Zehnter Auftritt


[202] Molière in freudiger Aufregung. Die Vorigen.


LUDWIG. Molière! Was muß ich von Ihnen hören! Molière, Sie beabsichtigen –

MOLIÈRE. Ew. Majestät für eine Nachricht zu danken, die mich zum Glücklichsten aller Sterblichen macht –

LUDWIG. Molière, ist es wahr, daß Sie mit der Aufführung des Tartüffe – – geheime Zwecke verbinden?

MOLIÈRE. Sire, nur den offenen Zweck, die Heuchelei zu entlarven und die Tugend zu rechtfertigen.

LUDWIG. Nein; man hat mir ganz andere Dinge berichtet! Man hat mir gesagt, daß Sie nur deshalb den Tartüffe so anzüglich geschrieben haben, weil – Sie volle Häuser machen wollen!

MOLIÈRE. Wollte Gott, Majestät, alle Stücke, die ich aufführen muß, hätten sich diesen löblichen Zweck gesetzt. Sire, man hat den Tartüffe verboten, weil er dem Throne gefährlich wäre –

LUDWIG. Ich rede nicht vom Throne –

MOLIÈRE. Weil er der Kirche –

LUDWIG. Ich rede nicht von der Kirche –

MOLIÈRE. Weil er gegen die Regeln des Aristoteles verstieße –

LUDWIG. Ich rede nicht Aristoteles –

MOLIÈRE. Ew. Majestät haben das Verbot aufgehoben – Ganz Paris ist in Bewegung.

LUDWIG. Paris könnte der Ruhe pflegen –

MOLIÈRE. Sire! Die Munizipalität von Paris kommt, um Ew. Majestät ein Lebehoch zu bringen.

LUDWIG. Die Munizipalität soll meine Ohren schonen! Molière, ich schätze Sie, aber ich gestehe Ihnen, Sie – – Sie greifen mir ja alle bestehenden Verhältnisse an! Sie – – Sie schonen ja niemanden! Wenn das so fortgeht, bin ich selbst nicht mehr vor Ihnen sicher.

MOLIÈRE. Majestät?

LUDWIG. Können Sie leugnen, Molière, daß Sie die Aufführung des Tartüffe nur deshalb so beeilen, weil –

MOLIÈRE. Weil ich nach Lyon zu reisen gedenke und gern noch mit einem neuen Stück von Paris geschieden wäre.

LUDWIG. Das ist nicht allein der Grund – Sie haben tiefergehende Pläne – Sie sind im Begriff – – Ihre Umstände auf andere Art zu verändern –

MOLIÈRE. Majestät, wäre die Kunde schon zu Ihnen gedrungen? Ja, Sire, ich liebe, ich liebe die treueste, die liebenswürdigste[202] Jüngerin der Musen, ich liebe meine Schülerin Armande und schätze mich glücklich, ich werde wiedergeliebt.

LUDWIG. Wiedergeliebt werden Sie? Sie wollen mit den Einnahmen des Tartüffe sich eine Wirtschaft einrichten – für einen Dichter wie – – prosaisch das!

MOLIÈRE. Sire, die französischen Münzen tragen alle das Bildnis eines sehr poetischen Königs.

LUDWIG. Ich habe Ihren Tartüffe in Schutz genommen gegen die Ärzte, gegen die Advokaten, gegen die Akademiker, ich nehme sogar an, daß die Geistlichkeit, diejenige wenigstens, die ich achte, sich durch Ihr Stück nicht beleidigt fühlen kann – aber ich höre nun doch –

MOLIÈRE. Majestät, dies plötzliche Mißtrauen –

LUDWIG. Ihre Hast, Ihre Eile, diesen Tartüffe aufzuführen; es kommen Stellen im Tartüffe vor, schwierige, höchst schwierige Stellen –

MOLIÈRE. Das Ensemble wird vollendet sein –

LUDWIG. Auch in der Szene, wo Sie mit Elmire spielen? – Gestehen Sie nur, wenn Sie Tartüffe spielen und Armande Elmire – Sie haben da zusammen eine Szene mit einem Tuch – das ist – gerade herausgesagt, das ist eine undelikate Szene – eine Szene, die die Grenzen der Bühne überschreitet. Ich will lachen im Theater, ja! – aber ich will es denn doch nicht – auf Kosten des – ja, in der Tat, des – des Anstandes tun.

MOLIÈRE. Sire, des Anstandes?

LUDWIG. Hm! die Szene mit dem Tuch hat etwas Pikantes, das – zu weit geht. Die Szene mag – witzig sein, sie mag – originell sein – aber mit einem Worte, ich finde sie nicht – sittlich!

MOLIÈRE. Majestät, nicht sittlich?

LUDWIG. Wer wird eine solche Szene ansehen können, ohne zu erröten? Die Bühne ist denn doch nicht dazu da, um durch Zweideutigkeiten die Damen zu beleidigen – Molière, sagen Sie selbst, wenn Sie sich z.B. Armanden nähern –

MOLIÈRE. Elmiren, Majestät –!

LUDWIG. Wenn Sie zu ihr sagen: Ich, Molière, ich –

MOLIÈRE. Ich Tartüffe, Majestät!

LUDWIG. Tartüffe oder Molière – Molière oder Tartüffe – es ist Paris im Jahre 1667 – es ist ein wirkliches Tuch, es sind wirkliche Hände –

MOLIÈRE. Majestät, mein Spiel wird so zurückhaltend wie möglich sein![203]

LUDWIG. Zurückhaltend oder nicht – ... ich habe in solchen Dingen ein Gefühl, auf das ich mich verlassen darf. In der Ferne hört man Musik. Seit wie lange stehen Sie schon mit Armanden so vertraut?

MOLIÈRE. Das erklärte Einverständnis findet im stillen bereits seit zwei Jahren statt.

LUDWIG. Seit zwei – das ist nicht wahr! Für sich. Die Falsche, die Heuchlerin –

MOLIÈRE. Sire –

LUDWIG. Gehen Sie! Machen Sie Hochzeit! Eine – – prosaische Hochzeit! Beiseite. Seit zwei Jahren!

MOLIÈRE. Die Hochzeit kann erst folgen nach der Einnahme, die mir Tartüffe verschaffen wird –

LUDWIG. Dann bedaur' ich, daß Sie warten müssen.

MOLIÈRE. Majestät?

LUDWIG. Ich sage nicht, daß ich den Tartüffe verbiete, aber – was bedeutet die Musik?

DELARIVE. Die Bürgerschaft von Paris nähert sich dem Louvre, um Ew. Majestät für die Aufhebung des Verbots den Dank der Stadt auszudrücken.

LUDWIG. Dank? Das lieb' ich nicht – das will ich nicht! Das sind Demonstrationen, die nur böses Blut setzen! Angriffe auf den Staat würden mich gleichgültig lassen, Molière, denn mein Staat steht fest ... Angriffe auf unsere Justiz veracht' ich, denn ich liebe die Gerechtigkeit – die Kirche kann sich gleichfalls nicht getroffen fühlen, denn sie beschützt keine Heuchler – Aristoteles kümmert mich am wenigsten, das mag die Akademie vertreten; aber das, worauf mir doch alles ankommt und wenigstens meinem persönlichen Geschmack entspricht, Molière, das ist – – das ist denn doch die – Moral! Ja, Molière die Moral! Sagen Sie Paris, ich verbiete den Tartüffe nicht, das nicht – keineswegs – aber ich – Beiseite. was tun, um Zeit zu gewinnen?

MOLIÈRE beiseite. Was werd' ich hören müssen!

LUDWIG. Ja, das ist's! Molière, schicken Sie mir ein Exemplar Ihres Lustspiels. Sagen Sie der Stadt Paris: Ludwig XVI. hat sich entschlossen, den Tartüffe weder zu verbieten, noch ihn zu gestatten, aber Ludwig XIV. wird dennoch Gerechtigkeit üben, er wird das größte erdenklichste Opfer über sich gewinnen, was er bei den Sorgen des Thrones nur bringen kann, er wird den Tartüffe lesen!


Winkt Delarive und geht ab.


DELARIVE. Armer Molière, Könige handeln rasch, aber sie lesen – langsam!


Folgt.
[204]

MOLIÈRE. Himmel, was hat den König – gegen mich – so eingenommen?


Draußen Tusch und ein Hoch! Die Flügeltüren öffnen sich. Die Abgeordneten der Bürgerschaft werden sichtbar.


Quelle:
Gutzkows Werke. Auswahl in zwölf Teilen. Band 2, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart [1912], S. 202-205.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Das Urbild des Tartüffe
Das Urbild des Tartüffe

Buchempfehlung

Knigge, Adolph Freiherr von

Über den Umgang mit Menschen

Über den Umgang mit Menschen

»Wenn die Regeln des Umgangs nicht bloß Vorschriften einer konventionellen Höflichkeit oder gar einer gefährlichen Politik sein sollen, so müssen sie auf die Lehren von den Pflichten gegründet sein, die wir allen Arten von Menschen schuldig sind, und wiederum von ihnen fordern können. – Das heißt: Ein System, dessen Grundpfeiler Moral und Weltklugheit sind, muss dabei zum Grunde liegen.« Adolph Freiherr von Knigge

276 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon