Der fünffte eingang.


[61] Leo. Theodosia.


THEODOSIA.

Mein licht!

LEO.

Mein trost!

THEODOSIA.

Mein fürst![61]

LEO.

Mein engel!

THEODOSIA.

Meine sonn!

LEO.

Mein leben!

THEODOSIA.

Meine lust!

LEO.

Mein auffenthalt und wonn!

Wie so betrübt mein hertz?

THEODOSIA.

Was hat mein fürst beschlossen?

Ach leyder! Ist nunmehr nicht bluts genung vergossen?

LEO.

Nicht bluts genung, wenn man nach unserm blute tracht?

THEODOSIA.

Durch blut wird unser thron befleckt und glatt gemacht.

LEO.

So trägt ein frembder scheu, denselben zu besteigen.

THEODOSIA.

So muss er endlich sich auf nassem grunde neigen.

LEO.

Die nässe trucknet man mit flamm und aschen aus.

THEODOSIA.

Die leichtlich unser hauß verkehrt in staub und grauß.

LEO.

Diß hauß wird stehn, dafern des hauses feinde fallen.

THEODOSIA.

Wo nicht ihr fall verletzt, die dieses hauß umwallen.

LEO.

Umwallen mit dem schwerdt.

THEODOSIA.

Mit dem sie uns beschützt.

LEO.

Das sie auf uns gezuckt.[62]

THEODOSIA.

Die unsern stuhl gestützt.

LEO.

Die unter diesem schein den stuhl gesucht zu stürtzen.

THEODOSIA.

Wer kann der fürsten zeit, wenn gott nicht will, verkürtzen?

LEO.

Gott wacht für uns und heist uns selbst auch wache seyn.

THEODOSIA.

Wenn gott nicht selber wacht, schläft ieder wächter ein.

LEO.

Ja freylich schläfft der fürst, der nicht den ernst läst schauen.

THEODOSIA.

Wo gar zu großer ernst, ist nichts als furcht und grauen.

LEO.

Der ernst ist nicht zu groß, ohn den kein reich besteht.

THEODOSIA.

Der ernst ist viel zu groß, durch den das reich vergeht.

LEO.

Nicht durch des schelmen tod, den nur der tod kan bessern.

THEODOSIA.

Ein pflaster heilt offt mehr, denn viel mit flamm und messern.

LEO.

Hier hilfft kein pflastern mehr! Was hab ich nicht versucht!

THEODOSIA.

Der höchste blitzt nicht bald, dafern ihn iemand flucht.

LEO.

Wer spricht nicht, dass ich mehr, denn nur zu viel geschonet.

THEODOSIA.[63]

Der, der nicht lieber strafft als hoher tugend lohnet.

LEO.

Ich habe mehr belohnt als zu belohnen war.

THEODOSIA.

Ein fürst gibt nicht zu viel, gibt er gleich jahr für jahr.

LEO.

Mag noch was übrig seyn, das ich ihm nicht gegeben?

THEODOSIA.

Ach ja.

LEO.

Sag an, was ists?

THEODOSIA.

Sehr viel.

LEO.

Was ists?

THEODOSIA.

Das leben.

LEO.

Das leben dem, der nichts als meiner liebsten noth,

Der kinder untergang und seines fürsten tod

Mit ernstem eyfer sucht? Auf dessen grause sünden

Man nicht recht gleiche straff und urtheil weiß zu finden?

THEODOSIA.

Gnad überwiegt, was nicht die straff erheben kan.

LEO.

Die wage reist entzwey, wenn man kein recht sieht an.

THEODOSIA.

Das recht hat seinen gang, lasst gnad ihm nun begegnen!

LEO.

Der himmel will das haupt, das laster abstrafft, segnen.

THEODOSIA.

Und diesem günstig seyn, das leicht die schuld vergiebt.

LEO.

Nicht dem, der gott und mich und dich so hoch betrübt.

THEODOSIA.

Wie herrlich stehts, wenn man guts thut und böses leidet![64]

LEO.

Wie thörlich! wenn man sich die gurgel selbst abschneidet,

Wenn man das waldschwein, das mit so viel schweiß gehetzt

Und in dem garn verstrickt, auf freye wiesen setzt!

THEODOSIA.

Man kan die schlange selbst4 durch güte so bewegen,

Dass sie die grause gifft pflegt von sich abzulegen.

Der wilden hölen zucht, der strengen löwen art,

Und was die wüste klipp in ihrem schoß verwahrt,

Legt, wenn der linde mensch es nicht zu rauhe handelt,

Die grimmig unarth ab und wird in zahm verwandelt.

LEO.

Man kan, es ist nicht ohn, ein blut-begierig thier

Gewöhnen, dass es spiel und niederknie vor dir;

Man kan, was noch vielmehr, die starcke fluth umkehren,

Den strömen widerstehn, den tollen wellen wehren;

Man dämpfft der flammen macht, man segelt gegen wind,

Man stürtzt die felsen hin, wo thäl und hölen sind,

Man kan die steine selbst mit weitzen überziehen

Und lehrt die wilden äst auf edlen stämmen blühen;

Diß kan man und noch mehr; nur diß ist unerhört,

Die kunst verkennt sich hier: kein wissen hat gelehrt,

Wie ein verstockter geist, den hochmuth auffgeblasen,

Und cronen-sucht verhetzt, zu heilen von dem rasen.

THEODOSIA.

Der arzt hofft, weil sich noch die seel in krancken regt.

LEO.

Bey todten wird umsonst die hand zu werck gelegt.

THEODOSIA.

Bey todten, die die seel auf unser wort gegeben.

LEO.

Vor überhäuffte schuld und unser aller leben.

THEODOSIA.

Rach übereylt den rath. Bedenckt wohl, was ihr thut!

LEO.[65]

Die rach heischt viel zu spät so hoch beflecktes blut.

THEODOSIA.

Ach blut! bedenckt den traum,5 der eure mutter schreckte!

LEO.

Bedencke, was diß blut uns offt für furcht erweckte!

THEODOSIA.

Bedenckt den hohen tag, der alle welt erfreut!

LEO.

Und mich, wenn nun der wind des feindes asch umstreut.

THEODOSIA.

Stößt ihr den holtzstoß auf, nun Jesus wird geboren?

LEO.

Dem, der auf Jesu kirch und glieder sich verschworen.

THEODOSIA.

Wollt ihr mit mord befleckt zu Jesu taffel gehn?

LEO.

Man richtet feinde hin, die bey altären stehn.

Mein licht! nicht mehr! Wie ists? Darff sie sich unterwinden

Zu bitten für den mann, der sie und mich zu binden

Und mich und sie durch mein und ihrer kinder tod,

Durch neuer schmertzen arth und übergrause noth

In staub zu treten meynt? der ohne furcht darff sagen,

Dass wir durch seine gunst gold auf den haren tragen

Und purpur um den leib! und hör ich länger zu?

Des menschen untergang ist mein und deine ruh,

Sein leben beyder grab.

THEODOSIA.

Er laufft ergrimmt von hinnen!

Wie aber? lass ich zu, was mit erhitzten sinnen

Der käyser heist vollziehn? Soll der so hohe tag,

In welchem Gott und mensch arm in der krippen lag,

In welchem wir mit Gott uns eilen zu verbinden,[66]

Den holtzstoß auf der burg voll menschen-beiner finden?

Soll leichen-schwerer stanck vor unsern weyrauch gehn?

Sol sein geschrey vor gott bey unserm beten stehn?

Nein, warlich! nein! Ich muss, wo möglich, diß verhüten!

Ich wil den harten muth des fürsten überbitten,

Dass er das strenge recht nicht auf das fest ausführ.

Ich weiß, er wegert nicht so wenig gott und mir.


Quelle:
Andreas Gryphius: Werke in drei Bänden mit Ergänzungsband. Band 2, Darmstadt 1961, S. 61-67.
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