einzigs Gut,

Höre die Mutter! Komm! –

Er wendet sich ab! Er kommt nicht!

Undankbarer! Ebenbild des Vaters!

Ihm ähnlich in den falschen Zügen

Und mir verhaßt, wie er!

Bleib zurück, ich kenne dich nicht! –

Aber du, Absyrtus, Schmerzenssohn,

Mit dem Antlitz des beweinten Bruders,

Mild und sanft wie er,

Sieh, deine Mutter liegt hier knieend

für mich und sie!


Sie springt auf.


JASON.

Dir selber dank es, daß dein wildes Wesen[945]

Die Kleinen abgewandt, zur Milde hin.

Der Kinder Ausspruch war der Götter Spruch!

Und so geh hin, sie aber bleiben da.

MEDEA.

Ihr Kinder, hört mich!

JASON.

Sieh! sie hören nicht!

MEDEA.

Kinder!

KÖNIG zu Kreusen.

Führ sie ins Haus zurück,

Nicht hassen sollen sie, die sie gebar.


Kreusa mit den Kindern zum Abgang gewendet.


MEDEA.

Sie fliehen, meine Kinder fliehn vor mir!

KÖNIG zu Jason.

Komm! Das Notwendige beklagt man fruchtlos!


Sie gehen.


MEDEA.

Meine Kinder! Kinder!

GORA die hereingekommen ist.

Bezwinge dich,

Gönne nicht deinen Feinden ihres Sieges Anblick!

MEDEA die sich zur Erde wirft.

Ich bin besiegt, vernichtet, zertreten,

Sie fliehn mich, fliehn!

Meine Kinder fliehn!

GORA über sie gebeugt.

Stirb nicht!

MEDEA.

Laß mich sterben!

Meine Kinder!


Der Vorhang fällt.
[946]

Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 1, München [1960–1965], S. 929-947.
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