Fünfter Auftritt.


[149] Der Erbprinz tief in einen weißen Mantel gehüllt. Hotham mit einer spitzen Blechmütze, wie sie zum damaligen preußischen Militärköstum gehörte, in der Hand; doch darf diese Mütze noch nicht gesehen werden. Die Vorigen.


WILHELMINE. Wie? Wen seh' ich?

ALLE. Der Erbprinz von Baireuth!

KÖNIGIN. Was ist das, Ritter! Wo ist der Prinz von Wales?

HOTHAM. Majestät, ich erstaune! Wie ich soeben, in diesem Augenblick, erfahren habe – der Prinz ist auf einer Reise nach Schottland begriffen.

ALLE. Wie?

KÖNIGIN. Der Prinz ist nicht in Berlin?

HOTHAM. Während einige der glaubwürdigsten Zeugen versichern, der Prinz wäre wirklich hier gewesen, wollen andere behaupten, er wäre nach England in dem Augenblick zurückgekehrt wo er erfahren mußte, daß sich das Interesse seines Patriotismus das Interesse der Baumwolle mit den Empfindungen seines Herzens nicht vereinigen ließe.

KÖNIGIN. Was soll der Erbprinz von Baireuth?

HOTHAM. Er suchte, wie wir, den Prinzen von Wales, mit dem er im Begriff ist, sich auf Tod und Leben zu schlagen.

ALLE. Ha!

KÖNIG. Zu schlagen? Warum denn er?

HOTHAM. Weil der arme Prinz eines kleinen Landes dem Prinzen eines Weltstaates seine Flotten, seine Armeen, seine Schätze gönnt, einen Schatz aber nur mit seinem Blut ihm abtreten wird, die Hand der Prinzessin Wilhelmine, die er liebt!


Allgemeine Bewegung.


KÖNIG. Die er liebt? Die Hand meiner Tochter? Ja, kann denn der Erbprinz von Baireuth auch ein Schwert führen?

HOTHAM zieht dem Erbprinzen den Mantel ab und setzt ihm die blecherne Mütze auf.

ERBPRINZ steht im Kostüm eines Grenadiers der Zeit da. Sein Haar ist in einen langen Zopf geflochten. Er bleibt unbeweglich, in militärischer Haltung.

KÖNIG. Was seh' ich? Der Erbprinz? Ein Grenadier? Mit Zopf – und – Schwert?[149]

HOTHAM. Die Equipierung des jungen Rekruten vom Regiment Glasenapp, den ich vor seiner Abreise nach Pasewalk Ew. Majestät vorzustellen die Ehre habe.

KÖNIG. Ein deutscher Prinz, der sich's zur Ehre rechnet, in meiner Armee von unten auf zu dienen? Kommandiert. Bataillon, linksum! Bataillon, vorwärts marsch!

ERBPRINZ exerziert auf Wilhelminen zu.

KÖNIG. Halt! Zu Wilhelminen. Ist der Feind da drüben gesonnen, sich der diesseitigen Kapitulation anzuschließen?

WILHELMINE. Bis in den Tod!

KÖNIG. Ganzes Regiment, rechtsum schwenkt! Vorwärts marsch, Rechten, Linken, einundzwanzig, zweiundzwanzig!


Alle drei marschieren auf die links stehende Königin.


KÖNIG. Halt!

WILHELMINE UND ERBPRINZ sinken der Königin zu Füßen. Mutter!

KÖNIG. Das war kein Kommando.

ERBPRINZ. Aber der Drang des Herzens.

HOTHAM gutmütig zur Königin flüsternd. Majestät, verbessern Sie den Fehler der beiden jungen Rekruten.

KÖNIGIN. Gehen Sie mir aus den Augen, Sie Verräter an Ihrem Königshause. Steh' auf, Wilhelmine. Zum König, zögernd. Wir haben ja aber noch Österreich?

KÖNIG. Aber Österreich hat nicht uns. Die Kreaturen, Prinz? Morgen früh gibt's Abschiede und Pensionen. Mütterchen, nehmen wir ihn zum Schwiegersohn?

KÖNIGIN. Unter der Bedingung – daß – die Aussteuer von mir festgesetzt wird –

KÖNIG. Und der – daß du Die Königin umarmend. an meinem Herzen bleibst. Jetzt fehlt nur Friedrich noch! Ritter Hotham, das kam also alles von Ihrer Baumwolle her? Dank Ihnen für den prächtigen Rekruten! Zu Hotham laut ins Ohr. Wie ist er denn so schnell nüchtern geworden?

ERBPRINZ. Majestät, Vergebung, noch bin ich ja trunken vor Freude!

KÖNIG. Vergebung? Für Ihre Rede, mein Sohn? Wenn sie einst so, wie Sie sie gehalten haben, im Buch der Geschichte steht, ist mein altes Herz zufrieden und wünscht nur noch, daß man hinzufügt: Er wollte mit seinem Schwert wohl König, aber mit seinem Zopf im Staat nur der erste Bürger sein!


Gruppe.

Der Vorhang fällt.


Quelle:
Gutzkows Werke. Auswahl in zwölf Teilen. Band 2, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart [1912], S. 149-150.
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