Der vierdte eingang.


[103] Der von Crambe. Die verschworenen.


CRAMBE.

Nur muth! die furcht ist falsch, die uns ietzt überfiel.

Ihr kennt den Theoctist?

1. VERSCHWORENER.

Was ist diß vor ein spiel?

CRAMBE.

Durch ihn läst Michael uns seine meynung wissen.

2. VERSCHWORENER.

Wie? Mündlich?

CRAMBE.

Nein, durch schrifft.

1. VERSCHWORENER.

Last uns den brief entschließen!

CRAMBE.

Es ist ein klein papier, mit wachs ganz überdeckt.

3. VERSCHWORENER.

Gemach! Es geht schon ab. Hier ist die schrifft versteckt.

4. VERSCHWORENER.

Ist diß sein petschaft?

CRAMBE.

Ja.

6. VERSCHWORENER.

Was mag ihn doch beschweren?

CRAMBE.

Ist diß wol fragens werth?

1. VERSCHWORENER.

Komm! ließ uns sein begehren!

CRAMBE.[103]

Durch euch komm ich, und ihr durch mich, in höchste noth:

Sieht mich der morgen hier, so schaut ihr pein und tod.

1. VERSCHWORENER.

Ich schaue keinen weg, ihm noch die nacht zu rathen.

Die burg ist starck besetzt, die thore mit soldaten

Versichert um und um, der ehrnen riegel macht

Schleust allen zugang ab.

3. VERSCHWORENER.

Hat er zuwegen bracht,

Dass Theoctist den weg durch thor und schloss gefunden,

Warum denn zweiffeln wir? wir? die wir nicht gebunden?

1. VERSCHWORENER.

Ein mensch kommt leichter von dem hof, als viel hinauf.

CRAMBE.

Vermag ein einger mensch mehr denn ein gantzer hauff?

1. VERSCHWORENER.

Ja freylich, wenn man sich in fuchsfell muss verkleiden.

CRAMBE.

Es gilt die leuen-haut.

1. VERSCHWORENER.

Diß wil die zeit nicht leiden.

CRAMBE.

Dafern uns, was er dreut, den morgen überfällt,

So lassen wir durch qual, verschimpfft, umsonst die welt.

2. VERSCHWORENER.

Es sey nun, dass man uns dem käyser hab entdecket,

Es sey, dass Michael uns nur durch wort erschrecket,

So rath ich: saumt nicht mehr! Diß was wir ingemein

Beschlossen, glaubt es fest! kan nicht verschwiegen seyn,

Dafern man länger ruht.

5. VERSCHWORENER.

Ist iemand hier zu finden,

Dem man verrätherey mit warheit könn auffbinden?

2. VERSCHWORENER.[104]

Betreug dich selber nicht! Das todte marmor hört,

Was man von fürsten dacht. Diß bild, der pfeiler lehrt,

Was wieder sie gemeldt, und kan von unrath sagen.

1. VERSCHWORENER.

Unraths mehr denn zu viel! Last uns nach rath umfragen!

CRAMBE.

Schafft auffruhr in der stadt!

1. VERSCHWORENER.

Wie? Wann? in einem nu?

2. VERSCHWORENER.

Erbrecht die burg mit gold!

2. VERSCHWORENER.

Wer spricht der wache zu?

Wer liefert uns das gold. Wird man so raue sinnen

Und so viel toller köpff in einer uhr gewinnen?

5. VERSCHWORENER.

Hört meinen anschlag an! Wenn man den vierdten theil

Der nacht ausblasen wird, muss in geschwinder eil

Die reyh der priester, der die schloss-kirch anbefohlen,

Sich finden auf die burg. Man kan mit ihr verholen

Eindringen durch die wach. Es wird mit höchster pracht

Das heilig hohe fest der freuden-reichen nacht,

In der die jungfrau hat des höchsten sohn gebohren,

In dessen gegenwart, auf dem wir uns verschworen,

Begangen, wie man pflegt. Auf denn! und legt euch an

Als priester! Werfft den helm, und was uns hindern kan,

Nur hin! Das schwerdt verbergt in ausgehölte kertzen

Und nehmt den tempel ein, biss dass der brunn der schmertzen,

Das ungeheure thier, unwissend seiner noth,

Unwissend dieser macht, dem längst-verdienten tod

Sich einzuliefern komm!

1. VERSCHWORENER.

Hier ist zu überlegen,

Mein bruder, was zu thun? Wenn iemand auf den wegen,[105]

Ja in dem tempel selbst uns in dem kleid erkennt,

Das uns nicht zimlich ist?

2. VERSCHWORENER.

Wenn uns die wach anrennt?

5. VERSCHWORENER.

Schlagt allen kummer aus! Das dunckel deckt die gassen;

Die priester pflegt man stracks ohn einred einzulassen;

Des tempels weiter raum versichert vor gefahr,

Biss dass der fürst erscheint; denn werfft ihn auf die bahr!

3. VERSCHWORENER.

Noch eins! Wir müssen all auf einmahl ihn bespringen;

Verzieht denn, biss man hör ihn mit den priester singen!

5. VERSCHWORENER.

Diß mag das zeichen sein: Wenn man das ander lied

Anstimmen wird, so geht und reißt das todte glied

Des großen reichs hinweg!

3. VERSCHWORENER.

Wir haben zeit zu eilen.

Sagt an, wo ihr bedacht in dessen zu verweilen!

CRAMBE.

Warum? Wo denkst du hin?

3. VERSCHWORENER.

Ich wil mich um ein kleid

Bekümmern.

CRAMBE.

Sonder noth! Man sol ohn unterscheid

Uns was erfordert wird, in meinem hause reichen.

Ich bitt euch, last uns nicht mehr von einander weichen

Biss nach vollbrachter that!

1. VERSCHWORENER.

Die grimme noth verbindt

Uns alle. Wo ihr nun die innren kräfft empfindt,

Und eu'r entbrandter muth die unversehnen pfeile[106]

Der schwartzen angst verlacht, wo ihr die donnerkeile,

Die stürme rauen glücks als felsen in der see

Ohn eine furcht besiegt, wo euch die grause höh

Der klipp, auf der wir stehn, in keinen schwindel stürtzet:

So haben wir die macht der tyranney verkürtzet.

Wo euch der ernste blick des todes zaghafft macht,

So glaubt, dass unser fall bestimmt nach dieser nacht.

Viel besser denn, sein blut und muth und gut und leben

Für das gemeine best, als schändlich hingegeben.

Mit kurtzem: hier ist ruhm, wo euch die ehr ansteckt;

Hier noth, wofern die noth den schlaffen muth erweckt.

CRAMBE.

Diß schwerdt, das ich anietzt mit dieser hand entdecke,

Bezeug es, wer ich sey! Wo ich den stahl nicht stecke

Dem leuen in die brust, so fahr er durch mein hertz!

Euch bit ich: stoß ich nicht, wo mich der grimme schmertz

Den arm nicht regen lässt, so stoßt mich selbst zu grunde!

1. VERSCHWORENER.

Diß ist mein vorsatz auch. Ich red es mit dem munde,

Ich schwer es mit der faust. Die that soll bürge seyn,

Dass ich tyrannen feind, dass keine furcht der pein

Bestritten meinen geist. Die stunde sol erklären,

Ob dieser muth zu klein, den thron in nichts zu kehren.

3. VERSCHWORENER.

Versichert euch diß fest, dass ieder willig geh,

Wohin diß werck uns rufft! Eh'r wird die glut in schnee,

Die flamm in gläsern eyß, das meer in graß sich wandeln,

Eh ich entgeistert stehn den anschlag abzuhandeln.

CRAMBE.

Gold wird durch glut, ein held durch angst und ach bewehrt;

Wer furchtsam, leb in noth; wer muthig, zuck' ein schwerdt.

Wolan denn! folgt! ich selbst wil euch in zimmer führen,

In welchem unschwer, euch auf geistlich auszuziehren.
[107]

Reyen der priester und jungfrauen.


I satz.


JUNGFRAUEN.

Die freudenreiche nacht,

In der das wahre licht selbständig uns erschienen,

In welcher der, dem erd und see und himmel dienen,

Vor dem die höll erkracht,

Durch den, was athem holt, muss leben,

Sich in das thränenthal begeben,

In welcher gott kam von der wolcken zelt,

Die wehrte nacht erquickt die große welt.


I gegensatz.


PRIESTER.

Der immerhelle glantz,

Den finsternis verhüllt, den dunckel hat verborgen,

Reißt nun die deck entzwey, die sonne, die eh morgen,

Eh der besternte krantz

Der himmel weiten bau geschmücket,

Eh ewigkeit selbst vorgeblicket,

Hervor gestralt, in schimmerndlichter pracht,

Geht plötzlich auf in schwartzer mitternacht.


I zusatz.


PRIESTER UND JUNGFRAUEN.

Erden steh! der himmel bricht,

Doch nicht zutrennt von heißen donnerkeilen.

Schau das geschöpff der engel zu uns eilen,

Weil der schöpffer uns zuspricht,

Doch nicht mehr mit schweren wettern, nicht mit grimmer glut umringet!

Ach! man hört sein zartes winseln, weil sein hohes feldheer singet!


II satz.
[108]

PRIESTER.

Wir irrten sonder licht,

Verbannt in schwartze nacht durch gottes ernstes fluchen;

Drum will der segensheld uns in dem finstern suchen.

Hört ihr sein ruffen nicht?

Ihr, die des höchsten bild verlohren,

Schaut auf das bild, das euch gebohren!

Fragt nicht, warum es in dem stall einzieh!

Er sucht uns, die mehr viehisch als ein vieh.


II gegensatz.


JUNGFRAUEN.

Der schatten nimmt ein end,

Die alte prophecey wird durch diß kind erfüllet.

Durch seine thränen wird der höllen glut gestillet;

Es beut uns mund und händ.

Könnt ihr nicht unsre glieder kennen?

Wir mögen gott nun bruder nennen!

Er ist nicht mehr ein feuer, das verzehrt;

Der HERR hat sich in einen knecht verkehrt.


II zusatz.


PRIESTER UND JUNGFRAUEN.

Ehre sey dem in der höh,

Der unser fleisch mehr als zu hoch verehret!

Der seine güt unendlich hat vermehret!

Sein stets fester friede steh

Länger, als die sonn uns schein! Dieses kind verleyh uns allen,

Dass wir wollen seinen willen, dass wir stets ihm wol gefallen!

Quelle:
Andreas Gryphius: Werke in drei Bänden mit Ergänzungsband. Band 2, Darmstadt 1961, S. 103-109.
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