Zweiter Auftritt

[759] Rhamnes. Sappho


RHAMNES.

Was gebeutst du, Herrin?

SAPPHO.

Sie ist mein Werk! Was wär sie ohne mich?

Und wer verwehrt dem Bildner wohl sein Recht,

Das zu zerstören, was er selber schuf?

Zerstören! Kann ich es? Weh mir, ihr Glück,

Es steht zu hoch für meine schwache Hand!

Wenn ihr nach Chios seine Liebe folgt,[759]

Ist sie am Sklavenherd nicht seliger,

Als ich im goldnen, liebeleeren Haus?

Für das Geliebte leiden ist so süß,

Und Hoffnung und Erinnrung sind ja Rosen

Von einem Stamme mit der Wirklichkeit,

Nur ohne Dornen! O, verbannet mich

Weit in des Meeres unbekannte Fernen

Auf einen Fels, der, schroff und unfruchtbar,

Die Wolken nur und Wellen Nachbar nennt,

Von jedem Pfad des Lebens rauh geschieden,

Nur löschet aus dem Buche der Erinnrung

Die letztentflohnen Stunden gütig aus;

Laßt mir den Glauben nur an seine Liebe,

Und ich will preisen mein Geschick und fröhlich

Die Einsamkeit, ach, einsam nicht, bewohnen!

Bei jedem Dorn, der meine Füße ritzte,

In jeder Qual wollt ich mir selber sagen:

O, wüßt er es! und: o, jetzt denkt er dein!

Was gäb er, dich zu retten! Ach, und Balsam

Ergösse kühlend sich in jede Wunde!

RHAMNES.

Du hast gerufen, hocherhabne Frau!

SAPPHO.

Phaon, Phaon! Was hab ich dir getan? –

Ich stand so ruhig in der Dichtung Auen,

Mit meinem goldnen Saitenspiel allein,

Hernieder sah ich auf der Erde Freuden,

Und ihre Leiden reichten nicht zu mir.

Nach Stunden nicht, nach holden Blumen nur,

Dem heitern Kranz der Dichtung eingewoben,

Zählt ich die Flucht der nimmerstillen Zeit.

Was meinem Lied ich gab, gab es mir wieder,

Und ewge Jugend grünte mir ums Haupt.

Da kommt der Rauhe und mit frechen Händen

Reißt er den goldnen Schleier mir herab,

Zieht mich hernieder in die öde Wüste,

Wo rings kein Fußtritt, rings kein Pfad,

Und jetzt, da er der einzge Gegenstand,

Der in der Leere mir entgegenstrahlt,

Entzieht er mir die Hand, ach und entflieht![760]

RHAMNES.

O Herrin, magst du weilen so im Dunkeln,

Beim feuchten Hauch der Nacht, der Meeresluft?

SAPPHO.

Kennst du ein schwärzres Laster als den Undank?

RHAMNES.

Ich nicht!

SAPPHO.

Ein giftigers?

RHAMNES.

Nein, wahrlich nicht!

SAPPHO.

Ein fluchenswürdgeres, ein strafenswerters?

RHAMNES.

Fürwahr, mit Recht belastets jeder Fluch!

SAPPHO.

Nicht wahr? Nicht wahr? Die andern Laster alle,

Hyänen, Löwen, Tiger, Wölfe sinds,

Der Undank ist die Schlange! Nicht? Die Schlange!

So schön, so glatt, so bunt, so giftig! – Oh! –

RHAMNES.

Komm mit hinein. Drin fühlst du dich wohl besser,

Mit Sorgfalt ist das Haus dir ausgeschmückt

Und Phaon wartet deiner in der Halle!

SAPPHO.

Wie, Phaon, harret meiner?

RHAMNES.

Ja, Gebietrin!

Ich sah ihn sinnend auf und nieder schreiten.

Bald stand er still, sprach leise vor sich hin,

Trat dann ans Fenster, suchend durch die Nacht.

SAPPHO.

Er harret meiner? Lieber, sagt er es,

Er harre meiner? Sapphos?

RHAMNES.

Das wohl nicht!

Doch sah ich ihn erwartend, lauschend stehn,

Und wessen sollt er harren?

SAPPHO.

Wessen? Wessen?

Nicht Sapphos harrt er, doch er harrt umsonst!

Rhamnes!

RHAMNES.

Gebieterin!

SAPPHO.

Du weißt, zu Chios

Wohnt, noch vom Vater her, ein Gastfreund mir!

RHAMNES.

Ich weiß es!

SAPPHO.

Löse schnell vom Strand den Nachen,

Der dort sich schaukelt in der nahen Bucht,

Denn diese Nacht noch mußt du fort nach Chios!

RHAMNES.

Allein?

SAPPHO.

Nein!


Pause.
[761]

RHAMNES.

Und wer folget mir dahin?

SAPPHO.

Was sagst du?

RHAMNES.

Wer nach Chios mit mir –?

SAPPHO ihn auf die andre Seite des Theaters führend.

Komm!

Vorsichtig sei und leise, hörst du mich?

Geh in Melittens Kammer und gebeut ihr

Hierher zu kommen, Sappho rufe sie.

Doch still, daß er dich nicht bemerke.

RHAMNES.

Wer?

SAPPHO.

Wer? – Phaon! – Folgt sie dir –


Einhaltend.


RHAMNES.

Was dann?

SAPPHO.

Dann bringe

Sie, seis mit Güte, sei es mit Gewalt,

Doch leise, in den losgebundnen Nachen,

Und fort nach Chios, auf der Stelle fort!

RHAMNES.

Und dort?

SAPPHO.

Dort übergibst du sie dem Gastfreund,

Er soll sie hüten, bis ich sie verlange;

Und streng – Nicht strenge mög er sie mir halten,

Sie ist ja doch gestraft genug! Hörst du?

RHAMNES.

Ich eile!

SAPPHO.

Zögre nicht!

RHAMNES.

Leb wohl, o Sappho!

Der Morgen findet uns schon fern von hier.

Zufrieden sollst du sein mit deinem Diener!


Ab.


Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 1, München [1960–1965], S. 759-762.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Sappho
Sappho
Sappho
Sämtliche Werke: Dritter und vierter Band: Gedichte, Die Ahnfrau, Sappho

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Fräulein Else

Fräulein Else

Die neunzehnjährige Else erfährt in den Ferien auf dem Rückweg vom Tennisplatz vom Konkurs ihres Vaters und wird von ihrer Mutter gebeten, eine große Summe Geld von einem Geschäftsfreund des Vaters zu leihen. Dieser verlangt als Gegenleistung Ungeheuerliches. Else treibt in einem inneren Monolog einer Verzweiflungstat entgegen.

54 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon