Zweiter Aufzug

[28] Tempelhain zu Sestos. Auf der linken Seite nach rückwärts eine Ruhebank, von Gebüsch umgeben.


NAUKLEROS von der linken Seite auftretend.

Leander, komm! und eile mir doch nur!

LEANDER der von derselben Seite sichtbar wird.

Hier bin ich, sieh!

NAUKLEROS.

So rasch? Ei doch! Man denke!

Wie lange noch, sag an! führ ich, zur Strafe

Für ein Vergehn, derzeit noch unbekannt

Und unbegangen auch, dem Knaben gleich,

Der seinen blinden Herrn die Straße leitet,

Ringsum dich durch der Menschen laute Städte,

Von Fest zu Fest, vom Markte zum Altar,

Den Ort ausforschend, der dir Frohsinn brächte?

Wie lang sitz ich, von Sprechen müd, dir gegenüber

Und forsch in deinem Aug, dem leidgen Blick,

Obs angeglommen, ob erwacht die Lust?

Und les ein ewig neues: nein, nein, nein!

Wenn deine Mutter starb, wer kann da helfen?

Wars gut und recht, daß du, ein wackrer Sohn,

Und ihr, der Tiefbekümmerten zu Willen,

Am Strand des Meeres wohntest, fern der Stadt

Und Menschen fern, nur Kindespflichten übend.

Nun, da sie tot, was hält dich länger ab,

Den Gleichen als ein Gleicher zu gehören,

Mitfühlend ihre Sorgen, ihre Lust?

Wein um die Gute, rauf dein braunes Haar,

Allein dann kehre zu den Freuden wieder,

Die sie dir gönnt, die du ihr länger gönntest.

Sag ich nicht recht? und was ist deine Meinung?

Nun?

LEANDER.

Ich bin müd.

NAUKLEROS.

Ei ja, der großen Plage!

Den ganzen Tag, am fremden Ort, umgeben

Von fremden Menschen, fröhlichen Gesichtern,

Sich durchzuhelfen und zu schaun, zu hören,[29]

Einmal zu sprechen gar. Ei, gute Götter,

Wer hielte das wohl aus?

LEANDER der sich gesetzt hat.

Und krank dazu.

NAUKLEROS.

Krank? Sei du unbesorgt! Das gibt sich wohl.

Sei du erst heim in deiner dumpfen Hütte,

Vom Meer bespült, wo rings nur Sand und Wellen

Und trübe Wolken, die mit Regen dräun.

Hab erst das gute Kleid da von den Schultern

Und umgehüllt dein derbes Schifferwams.

Dann sitz am Strand, den langen Tag verangelnd,

Tauch dich ins Meer, der Fische Neid im Schwimmen,

Lieg abends erst – so fand ich dich ja einst –

Im Ruderkahn, das Antlitz über dir,

Des Körpers Last vertraut den breiten Schultern,

Indes das Fahrzeug auf den Wellen schaukelt;

So lieg gestreckt und schau mir nach den Sternen

Und denk – an deine Mutter, die noch eben

Zur rechten Zeit dich, sterbend, frei gemacht;

An sie; an Geister, die dort oben wohnen;

An – denk ans Denken; denk vielmehr an nichts!

Sei nur erst dort; und, Freund, was gilt die Wette?

Du fühlst dich wohl, fühlst wieder dich gesund.

Nun aber komm, denn fernab liegt die Heimat,

Die Zeit verrinnt, die Freunde kehren heim.

LEANDER.

Es ist so schattig hier. Laß uns noch weilen!

Leicht findet sich ein Kahn. Ich rudre dich.

NAUKLEROS.

Ei, rudern, ja! Wie glänzt ihm da das Auge!

Am Steuer sitzend, ausgestreckt die Hand,

Die prallen Arme vor und rückwärts führend,

Jetzt so, dann so, und fort auf feuchtem Pfad!

Da fühlst du dich ein Held, ein Gott, ein Mann;

Für andres mag man einen andern suchen.

Doch, schöner Freund, nicht nur ums Rudern bloß,

Hier frägt es sich um andre, ernstre Dinge.

Wir stehen, wiß es, auf verbotnem Grund,

Im Tempelhain, der jedem sich verschließt,

Als nur am Tag des Fests, von dem wir kehren,

Sonst streifen Wächter durch die grünen Büsche,[30]

Die fahen jeden, den ihr Auge trifft,

Und stellen ihn dem Priester ihres Tempels,

Der ihn bestraft, leicht mit dem Äußersten.

Sprichst du?

LEANDER.

Ich sagte nichts.

NAUKLEROS.

Drum also komm!

Um Mittag endet sie, des Festes Freiheit,

Und fast schon senkrecht trifft der Sonne Pfeil.

Mich lüstet nicht, ob deines trägen Zauderns,

Den Kerkern einzuwohnen dieser Stadt.

Hörst du? – Noch immer nicht! – Nun, gute Götter!

Kehrt euch von ihm, wie er von euch sich wendet!


Da lehnt er, weich, mit mattgesenkten Gliedern.

Ein Junge, schön, wenngleich nicht groß, und braun.

Die finstern Locken ringeln um die Stirn;

Das Auge, wenns die Wimper nicht verwehrt,

Sprüht heiß wie Kohle, frisch nur angefacht;

Die Schultern weit; die Arme derb und tüchtig,

Von prallen Muskeln ründlich überragt;

Kein Amor mehr, doch Hymens treues Bild.

Die Mädchen sehn nach ihm; doch er – Ihr Götter!

Wo blieb die Seele für so artgen Leib?

Er ist – wie nenn ichs? – furchtsam, töricht, blöd!

Ich bin doch auch ein rüstiger Gesell,

Mein gelbes Haar gilt mehr als noch so dunkles,

Und, statt der Inderfarbe, die ihn bräunt,

Lacht helles Weiß um diese derben Knochen,

Bin größer, wies dem Meister wohl geziemt.

Und doch, gehn wir zusammen unters Volk,

In Mädchenkreis, beim Fest, bei Spiel, bei Tanz;

Mich trifft kein Aug, und ihn verschlingen sie.

Das winkt, das nickt, das lacht, das schielt, das kichert.

Und ihm gilts, ihm. Sie sind nun mal vernarrt

In derlei dumpfe Träumer, blöde Schlucker.

Er aber – Ei, er merkt nun eben nichts.

Und merkt ers endlich. Hei, was wird er rot!

Sag, guter Freund, ist das nur Zufall bloß,[31]

Wie, oder weißt du, daß du zehnmal hübscher

Mit solcher Erdbeerfarbe auf den Wangen?

Nur heut im Tempel. Gute Götter, wars nicht,

Als ob die Erde aller Wesen Fülle

Zurückgeschlungen in den reichen Schoß

Und Mädchen draus gebildet, nichts als Mädchen?

Aus Thrazien, dem reichen Hellespont

Vermengten sich die Scharen; bunte Blumen,

So Ros als Nelke, Tulpe, Veilchen, Lilie,

– Ein Gänseblümchen auch wohl ab und zu –

Im ganzen ein begeisternd froher Anblick:

Ein wallend Meer, mit Häuptern, weißen Schultern

Und runden Hüften an der Wellen Statt.

Nun frag ihn aber einer, was er sah,

Obs Mädchen waren oder wilde Schwäne;

Er weiß es nicht, er ging nur eben hin.

Und doch war ers, nach dem sie alle blickten.

Die Priestrin selbst. Ein herrlich prangend Weib!

Die besser tat, am heutgen frohen Tag

Der Liebe Treu zu schwören ewiglich,

Als ihr sich zu entziehn, so arm als karg.

Der Anmut holder Zögling und der Hoheit.

Des Adlers Aug, der Taube süßes Girren,

Die Stirn so ernst, der Mund ein holdes Lächeln,

Fast anzuschauen wie ein fürstlich Kind,

Dem man die Krone aufgesetzt noch in der Wiege.

Und dann; was Schönheit sei, das frag du mich.

Was weißt du von des Nackens stolzem Bau,

Der breit sich anschließt reichgewundnen Flechten;

Den Schultern, die, beschämt nach rückwärts sinkend,

Platz räumen den begabtern, reichen Schwestern,

Den feinen Knöcheln und dem leichten Fuß,

Und all den Schätzen so beglückten Leibes?

Was weißt du? sag ich, und du sahst es nicht.

Doch sie sah dich. Ich hab es wohl bemerkt.

Wie wir da knieten, rückwärts ich, du vorn,

Am Standbild Hymens, des gewaltgen Gottes,

Und sie nun kam, des Opferrauchs zu streun.[32]

Da stockte sie, die Hand hing in der Luft;

Nach dir hin schauend, stand sie zögernd da,

Ein, zwei, drei kurze, ewge Augenblicke.

Zuletzt vollbrachte sie ihr heilig Werk.

Allein noch scheidend sprach ein tiefer Blick,

Im herben Widerspruch des frostgen Tages,

Der sie auf ewiglich verschließt der Liebe:

»Es ist doch schad« und: »Den da möcht ich wohl!«


Gelt, lächelst doch? und schmeichelt dir, du Schlucker.

Verbirgst du dein Gesicht? Fort mit den Fingern!

Und heuchle nicht und sag nur: ja.


Er hat ihm die Hand von den Augen weggezogen.


Doch, Götter!

Das sind ja Tränen. Wie? Leander! Weinst?

LEANDER der aufgestanden ist.

Laß mich und quäl mich nicht! Und sprich nicht ohne Achtung

Von ihrem Hals und Wuchs. – O, ich bin dreifach elend!

NAUKLEROS.

Leander! elend? Glücklich! Bist verliebt.

LEANDER.

Was sprachst du? Ich bin krank. Es schmerzt die Brust.

Nicht etwa innerlich. Von außen. Hier!

Hart an den Knochen. Ich bin krank zum Tod.

NAUKLEROS.

Ein Tor bist du, doch ein beglückter Tor!

Nun, Götter, Dank, daß ihr ihn heimgesucht!

Nun schont ihn nicht mit euren heißen Pfeilen,

Bis er mir ruft: Halt ein! es ist genug;

Ich will erdulden, was die Menschen leiden!

Nun Freund, gib mir die Hand! Nun erst mein Freund;

Zu spät bekehrt durch allzu süße Wonnen.

Du Neugeborner, Glücklicher! – Doch halt!

Ein garstger Fleck auf unsers Jubels Kleide. –

Komm mit zurück zur Stadt! dort sind die Mädchen,

Die wir beim Fest gesehn, noch all versammelt.

Dort sieh dich um, verlieb dich, wie du magst.

Denn, Freund, die Jungfrau, die dich jetzt erfüllt,

Ist Priesterin und hat an diesem Tag

Gelobt, dem Manne sich auf ewig zu entziehn.

Und streng ist, was ihr droht, wenn sies vergaß,[33]

Und was dem Manne, ders mit ihr vergessen.

LEANDER.

Ich wußt es ja. Komm, Nacht! Und so ists aus.

NAUKLEROS.

Aus? Wieder aus? Und eh es noch begann?

Warum und wie? Friedfertiger Gesell,

Wagst du so wenig an die höchste Wonne?

Und sagst mir das mit zuckend fahlen Wangen

Und schlotterndem Gebein und meinst, ich glaubs?

Nun sollst du bleiben. Hier! Und sollst sie sprechen.

Wer weiß, ist ihr Gelübd so eng und fest

Und läßt sich lösen, folgt alsbald die Reue;

Wer weiß, ist deine Liebe selbst so heiß,

Als jetzt sie scheint. Doch, was es immer sei:

Du sollst nicht zagen, wo zu handeln not.

Zum mindsten kenne dein Geschick und trags

Und lerne scheiden von den Knabenjahren.

Wir sind hier fremd. Komm mit! Wer darf uns tadeln,

Wenn wir des Wegs verfehlen, fragen, gehn?

Zuletzt gelangen wir ins Haus, zum Tempel

Und stehn vor ihr und hören, was sie spricht.

Dort kommt ein Mädchen mit dem Wasserkrug

In ein und andrer Hand. Die laß uns fragen.

Sie weiß wohl –

Doch! Leander! Sohn des Glücks!

Was zerrst du mich? Bleib hier! Sie selber ists,

Jungfrau, sie, die neue Priesterin.

Nach Wasser geht sie aus der heilgen Quelle,

Das liegt ihr ob. Ergreif den Augenblick

Und sprich! Nicht allzu kühn, nicht furchtsam. Hörst du?

Ich will indes rings forschen durch die Büsche,

Ob alles ruhig und kein Lauscher nah.

Komm hier! Und sag ich: jetzt! so tritt hervor

Und sprich. – Doch nun vor allem still. – Komm hier!


Sie ziehen sich zurück.


HERO ohne Mantel, ungefähr wie zu Anfang des ersten Aufzuges gekleidet, kommt mit zwei leeren Wasserkrügen von der linken Seite des Vorgrundes. Sie geht quer über die Bühne und singt.

Da sprach der Gott:

Komm her zu mir,[34]

In meine Wolken,

Neben mir.


Leander ist, von Naukleros leicht angestoßen, einige Schritte vorgetreten. Dort bleibt er, gesenkten Hauptes, stehen.

Hero geht auf der rechten Seite des Vorgrundes ab.


NAUKLEROS nach vorn kommend.

Nun denn, es sei! Du hast es selbst gewollt.

Kannst du das Glück nicht fassen und erringen,

So lern entbehren es. Und besser ists.

Heißt sie nicht gottgeweiht? und ihr zu nahn

Droht Untergang. Auch wars halb Scherz nur,

Daß ich dir riet, ein Äußerstes zu tun.

Doch macht michs toll, den Menschen anzusehn,

Der wünscht und hofft und dem nicht Muts genug,

Die Hand zu strecken nach des Sieges Krone.

Doch ist es besser so. Glück auf, mein Freund!

Dein zaghaft Herz, es führte diesmal sichrer,

Als Nestors Klugheit und Achillens Mut.

Nun aber komm und laß uns heim. Doch niemals

Vermiß dich mehr –

LEANDER.

Sie kehrt zurück.

NAUKLEROS.

Ei doch!

Folg du!

LEANDER.

Ich nicht.

NAUKLEROS.

Was sonst?

LEANDER.

Ihr nahen. Sprechen. Oh!


Sie treten wieder zurück.


HERO kommt zurück, einen Krug auf dem Kopfe tragend, den zweiten am Henkel in der herabhängenden rechten Hand. Sie singt.

Sie aber streichelt

Den weichen Flaum.


Stehenbleibend und sprechend.


Mein Oheim meint, ich soll das Lied nicht singen

Von Leda und dem Schwan.


Weitergehend.


Was schadets nur?


Wie sie in die Mitte der Bühne gekommen, stürzt Leander plötzlich hervor, sich, gesenkten Hauptes, vor ihren Füßen niederwerfend.
[35]

HERO.

Ihr Götter, was ist das? Bin ich erschrocken!

Die Kniee beben, kaum halt ich den Krug.


Sie setzt die Krüge ab.


Ein Mann. Ein zweiter. Fremdlinge, was wollt ihr

Von mir, der Priestrin, in der Göttin Hain?

Nicht unbewacht bin ich und unbeschützt.

Erheb ich meine Stimme, nahen Wächter

Und lassen euch den Übermut bereun.

So geht, weil es noch Zeit, und nehmt als Strafe

Des Fehls Bewußtsein mit, und daß es euch mißlang.

NAUKLEROS.

O Jungfrau, nicht zu schädgen kamen wir,

Vielmehr um Heilung tiefverborgnen Schadens,

Der mir den Freund ergriff, ihn, den du siehst.

Der Mann ist krank.

HERO.

Was sagst du mirs?

Geht zu den Priestern in Apollens Tempel,

Die heilen Kranke.

NAUKLEROS.

Solche Krankheit nicht.

Denn wie sie ihn befiel, beim Fest, in eurem Tempel,

Verläßt sie ihn auch nur am selben Ort.

HERO.

Beim heutgen Fest?

NAUKLEROS.

Beim Fest. Aus deinen Augen.

HERO.

Meint ihr es also, und erkühnt euch des?

Doch wußt ichs ja: frech ist der Menge Sinn

Und ehrfurchtslos und ohne Scheu und Sitte.

Ich geh und dienstbar nahe Männer send ich

Nach meinen Krügen dort, die, weilt ihr noch,

Euch sagen werden, daß ihr euch vergingt.

NAUKLEROS.

Nicht also geh! Betracht ihn erst, den Jüngling,

Den du so schwer mit harten Worten schiltst.

LEANDER zu ihr emporblickend.

O bleib!

HERO.

Du bist derselbe, seh ich wohl,

Der heut beim Fest an Hymens Altar kniete.

Doch schienst du damals sittig mir und fromm,

Mir tut es leid, daß ich dich anders finde.

LEANDER der aufgestanden ist, mit abhaltender Gebärde.

O, anders nicht! O bleib![36]

HERO zu Naukleros.

Was will er denn?

NAUKLEROS.

Ich sagt es ja: er hängt an deinem Blick,

Und Tod und Leben sind ihm deine Worte.

HERO.

Du hast dich schlimm beraten, guter Jüngling,

Und nicht die richtgen Pfade ging dein Herz.

Denn deut ich deine Meinung noch so mild,

So scheint es, daß du mein mit Neigung denkst.

Ich aber bin der Göttin Priesterin,

Und ehelos zu sein heißt mein Gelübd.

Auch nicht gefahrlos ists, um mich zu frein,

Dem drohet Tod, der des sich unterwunden.

Drum laßt mir meinen Krug und geht nur fort;

Mich sollt es reun, wenn Übles ihr erführt.


Sie greift nach den Krügen.


LEANDER.

Nun denn, so senkt in Meersgrund mich hinab!

HERO.

Du armer Mann, du dauerst mich, wie sehr.

NAUKLEROS.

Bei Mitleid nicht, o Priestrin, bleibe stehn!

Sei hilfreich ihm, dem Jüngling, der dich liebt.

HERO.

Was kann ich tun? Du weißt ja alles nun.

NAUKLEROS.

So gib ein Wort ihm mindstens, das ihn heilt.

Komm hier! Die Büsche halten ab des Spähers Auge.

Ich setze dir in Schatten deinen Krug;

Und so komm her und gönn uns nur ein Wort.

Willst du nicht sitzen hier?

HERO.

Es ziemt sich nicht.

NAUKLEROS.

Tus aus Erbarmen mit des Jünglings Leiden!

HERO zu Leander.

So setz dich auch!

NAUKLEROS.

Ja hier. Und du zur Seite.


Leander sitzt in der Mitte, den Leib an einen Baumstamm zurückgelehnt, die Hände im Schoß, gerade vor sich niedersehend. Hero und Naukleros zu beiden Seiten, etwas vorgerückt, so daß sie sich wechselseitig im Auge haben.


HERO zu Naukleros.

Ich sagt es schon und wiederhol es nun:

Niemand, der lebt, begehr um mich zu werben,

Denn gattenlos zu sein heißt mich mein Dienst.

Noch gestern, wenn ihr kamt, da war ich frei,

Doch heut versprach ichs, und ich halt es auch.


Zu Leander.
[37]

Birg nicht das Aug in deine Hand, o Jüngling!

Nein, frischen Mutes geh aus diesem Hain.

Gönn einem andern Weibe deinen Blick

Und freu dich dessen, was uns hier versagt.

LEANDER aufspringend.

So möge denn die Erde mich verschlingen,

Sich mir verschließen all, was schön und gut,

Wenn je ein andres Weib und ihre Liebe –

HERO zu Naukleros.

Sag ihm, er soll es nicht. Was nützt es ihm?

Was nützt es mir? Wer mag sich selber quälen?

Er ist so schön, so jugendlich, so gut,

Ich gönn ihm jede Freude, jedes Glück.

Er kehre heim –

LEANDER.

Ich heim? Hier will ich wurzeln,

Mit diesen Bäumen stehen Tag und Nacht

Und immer schaun nach jenes Tempels Zinnen.

HERO.

Des Ortes Wächter fangen, schädgen ihn.

Sag ihms! –


Zu Leander.


Und, guter Jüngling, kehrst du heim,

So laß des Lebens Müh und buntes Treiben

So viel verwischen dir, als allzuviel,

Das andere bewahr! So will ich auch.

Und kehrt ums Jahr und jedes nächste Jahr


Zurück das heutge Fest, so komm du wieder.

Stell dich im Tempel, daß ich dich mag sehn.

Mich soll es freun, wenn ich dich ruhig finde.

LEANDER zu ihren Füßen stürzend.

O himmlisch Weib!

HERO.

Nicht so. Das ziemt uns nicht.

Und sieh! Mein Oheim kommt. Er wird mich schelten,

Und zwar mit Recht, warum gab ich euch nach.

NAUKLEROS.

Nimm deinen Krug und laß daraus mich trinken,

Am besten deutet so sich unser Tun.

LEANDER ihn wegstoßend.

Nicht du; ich, ich!

HERO ihm den Krug hinhaltend, aus dem er knieend trinkt.

So trink! und jeder Tropfen

Sei Trost, und all dies Naß bedeute Glück.


Der Priester kommt.
[38]

PRIESTER.

Was schaffst du dort?

HERO.

Sieh nur, ein kranker Mann!

PRIESTER.

Nicht deines Amtes ist der Kranken Heilung.

Sie mögen gehen in Apollens Tempel,

Dort heilt der Priester Schar.

HERO.

So sagt ich auch.

PRIESTER.

Allein vor allem, ob nun krank, gesund:

Der Göttin Hain, der Priesterwohnung Nähe

Betritt kein Mann, kein Fremder ungestraft.

Entlaß ich euch, verdankt es meiner Huld.

Ein zweites Mal verfielt ihr dem Gesetz.

NAUKLEROS.

Doch sah ich erst nur viele dort versammelt,

Im Tempel und im Hain, so Mann als Frauen.

PRIESTER.

Die Zeit des Fests gibt solchem Einlaß Raum,

Vom Morgen bis zum Mittag währt die Freiheit.

NAUKLEROS.

Nun denn, die Sonne steht noch nicht so hoch;

Sie brennt und blitzt, doch lange nicht im Scheitel.

PRIESTER.

Des sei du froh und nütze diese Frist.

Denn wenn die Sonn auf ihres Wandels Zinne

Mit durstgen Zügen auf die Schatten trinkt,

Dann tönen her vom Tempel krumme Hörner,

Dem Feste Schluß, dir kündigend Gefahr.

Auch seid ihr aus Abydos, sagt man mir,

Und wenig wohlgesinnt das Volk uns jener Stadt.

Beim Fischzug und wo irgend sonst im Meer

Erhebt es Streit mit Sestos frommen Bürgern.

Auch das bedenkt und daß der oft Gekränkte

Sich doppelt rächt, wenn lang er es verschob.

NAUKLEROS.

Ich aber denke: Mann, Herr, gegen Mann!

So hielt ichs gegen Sestos frommes Volk.

Auch: stellen sie uns nach auf diesen Küsten,

Wir zahlens ihnen jenseits, dort, bei uns.

PRIESTER.

Nicht ziemt es mir, dir Wort zu stehn und Rede.

Was not tut ward gesagt, von anderm schweig!


Zu Hero.


Du aber nimm den Krug und komm!


Da die Jünglinge ihr helfen wollen.


Laß nur![39]

Dort gehen Dienerinnen.


Er winkt nach links in die Szene.


Und so folg!

Im Tempel harrt noch mancherlei zu tun.


Hero an der Hand führend, nach der linken Seite ab.


JANTHE die indessen gekommen ist.

Was habt ihr angerichtet, schöne Fremde?

Ich sah euch wohl von fern. Nun aber eilt!

Wer hieß euch auch mit eurem raschen Werben

Der Priestrin nahn, die schon dem Dienst geweiht?

Wär ich ein Mann, ich suchte gleich für gleich.


Mit den Krügen ab.


NAUKLEROS dem Priester nachsprechend.

Selbstsüchtger, Eigenmächtger, Strenger, Herber!

So schließest du die holde Schönheit ein,

Entziehst der Welt das Glück der warmen Strahlen

Und schmückst mit heilgem Vorwand deine Tat?

Seit wann sind Götter neidisch, mißgesinnt?

Daheim auch ehrt man Himmlische, bei uns;

Doch heiter tritt Zeus Priester unters Volk,

Umgeben von der Seinen frohen Scharen,

Und segnet andre, ein Gesegneter.

Ihr aber habts ererbt von Morgen her,

Den schnöden Dienst mißgünstger Indusknechte

Und hüllet euch in Greuel und in Nacht.

Doch ists nun so. Drum komm, Unglücklicher!

LEANDER.

Unglücklich! Meinst du mich?

NAUKLEROS.

Wen sonst? – Nun, mindstens

Genügsam denn! Komm mit!

LEANDER.

Hier bin ich.

NAUKLEROS.

Wie?

Betrachtest dir nicht einmal noch den Ort,

Von dem du nun auf immer –

LEANDER.

Immer?

NAUKLEROS.

Nicht?

So wolltest du –? Wie meinst du das? Sag an!

LEANDER.

Horch! Tönt das Zeichen nicht? Wir müssen fort!

NAUKLEROS.

Rückhältger, was verbirgst du deinen Sinn?[40]

Du willst doch nicht an diesen Ort zurück,

Wo Kerker, Unheil, Tod –

LEANDER.

Fürwahr, das Zeichen!

Die Freunde kehren heim. Komm, laß uns mit!

Mein Leben sei nur ärmlich, sprachst du selbst;

Wenns nun so wenig, gäb ichs nicht um viel?

Was noch geschieht; wer weiß es? – Und wer sagts?


Schnell ab.


NAUKLEROS.

Leander! Höre doch! – Befasse sich nur eins

Mit derlei frostgen Jungen! Frostig? Ei,

Das Beispiel lehrts. Doch will ich dich wohl hüten!

Und kehrst du mir zurück, eh ichs gebilligt,

Soll man – So warte doch! – Hörst du? – Leander!


Unter Händewinken und Gebärden des Zurückhaltens ihm folgend.

Der Vorhang fällt.


Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 2, München [1960–1965], S. 28-41.
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