Zweiter Aufzug

[464] Ein Teil des Gartens. Kurzes Theater. Rechts ein Gartenhaus mit einem Balkon und einer Tür, zu der mehrere Stufen emporführen.

Garceran zur Türe herauskommend.


GARCERAN.

So rett ich mich denn etwa vorderhand.

Das Mädchen, sie ist schön und eine Närrin,

Und da die Liebe Torheit, ist 'ne Törin

Gefährlicher als selbst die Schlauste nicht.


Zudem tuts not, daß meinen guten Ruf

Und meine Leidenschaft für Doña Klara –

Die Schweigsamste von allen, die je schwiegen

Ich neu zu Ehren bringe, da 's noch Zeit.

Entfliehen der Gefahr nennt Sieg der Kluge.


Ein Knappe des Königs kommt.


KNAPPE.

Herr Garceran!

GARCERAN.

Ah, Robert! und was solls?

KNAPPE.

Der König, Herr, befahl mir nachzusehn,

Ob ihr noch hier mit eurer Pflegbefohlnen.

GARCERAN.

Ob wir noch hier? Befahl er doch – Ah, Freund,

Du solltest nachsehn, ob ich etwa oben?

Sag nur, das Mädchen sei im Gartenhaus

Und ich hier außen. Das wird ihm genügen.

KNAPPE.

Hier sind Sie selbst!

GARCERAN.

Ah Majestät!


Der König kommt im Mantel gehüllt, der Knappe geht.


KÖNIG.

Nun, Freund,

Noch immer hier?

GARCERAN.

Habt ihr doch selbst befohlen,

Daß erst beim Anbruch von des Abends Dunkel –

KÖNIG.

Ja wohl, ja wohl! Doch reifer Überlegung

Scheint besser, daß ihr reist bei Tageslicht.

Du giltst für kühn.

GARCERAN.

So glaubt ihr, hoher Herr –

KÖNIG.

Ich glaube, daß du ehrst des Königs Wort,

Der, was er schützte, unbelästigt wünscht.

Allein Gewohnheit ist des Menschen Meister[465]

Und unser Wille will oft, weil er muß.

Drum geht nur jetzt. Was aber treibt dein Schützling?

GARCERAN.

Zum Anfang war ein Weinen ohne Maß,

Allein die Zeit bringt Trost, pflegt man zu sagen,

So wars auch hier, vorbei der erste Schreck,

Fand Munterkeit, ja Scherz sich wieder ein.

Man sah nun erst das schimmernde Gerät,

Die Seide der Tapeten ward bewundert,

Des Vorhangs Stoff nach Ellen abgeschätzt.

Man hat sich eingerichtet und ist ruhig.

KÖNIG.

Und scheint sie sich zu sehnen nach der Heimat?

GARCERAN.

Beinah, und manchmal wieder scheint es, nein.

Doch leichter Sinn grämt sich nicht gern voraus.

KÖNIG.

Du hast doch nicht versäumt, der Worte Köder

Nach ihr auch auszuwerfen nach Gewohnheit?

Wie nahm sies auf!

GARCERAN.

Nu, Herr, nicht eben schlimm.

KÖNIG.

Du lügst! – Im Grunde bist du glücklich, Mensch!

Schwebst wie ein Vogel durch die heitern Lüfte

Und senkst dich nieder, wo die Beere lockt,

Und weißt zu finden dich beim ersten Blick.

Ich bin ein König und mein Wort erschreckt,

Doch wär ich selbst erschrocken, stünd ich irgend

Genüber einem Weib zum erstenmal.

Wie fängst dus an? Belehre mich ein wenig,

Ich bin ein Neuling in dergleichen Dingen,

Nicht besser als ein großgewachsnes Kind.

Da wird geseufzt?

GARCERAN.

Pfui, Herr, das wär veraltet!

KÖNIG.

Nun denn, geblickt? Und Junker Gänsrich schaut,

Bis Dame Gänschen wieder schaut. Nicht so?

Dann nimmst du wohl die Laute gar zur Hand,

Genüber dem Balkon, wie etwa hier,

Und singst ein krächzend Lied, wozu der Mond,

Ein bleicher Kuppler, durch die Bäume funkelt,

Und Blumenkelche duften süßen Rausch,

Bis nun der günstge Augenblick erscheint,

Der Vater, Bruder – oder Gatte gar[466]

Das Haus verläßt, auf etwa gleichen Pfaden,

Und nun die Zofe winkt ihr leises: pst!

Da trittst du ein und eine warme Hand

Ergreift die deine, führt dich durch die Gänge,

Die dunkel wie das Grab und endlos gleitend

Den Wunsch erhöhn, bis endlich Ambraduft

Und bleiche Schimmer, durch die Ritzen dringend,

Bezeichnen, daß erreicht das holde Ziel.

Die Tür geht auf, und hell im Kerzenschimmer,

Auf dunkeln Samt die Glieder hingegossen,

Den weißen Arm umkreist von Perlenschnüren,

Lehnt weichgesenkten Hauptes die Ersehnte,

Die goldnen Locken – nein, ich sage schwarz!

Des Hauptes Rabenhaar – und so denn weiter!

Du siehst, ich bin gelehrig, Garceran.

Und da gilt gleich denn: Christin, Maurin – Jüdin.

GARCERAN.

Auf Maurinnen sind Streiter wir der Grenze

Zu Recht verwiesen, doch die Jüdin, Herr –

KÖNIG.

Spiel etwa du den Kostverächter doch!

Ich wette, wenn das Mädchen dir dort oben

Nur einen Blick gegönnt, du wärest Flamme.

Ich selber lieb es nicht, dies Volk, doch weiß ich,

Was sie verunziert, es ist unser Werk.

Wir lähmen sie und grollen, wenn sie hinken.

Zudem ist etwas Großes, Garceran,

In diesem Stamm von unstet flüchtgen Hirten.

Wir andern sind von heut, sie aber reichen

Bis an der Schöpfung Wiege, wo die Gottheit

Noch menschengleich in Paradiesen ging,

Wo Cherubim zu Gast bei Patriarchen,

Und Richter war und Recht der einge Gott.

Samt all der Märchenwelt, die Wahrheit auch,

Von Kain und Abel, von Rebekkas Klugheit,

Von Jakob, der um Rahel dienend freite –

Wie heißt das Mädchen?

GARCERAN.

Herr, ich weiß nicht.

KÖNIG.

Ei!

Von Ahasverus, der den Herrscherstab[467]

Ausstreckte über Esther, die sein Weib

Und selber Jüdin, Schutzgott war den Ihren.

So Christ als Muselmann führt seinen Stammbaum

Hinauf zu diesem Volk als ältstem, erstem,

So daß sie uns bezweifeln, wir nicht sie.

Und hat es, Esau gleich, sein Recht verscherzt,

Wir kreuzgen täglich zehenmal den Herrn

Durch unsre Sünden, unsre Missetaten,

Und jene habens einmal nur getan.

Nun aber laß uns gehn! Vielmehr bleib du!

Geleite sie und merke dir ihr Haus.

Vielleicht einmal, wenn müde Sorgen drücken,

Besuch ich sie und freu mich ihres Danks.


Im Begriffe zu gehen, hört er Geräusch im Hause und bleibt stehen.


Was ist?

GARCERAN.

Geräusch im Haus. Scheints doch beinah,

Sie strafen Lügen dein gespendet Lob

Und streiten unter sich.

KÖNIG auf das Haus zugehend.

Was gibts zu streiten?


Isaak kommt aus dem Gartenhause.


ISAAK zurücksprechend.

Nun denn, so bleibt und spielt um euer Haupt!

Schon einmal gings euch nah. Ich rette mich.

KÖNIG.

Frag, was es gibt!

GARCERAN.

Was soll es, guter Mann!

ISAAK zu Garceran.

Ah, ihr seids, hoher Herr, der uns beschirmt.

Mein Rahelchen, sie spricht gar viel von euch.

Sie hat euch lieb.

KÖNIG.

Zur Sache! Was Geschwätz –

ISAAK.

Wer ist der Herr?

GARCERAN.

Gleichviel. Du aber rede.

Was ist der Anlaß des Gelärms dort oben?

ISAAK zum Fenster hinaufsprechend.

Nun ja, es wird euch kommen. Wartet nur.


Zu Garceran.


Ihr selber habt gesehn mein Rahelchen,

Wie sie geweint, gestöhnt, die Brüste schlug,

Halb sinnverwirrt. Ei ja doch, Herr, mein Leben![468]

Kaum wußte sie vorüber die Gefahr,

Da kam zurück der alte Übermut.

Sie lachte, tanzte, sang, halb toll von neuem.

Sie rückte das Gerät, das heilig ist,

Bewacht von Tod, und poltert – wie ihr hört.

Trägt sie am Gürtel nicht ein Schlüsselbund?

Nun, das versucht sie, Herr, an allen Schränken,

Die längs den Wänden stehn und öffnet sie.

Da hängen nun Gewänder aller Art,

Der Bettler bei dem König, Engel, Teufel

In bunter Reih.

KÖNIG halblaut zu Garceran.

Vom letzten Fastnachtspiel.

ISAAK.

Da wählt sie eine Krone sich heraus

Mit Federschmuck – nicht Gold, vergüldet Blech,

Man kennt es am Gewicht, gilt zwanzig Heller –

Legt sich ein schleppend Kleid um ihre Schultern

Und sagt, sie sei die Königin.


Zurücksprechend.


Ja, Törin!

Zuletzt – Im Nebenzimmer hängt ein Bild

Des Königs, unsers Herrn, den Gott erhalte!

Das nimmt sie von der Wand und trägts herum,

Nennt es Gemahl, sprichts an mit süßen Worten

Und drückts an ihre Brust.


Der König geht mit starken Schritten auf das Gartenhaus zu.


GARCERAN.

Mein hoher Herr!

ISAAK zurückweichend.

Weh mir!

KÖNIG auf den Stufen stehend, mit ruhiger Stimme.

Den Scherz säh gern ich in der Nähe.

Zudem rückt eurer Heimkehr Zeit heran.

Ich wünschte nicht versäumt die günstge Stunde.

Du, Alter, aber komm! Denn nicht allein,

Nicht unbewacht will nahn ich deinen Kindern.


Er geht ins Haus.


ISAAK.

War das der König? Weh!

GARCERAN.

Geh nur hinein!

ISAAK.

Zieht er sein Schwert, sind alle wir gerichtet![469]

GARCERAN.

Geh immer nur! Und was die Furcht betrifft,

Nicht deine Tochter ists, noch du, für die ich fürchte.


Er stößt den Zögernden zur Tür hinein und folgt. Beide ab.

Saal in dem Gartenhause. Im Hintergrunde nach links eine Türe, im Vordergrunde rechts eine zweite Rahel, eine Federkrone auf dem Kopfe und einen goldgestickten Mantel um die Schultern, ist bemüht, einen Lehnstuhl aus dem Seitengemache rechts herauszuschleppen. Esther ist durch den Haupteingang eingetreten.


RAHEL.

Hier soll der Lehnstuhl her, hier in die Mitte.

ESTHER.

Um Gottes willen, Rahel, sieh dich vor,

Dein Mutwill wird uns noch ins Unglück stürzen.

RAHEL.

Der König hat das Haus uns eingeräumt,

Solange wir es bewohnen, ist das unrsre.


Sie haben den Stuhl in die Mitte gerückt.


RAHEL sich besehend.

Und meine Schleppe, nicht wahr? steht mir gut,

Und diese Federn nicken, wenn ich nicke.

Nun fehlt noch eins und, warte nur, ich hol es.


Sie geht in die Seitentüre zurück.


ESTHER.

O, wären wir nur weit, nur erst zu Hause.

Der Vater auch bleibt fern, den sie vertrieb.

RAHEL kommt zurück mit einem Bild ohne Rahmen.

Hier ist des Königs Bild, gelöst vom Rahmen.

Das nehm ich mit.

ESTHER.

Treibt wieder dich die Torheit?

Wie oft nicht warnt ich dich!

RAHEL.

Und hab ich dir gehorcht?

ESTHER.

Beim Himmel, nein.

RAHEL.

Und werds auch diesmal nicht.

Das Bild gefällt mir. Sieh, es ist so schön,

Ich häng es in der Stube nächst zum Bette.

Des Morgens und des Abends blick ichs an

Und denke mir, was man nun eben denkt,

Wenn man der Kleider Last von sich geschüttelt

Und frei sich fühlt von jedem lästgen Druck.

Doch, daß sie meinen nicht, ich stahl es etwa,

– Bin ich doch reich und brauche Stehlens nicht –

Du trägst mein eigen Bild an deinem Hals,[470]

Das hängen wir an dieses andern Stelle.

Das mag er ansehn, so wie seines ich.

Und mein gedenken, hätt er mich vergessen.

Rück mir den Schemmel her, ich bin die Königin,

Und diesen König heft ich an den Stuhl.

Die Hexen, sagt man, die zur Liebe zwingen,

Sie bohren Nadeln, so, in Wachsgebilde,

Und jeder Stich dringt bis zum Herzen ein

Und hemmt und fördert wahrgeschaffnes Leben.


Sie befestigt das Bild an den vier Ecken mit Nadeln an die Lehne des Stuhls.


O, gäbe jeder dieser Stiche Blut,

Ich wollt es trinken mit den durstgen Lippen

Und mich erfreun am Unheil, das ich schuf.

Nun hängt es da und ist so schön als stumm.

Ich aber red ihn an als Königin

Mit Mantel und mit Krone, die mich kleiden.


Sie hat sich auf den Schemel gesetzt und sitzt vor dem Bilde.


Ihr ehrvergeßner Mann, stellt euch nur fromm,

Ich kenne dennoch jeden eurer Schliche.

Die Jüdin, sie gefiel euch, leugnets nur!

Und sie ist schön, bei meinem hohen Wort,

Nur mit mir selber etwa zu vergleichen.


Der König, von Garceran und Isaak gefolgt, ist gekommen und hat sich hinter den Stuhl gestellt, die

Arme auf die Rücklehne gelegt, sie betrachtend.


RAHEL fortfahrend.

Ich, eure Königin, nun duld es nicht,

Denn eifersüchtig bin ich wie ein Wiesel.

Ob ihr nun schweigt, das mehrt nur eure Schuld.

Gesteht! Gefiel sie euch? Sagt ja?

KÖNIG.

Nun ja!


Rahel fährt zusammen, blickt nach dem Bilde, dann aufwärts, erkennt den König und bleibt regungslos auf dem Schemel.


KÖNIG vortretend.

Erschreckt dich das? Du wolltests und ich sags.

Ermanne dich, du bist in Freundes Händen.


Er streckt die Hand nach ihr aus, sie fährt vom Schemel empor und flieht nach der Türe rechts, wo sie tiefatmend und mit gesenktem Haupte stehenbleibt.


KÖNIG.

Ist sie so scheu?[471]

ESTHER.

Nicht immer, gnädiger Herr.

Und scheu nicht, schreckhaft nur.

KÖNIG.

Bin ich so greulich?


Sich ihr nähernd.

Rahel schüttelt heftig mit dem Kopfe.


KÖNIG.

Nun denn, so fasse dich, mein gutes Kind!

Ja, du gefielst mir, sag ich noch einmal,

Und Kehr ich heim aus diesem heiligen Krieg,

In den mich Ehre ruft um meine Pflicht,

Frag in Toledo ich vielleicht nach dir.

Wo wohnt ihr dort?

ISAAK schnell.

Herr, in der Jüdenstraße

Ben Mathaes Haus.

ESTHER.

Wenn man nicht früher

Uns etwa schon vertrieb.

KÖNIG.

Dafür mein Wort!

Ich weiß zu schützen, wem ich Schutz gelobt.

Und wenn du dort auch so gesprächig bist

Und gutgelaunt, wie früher mit den Deinen,

Nicht scheu, wie jetzt, verplaudr ich wohl ein Stündchen

Und hole Atem aus dem Qualm des Hofs.

Nun aber geht, denn es ist hohe Zeit,

Du, Garceran, begleite sie; doch erst noch

Häng dieses Bild zurück an seine Stelle.

RAHEL auf den Stuhl losstürzend.

Das Bild ist mein.

KÖNIG.

Was kommt dir bei?

Zurück zum Rahmen solls, aus dem dus nahmst.

RAHEL zu Garceran.

Berühr die Nadeln nicht, noch dieses Bild,

Sonst festig es mit einem tiefern Stich


Mit einer Nadel nach dem Bild fahrend.


Siehst du? gerad ins Herz.

KÖNIG.

Halt ein! Beim Himmel!

Hast du mich fast erschreckt. Wer bist du, Mädchen?

Übst du geheime Künste, die Verbrechen?

Wars doch, als fühlt ich in der eignen Brust

Den Stich nach jenem Bild.[472]

ESTHER.

Mein hoher Herr,

Sie ist nur ein verwöhnt, verwildert Mädchen

Und weiß von unerlaubten Künsten nichts.

Es kam ihr ein, und also tat sies eben.

KÖNIG.

Man aber soll mit derlei keck nicht spielen.

Es trieb bis zu den Augen mir das Blut,

Und wie im wirren Licht seh ich die Dinge.


Zu Garceran.


Ist sie nicht schön?

GARCERAN.

Sie ists, mein Herr und König.

KÖNIG.

Und wie das wogt und wallt und glüht und prangt.


Rahel hat unterdessen das Bild abgenommen und zusammengerollt.


KÖNIG.

Du willst das Bild denn durchaus nicht entbehren?

RAHEL zu Esther.

Ich nehm es mit.

KÖNIG.

Nun denn, in Gottes Namen.

Er wirds verhüten, wenn ein Unheil droht.

Nun eilig fort. Nimm, Garceran,

Den Weg, der rückwärts durch den Garten führt.

Das Volk ist aufgeregt; es liebt, als schwach,

Die Schwäche gern zu prüfen an dem Schwächern.

GARCERAN am Fenster.

Doch seht, o Herr, es naht der ganze Hof,

Die Königin an des Geleites Spitze.

KÖNIG.

Hierher? Verwünscht! Ist hier kein andrer Ausgang?

Mich widern an die Deutungen des Schwarms.

GARCERAN auf die Seitentüre zeigend.

Vielleicht in dies Gemach.

KÖNIG.

Was fällt dir ein!

Soll ich verbergen mich vor meinen Dienern?

Und doch fürcht ich den Schmerz der Königin.

Sie könnte glauben – was ich selber glaube.

Ich rette denn die wirre Majestät,

Sieh zu, daß du baldmöglich sie entfernest.


Er geht in das Seitengemach.


ESTHER.

Ich sagt es ja! Es ist der Weg des Unglücks.


Die Königin, von Manrique de Lara und mehreren begleitet, tritt ein.


KÖNIGIN.

Es ward gesagt, der König sei hier oben.

GARCERAN.

Er war, doch ging er fort.[473]

KÖNIGIN.

Und hier die Jüdin.

MANRIQUE.

Geschmückt, dem losgelaßnen Wahnsinn gleich,

Mit all dem Flitterstaat des Puppenspiels.

Leg ab die Krone, die dir nicht geziemt,

Selbst nicht im Scherz; den Mantel von der Schulter!


Esther hat ihr beides abgenommen.


MANRIQUE.

Was hält sie in der Hand?

RAHEL.

Es ist mein eigen.

MANRIQUE.

Das wollen wir erst sehn.

ESTHER.

Wir sind so arm nicht,

Daß wir nach fremdem Wert die Hände streckten.

MANRIQUE auf die Seitentüre zugehend.

Auch dort in jenem Zimmer forscht man erst,

Ob nichts abhanden, ob die Habsucht nicht

Sich mit der Frechheit, so wie hier, verbunden.

GARCERAN ihm in den Weg tretend.

Hier, Vater, ruf ich: halt!

MANRIQUE.

Kennst du mich nicht?

GARCERAN.

So euch als mich. Doch gibt es, wißt ihr, Pflichten,

Die selbst dem Vaterrecht die Wage halten.

MANRIQUE.

Sieh mir ins Aug! Er kann es nicht ertragen.

So raubt mir denn zwei Söhne dieser Tag.


Zur Königin.


Wollt ihr nicht gehn?

KÖNIGIN.

Ich möchte, doch ich kann nicht.

Vielmehr ich kann, beim Himmel, denn ich muß.


Zu Garceran.


Ziemt euer Amt gleich einem Ritter nicht,

Doch dank ich euch, daß ihr es treulich übt.

Zu sehen wäre Tod – doch leiden kann ich,

Und trefft ihr euern Herrn vor Abend noch,

Sagt ihm, daß rück ich nach Toledo ging – allein!


Die Königin und ihr Gefolge ab.


GARCERAN.

So mußte mich das Unglück diesen Tag,

Gerade heut vom Heere heimwärts führen.

RAHEL zu Esther, die sich mit ihr beschäftigt.

Ich wäre nicht gewichen, galts den Tod.[474]

ESTHER zu Garceran.

Nun aber bringt uns fort, wir bitten euch.

GARCERAN.

Erst frag ich noch den König, was sein Wille.


An die Seitentüre pochend.


Mein hoher Herr! – Wie nur? kein Zeichen! – Sollte

Ein Unfall? – Wie denn immer auch, ich öffne.


Der König tritt heraus und bleibt im Vorgrunde stehen, indes die andern sich zurückziehen.


KÖNIG.

So ist die Ehre und der Ruf der Welt

Kein ebner Weg, auf dem der schlichte Gang

Die Richtung und das Ziel den Wert bestimmt;

Ists nur des Gauklers ausgespanntes Seil,

Auf dem ein Fehltritt von der Höhe stürzt

Und jedes Straucheln preisgibt dem Gelächter?

Muß ich, noch gestern Vorbild aller Zucht,

Mich heute scheun vor jedes Dieners Blicken?

Dann fort mit dir, du Buhlen um die Gunst.

Bestimmen wir uns selber unsre Pfade.


Sich umwendend.


Wie, ihr noch hier?

GARCERAN.

Wir harren des Befehls.

KÖNIG.

Hättst du doch immer des Befehls geharrt

Und wärst geblieben an der fernen Grenze.

Ansteckend ist dein Beispiel, Garceran.

GARCERAN.

Gerechte Fürsten strafen jeden Fehl,

Den eignen selbst. Allein, da selber straflos,

Trifft andre gern das Zürnen ihrer Brust.

KÖNIG.

Ich bin kein solcher, Garceran. Sei ruhig!

Wir bleiben dir wie früher zugetan.

Doch nun bring diese fort, und zwar auf immer.

Was andern Laune, ist beim Fürsten Schuld.


Da Rahel sich ihm nähert.


Laß nur! Doch dieses Bild leg erst noch ab,

Stell es zurück, von wo es ward genommen.

Ich wills. Drum zögre nicht.

RAHEL zu Esther.

So komm du mit.


Indem sich beide der Seitentüre nähern.


Trägst du mein eigen Bild wie sonst am Halse?[475]

ESTHER.

Was willst du?

RAHEL.

Meinen Willen. Gälts das Schlimmste.


Sie gehen in die Seitentüre.


KÖNIG.

Dann kehr zur Grenze, wohin nächst ich folge.

Wir wollen in der Mauren Blut die Schmach,

Die gleichgeteilte, dieses Tages waschen,

Daß wieder wir ertragen Menschenblick.


Die Mädchen kommen zurück.


RAHEL.

Es ist geschehn.

KÖNIG.

Und fort nun ohne Abschied.

ESTHER.

Nimm unsern Dank, o Herr.

RAHEL.

Den meinen nicht.

KÖNIG.

Nun so denn: ohne Dank.

RAHEL.

Ich spar ihn auf.

KÖNIG.

Das heißt: auf nie.

RAHEL.

Ich weiß das besser.


Zu Esther.


Komm!


Sie gehn, von Garceran begleitet, wobei der Alte tiefe Verneigungen macht.


KÖNIG.

Die höchste Zeit wars, daß sie ging, denn wahrlich,

Die Langeweile eines Fürstenhofs,

Sie macht die Kurzweil manchmal zum Bedürfnis.

Doch dieses Mädchen, obgleich schön und reizend,

Sie scheint verwegner Brust und heftgen Sinns.

Da sieht sich denn ein Kluger billig vor.

Alonso!


Ein Diener tritt ein.


DIENER.

Hoher Herr.

KÖNIG.

Bereit die Pferde.

DIENER.

Herr, nach Toledo?

KÖNIG.

Nach Alarcos, Freund.

Wir wollen an die Grenze, in den Krieg,

Darum bereit das Nötigste nur vor.


Vier Augen drohen in Toledo mir,

Voll Wasser zwei und andre zwei voll Feuer.


Sie wollte sich von meinem Bild nicht trennen,

Dem Tode selbst, so schien es, trotzte sie.[476]

Doch braucht' es nur mein streng gebietend Wort,

So hing sies wieder an die alte Stelle.

Schauspielerkünste warens, weiter nichts.

Doch ob sies auch dem Rahmen eingefügt?

Da ich auf lange diesen Ort verlasse,

Sei alles, so wie früher, unverrückt,

Und dieses Vorgangs letzte Spur verschwunden.


Er geht ins Seitengemach. Pause, während welcher der Diener die von Rahel abgelegten Kleider vom Stuhle aufnimmt und über den Arm hängt, die Krone aber in der Hand hält.

Der König kommt zurück, Rahels Bild haltend.


KÖNIG.

Mein Bildnis fort und dies an seiner Stelle.

Ihr eignes ists. Es brennt in meiner Hand.


Das Bild auf den Boden schleudernd.


Fort mit dir, fort! Geht so weit denn die Frechheit?

Das darf nicht sein! Indes ich ihrer selbst

Nur mit gerechtem Widerwillen denke,

Schürt sie, gemalt, mir Glut in meiner Brust.

Und dann mein eigen Bild in ihren Händen!

Man spricht von magisch unerlaubten Künsten,

Die dieses Volk mit derlei Zeichen übt,

Und etwas, wie von Zauber, kommt mich an.


Zum Diener.


Nimm dies vom Boden auf und eile spornstreichs

Bis du sie einholst.

DIENER.

Wen, Gebieter?

KÖNIG.

Wen?

Nun eben Garceran und jene beiden,

Stell dies zurück dem Mädchen und begehre –

DIENER.

Was, hoher Herr?

KÖNIG.

Soll ich die eignen Diener

Zu Mitbewußten machen meiner Scham?

Ich will nur selbst den Tausch, wärs not, erzwingen.

Nimm auf das Bild! – Ich selbst berühr es nicht.


Der Diener hat das Bild aufgehoben.


KÖNIG.

Wie ungeschickt! Birgs nur in deiner Brust!

Doch wär es dort erwärmt von fremder Wärme!

Gib her, ich nehm es selbst, und folge mir,[477]

Wir holen sie noch ein.

Bedenk ichs recht,

So kann, da einmal rege der Verdacht,

Ein Unfall sie betreffen, ja Gewalttat,

Da schützt zumeist mein eigenes Geleit.

Du aber folge mir!


Er hat das Bild angeblickt und dann in den Busen gesteckt.


Ist dort nicht seitwärts

Das Schloß Retiro, wo mein Ahn, Don Sancho,

Mit einer Maurin, aller Welt verborgen –

DIENER.

So ists, erlauchter Herr.

KÖNIG.

Wir wollen unsre Ahnen

Nachahmen in der Tapferkeit, dem Wert,

Und nicht in ihrer Schwäche niederm Straucheln.

Vor allem gilt es sich erobern selbst

Und dann entgegen feindlichen Erobrern.

Retiro heißt das Schloß? – Was wollt ich nur?

Ja so, nur fort! Und sei verschwiegen! Zwar

Du weißt ja nicht. Um so viel besser. Komm!


Mit dem Diener ab.

Der Vorhang fällt.


Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 2, München [1960–1965], S. 464-478.
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