[151] Waldgegend.
MEPHISTOPHELES.
Muß doch ein wenig spionieren,
Wo mein vertrackter Doktor ist,
Der nach Rousseau auf allen vieren
Hier unter dieses Waldes Tieren
Des Glücks, ein Mensch zu sein, genießt
Und Wasser sauft und Eicheln frißt.
Mein' Seel'! Es hätt' mich baß verdrossen,
Wär' mir der Tintenfisch entwischt,
Den ich so superfein gefischt.
Doch er hat schon zu viel genossen.
Ei, wer den Kelch der Weltlust nie versucht,
Der weist vielleicht ihn von den trocknen Lippen;
Doch wem's einmal gelang, daran zu nippen,
Der ist zum ew'gen Trinken auch verflucht.
Schwatzt nur von Reu', ihr Pfaffenzungen,
Die das verirrte Schaf der Mutter wiederbringt;
Wer nur den Köder mal verschlingt,
Der hat die Angel mit verschlungen!
Schon mancher, fühlt' er meine Hand am Kragen,[151]
Bekehrte sich! Da ward gebetet und gejohlt,
Doch sein an Fleisch gewohnter Magen
Konnt' euch die Klostersuppe nicht vertragen;
Hätt' ich nicht ihn, er hätte mich geholt.
Doch seht, kömmt nicht mein Doktor dort?
Jetzt darf er mich nicht sehn! Husch fort!
Verbirgt sich.
FAUST kommt.
O Einsamkeit, wie hast du mich betrogen,
Als ich an deinen stillen Busen floh,
Du hast mir Ruh' und Friede vorgelogen,
Und ach, nun find' ich dich nicht so!
Vor dem Orkane meines wilden Lebens
Floh ich in deinen aufgetanen Port
Und suchte sichern Ankergrund; vergebens,
Auch hier reißt mich die Welle mit sich fort.
Ich seh' das schöne Land voll stiller Wonne,
Das mir in Jugendträumen vorgeschwebt,
Beleuchtet von der Unschuld milder Sonne,
In der ein ew'ger Frühling grünend lebt,
Wo unter blüh'nder Rosensträuche Schatten
Der Friede ruht, von Götterreiz umweht,
Wo auf den grünen, reichbeblümten Matten
Die Freude unter Lämmern spielend geht.
Ich seh', wie Hunderten von meinesgleichen
Verzeihung dort die Myrtenkrone flicht;
Mein Auge kann das Himmelsland erreichen,
Doch, weh mir, weh! Mein Fuß vermag es nicht!
MEPHISTOPHELES.
Der hat die Wahrheit, scheint's, noch nicht gefunden,
Daß Einsamkeit 'ne derbe Speise beut,
Die ganz vortrefflich dem Gesunden,
Allein dem Kranken herzlich schlecht gedeiht.
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