Letzter Auftritt


[227] La Roquette. Später Molière. Dann Armande, Madeleine und Matthieu. Zuletzt Ludwig und die Übrigen.


LA ROQUETTE allein. Alles verloren! Alles hin! Ich bin verurteilt, rücklings auf die Nachwelt zu kommen und noch das[227] Zwerchfell der spätesten Jahrhunderte zu kitzeln – Flieh' ich? Bleib' ich? Soll ich mich selbst sehen?


Molière als Tartüffe tritt schnell herein.


LA ROQUETTE sieht sich in Molière wieder. Ha! Wer bist du, Mensch? Was willst du von mir? Hinweg, Gespenst! Laß mich!

MOLIÈRE. Erkennst du mich? Fühlst du, wer ich bin? Dein Gewissen! Ja, dich und den Schatten eines durch dich geopferten Unglücklichen wollt' ich der Welt zeigen! Sieh hin, dort unten steht Duplessis als Orgon, Elmire ist das Weib deines Freundes, das zur schändlichsten Untreue du, du verleitetest; die Frauenstimmen, die an dein Ohr dringen, sind die beiden Kinder deines Freundes, die durch dich in die Nacht des Lebens geschleudert wurden und sich in dem Augenblick, wo deine Missetaten ans Tageslicht kommen, erkennen und als Schwestern wiederfinden müssen! Sieh, sieh, so wie ich hier stehe, dein Schatten, dein Ebenbild, werd' ich jetzt vor die Menge treten, und Jubel wird nicht Molière, nicht Tartüffe, nein, den Präsidenten La Roquette empfangen –


Matthieu hat rechts und links Madeleinen und Armanden am Arm. Armande trägt eine blonde Perücke in der Hand und sonstige Kleidungsstücke, die Molière später braucht.


MATTHIEU. Gott sei Dank! Molière, ich komme noch zur rechten Zeit! Es hat mich 3000 Livres Kaution gekostet!

MADELEINE. Da ist er! Der ist's! Dem verdanken wir diese Verbote, diese gestohlenen Soufflierbücher, diese Bastillen! Schlechter Mann, wenn Sie mir nicht eine Schwester geschenkt hätten –


Legt ihren Arm um Armande.


MOLIÈRE. Hier stehen die beiden Erbinnen jener Summen, die du dem Opfer deiner Heuchelei und Tücke geraubt hast! Versprichst du, Madeleinen ein Vermögen von 30000 Livres auszuzahlen?

LA ROQUETTE. 30 Tau – Was hilfst mir das jetzt?

MOLIÈRE. Versprichst du ferner, für den Anteil, der meiner Armande gebührt, und auf den sie verzichtet, weil ich, der Muse sei Dank! die Mittel besitze, sie zu ernähren, versprichst du mir für diesen Anteil, damit das Talent, das Laster zu entlarven, in Frankreich nicht aussterbe, 30000 Livres zu dem Zweck zu bestimmen, daß davon eine Theaterschule, eine Akademie für den Unterricht in der Schauspielkunst gestiftet wird?

LA ROQUETTE. Blasphemie!

MOLIÈRE. In diesem Falle siehe, was ich tue! Dankbar für die Idee, die du mir wider Willen zu einem Stück gegeben hast, will ich nicht, daß man sage, seht, das ist der Präsident La Roquette![228] Molière – beweise dir, daß er ein edleres Herz hat! Hier ein Tuch, das du nicht zu tragen pflegst! Hier ein Kopf, der nicht der deine ist!


Setzt sich rasch die große blonde Perücke auf und bindet sich ein blaues Tuch als Leibbinde um.


LA ROQUETTE. Ha! Man wird mich nicht erkennen?

MOLIÈRE. Deine Taten, ja! Aber deine Person will ich schonen. Draußen stürmischer Applaus. Hörst du, wie sie dich schon erwarten? Die Ungeduld, dich in mir und mich in dir zu sehen, grenzt an Raserei. Schwöre zu erfüllen, was ich verlangt habe – und ich gehe hinaus, so wie ich jetzt hier stehe!

LA ROQUETTE. Ich schwöre –

MADELEINE, ARMANDE. Nicht bei Gott, den du gelästert!

LA ROQUETTE. Beim Lichte der – Wahrheit!

MOLIÈRE, MATTHIEU. Bravo Tartüffe!

LUDWIG hat schon vorher den Vorhang gelüftet und tritt mit den Herren aus der Loge. Nein, schwören Sie nicht, La Roquette! Schwören Sie bei der Nacht der Lüge! Molière, Sie haben Großmut gezeigt einem Manne, der sie nicht verdiente!

LA ROQUETTE beiseite. Das wird der letzte Tag meines Lebens!

LUDWIG. Nichts entging mir von dem, was hier gesprochen wurde, und was ich nicht verstand, ergänzten diese Herren! La Roquette, das also sind die Frommen, die Frankreich und mich beherrschen wollten? Sie, das Urbild des Tartüffe, suchen Sie nie wieder die Nähe eines Fürsten auf, der für immer vom Ruder des Staates die Heuchler verbannt, Richter sind Sie, von diesem Amte kann ich Sie nicht entfernen, aber ohne Zweifel geben Sie selbst es auf, wenn ich Sie hiermit der übrigen Ämter, die Sie außerdem bekleiden, für immer enthebe –

LA ROQUETTE. Sire, Gnade –

LUDWIG. Legen Sie die Würde eines Anwalts meiner Krone nieder! Zu den andern. Also zwei Schwestern! Geht zu Madeleinen. Schöne Madeleine, ich wünsche, daß Sie eine ebenso große Künstlerin werden mögen, wie Armande, aber eine Künstlerin auf der Bühne, nicht Mit vorwurfsvollem Blick auf Armande. hinter den Kulissen!

ARMANDE beschämt und bittend. Sire –

LUDWIG. Schon gut, schon gut! Ich werde meine Protektion Madeleinen zuwenden. Sie aber, Molière – meine Herren, ich mache mir ein Vergnügen daraus, jetzt aus der großen Hauptloge, wo ich die Prinzen des königlichen Hauses erblicke, Frankreich zu zeigen, daß ich in Molière die Kunst, in der Verbannung und Entlarvung seiner Auf La Roquette. Feinde die Freiheit der Gedanken und der Gewissen ehre. Folgen Sie mir! Ab nach innen.[229]

CHAPELLE. In die große Hauptloge? Molière! Ein Sitz in der Akademie ist erledigt! Macht sich Ihr Stück in der Vorstellung besser als in der Lektüre, so seien Sie überzeugt, daß ich Ihre Berechtigung anerkenne, ebenso unsterblich zu sein – wie wir!


Lionne, Dubois, Lefêvre, Delarive folgen dem König.


MATTHIEU. Herr Expräsident! Ich gehe unter den Kronleuchter und räche mich für die Bastille als Claqueur aller der Stellen, die auf Sie Bezug haben.

MOLIÈRE. Die Bedingungen! Oder morgen bei der ersten Wiederholung stell' ich den Wolf in seinen wahren Kleidern dar. Meine Freundinnen, meine Schwestern, jetzt an die Lampen!

MATTHIEU. Und ich unter den Kronleuchter.


Alle vier nach einer Seite hin zugleich ab.


LA ROQUETTE allein. Geht nur, geht! Fürs Leben hab' ich verloren und auf der Bühne nur halb gewonnen – Aber verjagen kann man uns wie die Wölfe, und wie die Füchse kommen wir wieder. Rächt euch! Rächt euch! Wir werden es auch tun. Im Ton der Demut. Ich trete in den Orden der Jesuiten!


Der Vorhang fällt.


Quelle:
Gutzkows Werke. Auswahl in zwölf Teilen. Band 2, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart [1912], S. 227-230.
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Das Urbild des Tartüffe
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