Zweite Scene.

[56] (In Schira's Kaufgewölbe.)


Es liegen große Päcke, Ballen und Kisten mit Waaren umher. Schira ist damit beschäftigt, sie zu ordnen und zu zeichnen.


Schira, Astralle und Hirlande zusehend.


Astralle.


Was ist denn in dieser Kiste?


Schira.


Das sind lauter Perlenschnüre,

Und zwar lauter Kirschenperlen,

Die man darum also nennet,

Weil sie groß sind, wie die Kirschen.


Hirlande.


Ei, wo gibt's die großen Perlen?


Schira.


Diese kommen aus dem Reiche

Ceilon, einem Insellande.


[56] Astralle.


Krieg' ich nicht auch drei, vier Schnüre

Von den schönen Kirschenperlen?

Meine Perlen, die ich habe,

Sind ja kaum so groß, als Erbsen;

Und die mag ich nun nicht tragen,

Seit ich weiß, daß es so große

Perlen gibt, als wie die Kirschen.


Schira.


Jede soll sechs Schnüre kriegen.


Hirlande.


Was ist in dem großen Packe?


Schira.


Das sind feine Wollenzeuge,

Die ich in dem Türkenlande

Zum Verkaufe mitgenommen.


Astralle.


Hast du denn auch Straußenfedern?


Schira.


Straußenfedern? Ei, ja freilich!

Daran läßt sich viel gewinnen.


Astralle.


Willst du nicht ein Paar mir schenken?

Sie sind gar zu schön zum Kopfschmuck.


[57] Schira.


Ja, sobald ich sie nur finde,

Leg ich dir davon bei Seite.


Hirlande.


Vater, gibst du mir denn keine?


Schira.


Ja, auch du sollst welche haben,

Und auch meine Roselinde.


Astralle.


Ach, was kann denn die mit machen?

Lieber gib uns mehr. Die Kleine

Braucht noch keine hohen Federn.


Roselinde kommt eilig.


Vater! Vater! Besenstielchen –

Eben kommt's daher gefahren!

Freu dich! 's ist ihm nichts geschehen,

's ist auch nicht gefressen worden.


Schira, Astralle und Hirlande.


Besenstielchen?


Roselinde.


Ei, ja freilich!

Guckt durch's Fenster da hinüber.[58]

Eben ist es ausgestiegen. –

Das ist aber schnell gefahren.


(Sie sehen zum Fenster hinaus.)


Sami kommt traurig.


Herr, es kommt von Mordi's Dienern

Eben einer nach dem Hause.


Schira.


Ha, was wird mir das bedeuten?


Roselinde.


Freust du dich denn nicht von Herzen?

Ach mein liebes Besenstielchen!

Ach, ich muß nur gleich hinüber.


(Sie springt hinaus.)


Ein Diener Mordi's.

Er ist sehr reich gekleidet. In der Hand trägt er einen kleinen Zauberspiegel, den er, indem er vor Schira tritt, demselben vorhält.


Schira erbleicht.


O, mein gutes Roselindchen,

Mußt du doch das Opfer werden?


Astralle sieht auch hinein.


Hirlande.


Ei, was sieht man in dem Spiegel?


Mordi's Diener mit Sami ab.


[59] Astralle gleichgültig.


Ach, die kleine Roselinde

Muß nun hin zu Mordi's Garten.


(zu Schira, der weinend die Hände ringt.)


Schäm dich, Vater, so zu weinen,

Wird ihr nicht gleich was geschehen.


Hirlande

die indeß zum Fenster hinausgesehen.


Eben wird sie fortgefahren.


Schira.


Fortgefahren? Roselinde?


(Er reißt das Fenster auf, und ruft:)


Roselinde! – Roselinde! –

Roselinde! –


Astralle.


Was die Pferde

Schnell hinflogen, wie die Pfeile.


Hirlande.


Möcht' wohl selbst einmal so fahren.


Schira.


Aber nicht nach Mordi's Garten.

– O, ihr, meine lieben Töchter!

Roselinde ist verloren!

Ihr verliert die beste Schwester,

Ich die beste, frömmste Tochter!


[60] Astralle.


Es geschieht ihr recht gerade!

Warum läuft sie denn auch immer

Auf der Gasse, wie ein Bettler?

Ich hab's ihr gar oft verwiesen.

Ist sie deine frömmste Tochter,

Warum will sie denn nicht folgen,

Wenn Verständige ihr rathen.


Schira.


Ja, sie war mein frömmstes Mädchen,

Hat mich mehr, als ihr, geliebet.


Hirlande.


Ei, du hast sie ja auch immer

Ueberall uns vorgezogen,

Hast ihr manchmal was gegeben,

Was wir selber noch entbehrten,

Und wir sind denn doch die ält'sten.


Schira.


Schweig, o schweig, ich weiß zu wohl nur,

Ihr verkaufet eure Liebe,

Liebet darum nur den Vater,

Weil er Putz und Schmuck euch schenkte;

Aber meine Roselinde

Hätte mich geehrt, geliebet,[61]

Wenn ich auch in Bettlerkleider,

Nur in Lumpen sie gekleidet.


Astralle.


O, du brauchst uns nicht zu schelten.

Hast dirs selbst ja zuzuschreiben,

Daß das Herzblatt nun dahin ist.


Hirlande.


Komm, Astralle, wollen gehen;

Er ist wieder ungeduldig.


(Sie gehen ab, und werfen die Thüre zu.)


Schira.


Was? und das sind meine Kinder?

Also lieben sie den Vater

Und die gute, fromme Schwester?

Roselinde, Roselinde!

Was magst du erlitten haben

Von dem Haß der eiteln Schwestern,

Seit ich ferne war vom Hause?

– O, du fromme Roselinde!

Mit dir ist mein Glück verloren,

Mit dir jede Lebensfreude.

Trüb und trüber wird mein Leben.

Einem Zauber preiß gegeben,

Häuft sich mir von Tag zu Tage[62]

Neuer Schmerz und neue Plage,

Bis die stille Todesnacht

Mir so Klag' als Thräne stillt

Und mir Rosalindens Bild

In den Himmelsgärten mild

Wieder einst entgegen lacht.

Quelle:
Albert Ludewig Grimm: Lina’s Mährchenbuch 1–2. Band 1, Grimma 21837, S. 56-63.
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