Vierter Aufzug

[673] Halle wie in den vorigen Aufzügen. Lichter auf dem Tische. Bertha sitzt, den Kopf in die flachen Hände und diese auf den Tisch gelegt.


GÜNTHER kommt.

Ihr seid hier, mein gnädges Fräulein?

Mögt ihr weilen so allein

In den düsteren Gemächern

Und in dieser, dieser Nacht?

Wahrlich, eine schreckenvollre

Hat dies Aug noch nie gesehn.

Wimmernd heult der Sturm von außen

Und im Innern schleicht Entsetzen

Sinnverwirrend durch das Schloß.

Auf den dunkeln Stiegen rauscht es,

Durch die öden Gänge wimmerts,

Und im Grabgewölbe drunten

Polterts mit den morschen Särgen,

Daß das Hirn im Kreise treibt

Und das Haar empor sich sträubt.

Manches steht uns noch bevor,[673]

Wandelt doch die Ahnfrau wieder;

Und man weiß aus alten Zeiten,

Daß das Großes zu bedeuten,

Schweres anzukünden hat,

Unglück oder Freveltat!

BERTHA.

Unglück oder Freveltat?

Unglück, ach und Freveltat. –

Reichte nicht das Unglück hin

Dieses Dasein zu vernichten,

Warum noch den schweren Frevel

Laden auf die wunde Brust?

Warum, du gerechtes Wesen,

Noch mit des Gewissens Fluch

Deinen harten Fluch verschärfen?

Warum, Gott, zwei Blitze werfen,

Wos an einem schon genug?

GÜNTHER.

Ach, und euer grauer Vater

Draußen in dem Wintersturm

Bloßgestellt der Wut des Wetters

Und der blutgen Räuber Dolch!

BERTHA.

Dolch? – Was sagst du? – Welcher Dolch?

Gab ich? Nahm er nicht?

GÜNTHER.

Liebes Fräulein,

Laßt den Mut nicht ganz entweichen!

Alle diese trüben Zeichen

Sind ja doch nur Wetterwolken,

Die des Sturmes Nahn verkünden:

Doch nicht alle Donner zünden,

Und des Blitzes glühnder Brand

Liegt in Gottes Vaterhand.

BERTHA.

Du hast recht. – In Gottes Hand!

Du hast recht! – Ja ich will beten!

Er wird Hilf und Trost verleihn;

Er kann schlagen, er kann retten,

Er kann strafen und verzeihn!


Am Sessel niederknieend.


GÜNTHER ans Fenster tretend.

Es erhellet sich die Gegend,

Fackeln streifen durch das Feld.[674]

Man verfolgt den Rest der Räuber,

Der sich hier verborgen hält.

BERTHA knieend.

Heilge Mutter aller Gnaden,

Laß mich dir mein Herz entladen,

Aus mich schütten meinen Schmerz;

Mild, mit weichem Finger streife

Von der Brust den Kummer, träufe

Balsam in dies wunde Herz!

GÜNTHER.

Rund herum im Kreis sie stehen,

Jeder Ausweg ist verstellt.

Da mag keiner wohl entgehen,

Wie er sich verborgen hält.

BERTHA in steigender Angst.

Hüll ihn ein in deinen Schleier

Den Geliebten, mir so teuer,

Er ist ja zurückgekehrt!

Wollest gnädig ihn bewahren!

Führ ihn durch der Späher Scharen,

Führ ihn durch der Feinde Schwert!

GÜNTHER.

Wär doch euer Vater hier.

Daß es ihn hinausgetrieben!

Wär er doch bei uns geblieben,

Wenn – mit Schaudern denk ichs mir!

BERTHA.

Schau herab vom Sternensitze,

Und auch ihn, auch ihn beschütze,

Dem man schon so viel geraubt;

Was den Teuern, Lieben dräuet,

Sei auf dieses Haupt gestreuet,

Sei gelegt auf dieses Haupt!

GÜNTHER.

Jetzt scheint etwas auf gespürt!

Alles eilt der Mauer zu.

Setzt er sich auch noch zur Wehr,

Der entkömmt wohl nimmermehr.

BERTHA in höchster Angst, fast schreiend.

Wend es ab! – Ach, wende! wende!

Hier erheb ich meine Hände.

Oder ende! – ende! – ende!


[675] Pause. – Beide horchen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit. Bertha richtet sieh langsam auf.


GÜNTHER.

Horch! – Ein Schrei!

BERTHA.

Ein Schrei!

GÜNTHER.

Wieder Stille.

BERTHA.

Wieder Stille –

GÜNTHER.

Himmel! War das nicht die Stimme?

BERTHA.

Wessen Stimme?

GÜNTHER.

Fort, Gedanke!

Das zu denken wär schon Tod!

BERTHA.

Wessen Stimme?

GÜNTHER.

Ei, nicht doch!

Alle stehen sie versammelt

Rings um einen Gegenstand,

Der, so scheints, am Boden liegt.

BERTHA.

Liegt? Am Boden liegt?

GÜNTHER,

Ich kann

Nicht hinvor bis dahin blicken,

Denn des Hauses scharfer Vorsprung

Hemmt die Aussicht nach der Seite.

Doch dünkt mich an jener Linde,

Die das Fenster dort beschattet –

BERTHA.

An der Linde?

GÜNTHER.

Ja, so dünkt mich.

BERTHA.

An der Linde? – Liegt am Boden?

GÜNTHER.

Wie ich sagte. Also scheints.

BERTHA.

Gott, mein Jaromir!

GÜNTHER.

Ei, Fräulein,

Der schläft ruhig in der Kammer.

BERTHA.

Schläft? Ach schläft um nie zu wachen!

GÜNTHER.

Horch, man kömmt. – Da laßt uns fragen

Was sich unten zugetragen.


Hauptmann kommt.


HAUPTMANN eintretend.

Heda! Betten! Tücher! Betten!

GÜNTHER.

Ach sagt an doch, edler Herr!

BERTHA steht bewegungslos.

HAUPTMANN.

Ihr auch hier, mein holdes Fräulein?

Darauf war ich nicht bereitet.[676]

Hilfe wollt ich hier begehren,

Nicht des Unglücks Bote sein.

Euer Vater ist –

BERTHA schnell.

Und er?

HAUPTMANN.

Wer, mein Fräulein?

BERTHA.

Und – die Räuber?

HAUPTMANN.

Noch ist es uns nicht gelungen.

Ach und euer Vater –

BERTHA.

Nicht? –

Nun habt Dank für eure Botschaft!

HAUPTMANN.

Botschaft? Welche Botschaft?

BERTHA.

Daß –

Ich erwarte wollt ich sagen,

Ich erwarte eure Botschaft.

HAUPTMANN.

Hört sie denn mit wenig Worten. –

Euer Vater ist verwundet.

BERTHA.

Ist verwundet? Wie, mein Vater?

O ich will ihn pflegen, warten,

Sorglich heilen seine Wunden,

Und er soll gar bald gesunden

An der Tochter frommen Brust.

HAUPTMANN.

Nun mich freuts, daß meine Botschaft,

Euch gefaßter, mutger trifft,

Als ich fürchtete und – hoffte.

GÜNTHER.

Also wars doch seine Stimme!

Ich will alsogleich hinaus –

HAUPTMANN.

Bleib! Bereite lieber alles,

Denn man bringt ihn schon hierher.

Hart traf ihn der Stoß des Räubers –

BERTHA.

Ha! – des Räubers?

HAUPTMANN.

Wohl, des Räubers;

Wessen sonst? Doch ja, ihr wißt nicht. –

Wir durchstreiften rings die Gegend,

Euern Vater in der Mitte,

Denn trotz meiner warmen Bitte,

Blieb er, tief die Kränkung fühlend,

Die ich schuldlos ihm gebracht,

Helfend, leitend unter uns –[677]

Horch! Da rauschts durch die Gebüsche,

Und die Wachen rufens an.

Keine Antwort. Meine Leute

Froh ob der gefundnen Beute

Stürzen jubelnd drauf und dran.

Und nach einem jener Gänge

Die in wildverworrner Menge,

Halb verfallen, weit umhin

Dieses Schlosses Wall umziehn,

Sahn wir einen Schatten fliehn.

Euer Vater stand der Nächste,

Und mit vorgehaltnem Degen

Stürzt er jugendlich verwegen,

Nach dem Räuber in den Gang.

Da ertönt ein matter Schrei.

Eilig stürzen wir herbei.

Euer Vater liegt am Boden,

Ohne Leben, ohne Odem,

Seiner selbst sich nicht bewußt,

Einen Dolch in seiner Brust.

BERTHA.

Einen Dolch?

HAUPTMANN.

Ja, liebes Fräulein!

BERTHA.

Einen Dolch?

HAUPTMANN.

Ja, einen Dolch.

BERTHA.

Fort! hinaus! hinaus! hinaus!

HAUPTMANN sie zurückhaltend.

Bleibt doch, liebes Fräulein, bleibt doch!

Seht man bringt ihn. –


Soldaten und Diener bringen den Grafen auf einer Tragbahre, die sie in der Mitte der Bühne niedersetzen.


BERTHA.

Gott! Mein Vater!

Laßt mich! Laßt mich!

HAUPTMANN.

Ruhig, Fräulein!

Denn ihr tötet euch und ihn!

Ruhig!

BERTHA.

Ruhig? – Laßt mich! Laßt mich!


Sich losreißend und an der Bahre niederstürzend.


Vater! Vater! O mein Vater![678]

GRAF in Absätzen.

Ah bist du es, meine Bertha?

Gutes Mädchen, armes Kind,

Armes, armes, armes Kind!

BERTHA.

Vater, mir nicht diese Güte,

Vater, mir nicht diese Huld,

Sie vergrößert meine Schuld!

GRAF.

Wenn in jenem Augenblicke

Bei der Fackeln fernem Licht

Mich getäuscht mein Auge nicht,

Wenn ers war, er den ich meine –

Armes, armes Kind, dann weine

Um dich selber, nicht um mich!

Wo ist Jaromir?

BERTHA bebend, leise.

Ich weiß nicht.

GRAF.

Wo ist Jaromir, mein Kind?

BERTHA ihr Gesicht in die Kissen verbergend.

Vater! Vater!

GRAF.

Nun, es sei!

Fahre wohl denn, fahre wohl

Meine letzte, einzge Hoffnung!

Wohl, die Sonne ist hinunter,

Ausgeglimmt der letzte Schein,

Dunkle Nacht bricht rings herein.

Es ist Schlafens-, Schlafenszeit! –

Gutes Mädchen, armes Kind,

Klage, dulde, leide, stirb!

Dir kann nimmer Segen werden,

Für dich gibts kein Glück auf Erden,

Bist du ja doch meine Tochter,

Bist doch eine Borotin.

GÜNTHER.

Haltet ein, mein gnädger Herr!

Eure matte, wunde Brust

Leidet unter eurem Sprechen.

GRAF.

Laß mich, treuer Diener, laß mich

Noch einmal, am Rand des Grabes,

Diesem wüsten, wirren Leben,

Wüst und rauh und dennoch schön,

Noch einmal ins Auge sehn.[679]

Seine Freuden, seine Leiden

Mich zum letzten, letzten Abschied,

Noch einmal als Mensch mich fühlend,

Drücken an die Menschenbrust.

Noch zum letzten Male schlürfen

Aus dem bittersüßen Becher –

Und dann Schicksal nimm ihn hin!

BERTHA.

Vater, nein! Nicht sterben! – Nein!

Nein, ihr dürft nicht, dürft nicht sterben!

Seht, ich klammre mich an euch

Seht, ihr dürft, ihr könnt nicht sterben!

GRAF.

Willst du mit den Kinderhänden

In des Schicksals Speichen greifen?

Seines Donnerwagens Lauf

Hält kein sterblich Wesen auf.


Ein Soldat kömmt.


SOLDAT zum Hauptmann.

Eben hat man einen Räuber,

Der im Schilfe lag verborgen

Von dem nahgelegnen Weiher,

Edler Herr, hier eingebracht.

GRAF.

Einen Räuber?

BERTHA.

Gütger Gott!

GRAF.

Jüngling noch? Von schlankem Wuchse?

SOLDAT.

Nein, Herr Graf, beinah schon Greis.

Er verlangt mit euch zu sprechen.

Wichtges hab er zu verkünden,

Wichtiges für ihn und euch.

HAUPTMANN.

Mag der Bösewicht es wagen

Dieses Mannes letzte Stunden –

GRAF.

Laßt ihn kommen, lieber Herr!

Hat er sich gen mich vergangen,

Will ich sterbend ihm verzeihn,

Oder ward vielleicht von mir

Ihm Beleidgung oder Unbild,

Soll ich aus dem Leben scheiden

Mit des Armen Fluch beschwert?

HAUPTMANN.

Wohl, er komme!


Soldat ab.
[680]

GÜNTHER.

Gnädger Herr,

Unbequem ist dieses Lager.

Ihr erlaubt es wohl, wir tragen

Euch in euer Schlafgemach.

GRAF.

Nein, nicht doch! Hier will ich bleiben,

Hier in dieser heilgen Halle:

Die des Knaben muntre Spiele,

Die des Jünglings bunte Träume,

Die des Mannes Taten sah,

Soll auch sehn des Greises Ende.

Hier, wo meiner Ahnen Geister

Mich mit leisem Flug umschweben,

Hier, wo von den hohen Wänden

Eine lange, würdge Reihe,

Die noch jetzt der Ruhm erhebt,

Niederschaut auf ihren erben,

Wo die Väter einst gelebt,

Soll der letzte Enkel sterben!


Boleslav tritt ein, von Wachen geführt.


BOLESLAV sich auf die Kniee niederwerfend.

Gnädger Herr, ach habt erbarmen!

Laßt mich Gnade, Gnade finden,

Sprecht für mich ein mächtig Wort!

Und zum Lohne will ich dann

Eine Kunde euch erteilen,

Die schnell euer Siechtum heilen,

Euch mit Lust erfüllen soll.

GRAF.

Gibts für mich gleich keine Kunde,

Die so mächtig wie du sprichst,

Doch versprach ich dir zur Stunde,

Hier in meines Freundes Geist,

Wenns zum Guten was du weißt

Sollst du gnädge Richter finden,

Gnädig auch bei schweren Sünden.

BOLESLAV.

Wohl so hört, ach, und verzeiht!

Einst, jetzt sinds wohl zwanzig Jahre,

Ging ich eines Sommerabends,

Damals schon auf schlimmen Wegen,[681]

Hier an euerm Schloß vorbei.

Wie ich lauernd ringsum spähe,

Da gewahr ich an dem Weiher,

Der an eure Mauern stößt,

Einen schönen, holden Knaben,

Kaum drei Jahre mocht er haben;

Der warf spielend Stein auf Stein

In die klare Flut hinein.

GÜNTHER.

Gütger Gott!

GRAF.

Was werd ich hören!

BOLESLAV.

Schön und köstlich war sein Kleid,

Und um seinen weißen Nacken

Hing ein funkelndes Geschmeid.

Mich gelüstet nach der Beute.

Ringsum schau ich, nirgends Leute,

Ich und er nur ganz allein.

Ich versuchs ihn anzulocken,

Abzulocken ihn vom Schlosse,

Zeig ihm Blumen, zeig ihm Früchte,

Und der Knabe froh und heiter

Folgt mir weiter, immer weiter

Bei des Abends Dämmerschein

In den düstern Wald hinein.

GRAF.

Ach es war, es war mein Sohn!

GÜNTHER.

Und wir glaubten ihn ertrunken,

In des Weihers Schlamm versunken,

Weil sein Hut im Wasser schwamm!

GRAF.

Jubelst du in toller Lust,

Glaubst du, daß in Räubers Brust

Menschlichkeit und Mitleid wohnet?

Glaubst du, daß er ihn verschonet?

BOLESLAV.

Ja ich habe ihn verschont!

Morden wollten ihn die Brüder,

Daß nicht durch des Knaben Mund

Unsre Wege würden kund,

Doch ich setzte mich dawider.

Und als die Gefährten schwören,

Nimmer soll er wiederkehren[682]

Aus des Waldes Nacht heraus

In der Eltern heimisch Haus,

Da, Herr, daurte mich der Kleine,

Da ward euer Sohn der meine.

Bald vergaß er euch und sich,

Und er ehrt als Vater mich.

GRAF.

Gott! Mein Sohn! – er lebt! er lebt!

Aber wie? – Ha, unter Räubern!

Ist wohl gar? – Weh, ist –

BOLESLAV mit gesenkten Augen.

Was ich!

GRAF.

Räuber? – Gott, er sagt nicht: Nein!

Schweigt erstarrt und sagt nicht: Nein!

Ha mein Sohn ein Räuber, Räuber!

Hätt ihn doch dein schwarzer Mund

Tückisch Wassergrab verschlungen,

Besser, schiens mir gleich so hart,

Wär sein Name nie erklungen,

Als mit Räuber jetzt gepaart.

Aber ach, was fluch ich ihm?

Gott, hab Dank für diesen Strahl!

Räuber! Wars denn seine Wahl?

Bring ihn, Guter, bring ihn mir,

Auch für den Räuber dank ich dir!

BOLESLAV.

Er ist hier in euerm Schlosse!

GRAF.

Hier? –

BOLESLAV.

Ja, Herr, euch unbekannt.

Jener Fremde der heut abend

Matt und bleich um Zuflucht bat –

BERTHA.

Jaromir?

BOLESLAV.

Derselbe, ja!

GRAF.

Teufel! Schadenfroher Teufel!

Nimms zurück das Donnerwort,

Nimms zurück!

BOLESLAV.

Er ists, mein Herr!

GRAF.

Widerruf!

BOLESLAV.

Ich kann nicht, Herr!

GRAF sich mit höchster Anstrengung aller Kräfte vom Lager aufrichtend.

Widerruf![683]

HAUPTMANN besänftigend zum Grafen.

Herr Graf!


Auf Boleslav zeigend.


Fort mit ihm!

BOLESLAV.

Mein Herr Ritter!

HAUPTMANN.

Fort mit ihm!


Boleslav wird abgeführt.


GRAF.

Er geht fort, und sagt nicht: Nein!

So begrabt mich denn ihr Mauern,

Und Verwüstung brich herein,

Stürzet ein ihr festen Säulen,

Die der Erde Ball getragen,

Denn den Vater hat sein Sohn erschlagen!


Zurücksinkend.


BERTHA aufs Lager hinstürzend.

Todespforte tu dich auf!


– Pause. – Alle stehen in stummen Entsetzen.


GRAF.

Wie hab ich so oft geklagt,

Daß ein Sohn mir ward versagt,

Kampfgerecht und lehenbar,

Wie der Väter hohe Schar.

Seht des Schicksals giftigen Hohn!

Seht, ich habe einen Sohn,

Es erhielt ihn mild am Leben,

Mir den Todesstreich zu geben!


Wenn mein Aug sich tränend netzte,

War die Klage ohne Not,

Väter, ich bin nicht der Letzte!

Noch lebt einer! – am Schafott! – –

Was liegt dort zu meinen Füßen

Und blinkt mich so blutig an?

GÜNTHER den Dolch aufhebend und hinhaltend.

's ist der Dolch, der euch verwundet!

GRAF.

Dieser war es? Dieser Dolch?

Ja du bist es, blutig Eisen,

Ja, du bists, du bist dasselbe,

Das des Ahnherrn blinde Wut[684]

Tauchte in der Gattin Blut.

Ich seh dich, und es wird helle,

Hell vor meinem trüben Blick.

Seht ihr mich verwundert an?

Das hat nicht mein Sohn getan!

Tiefverhüllte, finstre Mächte

Lenkten seine schwanke Rechte!


Günthern anfassend.


Wie war, Alter, deine Sage,

Von der Ahnfrau früher Schuld,

Von dem sündigen Geschlecht,

Das in Sünden ward geboren

Um in Sünden zu vergehn!

Seht ihr jenen blutgen Punkt

Aus der grauen Väterwelt,

Glühendhell herüberblinken?

Seht, vom Vater zu dem Sohne

Und vom Enkel hin zum Enkel

Rollt er wachsend, wallend fort,

Und zuletzt zum Strom geschwollen,

Hin durch wildgesprengte Dämme,

Über Felder, über Fluren,

Menschendaseins, Menschenglücks

Leichtdahingeschwemmte Spuren,

Wälzt er seine Fluten her,

Uferlos, ein wildes Meer.

Ha, es steigt, es schwillt heran,

Des Gebäudes Fugen krachen,

Sinkend schwankt die Decke droben

Und ich fühle mich gehoben!


Tiefverhüllte Warnerin,

Sündge Mutter sündger Kinder,

Trittst du dräuend hin vor mich?

Triumphiere! Freue dich!

Bald, bald ist dein Stamm vernichtet;

Ist mein Sohn doch schon gerichtet![685]

Nimm denn auch dies Leben hin,

Es stirbt der letzte Borotin!


Sinkt sterbend zurück.


GÜNTHER.

Gott! Es sprengen die Verbande!

Weh, er stirbt!


Über ihn gebeugt, die Hand auf seine Brust gelegt, nach einer Pause.


Er ist nicht mehr! –

Kalt und bleich sind diese Wangen,

Diese Brust hat ausgebebt.

Qualvoll ist er heimgegangen,

Qualvoll, so wie er gelebt.

Fahr denn wohl, du reine Seele,

Ach und deine Tugenden

Tragen dich wie lichte Engel,

Von der Erde Leiden los

In des Allerbarmers Schoß.

Schlummre bis zum Morgenrot,

Guter Herr, und was dies Leben,

Karg und hart, dir nicht gegeben,

Gebe freundlich dir der Tod!


Er sinkt betend auf die Kniee nieder. Der Hauptmann und alle Umstehenden entblößen die Häupter. Feierliche Stille.


HAUPTMANN.

So, ihm ward der Andacht Zoll!

Und jetzt Freunde, auf, zu rächen

Das entsetzliche Verbrechen

Auf des blutgen Mörders Haupt!

GÜNTHER.

Wie, ihr wolltet?

HAUPTMANN.

Fort, mir nach!


Ab mit seinen Leuten.


GÜNTHER.

Gütger Himmel! Haltet ein!

Hört ihr nicht? Es ist sein Sohn!

Meines Herren einzger Sohn!

Fräulein Bertha! – Hört doch, hört!


Dem Hauptmanne nach.


BERTHA sich aufrichtend.

Rief man mir? – Nu, Bertha rief es,[686]

Ei, und Bertha ist mein Name. –

Aber nein, ich bin allein!


Vom Boden aufstehend.


Stille, still! Hier liegt mein Vater,

Liegt so sanft und regt sich nicht.

Stille! Stille! Stille! Stille!


Wie so schwer ist dieser Kopf,

Meine Augen trübe, trübe!

Ach ich weiß wohl, manche Dinge,

Manche Dinge sind geschehn,

Noch vor kurzem erst geschehn;

Sinnend denk ich drüber nach;

Aber ach, ein lichter Punkt,

Der hier an der Stirne brennt,

Der verschlingt die wirren Bilder!


Halt! Halt! Sagten sie denn nicht,

Nicht, mein Vater sei ein Räuber?

Nicht mein Vater, nicht mein Vater!

Jaromir, so hieß der Räuber!

Der stahl eines Mädchens Herz

Aus dem tiefverschloßnen Busen,

Ach, und statt des warmen Herzens

Legte er in ihren Busen

Einen kalten Skorpion,

Der nun grimmig, wütend nagt

Und zu Tod das Mädchen plagt.

Und ein Sohn erschlug den Vater –


Freudig.


Und mein Bruder kam zurück,

Mein ertrunkner, toter Bruder!

Und der Bruder – Halt! – Hinunter!

Nur hinunter, da hinunter!

Fort in euren schwarzen Käfig!


Die Hand krampfig aufs Herz gepreßt.
[687]

Nage, nage, giftges Tier,

Nage, aber schweige mir!


Ein Licht vom Tische nehmend.


Ei, ich will nur schlafen gehn,

Schlafen, schlafen, schlafen gehn.

Lieblich sind des Schlafes Träume,

Nur das Wachen träumt so schwer!


Ihre umherschweifenden Blicke auf den Tisch heftend.


Was blinkt dort vom Tisch mich an?

O ich kenn dich, schönes Fläschchen!

Gab mirs nicht mein Bräutigam?

Gab zum Brautgeschenke mirs.

Sprach er nicht als er mirs gab,

Daß in dieser kleinen Wiege

Schlummernd drin der Schlummer liege?

Ach der Schlummer! Ja, der Schlummer!

Laß an deinem Rand mich nippen,

Kühlen diese heißen Lippen,

Aber leise – leise – leise. –


Sie geht auf den Zehenspitzen, mit jedem Schritte mehr wankend auf den Tisch zu. Eh sie ihn noch erreicht, sinkt sie zu Boden.


Ende des vierten Aufzuges


Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 1, München [1960–1965], S. 673-688.
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