Franz Grillparzer

[Zur Literargeschichte]

Die Zeit dürfte nicht entfernt sein, wo die Deutschen das Übertriebene und Unausführbare ihrer politischen Bestrebungen einsehen werden. Damit ist aber noch wenig getan. Die politischen Überzeugungen sind nur der ins Praktische hineinragende Teil des Ideenkreises einer Nation, und Zweige und Schößlinge wegschneiden ist ein schlechtes Auskunftsmittel solange die Wurzel in der Erde bleibt. Es muß daher ausgesprochen werden: die ganze Bildung der deutschen Nation in den letzten zwanzig Jahren war[715] eine falsche. Vielleicht gilt dasselbe von ganz Europa mit Ausnahme von England. Das gehört aber nicht hierher. Wenn der Mensch in sich gehen will, muß er seine eigenen Fehler im Auge haben, ohne sich um die der übrigen zu bekümmern.

Wenn ich die letzten zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre als den Wendepunkt dieser Verkehrung ausspreche, so geschieht dies nicht willkürlich. Eine auffallende Erscheinung nach außen verbürgt eine gewaltige Änderung nach innen. Dieses äußere Merkmal ist der Eigendünkel.

Ich will hier vor allem die Literatur ins Auge fassen, einmal da ja doch von der Bildung die Rede ist, dann weil die neuere Bewegung hauptsächlich von Ideen ausgeht, deren Ausdruck und Verbreitung vor allem ins Gebiet der Literatur gehört. Es versteht sich von selbst, daß hier nicht von den exakten und Naturwissenschaften die Rede sein kann. Diese gehen wenn einmal der erste Anstoß gegeben ist durch Erfahrung und Experiment geleitet von selbst ihren Weg, haben aber in ihrer Objektivität auf die Ausbildung des Subjekts, um die es sich hier handelt, nur geringen Einfluß. Philosophie, Geschichte, Theologie wenn man will, und die Kunst; alles was auf Gemüt, Charakter und die Richtigkeit des Verstandesgebrauches einwirkt, habe ich hier im Auge.

Um also wieder in die Reihenfolge zurückzukommen: Die Deutschen waren bei ihrem ersten Erwachen aus säkularischem Schlafe, in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhundertes eine wackere, tüchtige, pflichtgetreue, vor allem aber bescheidene Nation. Zu letzterem hatten sie auch alle Ursache. Hinter ihren Nachbarn zurückgeblieben; bei ihren ersten Fortschritten auf die Nachahmung angewiesen, war kein Grund zur Selbstüberhebung. Ja als die Literatur später mit reißender Schnelligkeit einen bedeutenden, eigentümlicheren Charakter annahm, blieb sie der alten National-Eigenschaft getreu. Kants Philosophie ist die wissenschaftliche Anerkennung der menschlichen Beschränktheit. Wenn Goethe sich mitunter anmaßender gab, so war es etwa mehr aus Ärger über die Spießbürgerlichkeit seiner Landsleute; sich den schöpferischen Geistern früherer Jahrhunderte gleich oder wohl gar voran zu setzen ist ihm wohl nie eingefallen. Selbst als die unmittelbar auf Kant folgenden Philosophen nebst den Gebrüdern[716] Schlegel zuerst den Ton des Absprechens und der Selbstüberschätzung anschlugen, blieb die Neuerung doch größtenteils im Kreise des Schulstaubes und berührte die Nation wenig. Schon nachhaltiger wirkte, durch August Wilhelm Schlegel veranlaßt, das Buch der Mad. Stäel De l'Allemagne. Es war das erste Zeichen der Anerkennung von Seiten des Auslands und wirkte mit der Stärke eines befriedigten Bedürfnisses, da die unleidliche französische Unterdrückung den Nationalgeist wach zu rütteln angefangen hatte.

Der eigentliche Wendepunkt aber waren die Befreiungskriege. Deutschland hatte, freilich mit der Beihilfe von halb Europa den Sieger der Welt besiegt, ja was noch mehr die Nation glaubte, zum erstenmale nicht auf Geheiß oder im Interesse seiner Fürsten, sondern aus sich selbst etwas getan zu haben. Ein praktisches Ferment kam in die nur für Abstraktionen und Idealitäten eingerichteten Gemüter. Die Gärung war ungeheuer und zeigte sich in Monstruositäten. Zugleich war das Ausland zuerst auf die Deutschen als ein ihnen ebenbürtiges Nachbarnvolk aufmerksam geworden. Eine Bildung die sie nicht geahnt, eine Literatur von deren Dasein sie nichts gewußt, fiel ihnen mit der ganzen Gewalt des Unerwarteten in die Augen. Der Eindruck mußte um so stärker sein, als die Glanzperiode der übrigen europäischen Literaturen längst vorüber war und die deutsche, als von gestern, den Ansichten und Bedürfnissen von heute am meisten entsprach.

Überhaupt hat die deutsche Literatur, aus der Ferne angesehen und für denjenigen der sie nur zum Teile kennt, etwas ungemein Bestechendes. Da ihr Unterscheidendes darin besteht, die Peripherien jeder Sphäre auszudehnen und die Gattungen zu vermischen, so bekommen ihre Hervorbringungen einen Anschein von Reichtum, der aber nur zu bald verschwindet, wenn man sich überzeugt hat, daß der Umkreis weit, das Innere aber arm an Erfüllung, um nicht zu sagen leer ist. Darum staunen die Franzosen die deutsche Philosophie an, die sie nicht kennen, Lord Byron glaubte sein Urbild von Poesie in der deutschen zu finden und die Freigeister aller Nationen haben keine Ahnung, daß die deutschen Himmelsstürmereien nur die weitere Ausführung des von ihnen ausgegangenen Anstoßes sind.

Unglücklicherweise fiel diese Anerkennung des Auslandes und[717] das Erwachen der eigenen Schätzung gerade in eine Zeit wo auch die Glanzperiode der deutschen Literatur sich ihrem Ende nahte. Goethe, der einzig Übriggebliebene war Deutscher genug um sich in der letzten Hälfte seines Lebens in die verschiedensten Richtungen zu zersplittern und die Wärme seines Innern, minder als Folge des Alters als durch die Verteilung in das unermeßliche All bis zur Lauheit abzuschwächen. Überhaupt haben die sogenannten goldenen Zeitalter der Literaturen das Traurige, daß ihnen gewöhnlich ein um so ärmlicheres unmittelbar nachfolgt. Nationen von Geschmack und gesunder Urteilskraft sind von der Vortrefflichkeit des Vorhergegangenen so durchdrungen, daß ihnen alles Heil in der sklavischen Nachahmung zu liegen scheint, indes die Völker bei denen jene Eigenschaften weniger die Grundlage des Charakters ausmachen, sich aufgefordert fühlen, das Vorhandene zu überbieten, weiterzuschreiten wie mans nennt, und das ist eben jene Ausdehnung des Umkreises, von der ich vorher sprach, indes die Mitte leer bleibt. Die Deutschen, ihrem Streben nach Gründlichkeit zu Folge, geborne Kritiker, hatten bald die Mängel ihrer großen Geister weg. Sobald sie nur diese Fehler vermieden, glaubten sie unschuldigerweise, die Vorzüge würden sich von selbst einstellen und so, das Wissen mit dem Können verwechselnd, wagten sie sich kühn in die äußersten Fernen der menschlichen Entwicklung.

Das Palladium dieser Entwicklung nun und der Mittelpunkt des menschlichen Wesens ist die richtige Empfindung, die Richtigkeit nicht als Wahrheit genommen, sondern als Widerspruchslosigkeit, als Übereinstimmung aller Faktoren des Auffassungs- und Tätigkeits-Vermögens. Das ist so wahr, daß selbst das letzte des Verstandes- und Vernunft-Gebrauches: die Überzeugung, kein Denk-Ergebnis, sondern eine Empfindung ist, das Zeugnis des Innern, daß das unwiderleglich Bewiesene mit dem Gesamt-Vorrate des ihm als wahr Geltenden übereinstimme. So wie auf der andern Seite, was aber nicht hierher gehört, eine zweite Empfindung: das Gewissen den praktischen Verstandesgebrauch leitet und abschließt. Sie ist der Verbindungsknoten in dem die geistige und animalische Natur des Menschen zusammentreffen, das artikulierte Gefühl und der unartikulierte Gedanke. Ihr Ausdruck ist die Anschauung, die Art und Weise wie der Mensch im ungetrennten[718] Gebrauche seiner Fähigkeiten und Eigenschaften die Dinge und Begebenheiten in sich aufnimmt. Was nun diese Empfindung aussagt, ist schon darum nicht unbedingt wahr, weil das halb Animalische des Gefühls darin eine so große Rolle spielt. Es ist daher allerdings die Aufgabe des Geistes den Komplex der Empfindung in jedem einzelnen zu trennen, das Individuelle des Eindrucks auf allgemeine Geltung zu bringen und sich der Gründe und Folgen bewußt zu werden, zu behaupten aber, daß der eine Teil der menschlichen Natur das Recht habe an die Stelle des Ganzen einzutreten ist lächerlich. Der Trieb, die Neigung, das Instinktmäßige sind ebenso göttlich als die Vernunft und das einzige Faktum der Begeisterung mit all dem Großen was je durch sie geschah, reicht hin um die isolierte Denkwirtschaft der Marktschreierei zu überführen. Der Verstand, oder wenn man will die Vernunft kann vielleicht folgerichtig dahin gelangen an der Realität der wirklichen Dinge zu zweifeln, wer aber wirklich daran zweifelt ist ein Narr.

Die Denkkraft nun, die Hand in Hand mit der Empfindung geht, ist, was man den gesunden Menschenverstand nennt. Mit ihm allein kommt man allerdings in den höhern Bereichen der Wissenschaft nicht weit, ihn aber gänzlich aus den Augen zu verlieren macht das Denken zum Grübeln und führt zum Unsinn.

Dieses Unglück nun ist über Deutschland durch die neueste Philosophie gekommen. Hegel, wenn nicht einer der schärfsten Denker, doch gewiß einer der größten Denkkünstler aller Zeiten, hatte zugleich viel zu viel gesunde Urteilskraft um auf seine monstrosen Resultate, oder vielmehr auf seine verrückte Methode zu verfallen, wenn nicht seine unmittelbaren Vorgänger dem natürlichen Verstandesgebrauche so schreiend Hohn gesprochen hätten. So aber baute er auf ihrem schwankenden Boden fort und das Gebäude mußte daher notwendig schief ausfallen.

Immerdar bleibt sein Wirken merkwürdig für alle Zeiten, als ein, wenn gleich verunglückter Versuch das Rätsel der Welt im Wege des reinen Vernunftgebrauches aufzulösen. Zugleich enthält es einerseits so viele Analogien mit der Wahrheit, daß man manchmal über die scheinbare Nähe erschrickt, anderseits macht es keine Schande das nicht erreicht zu haben, was ganz zu erreichen vielleicht unmöglich ist.[719]

Das Unglück war nur daß seine Zeit an seine Resultate, vor allem aber an seine Beweise geglaubt hat, die unbewiesener sind als das zu Beweisende selbst.

Der Schade, der dadurch angerichtet wurde, ging nach mehreren Seiten. Erstens kam dadurch der natürliche Verstandesgebrauch in Mißkredit. Der Verstand dessen Aufgabe die Entfernung von Widersprüchen ist, wurde einer sogenannten Vernunft untergeordnet, die sich mit der Erzeugung von Widersprüchen beschäftigt, oder vielmehr der Widerspruch selbst ist, der nachdem er in seinem Gange die Mondkälber der Ideen erzeugt, selbst in der Gottheit nach augenblicklicher Ruhe als ein gehetzter Gedanken-Hase zu neuem Kreislauf, eine Bewegung ohne Bewegtes, wieder aufgejagt wird.

Zweitens, indem man alles durch das Klügeln Unaufgelöste mit dem Schimpfnamen des Unmittelbaren belegte, wurde das ganze Reich der Empfindungen mit dem Charakter des Unvollkommenen, Schwächlichen, Aufzuhebenden gestempelt und die Wärme des Gemütes verwandelte sich in Erhitzung des Kopfes, umsomehr als selbst das höchste Zeugnis der Empfindung: die Freiheit des Willens in ein sich Bewußtwerden und sich Gefallenlassen der Notwendigkeit aufgelöst worden war.

Das letzte Ergebnis endlich und was am meisten hieher gehört war ein maßloser Eigendünkel. Wie sollte auch eine Zeit, die ihren Geist als die Inkarnation des Göttlichen betrachtete, der die ganze Natur »durchsichtig« war, die den Schlüssel zu allen Rätseln der Welt gefunden hatte, anders sein als hochmütig, hochmütig als Menschen und, kraft des Erfinder-Privilegiums, hochmütig als Nation. Der nationelle Eigendünkel wurde nun noch durch ein anderes unmittelbar darauf folgendes Ereignis erhöht: das Entstehen der deutschen Sprach- und Altertums-Wissenschaft. Der Veranlasser dieser geistigen Richtung, ein so außerordentliches Sprach-Genie und auch sonst so vielseitig begabter Mann, daß man seinesgleichen unter den ähnlich Strebenden aller Zeiten vielleicht kaum findet, hatte aber unglücklicherweise in der Mischung seines Wesens einen bedeutenden Anteil Phantasie, die, wenn sie sich in die Untersuchung mischt, gar leicht in Phantasterei umschlägt. Es war vorauszusehen, daß das neue Fach, nachdem einmal die Hauptsache getan war, als ein leichtes Mittel[720] durch Fleiß, Nachbeterei und Koterie-Protektion, auch ohne alles Talent zu Beachtung, Geltung wohl auch Ehrensold zu gelangen bei jenem Heer unbegabter Literaten mit denen uns die Vielwisserei der deutschen Universitäten bis zum Ekel versieht, den größten Anklang finden werde. Was im höchsten Grade schätzbar gewesen wäre, wenn zwei oder drei berufene Geister sich damit beschäftigt und die Resultate der Welt mitgeteilt hätten, artete in einen literarischen Landsturm aus, durch den alle Bibliotheken durchstöbert und Schund aller Art wenn er nur alt- oder mittelhochdeutsch war, zu Tage gefördert wurde. Teils in der Freude des Findens, teils weil man sich doch nicht um nichts geplagt haben wollte, übertrug man den sprachlichen Wert des Gefundenen auf den Inhalt und sprach von Meisterwerken wo man von Unbedeutenden aber mit Rücksicht auf Zeit und Umstände noch immer Erfreulichen hätte reden sollen.

Dadurch wurde nun dem überflutenden Eigendünkel der letzte Damm weggerissen. Dieser Damm lag in dem Bewußtsein, daß die deutsche Bildung in der allgemein europäischen die letztgekommene, abgeleitete, durch Nachahmung entstandene sei. Nun aber schien sich zu ergeben, daß die Nation schon im fernen Mittelalter den übrigen vorausgestanden, daß sie durch ihre Selbstschätzung nur verjährte, unverlierbare Rechte wieder in Anspruch nehme.

Genau genommen hätte gerade die mittelhochdeutsche Poesie zur Bescheidenheit auffordern sollen, da, mit Ausnahme des rätselhaften Nibelungenliedes, die übrigen epischen Gedichte die Nachbildung aus dem Französischen selbstbekennend und selbstempfehlend an der Stirne trugen.

Darauf nahm man aber um so weniger Rücksicht als selbst diese Blüte der Poesie nur der Nachklang einer frühern, vorweltlichen, mastodontisch-ichthyosaurischen sein sollte. Da schon Hegel die Geltung des Talentes in Zweifel gezogen hatte, und es dem unbegabten Pedanten zu Paß kam das Vorrecht der Begabung abzuleugnen so träumte man von Gedichten ohne Dichter. Man ließ die Epen aus Volksliedern entstehen, die wer immer aus dem Pöbel gemacht und nur irgendein mittelhochdeutscher Pedant auf gut Glück zusammengesetzt hatte. Auf diese Art fand sich die ganze Nation zu Dichtern erhoben und Kraft der Volkspoesie[721] war kein Grund warum nicht jeder poetische Schmierer unserer Tage sich als ein Vorarbeiter für künftige Iliaden oder Odysseen betrachten sollte.

Diese Ansicht fand um so mehr Beifall als während der letzten Jahrzehnte in Deutschland wie in ganz Europa das Talent sich selten gemacht hatte, ja in Deutschland, wo bei dem immerwährenden Zersprechen und Vermitteln jede Konzentration des Gemütes unmöglich geworden war, ganz abhanden kam. Was an bildender Kraft abging, sollte durch den Inhalt ersetzt werden, und da es den matten Seelen an jeder Eigentümlichkeit fehlte, wurde dieser Inhalt unmittelbar von der Straße genommen.

Dieser von der Straße genommene Inhalt, indem er für das Vergangene das Phantom der Volkspoesie erzeugte, brachte für die Gegenwart die politische Poesie hervor.[722]

Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke.Band 3, München [1960–1965], S. 57,723.
Entstanden 1848, Erstdruck in: Sämtliche Werke, Stuttgart 1887/88.
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