6.
Einsambkeit

[68] In dieser Einsamkeit/ der mehr denn öden wüsten/

Gestreckt auff wildes Kraut/ an die bemößte See:

Beschaw' ich jenes Thal vnd dieser Felsen höh'

Auff welchem Eulen nur vnd stille Vögel nisten.

Hier fern von dem Pallast; weit von deß Pövels lüsten/

Betracht ich: wie der Mensch in Eitelkeit vergeh'

Wie auff nicht festem grund' all vnser hoffen steh'

Wie die vor abend schmähn/ die vor dem tag vnß grüßten.

Die Höell/ der rawe wald/ der Todtenkopff/ der Stein/

Den auch die zeit aufffrist/ die abgezehrten bein.

Entwerffen in dem Mut vnzehliche gedancken.

Der Mauren alter grauß/ diß vngebaw'te Land

Ist schön vnd fruchtbar mir/ der eigentlich erkant/

Das alles/ ohn ein Geist/ den Gott selbst hält/ muß wancken.

Quelle:
Andreas Gryphius: Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. Band 1, Tübingen 1963, S. 68.
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