[Die gelibte Dornrose: 2. Akt]

[37] Matz Aschenwedel / Lise Dornrose / Gregor Kornblume.


ASCHEWEDEL. Jche ho mey läbtige gehurt / an anschlägen / und ungegangenem Tuche giht vil ab. Sis nu schune zwey Johre / doß ich ümb Durnrusen gebulet ha / unde ha nischte als in kurb übern andern gemacht. Jche wees mers uff de letzte nimme mih ze engen / ich mus e ende draus machen. De alde Salome hot mer en Roht gegahn / ich selde hie e bisseln uff lauren / und selde sahn doß ich se mit gewalt wäg krigte / Se würde den wul Gott dancken / das ich se ock behilde und wens am schlimsten wird; Se loffe ich in da Krig / saht / da Dägen ho ich angebungen / unde dan Harnisch ongezahn daß se dencken soll ich sey schune e halber Gabelirer / Se pfläit gemeeniglich umb de Zeet e moll auszegihn / oder nochm Hoffe ze sahn / drümb muß ich a wing mich in dan sträuch verstecken! O saht! kümmt se doch schune. Jch mus Mutter Salomes Kunst versüchen / harr / harr / indam Sackeln stäckts / lust a mol hüren / wos se soyn wird.

DORNROSE. Vnseligste Libe! der trewesten Gemütter Pein und Folter!

ASCHEWEDEL. Schleeffsteen vun olle fünff Sinnen!

DORNROSE. Wahre Vnruhe dieses Lebens!

ASCHEWEDEL. Windmühle dar armen jüngen Leutte!

DORNROSE. Wenn wirst du dermall einst mich aus diesem irrgang führen.

ASCHEWEDEL. Krig ich dich ok / ich will dich wull ze rächte brengen saht sis su a schneppisch ding / se steckt immer uffm Edelhoffe se hot gar Städtisch larnen reden.

DORNROSE. Jch libe den / den ich liben soll / und einen andern der mich zu meiner Qval libet / hasse ich mehr denn den Tod und das Grab. O Kornblume! Kornblume! warum ist der Zanck zwischen meinem Vater / und deinem Vetter so gri iig! warumb wird er nicht hingelegt durch unsere Vereinigung![37]

ASCHEWEDEL. Je hurcht wos der Toifel kon!

DORNROSE. Was martert mich anderseits / der ungeschickte Aschewedel / welcher bloß derowegen auff diese Welt gebohrē! daß man sehen könte wie vil Vnart / Vnschamhafftigkeit / untugend / Grobheit u Flegeley in einem Hertzen stecken könte.

ASCHEWEDEL. Jß doß nicht a leichtfertig / luse / unbesunnen / ungewaschen Maul? Selde sich och e Mensch eibilden / das enne sittene undanckbere Jütte uffm Gottsboden laben selde / doch ß schod nischte / wē ichse ok warde mit dē dinge doß ich Mutter Salomen obkoofte anrühren / se wird wul anders warden.

DORNROSE. Mein Vater wil durchaus nicht / daß ich mich ferner unterstehe nur ein Wort mit Kornblumen zu reden.

ASCHEWEDEL. Doß iß räicht / ha weeß wul der alde Monn / wus em steckt.

DORNROSE. GIückselig / die zum minsten schrifftlich einander ihre Gemütts Meinung entdecken können.

ASCHEWEDEL. Grode rächt! grode rächt! saht ers ihr Nuckbern! doß hot ma dervon / we me de Maidlen lest in die Schule gihn / unde buchstabiren lärnen. Do machen se den Buler Brife unde singen Zschäntscher Lider vum schine Schaffer u der falschen Sylviges. Jch mus raus / unde sahn wie men Sachen ze rothen.

DORNROSE. O Himmel! welch Vnfal! dort kommet mein todt Feind her!

ASCHEWEDEL. Glück zu Schatz! wi stihts / wi gihts im e gut Labē?

DORNROSE. Es gehet mir ärger als zu erdencken.

ASCHEWEDEL. Wu stahme / darümme weel er Kornblumen nicht kriegen künnt! Gewaldige Sache! Jch bi su gutt asse Kurnblume / und noch wul andertholbe Centner besser.

DORNROSE. Das lasse ich an seinen Ort gestellt sein! Ja GOtt bewahre euch Jch muß eilen.

ASCHEWEDEL. Ney / Ney / Ney / Ney / es heist nicht Gott bewohre ech wir müssen vun wos anders mit anander reden.

DORNROSE. Wol / sagts denn mit kurtzem / Jch kan eurem Geschwetze nicht lange gehöre geben.

ASCHEWEDEL. Hürt ihrs Jungfer Durnruse. Jhr wists besser as meß sayn kan; Sider Fooßnach seens zwee Johre du wer zum irsten[38] mit anander bekand wurden. Jhr wisst wi lib ich euch gehot ho. Wi ufte ich euch ha a lustigis ufmachen lussen / wie manchen Jurmirt ich euch gekofft ho / ob a ich gleich sälden oder keemol getocht hot. Jhr wist och / daß ich a jung / frisch / starck / hurtig Gelencke / unde rächtschoffen Karle bin. Sechs Virtel Kurn troy ich wäg wie nischte (wen se gesackt seen) Wen Jch dräsche / su weeß ich da Flegel a su ortig ze schwencken / asse Key Schmideknaicht da Hommer. Wen ich hee oder Mist lode / se faste ich dreemol mih mit der Gabel asse süste zwüne. Wen ich tantze: So hüppe ich doß de Malde dencken / ich war mer da Kopp e dem Balcken in stücken stussen. Jch schloy mich och biß weeln im ganzen Kratschem mit Knaichten unde Bouren rümm unde mache doß der Balbir unde der Bader ze thun / unde de Gerichte ze besichtigen bekummen. Jche ha a holb Bawr Gütt / siß wull a wing wüste / aber wos schadts. Jch ha a virtel vum Gorten / an schold Briff über funffzig schwere Morck / baar Geld / wos wellt er den müh? Drümb machts kurtz. Jhr hatt mich lange genung mit der Nase rüm gefuhrt / ich kons och nimme de lange gleeben nu stracks de Hand uff de zu saginge.

DORNROSE. Jch trage noch wenig oder keine Gedancken zu heyrathen u bilde mir ein daß ihr nicht mir / und ich nicht euch bescheret sey / darumb lasset euch nichts aufhalten / sondern sehet euch eine andere aus / die ewer besser würdig / und welcher ihr mehr anständig / sintemal ich durchaus in den Gedancken mich ehistes ins Kloster zu begeben.

ASCHEWEDEL. Jns Kluster! dos wer mer a Pussen / wos wellt ihr am Kluster machen? Jhr ward doch keine Abttischn waren / wir wällen mit anander in a Kluster zihn do zwee poor Schu fürm Bette stihn / verstiht ihrs wul .... Ey hürt / ku it ock a bisseln mitte dorte hie.

DORNROSE. Jch habe dar nichts verlohren: weniger zu suchen:

ASCHEWEDEL. Saht ock / wos ich gefungen / richt ock wie wull reuchts.

DORNROSE. Pfuy weg mit dem Stanck unsauberer Narr.[39]

ASCHEWEDEL. Nu doch / nu doch / seed ock nich a su eppisch / e Mensch ist daß andern wahrt. Jch wiß wul doß ich de Nose immer huch stiht. Wen er nicht wällt doß ich a Paur bleebe: se will ich euch ze gefollen a Landsknaicht waren. Se liget ihr mit in der Stadt / oder uff der Qvarde ze Lande / unde dürfft nischte thun / asse frassen unde sauffen. Wen ich eime sen willen drüm mache / Se stiht a für mich Schildwache. Ze Johre ward ich den a Gefreeter a Capperall / a Feldwabel / a Leutenanter / a Fanrich den a Obirster Wachmeester und ze letzte gor a Oberster / dēckt wie wirds euch a su sanfte thun / wen ech die Paure warn Conterbution schicken / unde de Städter sprechen / guten Tag Frau Auberste Aschewedeln.

DORNROSE. Aus mit diesen Traumen / Jch begehre meinen Stand nicht zu endern / weniger mich mit euch in fernere Gespräche einzulassen.

ASCHEWEDEL. Jhr bild ech groilich vil ey. Nu bedenckt ech wull. Jch luß ech doch nicht vum Halse bis ihr mich nammt. O hartzt mich ok a mohl / doß ich ok mei arm zappelnd Hartze a wing derqvicke / ich weeß doß es aus siht asse ene gebackene Birne oder a wälck Rattig.

DORNROSE. Was gehet hir vor? Jch halte ihr seid nicht bey Sinnen / dürfft ihr mir auf offener Awen eine so unverschämte Thorheit zu muthen?

ASCHEWEDEL. Je nu / wos wers den müh / siß monchmoll anne Maidt mit em Knaichte ins Graß gegangen / oder uffs Hee kummen / wan se sich ok den dernoch trewen lussen / war froit dornoch?

DORNROSE. Aschewedel? Mit wem redet ihr / wen meinet ihr daß ihr vor euch habt? Schemet ihr euch nicht derogleichen Schand-Bübereyen auszuschütten?

ASCHEWEDEL. Frau Sulmes Kunst will nicht halffen / ich muß ß anders angreeffen. Jhr misst mich hartzen / Wällt er nicht mit gudem su geschah's mit Zwange ich kan mich nicht länger lussen zum Narren han.

DORNROSE. Packt euch von hier / wohin ihr gehöret: Jch werde es bey Gott meinem Vater klagen / der euch wol wird zu finden wissen.[40]

ASCHEWEDEL. Ja / kloit inde hie wen er glech itzund a wing büse seed: ihr ward wul wider gut waren. Siß och eur Arnst nicht / ihr must ech ju a bisseln stellen / aß wens ech ze nohnde wehr.


Aschewedel fasset Dornrosen mit Gewalt und wil mit ihr nach dem Pusche lauffen / sie wehret sich mit reissen und schlagen und ruffet überlaut.


DORNROSE. Gewalt! Gewalt / O Vater / O Nachbarn / O Freunde / O rettet /rettet!

ASCHEWEDEL. Sihst de nich doß ich a Schwardt ha. Jch dersteche dich unde dan irsten dar mir in Wäg kummt / wu de nicht Smaul hälst.

DORNROSE. Gewalt / gewalt / liben Freunde / helfft / helfft!

KORNBLUME. Wos ist dos für a Geschrey? dunckt mich doch wiß Durnruse wäre.

DORNROSE. Gewalt / Gewalt / O Vater / Freunde / rettet!

ASCHEWEDEL. Schweig / halt de Frässe / und kumm furt / s wird süste nich gutt warn.

DORNROSE. Gewalt / Gewalt.

KORNBLUME. Je wos gichtschände iß durte vur a gerammel / Ney saht / schleet sich nicht Aschewedel mit Durnrusen.


Kornblume laufft hinzu und schlägt auff Aschewedeln.


KORNBLUME. Du lechtfertiger / Yhr- und Redligkeet vergassener / Treuluser Landleufferischer Schelm und Dieb.

DORNROSE. Muttig mein Kornblume / mutig errettet mich von dem Ehrenschänder.

ASCHEWEDEL. Du Hund / du Lügener / du Kurndib / du Sideschelme / du Brudtsschalck.

DORNROSE. Kommet Vater / kommet Freunde / kommet Nachbarn und scheidet.


[41] Dornrose entlauft / Kornblume und Aschewedel dringen schlagend von dem Schaw-platz hinein.


KORNBLUME. Du Habermauß / du Spitzkupp / du tausend Schelme.


Quelle:
Andreas Gryphius: Verliebtes Gespenst, Die geliebte Dornrose. Berlin 1963, S. 37-42.
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