Erster Aufzug

[259] Offener Platz im Walde. Rechts im Vorgrunde eine Hütte. Daneben brennt ein Feuer.


PRIMISLAUS an der Tür der Hütte horchend.

Bist du schon fertig?

LIBUSSA von innen.

Nein.

PRIMISLAUS nach vorn kommend.

Ihr Götter!

Ist es denn wahr? und ist es wirklich so?

Daß ich im Walde ging, längshin am Gießbach,

Und nun ein Schrei in meine Ohren fällt,

Und eines Weibes leuchtende Gewande,

Vom Strudel fortgerafft, die Nacht durchblinken.

Ich eile hin und fasse sie und trage

Die süße Beute, laue Tropfen regnend,

Hierher; und sie erholt sich, und ich löse

Die goldnen Schuhe selbst ihr von den Füßen

Und breit ins Gras den schwergesognen Schleier,

Und meine Hütt empfängt den teuern Gast.

Glückselige, ihr meiner Schwester Kleider,

Die sie getragen und mir sterbend ließ,

Ihr werdet dieser Hohen Leib umhüllen

Und näher sie mir zaubern, die so fern.

LIBUSSA in ländlicher Tracht aus der Hütte tretend.

Hier bin ich, und verwandelt, wie du siehst.

Des Bauern Kleider hüllen minder warm nicht

Als eines Fürsten Rock; insoweit, merk ich,

Sind sie sich gleich.

PRIMISLAUS.

Du Hohe, Herrliche!

Wie zierst du diese ländlich niedre Tracht!

Das Bild der Schwester, die mir kaum entschwand,

Es tritt in dir neu atmend mir entgegen,

Dasselbe Bild, doch lieblicher, gewiß.

LIBUSSA.

Auch für die Kleider Dank! du mein Erretter!

Wenn Rettung ja, wo die Gefahr nicht groß.

Ich half mir selbst, glaub nur! erschienst du nicht.

Doch nun erfülle ganz dein schönes Wort

Und bring mich zu den Meinen, wie du wolltest.[259]

PRIMISLAUS.

Dein edler Leib, bedarf er nicht der Ruh?

LIBUSSA.

Ich hab geruht, nun ruft mich ein Geschäft.

PRIMISLAUS.

Bei dem ein Helfer dich nicht fördert?

LIBUSSA.

Nein.

PRIMISLAUS.

Du hast den Ort bezeichnet, der dein Ziel.

Geleiten sollt ich zu drei Eichen dich,

Die auf dem Hügel stehn am Weg nach Budesch.

Ist dort dein Haus?

LIBUSSA.

Dort nicht.

PRIMISLAUS.

Vielleicht von da aus

Erkennst du selbst den Weg?

LIBUSSA.

So ists.

PRIMISLAUS.

Und ich

Soll dort dem Ungefähr dich übergeben,

Das niemals wohl uns mehr zusammenführt?

LIBUSSA.

Der Menschen Wege kreuzen sich gar vielfach

Und leicht begegnet sich Getrennter Pfad.

PRIMISLAUS.

Du bist kein Weib, um das man werben könnte?

LIBUSSA.

Du hasts erraten.

PRIMISLAUS.

Und, verbeuts dein Stand,

Sinds andre Gründe, die's verbieten?

LIBUSSA.

Beides.

Nun noch einmal: gedenke deines Worts

Und führe mich aus dieses Waldes Schlünden

Zum Ziele meines Weges, das du kennst.

PRIMISLAUS.

Wohl, du gebeutst und ich muß dir gehorchen.

Dort angebunden steht mein wackres Roß,

Gefällts dir, so besteig es, und ich leite

Am Zügel es den Trennungs-Eichen zu.

Den Trennungs-Eichen! Wohl für immer. Seis denn!

Dein Schmuck liegt hier im Grase rings verstreut.

Der Schleier da, die goldnen Schuhe hier,

Des Gürtels reiche Ketten aufgesprengt

Und in zwei Stücken ein so schönes Ganze.

Ich samml es dir und trag es dienend nach,

Bis an dem Ort der Trennung dus erhältst.

Und kehr ich wieder in die heimsche Hütte,

Ist deines Daseins jede Spur verweht,[260]

Das Gras selbst, wo du tratest, es ersteht,

Und wie ein Träumender nach seines Traums Entschwinden,

Frag ich mich selbst: wie wars? und weiß mich nicht zu finden.

Komm denn!

LIBUSSA.

Noch eins vorerst, das ich vergaß.


Sie geht in die Hütte.


PRIMISLAUS.

Ich will ein Zeichen nehmen meiner Tat,

Daran ich sie, sie mich dereinst erkennt,

Denn sie verhehlt, ich sehs, mit Fleiß ihr edles Selbst.

Des Gürtels goldnen Ketten eingefügt

Seh ich ein Kleinod, wohl nicht reich zumeist,

Allein beprägt mit Bildern und mit Sprüchen;

Das lös ich los und wahre mirs als Pfand,

Das Namen mir enthüllt und Stamm und Haus und Stand.


Er steckt das Kleinod in den Busen und sammelt Libussens übriges Geräte.

Libussa kommt zurück, ein Körbchen mit Kräutern tragend.


LIBUSSA.

Sieh mich zurück!

PRIMISLAUS.

Und mich bereit.

LIBUSSA.

Wohlan!

Wo ist dein Pferd?

PRIMISLAUS.

Sieh, dort!

LIBUSSA.

So komm!

PRIMISLAUS.

Mit Gott!


Sie gehen. Primislaus Libussas Gewande tragend.

Pause. Dann kommt Wlasta, mit einem Jagdspieße bewaffnet, von der linken Seite.


WLASTA.

Und nirgends Menschen? – Doch! Hier eine Hütte.


An die Türe schlagend.


Ihr drin im Hause! – Keine Antwort?


Nachdem sie die Türe geöffnet.


Leer!

Und wieder keine Spur und keine Kunde.


Dobromila tritt im Hintergrunde auf.


WLASTA.

Wer schreitet dort?

DOBROMILA.

Hallo! Libussas Mägde!

WLASTA.

Libussas Mägde hier!

DOBROMILA.

Bist dus, o Wlasta?

WLASTA.

Ich bins. Suchst du die Fürstin?[261]

DOBROMILA.

Wohl, Libussa.

WLASTA.

Und keine Spur?

DOBROMILA.

Noch keine. Einsam ging sie,

Nach Kräutern suchend für den kranken Vater,

Von Psary aus, dem Schloß, gen Budesch zu,

Und ward nicht mehr gesehn.

WLASTA.

Wie lebt der Fürst?

DOBROMILA.

Er lebt wie einer, der zu leben aufhört,

Ich fürchte bald, er stirbt.

WLASTA.

Ei, seine Töchter,

Gar hoch erfahren in geheimer Kunst,

Sie hindern wohl sein Ende.

DOBROMILA.

Ach, die Kunst,

Sie endet auch, oft eh man noch am Ende.

Komm, laß uns jetzt nach Budesch, und im Gehn

Erheben wir die Stimme, Zeichen gebend,

Vielleicht vernimmts die Fürstin und erscheint.

WLASTA.

Hier läuft ein Pfad. Du rechts, ich links ins Dickicht

Und ausgeruft: Libussas Mägde, ho!

DOBROMILA schon außer der Szene.

Libussa!


Beide ab.

Schloß der Schwestern auf Budesch.

Innerer Hof. Links ein Teil der Wohngebäude mit einer Pforte. Der Hintergrund durch eine wallartige Terrasse geschlossen mit einem großen Eingangstor. Oben sitzt Swartka. Links nach vorn Dobra an einem Tische, auf dem ein aufgeschlagenes großes Buch liegt. Ein großer eherner Leuchter mit brennendem Lichte steht neben ihr.


DOBRA.

Was ist die Zeit?

SWARTKA.

Längst Mitternacht vorüber.

Die Sterne gehen scharenweis zur Ruh,

Und ein Gebilde schwindet nach dem andern.

Den Reihen führt der flammende Arktur,

Die Krone sinkt am Himmel, und der Adler

Lenkt nach den Bergen seinen müden Flug.

DOBRA in dem Buche nachsehend.

O weh, o weh!

SWARTKA.

Was klagst, was jammerst du?

DOBRA.

Wenn Mars und Jupiter sich so begegnen,

Ist das die Stunde, die dem Leben droht.[262]

Weh, Herzog Krokus, wenn du ja noch lebst.

Welch Sternbild glänzt zuhöchst?

SWARTKA.

Ob meiner Scheitel

Spannt seine Flügel aus der helle Schwan,

Ein Erbe recht der Sterne, welche gingen,

Und wie geschlagne Saiten zitternd klingen,

Kommt an mein Aug der Leier Strahl heran.

DOBRA.

O, mög es gute Vorbedeutung sein

Für meiner Frauen Zukunft. Doch davon

Schweigt dieses Buch.

SWARTKA.

Fuchs, Fisch und Eidechs drängen

Die niedre Form dem edlen Vogel nach,

Die kluge Schlange droht mit fahlem Blinken,

Und auf dem Pfad der königlichen Sterne

Folgt namenloses Volk zu weiter Ferne.

DOBRA.

Laß nun genug sein, Swartka! Komm herab!

Es wachen Kascha noch und Tetka oben

In ihrer Kammer. Laß zu ihnen uns,

Sie werden ihrer Diener Eifer loben.

SWARTKA.

Ich komme. Harre noch!


Sie steigt herab.

Es wird ans Tor geschlagen.


VON AUSSEN.

Macht auf! Macht auf!

DOBRA.

Wer lärmt?

VON AUSSEN.

Macht auf, um aller Götter willen!

DOBRA.

Geh, Swartka, hin und öffne nur das Tor!

Der Lärm tuts an Gewicht dem Anlaß wohl zuvor.


Durchs geöffnete Tor dringen Domaslav, Biwoy, Lapak herein. Volk hinter ihnen.


DOMASLAV.

Wo sind die Fürstinnen? Bring mich vor sie!

DOBRA.

Sie wachen noch, doch zeigen sie sich nie.

LAPAK.

Auch nicht dem Bringer wichtig schwerer Kunde?

DOBRA.

Das Wichtge wiegt nicht gleich in dein, in ihrem Munde.

DOMASLAV.

Doch frommt es uns, es frommt dem ganzen Land.

DOBRA.

Obs ihnen selber frommt, blieb dir wohl unbekannt.

BIWOY.

So hebt die Stimme, schlaget an die Schilde,

Sie müssen uns vernehmen, seis mit Zwang.[263]

DOBRA.

Am Tor der Einsicht tobt und lärmt der Wilde,

Hört er am liebsten doch der eignen Worte Klang.

LAPAK.

So wisse denn: der Fürst, der uns gebot,

Der Böhmen Herr und deiner Frauen Vater,

Fürst Krokus lebt nicht mehr.

DOBRA.

Ihr Götter! tot?

LAPAK.

Des Landes Hort, sein Schirmer und Berater,

Starb diese Nacht.

DOBRA.

So ist sie wahr gewesen,

Die Kunde, die mein Aug in Sternenschrift gelesen?

Fürst Krokus tot!

BIWOY.

Du siehst, der Grund genügt,

Daß man den Schlummer stört, in dem ein Weib sich wiegt.

DOBRA.

Sie schlummern nicht, doch wenn im Schlaf versenket,

Ihr Träumen acht ich mehr, als was ihr andern denket.

BIWOY.

Nun wohl, so rüttl ich selber an der Tür,

Wenn sie zu uns nicht, wohl, komm ich zu ihr.


Er geht auf die Türe zu. Diese öffnet sich und Tetka und Kascha treten heraus. Erstere eine offne Rolle in der Hand, die zweite das Haupt nachdenklich gesenkt.

Alle weichen ehrerbietig zurück.


KASCHA.

Ich sage dir: es war um Mitternacht,

Da ging er heim und segnete das Leben;

Hätt ich der Zeichen Widerstreit bedacht,

Vielleicht wars Zeit, ihm Fristung noch zu geben.

TETKA.

Libussa war bei ihm.

KASCHA.

Fast glaub ich: Nein.

Ihr Platz ist dunkel in den sonngen Kreisen.

TETKA.

Wo blieb sie sonst?

KASCHA.

Bald wird mirs klarer sein.

Die nächste Stunde muß ihr Handeln weisen.

Gab sie ihm jenen Trank, den du wohl kennst,

Gepreßt von Kräutern, die die Wälder bieten,

Vielleicht starb er noch nicht.

TETKA.

Daß es nicht möglich ist,

Die Krankheit aufzuhalten, ja den Tod

Durch Vorsatz und Entschluß? Kann einer sterben,

Weil er nicht leben will; warum nicht leben,

Weil er dem Tod sich weigert? Könnte Schwäche[264]

So viel und Stärke nichts? Stand ich am Bette

Des Vaters und erinnerte ihn dran,

Wie vielen fromme, daß er länger lebe,

Er sah dem Tod ins Aug und starb noch nicht.

KASCHA.

Wie gerne bot sich heilend meine Kunst.

TETKA.

Ich ehre deine Kunst, weil du sie denkest,

Doch hilft sie dem nur, der wie du gedacht.

Wenn du den Kranken mit dem Besten tränkest,

Er stirbt, hält er für Gift, was du gebracht.

Als Krücke mag es sein, daß sie noch leiste

Für schwache Seelen, die am Willen krank,

In Wahrheit hilft doch nur der Geist dem Geiste,

Er ist der Arzt, das Bette und der Trank.

Wenn ich mich über unsern Vater neigte

Und ihm die Sprüche alter Weisheit las,

Der Seinen Not, der Feinde Scheelsucht zeigte,

Er faßte neuen Mut und er genas.

KASCHA.

Nun aber ist er tot, wir sind verwaist.

TETKA.

Bist du verwaist? ich nicht. Ich seh ihn noch,

Nicht wie zuletzt in seiner Schwachheit Banden.

Ehrwürdger Greis, war Greis er immer doch,

Mir ist er als ein Jüngling auferstanden.

LAPAK nähertretend.

Erhabne Fürstinnen!

KASCHA.

Was ist?

TETKA.

Was sucht, was wollt ihr?

DOMASLAV.

Die Nachricht euch zu bringen sind wir da –

KASCHA.

Wir haben es gewußt, bevor es noch geschah.

TETKA.

Als ihr noch hofftet, zagtet, dies und das gemeint,

Da war es uns bekannt, da haben wirs beweint.

LAPAK.

Wenn nun der Tod den besten Fürsten schlug –

KASCHA.

Zu gut für euch, für uns nicht gut genug.

Denn sorgt' er nicht um euch und dacht er an die Seinen,

Ihr lebtet wüst wie vor, wir brauchten nicht zu weinen.

TETKA.

Weil euer Trutz vergällt ihm jeden Tag,

Gab er dem Kummer sich und welkte hin, erlag.

DOMASLAV.

Wenns nun auch so, und wenn die Sorg um uns

Beschwert sein Leben, gar es ihm geraubt,[265]

Laßt das uns nicht entgelten, hohe Frauen,

Belohnt, mit dem wir nahn, das kindliche Vertrauen,

Vollendet, was begann des Vaters hohes Haupt.

LAPAK.

Die Krone, die er trug, dies Land, sein Reich

Verschmäht sie nicht und nehmt, wählt eine unter euch.

DOMASLAV.

Ihr stammet, wissen wir, von höhern Mächten,

Wir sind ein dunkles Volk, unkundig in den Rechten;

Der Stab, der in Fürst Krokus Händen lag,

Wer, als sein eignes Blut, zu halten ihn vermag?

ALLE auf die Kniee sinkend.

Nehmt unsre Krone! Wählet! Kascha, du!

KASCHA.

Unter Sternen schweif ich,

In der Tiefe walt ich;

Was Natur vermag und kann,

Ist mir willig untertan.

Das Leblose lebt,

Des Lebendgen Dasein ist Tod.

Ich mag nicht herrschen über Leichen.

Geht zu andern mit euern Reichen,

Was ist mir gemein mit euch?

LAPAK.

So nimm denn, Tetka, du dich unser an!

TETKA.

Was sein soll ist nur eins,

Was sein kann, ist ein Vieles,

Ich aber will sein einig und eins.

Nutzen und Vorteil zählen,

Aus Wahrheit und Lüge wählen,

Recht erdenken, das kein Recht,

Dafür sucht einen Sündenknecht.

Mein sonnig Reich strahlt hellres Licht,

Von mir! Ich mag eure Krone nicht!

LAPAK.

So laßt ihr uns denn hilflos und verwaist!

Wo ist Libussa, eure jüngste Schwester?

TETKA.

Sie ist nicht heim. Allein, wenn auch zu Hause,

Sie folgt euch nicht.

DOMASLAV.

Laßt uns es doch versuchen.

TETKA.

Ich sag euch, sie verweigerts.

LAPAK.

Gut. Doch hören,

Anhören soll sie uns. Erlaubt zu harren.[266]

KASCHA.

Seht ihr so gern noch einmal euch verschmäht,

So wartet, bis sie naht. Geht dort hinein!

Ihr aber gebt, was sie am meisten lockt,

Gebt ihnen Speis und Trank, und damit gut.

DOMASLAV.

Wir nehmen unsern Urlaub, hohe Frauen.

KASCHA.

Gehabt euch wohl! Und, wenn nicht eure Fürstin,

Bin ich euch Freundin doch.


Die Abgeordneten werden durch eine Pforte links abgeführt.


KASCHA.

Nun aber ihr!

Stellt euch ringsum, senkt eure düstern Schleier

Und feiert still und trauernd das Gedächtnis

Des edlen Manns, der unsern Kreis verließ.

Nacht um uns und Dunkel,

Damit in uns es Licht!


Alle verhüllen sich, die Szene verwandelt sich.

Kurze Waldgegend. Es ist noch dunkel.

Primislaus tritt auf, ein weißes Roß am Zügel führend, auf dem Libussa sitzt.


PRIMISLAUS.

Hier ist der Ort, den du mir hast bezeichnet,

Der Weg nach Budesch dies, dies die drei Eichen.

Gelöst hab ich mein Wort.

LIBUSSA.

Sei drum bedankt.

PRIMISLAUS.

Nun soll ich von dir scheiden, dich verlassen,

Dich nie mehr wiedersehn vielleicht?

LIBUSSA.

Vielleicht.

PRIMISLAUS.

Du bist kein Weib um das man werben könnte?

LIBUSSA.

Ich hab es schon verneint.

PRIMISLAUS.

Träf ich dich wieder,

Je wieder, glaub, ich würde dich erkennen,

Wärs unter Tausenden. Doch du auch mich?

Im Dunkel fand ich dich, im Dunkel scheid ich.

Gib mir ein Zeichen, dran du mich erkennst,

Wenn ich dich wiederseh.

LIBUSSA.

Es ist nicht nötig.

PRIMISLAUS.

Doch wenn rückkehrend ich in meine Hütte

Ein Kleinod fände, das dir angehört?

LIBUSSA.

Bring es hierher, ich werde darnach senden

Und lös es gern um Gold und jeden Preis.

PRIMISLAUS.

Für mich ist Gold kein Preis. So laß uns scheiden![267]

Dein Schleier und die schimmernden Gewande,

In denen ich den Fluten dich entriß,

Hier eingebunden trägts des Pferdes Rücken.

Nur eine Kette noch, es war dein Gürtel,

Der unter meiner Retterhand zerstückt,

Doch füg ich neu die goldnen Hakenglieder,

Neig mir dein Haupt und trag den neuen Schmuck.


Libussa senkt ihr Haupt, er hängt ihr die Kette um den Hals.


PRIMISLAUS.

So zier ich dich, du Schöne, Hehre, Hohe;

Für wen? ich weiß nicht; ists doch nicht für mich.

Und so leb wohl!

LIBUSSA.

Auch du!

PRIMISLAUS.

Nur noch drei Schritte.

Dort teilt, von selber kennbar, sich der Weg,

Und leicht gelangst du wieder zu den Deinen,

Wenn du den Waldpfad rechts nur sorglich meidest,

Die du, ein Märchen, kamst, und eine Wahrheit scheidest.


Das Pferd leitend.


Vertrau dem Pferd, es trägt dich gut und sicher.


Beide ab.

Vorhof auf dem Schloß der Schwestern.

Kascha, Tetka und ihre Jungfrauen in derselben Stellung wie am Schluß der vorletzten Szene.


KASCHA.

Das Totenopfer ist nach Recht vollbracht,

Nun laßt uns sorgen für die Lebenden.


Alle erheben sich.


Libussa ist nicht hier. Auch war sie, scheint es,

Bei unsers Vaters Tode nicht.

SWARTKA.

So ists.

KASCHA zu Tetka.

Was sagt der Geist in dir?

TETKA.

Er schweigt. Nur dunkel

Ertönt es wie von Not und Fährlichkeit.

KASCHA die starr auf den Boden gesehen hat.

Sie ist in jener Lagen einer, sprichts mir,

Aus denen Glück und Unglück gleich entsteht,

Am Scheideweg von Seligkeit und Jammer.

Horch! Spricht ein Mann?[268]

TETKA.

Wo?

KASCHA.

Nein, Libussa spricht.

Allein sie ist begleitet.

TETKA.

Wie auch immer!

Sie sei gefunden und ihr Heil bewahrt.

Die Diener sendet aus, die Männer alle

Mit Leuchten, Fackeln in den dunkeln Wald.

Ihr andern aber steigt dort auf die Zinnen!

Die Opferpauke tön, ein fernes Zeichen,

Dem Ohr der Irrenden bekannter Schall.

Und alle ruft: Libussa. Auf!

DIE MÄDCHEN zum Teile den Wall hinaneilend.

Libussa!


Der Ton eines fernen Horns wird gehört. Alle stehen unbeweglich.


DOBRA.

Das sind sie, ja, Libussens Mägde. Wlasta

Und Dobromila auf der Herrin Spur.

TETKA heftig.

Libussa, hier!


Der Ton des Horns etwas näher.


TETKA.

Sie ists. Tut auf die Pforten

Und eilt entgegen ihr mit Licht und Beistand.


Man öffnet. Einige gehen hinaus, andere bleiben in der Brüstung des Tors stehen, darunter Swartka.


SWARTKA.

Sie kommt, und hoch zu Roß. Und Wlasta, Dobromila

Begleiten sie und blasen in ihr Horn.


Libussa wird in der Torbrüstung sichtbar. Sie hat einen weißen Mantel übergeworfen und ein Federbarett auf dem Kopfe. Wlasta und Dobromila gewaffnet hinter ihr.


LIBUSSA.

Führt nur das Pferd zurück zu den drei Eichen,

Und trefft ihr einen Mann, stellts ihm zurück,

Denn es ist sein. Und nimmt er Lohn, so gebt.


Eine Jungfrau geht.


LIBUSSA.

Wart ihr besorgt?

TETKA.

Wie sehr!

KASCHA.

Ich nicht, ich wußte,

Du kamst.

LIBUSSA.

Doch lag einmal die Sorge nah.

Im Wald verirrt, nicht Wegesspur, noch Führer,

Ein Gießbach wollte sich das Ansehn geben,[269]

Als sei er fürchterlich. Da kam mir Hilfe.


Vor Tetka tretend und ihr ins Auge blickend.


Doch unser Vater, gelt!

TETKA.

Ja wohl.

LIBUSSA an ihrem Halse.

O, meine Schwester!

Und ich war fern!

TETKA.

Wie kams?

LIBUSSA sich aufrichtend.

In all der Zeit,

Als ich an seinem Bette saß und wachte,

Da schwebte vor den Augen des Gemüts,

Hatt ichs gehört nun, oder wußt ichs sonst,

Das Bild mir einer Blume, weiß und klein,

Mit siebenspaltgem Kelch und schmalen Blättern;

Die gib dem Vater, sprachs, und er genest.

In feuchten Gründen, schien es, wachse sie,

Das Tal von Budesch mußt ich immer denken.

Da nahm ich Korb und Griffel und ging hin.

Ich suchte und er starb. Solang ich lebe,

Will büßen ich die unfreiwillge Schuld,

Und dies mein Aug, es sei vom heutgen Tag

Geweiht den Tränen um den Edlen, Guten.

TETKA sie umarmend.

Ja wohl, Libussa, Trauer sei und Klage,

Geschäft uns und Erholung allen drein.

KASCHA.

Sag zwein.

LIBUSSA gereizt.

Warum? Wen schließest du nur aus?

KASCHA.

Die, welcher obliegt mehr, als ihn beklagen:

Zu folgen ihm in seiner harten Pflicht.

Des Tschechenvolkes Erste sind im Schloß;

Sie fordern von Fürst Krokus Töchtern eine

Als Herzogin für das verwaiste Land.

LIBUSSA.

Nehmt ihrs, ich nicht!

KASCHA.

So sprachen wir schon beide.

Doch sähe gern der Vater unvollendet,

Was er für dieses dunkle Volk getan?

Und heißt es sein Gedächtnis hoch nicht ehren,

Fortsetzen, wenn auch schwach, was er begann?

LIBUSSA.

Doch welche nimmts?[270]

KASCHA.

Laßt denn das Los entscheiden.

LIBUSSA.

Wie nur?

KASCHA.

So hört, was ich mir ausgedacht.

Uns jeder gab der Vater, der nun tot,

Am Jahrestag von unsrer Mutter Scheiden

Ein kostbar Kleinod mit der Eltern Bild,

In halberhobner Arbeit dargestellt,

Als Gürtel eingefaßt in goldne Spangen.

Und da die Zierde gleich, so sagt der Name

Der Eignerin, mit Sorgfalt eingeprägt:

Libussens bin ich, Tetkas oder Kaschas.

Die Gürtel nun, des Vaters letzte Gabe

Und geistiges Vermächtnis noch dazu –

Sprach er doch ja: sooft ihr sie vereint,

Will ich im Geist bei euch sein und mit Rat –

Laßt legen uns in diese Opferschale.

Tetka, die Ernste, trete dann hinzu

Und deren Namen, blind sie greifend, faßt,

Die ist befreit, und also auch die zweite.

Der dritten Gürtel wird zum Diadem.

Sie folgt, ob ungern, in die Fürstenwohnung.

Seid ihrs zufrieden?

LIBUSSA Barett und Mantel abgebend und in Bauerntracht dastehend.

Wohl.

TETKA.

Libussa, du?

Wie sonderbar gekleidet.

LIBUSSA sich betrachtend.

Sonderbar?

Vergaß ichs doch beinah! Je, gute Tetka,

Der Zufall kommt und meldet sich nicht an,

Auftauchend ist er da; und wohl uns, wenn beim Scheiden

Er äußerlich verändert nur uns läßt.

Das Kleid ist warm, und also lieb ich es.

TETKA.

Doch wir –?

LIBUSSA das Geschmeide vom Halse nehmend.

Hier ist mein Gürtel.

TETKA ihren Gürtel ablösend.

Hier der meine.

KASCHA Libussens Geschmeide nehmend.

Am Hals?[271]

LIBUSSA.

Und doch er selbst, wie ich dieselbe.

KASCHA.

Das ist dein Gürtel nicht.

LIBUSSA.

Wie wäre das?

KASCHA.

Die Ketten wohl; allein der Mutter Bildnis,

Das Mittelkleinod, fehlt mit deinem Namen,

O Unbesonnene!

LIBUSSA.

Was schmähst du mich?


Die abgesendeten Jungfrauen kommen zurück.


DOBROMILA.

Wir waren, hohe Frau, bei den drei Eichen,

Wie du befahlst, und suchten jenen Mann.

Doch kam er nicht und war nicht aufzufinden.

LIBUSSA.

Nun, es ist gut.


Vor sich hin.


Das hat mir der getan!


Die Jungfrauen ziehen sich zurück.


KASCHA.

Die Nacht im Wald, in Bauerntracht gehüllt,

Verloren deines Vaters Angedenken.

LIBUSSA.

Mein Vater lebt, ein Lebender, in mir,

Solang ich atme, lebt auch sein Gedächtnis.

KASCHA.

Die Liebe knüpft sich gern an feste Zeichen,

Der Leichtsinn liebt, was schwankend, so wie er.

LIBUSSA.

Mit einem Wort löst ich die Rätsel leicht,

Doch würdet ihrs entstellen und verkehren.

Drum halt nur, was du weißt, mein sichres Herz!

KASCHA Libussas Geschmeide hinwerfend.

Der Kreis getrennt. Du kannst mit uns nicht losen.

LIBUSSA auf deren Wink eine Jungfrau das Geschmeide aufhebt.

Nicht losen? Und wer weiß, ob ichs auch will?

Ein Schritt aus dem Gewohnten, merk ich wohl,

Er zieht unhaltsam hin auf neue Bahnen,

Nur vorwärts führt das Leben, rückwärts nie.

Ich soll nicht losen? Und ich will es nicht.

Wo sind die Männer aus der Tschechen Rat?

Den Vater will ich ehren durch die Tat.

Mögt ihr das Los mit dumpfem Brüten fragen:

Ich will sein Amt und seine Krone tragen.

TETKA.

Libussa, o![272]

KASCHA.

Hör erst auf mich, Libussa!

Wenn ich gekränkt dich mit zu raschem Wort –

LIBUSSA.

Du kränktest mich nicht mehr, ich sehs, als dich.

Doch, was ich sprach, es bleibt. Mein Wort ein Fels.

Und mag ichs nur gestehn! Denk ich von heut

Mich wieder hier in eurer stillen Wohnung

Beschäftigt mit – weiß ich doch kaum, womit –

Mit Mitteln zu den Mitteln eines Zwecks,

Mit Mond und Sternen, Kräutern, Lettern, Zahlen,

Dünkts allermeist einförmig mir und kahl.

Dies Kleid, es reibt die Haut mit dichtern Fäden

Und weckt die Wärme bis zur tiefsten Brust.

Mit Menschen Mensch sein, dünkt von heut mir Lust,

Des Mitgefühles Pulse fühl ich schlagen,

Drum will ich dieser Menschen Krone tragen.

Heraus, Wladiken! Tschechenvolk, heraus!

DIE JUNGFRAUEN rufen.

Libussa, Herzogin! Der Böhmen Fürstin!


Domaslav, Biwoy, Lapak und die übrigen Abgeordneten aus der Pforte links.


DOMASLAV.

Täuscht unser Ohr und hörten wir genau?

Erkürt der Böhmen Fürstin, unsre Frau?

Und welche will –?

LIBUSSA.

Hier ist von Wollen nicht,

Von Müssen ist die Rede und von Pflicht.

Und da nun eine muß aus unsrer Zahl,

So will ich und begebe mich der Wahl.

LAPAK.

Libussa, du?

LIBUSSA.

Die Jüngste aus dem Kreise

Und minder gut vielleicht als sie und minder weise.

Auf ihnen würde Hohes gut beruhn;

Doch handelt sichs um irdisch niedres Tun,

Wo zu viel Einsicht schädlich dem Vollbringen.

Fernsichtigkeit geht fehl in nahen Dingen.

Wenn nun des Vaters Geist auf mir beruht,

So fügt sichs, wie es kann und, hoff ich, gut.

Seid ihrs zufrieden?

DIE ABGEORDNETEN knieend.

Hoch, Libussa, hoch![273]

Der Böhmen Herzogin, der Tschechen Fürstin!

LIBUSSA.

Steht auf! sinds diese nicht und dieser Ort,

Was euch zu Boden zieht. Doch hört mein Wort.

Es hielt euch fest des Vaters strenge Rechte

Und beugt' euch in ein heilsam weises Joch.

Ich bin ein Weib und, ob ich es vermöchte,

So widert mir die starre Härte doch.

Wollt ihr nun mein als einer Frau gedenken,

Lenksam dem Zaum, so daß kein Stachel not,

Will freudig ich die Ruhmesbahn euch lenken,

Ein überhörtes wär mein letzt Gebot.

So wie ich ungern nur von hinnen scheide,

Lenkt ich zurück dann meinen müden Lauf

Und träte bittend zwischen diese beide;

Ihr nähmet, Schwestern, mich doch wieder auf?

KASCHA.

Wenn dus noch kannst, von Irdischem umnachtet.

TETKA.

Wer handelt, geht oft fehl.

LIBUSSA.

Auch wer betrachtet!

DOMASLAV.

Nicht fruchtlos sollst du, zweimal nicht uns mahnen,

Nimm unsern Schwur darauf und unsrer Untertanen.

LIBUSSA.

Dies letzte Wort, es sei von euch verbannt.

In Zukunft herrscht nur eines hier im Land:

Das kindliche Vertraun. Und nennt ihrs Macht,

Nennt ihr ein Opfer, das sich selbst gebracht,

Die Willkür, die sich allzu frei geschienen

Und, eigner Herrschaft bang, beschloß zu dienen.

Wollt ihr als Brüder leben, eines Sinns,

So nennt mich eure Fürstin, und ich bins;

Doch sollt ich zwein ein zweifach Recht erdenken,

Wollt eher ich an euch euch selbst als Sklaven schenken.

Seid ihrs zufrieden so?

ALLE.

Wir wollen!

LIBUSSA.

Nun, so kommt.

Allein, vergäßt ihr, was uns allen frommt,


Auf ihre Schwestern zeigend.


Da diese hier den Rücktritt mir versagen,

So ging ich hin, es meinem Vater klagen.[274]

Lebt, Schwestern, wohl! Auf Wiedersehn, und bald!

Ihr andern folgt und jubelt durch den Wald.

Ihr Mädchen, mir voraus und stoßt ins Horn,

Bis jetzt mir nächst, steht billig ihr nun vorn.

Und so, gehobnen Haupts, mit furchtlos offnen Blicken,

Entgegen kühn den kommenden Geschicken.

DIE MÄNNER.

Libussa hoch! der Böhmen Herzogin!


Man hat Libussa wieder den Mantel und das Federbarett gegeben, sie geht, die Mädchen vor ihr her, die Männer schließen. Alle mit Fackeln und

Jubel durch das mittlere Tor ab.


KASCHA.

Hast du gehört?

TETKA.

Ja wohl.

KASCHA.

Nun?

TETKA.

Ich bedaure sie,

Sie wirds bereun, und früher, als sie denkt.

KASCHA.

Die Roheit kann des Höhern nicht entbehren,

Doch hat sies angefaßt, will sies in sich verkehren.

Wer nicht wie Menschen sein will, schwach und klein,

Der halte sich von Menschennähe rein.

Komm mit!

TETKA.

Wohin?

KASCHA.

An unser täglich Werk,

Ihr aber reinigt mir so Hof als Hallen,

Was hier geschehn, es sei in Traum zerfallen.


Die Schwestern mit Begleitung ab.


DOBRA.

Nun wir denn auch ans Werk, und gib mir Kunde,

Ob gutes Zeichen eintritt diese Stunde.

Welch Sternbild herrscht?

SWARTKA auf der Höhe der Mauer.

Die Jungfrau blinkt, doch nein,

Ich irrte mich, es ist des Löwen Macht,

Der auf sein Böhmen schaut.

DOBRA gen Himmel blickend.

Hältst du auch sichre Wacht?

SWARTKA mit halbem Leibe über die Brustwehr gelehnt und laut ausrufend.

Der Osten graut, dem Tage weicht die Nacht!


Der Vorhang fällt.


Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 2, München [1960–1965], S. 259-275.
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