Fünfter Auftritt

[727] Sappho. Melitta


SAPPHO nachdem sie ihm lange nachgesehen.

Melitta, nun?

MELITTA.

Was, o Gebieterin,

SAPPHO.

So wallt denn nur in diesen Adern Blut,

Und rinnend Eis stockt in der andern Herzen?

Sie sahen ihn, sie hörten seine Stimme,

Dieselbe Luft, die seine Stirn gefächelt,

Hat ihre lebenleere Brust umwallt,

Und dumpf ist ein: was, o Gebieterin?

Der erste Laut, der ihnen sich entpreßt.

Fürwahr, dich hassen könnt ich! – Geh!


Melitta geht schweigend.


SAPPHO die sich unterdessen auf die Rasenbank geworfen.

Melitta!

Und weißt du mir so gar nichts denn zu sagen,

Was mich erfreuen könnte, liebes Kind?

Du sahst ihn doch, bemerktest du denn nichts,

Was wert gesehn, erzählt zu werden wäre?

Wo waren deine Augen, Mädchen?


Sie bei der Hand ergreifend und an ihre Kniee ziehend.


MELITTA.

Du weißt wohl noch, was du uns öfters sagtest;

Daß Jungfraun es in Fremder Gegenwart

Nicht zieme, frei die Blicke zu versenden.

SAPPHO.

Und armes Ding, du schlugst die Augen nieder?


Küßt sie.


Das also wars? Mein Kind, die Lehre galt

Nicht dir, den Ältern nur, den minder Stillen!

Dem Mädchen ziemt noch, was der Jungfrau nicht.


Sie mit den Augen messend.


Doch sieh einmal; wie hast du dich verändert,

Seit ich dich hier verließ. Ich kenne dich nicht mehr.

Um so viel größer und –


Küßt sie wieder.


Du süßes Wesen![727]

Du hattest recht, die Lehre galt auch dir!


Aufstehend.


Warum so stumm noch immer und so schüchtern?

Du warst doch sonst nicht so. Was macht dich zagen?

Nicht Sappho, die Gebietrin, steht vor dir,

Die Freundin Sappho spricht mit dir, Melitta.

Der Stolz, die Ehrbegier, des Zornes Stachel

Und was sonst schlimm an deiner Freundin war,

Es ist mit ihr nach Hause nicht gekehret;

Im Schoß der Fluten hab ich es versenkt,

Als ich an seiner Seite sie durchschiffte.

Das eben ist der Liebe Zaubermacht,

Daß sie veredelt, was ihr Hauch berührt,

Der Sonne ähnlich, deren goldner Strahl

Gewitterwolken selbst in Gold verwandelt.

Hab ich dich je mit rascher Rede, je

Mit bitterm Wort gekränkt, o so verzeih!

In Zukunft wollen wir als traute Schwestern

In seiner Nähe leben, gleichgepaart,

Allein durch seine Liebe unterschieden.

O, ich will gut noch werden, fromm und gut!

MELITTA.

Bist dus nicht jetzt, und warst du es nicht immer?

SAPPHO.

Ja, gut, wie man so gut nennt, was nicht schlimm!

Doch gnügt so wenig für so hohen Lohn?

Glaubst du, er wird sich glücklich fühlen, Mädchen?

MELITTA.

Wer wär es denn in deiner Nähe nicht?

SAPPHO.

Was kann ich Arme denn dem Teuern bieten?

In seiner Jugend Fülle steht er da,

Geschmückt mit dieses Lebens schönsten Blüten.

Der erst erwachte Sinn, mit frohem Staunen

Die Zahl der eignen Kräfte überblickend,

Spannt kühn die Flügel aus, und nach dem Höchsten

Schießt gierig er den scharfen Adlerblick.

Was schön nur ist und groß und hoch und würdig,

Sein ists! Dem Kräftigen gehört die Welt!

Und ich! – O ihr des Himmels Götter alle!

O gebt mir wieder die entschwundne Zeit.

Löscht aus in dieser Brust vergangner Leiden,[728]

Vergangner Freuden tiefgetretne Spur.

Was ich gefühlt, gesagt, getan, gelitten,

Es sei nicht, selbst in der Erinnrung nicht.

Laßt mich zurückekehren in die Zeit,

Da ich noch scheu mit runden Kinderwangen,

Ein unbestimmt Gefühl im schweren Busen,

Die neue Welt mit neuem Sinn betrat.

Da Ahnung noch, kein quälendes Erkennen

In meiner Leier goldnen Saiten spielte,

Da noch ein Zauberland mir Liebe war,

Ein unbekanntes, fremdes Zauberland!


Sich an Melittens Busen lehnend.


MELITTA.

Was fehlt dir? Bist du krank, Gebieterin?

SAPPHO.

Da steh ich an dem Rand der weiten Kluft,

Die zwischen ihm und mir verschlingend gähnt;

Ich seh das goldne Land herüberwinken.

Mein Aug erreicht es, aber nicht mein Fuß. –


Weh dem, den aus der Seinen stillem Kreise

Des Ruhms, der Ehrsucht eitler Schatten lockt.

Ein wildbewegtes Meer durchschiffet er

Auf leichtgefügtem Kahn. Da grünt kein Baum,

Da sprosset keine Saat und keine Blume,

Ringsum die graue Unermeßlichkeit.

Von ferne nur sieht er die heitre Küste,

Und mit der Wogen Brandung dumpf vermengt,

Tönt ihm die Stimme seiner Lieben zu.

Besinnt er endlich sich und kehrt zurück

Und sucht der Heimat leichtverlaßne Fluren,

Da ist kein Lenz mehr, ach, und keine Blume,


Den Kranz abnehmend und wehmütig betrachtend.


Nur dürre Blätter rauschen um ihn her!

MELITTA.

Der schöne Kranz! Wie lohnt so hohe Zier,

Von Tausenden gesucht und nicht errungen!

SAPPHO.

Von Tausenden gesucht und nicht errungen!

Nicht wahr, Melitta? Nicht wahr, liebes Mädchen?

Von Tausenden gesucht und nicht errungen!


Den Kranz wieder aufsetzend.
[729]

Es schmähe nicht den Ruhm, wer ihn besitzt,

Er ist kein leer-bedeutungsloser Schall,

Mit Götterkraft erfüllet sein Berühren!

Wohl mir, ich bin so arm nicht. Seinem Reichtum

Kann gleichen Reichtum ich entgegensetzen,

Der Gegenwart mir dargebotnem Kranz

Die Blüten der Vergangenheit und Zukunft!

Du staunst, Melitta, und verstehst mich nicht.

Wohl dir! O lerne nimmer mich verstehen!

MELITTA.

Zürnst du?

SAPPHO.

Nicht doch, nicht doch, mein liebes Kind!

Geh zu den andern jetzt und sag mirs an,

Wenn dein Gebieter wünscht, mich zu empfangen.


Melitta ab.


Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 1, München [1960–1965], S. 727-730.
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