Viertes Capitel
Der Schrein im Tempelhause

[78] Eines Abends, erzählte Dankmar, lockte mich der Ton der Orgel in der Johanniskirche, deren Sacristei mit dem Tempelhause durch jenen Anbau verbunden war, in den größern Saal, in welchem einst die jetzt verschwundene Bibliothek des Ordens stand, und die kleinern Nebengemächer, wo sich sein Archiv befunden haben soll. Es war eine gewisse Ordnung in das Häuschen gekommen. Die alten geistlosen Schreibereien über Rinder und Mehl waren entfernt, das Erdgeschoß war vom Schmuz, das obere Stockwerk vom Staube gereinigt. Unten sollte eine Waschküche angelegt werden, ein Trockenplatz für den Winter, oben der kleine Saal, einfach gewölbt, und die Nebenzimmer trocken und warm, standen unserer Benutzung anheimgegeben als Wohnzimmer. Es wäre in ihnen traulicher zu hausen gewesen als in den hohen Zimmern des großen Prunkgebäudes nebenan. Die Orgeltöne in der Johanniskirche kamen von einem jungen Schullehrer, der sich zum nächsten Sonntagsgottesdienste übte. Es war mir eine eigene Empfindung, wenn ich zurückdachte an die frühere Bestimmung dieses ganzen alten Tempelhofes.[78] Man hat noch viel zu wenig über den Zweck, die Bedeutung und die Schicksale dieser alten Ritterorden nachgedacht. Ihr Ursprung ist märchenhaft und dunkel, ihr Ende sicherlich nicht so, wie es erzählt wird und gleichsam zu Protokoll gegeben ist. Wer kennt die geheimen Fäden, die aus den Bauten der Indier herüberreichen in den Tempel Salomon's und das Grab des Erlösers, das die Tempelritter hüteten? Wer weist nach, welche noch geheimern Fäden sich von ihnen bis in die neuere Gesellschaft ziehen, während wir jetzt schon wissen, daß vielleicht die Freimaurer, trotz alles Leugnens der Forscher, das Geheimniß der Tempelweihe in sich aufnahmen! Diese geistlichen Ritterorden standen zwischen den Weltlichen und zwischen den Geistlichen in der Mitte, vom Papste und den Königen zugleich geehrt und zugleich verfolgt und immer ehrwürdig durch sich selbst, durch ihre Entsagung, durch ihre Tapferkeit. Sie retteten die Weltlichkeit vor allzu gedankenloser und unheiliger geistiger Richtung, sie retteten den geistlichen Stand vor allzu mönchischer Verdummung und thatenloser Beschaulichkeit. Das Schwert war ihre Inful, der Mantel mit dem Kreuze ihr Pallium. Laß mich's dir sagen, Bruder, heute zum ersten male in Worten, die meiner stillen Bewunderung ein lautes Zeugniß geben, daß dein herrliches Bild, der Feuertod Jakob's von Molay, auch mich tiefinnig ergriffen hat. Ich habe dir bisher nur in lauer Weise, scherzend fast, darüber gesprochen, weil du weißt, wie ich dich verehre, und wie Alles, was von deiner Künstlerhand[79] kommt, mir schon von selbst sich anpreist. Aber ich sehe ein, daß Diejenigen wenig verstehen, mit schaffenden Genien umzugehen, die nicht Alles und Jedes, was diesen entstammt, immer wieder neu begrüßen, neu anerkennen. Nichts kann im Künstler eine bloße Fortsetzung seiner einmal aufgezogenen Thätigkeit sein. Jeder Gedanke, den er verkörpert, entspringt aus einer neuen Offenbarung seines Geistes, die heute durch die Luft, morgen durch Feuer und Wasser zu ihm spricht. Vergib mir, daß ich dir erst heute so theilnehmend und hingegeben von deinem Werke rede!

Dankmar! sagte Siegbert tief gerührt und ergriffen. Eine Thräne stand ihm im Auge, er faßte zitternd des Bruders Hand, die dieser an sich zog und ans Herz drückte. Dankmar! Du bist gut! war Alles, was Siegbert sagen konnte.

Ja, fuhr Dankmar begeistert fort, die Prophezeiung, die man dir und dem so früh sich verrathenden Genius des Knaben stellte, erfüllt sich doch wunderbar. Erlebte Das der Vater, der so früh auf unsere Gaben lauschte, und in mir nur den kalten Verstand des Advocaten, in dir die Wärme und das Talent des Künstlers entdeckte! Hat er uns nicht gepflegt wie zarte Pflanzen, geschützt vor rauhem Sturme der Sorge; hat er nicht selbst gedarbt, um uns den Weg des Glücks zu bahnen?

Auch Dankmar's Augen zitterten. Auch ihm feuchteten sie sich. Seine Nerven schienen erregter als sonst. Es mußte mit dieser starken, metallenen Natur wirklich eine[80] gewaltige Erschütterung vorgefallen sein, daß sie einmal so ihre gewöhnliche Weise von sich warf. Doch war es nur ein Augenblick. Während Siegbert seinen Gefühlen der Erinnerung an einen sorgsamen, liebenden, zu früh dahingegangenen Vater freien Raum ließ, fuhr Dankmar, schon wieder gesammelt, fort:

Alles Das bewegte mich in dem Bibliothekzimmer der Tempelherren beim Klange der Orgel aus der St.-Johanniskirche. An die kahlen Wände zauberte ich mir dein Bild. In dem dunkeln, von den Flammen rembrandtisch erhellten Vorgrunde, das Antlitz König Philipp's des Schönen, der am Vorsprung eines Fensters es wagte, dem Tode der Opfer seiner Habgier beizuwohnen, neben ihm der Legat des Papstes, der seinem noch zögernden und vielleicht nicht ganz erstickten Ehrgefühl den Muth zuzusprechen scheint, diese Hinrichtung deshalb zu wagen, weil die Tempelherren falsche Götzen anbeteten und gotteslästerliche Ceremonien übten! Auf hundert Schritte von diesen beiden Köpfen, neben denen sich im Vorgrunde eine Reihe anderer mit dem gemischtesten Ausdrucke und in wunderherrlicher Flammenbeleuchtung hinzieht, der edle Ordensmeister auf dem Holzstoße, hinter und neben ihm einige andere dem Tode geweihte Ritter, alle von den Flammen umzüngelt und glücklicherweise im Rauche schon erstickend, ehe sie noch das grausame Feuer erreicht. Die weißen Ordensmäntel mit den eingestickten Kreuzen wehen schon angesengt und halb verbrannt im Winde. Hier und da sieht man unter ihnen noch einen[81] geschuppten Waffenrock und auf der Brust das Wappen der Ritter, wozu du bei einem, der dem Vater ähnlich sieht, unser altes Wappen nahmst und dir darunter Hugo von Wildungen dachtest. Über dem Ganzen aber im Wiederschein des Qualms und der Flammen gegen den reinen Äther schwebt eine wie zufällig aufflatternde Taube, die so majestätisch in dem feurigen Lichte schwebt, daß sie Jeder für das Symbol des siegreich aufsteigenden heiligen Geistes erkennen wird.

Ich entlehnte, fiel Siegbert lächelnd über des Bruders Beschreibung seines Bildes ein, ich entlehnte diesen Gedanken der Sage vom Feuertode des Johann Huß.

Gleichviel, fuhr Dankmar fort; auch von diesem Aschenhaufen des Jahres 1314 stieg die Taube der Unschuld, das Symbol der Liebe empor, wenn auch vielleicht noch nicht das der Gedankenfreiheit, in dem ich mir lieber einen Adler mit trotzig ausgebreiteten Schwingen denken möchte. Der in Frankreich, Italien und England aus Habsucht verfolgte Orden erhielt sich längere Zeit in Deutschland, wo ihn, wie manchen andern bessern Gedanken, gerade die Zerrissenheit des Staats zu retten schien. Ein Fürst gönnte des Ordens Besitzthümer dem Andern nicht und so wäre er vielleicht von allen verschont geblieben, wenn ihn eine Bulle des Papstes nicht gezwungen hätte, ein Nebenzweig des Johanniterordens zu werden. Auch im Harze hatte der Orden Tempelhöfe, und sandte von ihnen Ritter aus, die für das Grab des Erlösers in Syrien kämpften. Als die Tempelherren Johanniter wurden, kämpften[82] sie auf Rhodus und Malta. Andere standen im Dienste der Republiken Venedig und Genua, immer um gegen die Ungläubigen und für die Wiedereroberung des heiligen Grabes zu fechten. Sie gewannen dabei kostbare Schätze, die jedoch nicht ihnen, sondern dem Orden gehörten. So hatte Hugo von Wildungen dem in einen Johanniterhof verwandelten Tempelhause von Angerode die uneigennützigsten Dienste geleistet, als die Reformation sich im Harz ausbreitete, die Klöster entvölkerte und auch die Ritterorden auflösend ergriff. Noch wurde im Schooße des erschütterten Ordens die Partei, die am Papste festhielt, von dem katholischen Fanatiker Heinrich von Braunschweig geschützt. Noch fielen die Anhänger der Reformation am Fuße des Harzes auf dem Blutgerüst oder schmachteten in Heinrich's und Georg's von Sachsen tiefsten Kerkern. Aber der Geist der Zeit unterstützte alles Das nicht mehr, was nur noch durch die Schärfe des Schwertes behauptet werden konnte. Auch der Johanniterhof von Angerode rüstete sich zum protestantischen Glauben überzugehen, und wandte bereits den Ertrag seiner Reichthümer dem zum Orden gehörenden Adel als in seiner Familie erbliche Besitzthümer zu. Dagegen trat jedoch Hugo von Wildungen auf, er, der Einzige, der katholisch blieb, er, der es noch da zu bleiben wagte, als auf Heinrich und Georg Regenten folgten, die der Reformation huldigten. Nach der Schlacht von Mühlberg, als die deutschen Fürsten in Halle vor Karl dem Fünften knieeten und er ihnen zur Beruhigung zurief: »Nicht Kopf[83] abe!« bestätigte der Kaiser feierlich den St.-Johannesritter Hugo von Wildungen als Comthur und alleinigen Vertreter der Rechte des katholisch gebliebenen Johanniterhofes von Angerode. Mit dem Heere des Kaisers aber zog auch seine Macht ab. Die abtrünnigen Ritter ließen sich von einem Papier aus ihrem Raube nicht verdrängen und Hugo von Wildungen mußte weichen. Um ihm aber, den Alle achteten, einen Beweis der Verehrung zu geben, um ferner das Beispiel zu beschönigen, das sie selbst von eigenmächtiger Habsucht durch Aneignung der Güter des alten Tempelhofes gaben, setzten die übergetretenen Ritter ihrem katholischen Meister, der erst nach Baiern, dann nach Rom und Malta auswanderte, die letzten Häuser und Liegenschaften des Ordens aus, die sie noch in großen Städten, unter Anderm auch in der jetzigen Landeshauptstadt, besaßen. Die förmlich darüber aufgesetzte Urkunde schickte jedoch Hugo aus Venedig zurück, weil er erklärte, es einem Fluche gleichachten zu müssen, vom Gute des Ordens für sich zu stehlen, wie es die andern ketzerischen Ritter gethan hätten. Bis soweit reichte, wie du ja selber weißt, die Tradition unserer Familie .....

Siegbert bestätigte Dies und sagte:

Wie oft mögen unsere später auch zum Protestantismus übergegangenen, verarmten und durch sich selbst entadelten Ahnen beklagt haben, daß ihrer Familie ein so starrköpfiger Charakter angehörte, der diese wichtige Urkunde zurückschicken konnte! Und wenn sie sich auch fände, sie würde uns jetzt nichts mehr helfen.[84]

Diese schwerlich, sagte Dankmar. Die Erben des vierblätterigen Kreuzes würden immer sagen ...

Des vierblätterigen Kreuzes? fiel Siegbert befremdet ein.

Das Kreuz in seinen vier Enden, sagte Dankmar zum staunenden Bruder, mit dem dreiblätterigen Kleeblatt blieb das katholische Symbol. Die protestantischen Johanniter jener Gegend jedoch – abweichend vom gewöhnlichen Johanniterkreuze – behielten das Kreuz, setzten aber in seine Enden statt drei vier Rundungen, die das vierblätterige Kleeblatt bezeichneten. Dieser Zwiespalt währte bis zum Dreißigjährigen Krieg, wo die Ordensbekenner ausstarben und die noch vorhandenen, nicht vertheilten Güter des Ordens den aufgesparten und seinen Angehörigen vorbehaltenen Antheil Hugo's von Wildungen Dem ließen, der die Macht hatte, sie zu nehmen. Merkwürdig, daß die Häuser und Besitzungen, die die Urkunde von 1556 an Hugo von Wildungen abtrat, bis 1636 in seinem Namen und zu seinen Gunsten verwaltet wurden. Schon damals erhob sich ein Proceß, der in Wien geführt wurde. Der Papst hatte eine Bulle ausgestellt, der zufolge alle geistlichen Ritterhöfe protestantischer Lande ausnahmsweise nun wirklich Eigenthum, aber nur derjenigen Ritter werden sollten, die dem katholischen Glauben treugeblieben wären. Man hatte in Rom gehofft, auf diese Art durch das Privatrecht und dessen locale Gel-tendmachung sich einen festen Fuß in den ketzerischen Landen zu erhalten. Darauf hin hatte Hugo von Wildungen[85] später nicht nur seinen ihm an der großen Theilung freiwillig zugestandenen Antheil, sondern den ganzen Vollbesitz des Ritterhofes Angerode erb- und eigenthümlich für sich und seine Angehörigen verlangt. Der wahre Grund war der Rückhaltsgedanke, das Eigenthum bei dem Orden nur solange aufzuheben, bis ihm Gelegenheit geboten würde, sich in Zukunft wieder zu sammeln. Lieber hob man in Rom einstweilen ein kanonisches Gelübde auf, als daß man dem Protestantismus so reiche Mittel, sich zu kräftigen, freiwillig überlassen hätte. Wie viel Feindschaft auch zwischen der Priesterschaft und den geistlichen Ritterorden waltete, in den äußersten Fragen trat die Eine schützend für die Andern ein. Wie oft dacht' ich nun: Wenn jetzt eine Cession, eine Abtretung der Eigentumsrechte an seine Familie von der Hand des Ritters Hugo existirte, wenn man ein Testament finden könnte, das auswiese, der fanatische Ritter hätte nicht der Kirche, sondern den Seinigen überlassen, was er, wenn auch nur für seinen Theil, vom Vermögen des Tempelhofes beanspruchen durfte! Wären solche Urkunden da, so ließe sich darauf hin ein juristischer Feldzug eröffnen, der ...

Dankmar! unterbrach Siegbert den Bruder. Welche Träume! Welche Phantasieen! Soviel lernt' ich schon von dir, daß es in dem Rechtsleben Verjährungsfristen gibt, wo keine Klage über eine stehengebliebene Schuld mehr angenommen wird.

Wie aber, lieber Bruder, sagte Dankmar sicher und[86] bedeutsam lächelnd, wenn in dieser Angelegenheit, wie im Wallenstein'schen und andern noch schwebenden uralten Processen, merkwürdigerweise deshalb nichts verjährt ist, weil sie alle funfzig Jahre wieder aufgenommen wurde und sich in ewigen Protesten die Communen mit den Regierungen über jene Hinterlassenschaft gestritten haben? Wie, wenn sogar unser Staat, unser jetziges Ministerium mit dem Magistrat dieser Stadt hier einen Proceß wegen siebzehn alter Tempelhäuser begonnen hat, dessen Zulässigkeit in höchster Instanz längst entschieden ist? Endlich, Bruder, wie, wenn ich dir beweisen könnte, daß diese Häuser – Doch genug, höre, was ich erlebte.

Siegbert schob die Reste des Abendimbisses fort und lauschte voll gespannten aber doch zweifelnden Erstaunens.

Als ich nun an jenem Abend, begann Dankmar wieder in seine Erzählung einzulenken, in dem Anbau des Tempelhauses im Interesse der Mutter und ihrer Benutzung dieser Räume mich orientiren wollte, entdeckte ich an einigen Stellen der Wände des Archivs, daß durch die Reihe der Jahre hier und da Mörtel losgesprungen war. Mir fiel Dies auf, weil es mir vorkam, als wenn unter der obern Decke, die nur leicht überkalkt schien, sich noch eine andere befinden müßte, die man nur dürftig überzogen hatte. Ich ziehe mein Taschenmesser und fange zu bröckeln an. In der That! Es ist unter dem etwa einen Finger dicken Überwurf noch eine andere geglättete Wand, die mir immer deutlicher entgegentritt, jemehr[87] ich den spätern, jedoch sehr alten Überputz ablöse. Noch konnte diese Entdeckung auf keinen andern Gedanken führen als den, daß man vielleicht die früher schadhaften Mauern neu hatte herstellen wollen. Plötzlich aber fährt mein Messer in eine Ritze. Ich kratze sie weiter auf. Es ist ein förmlicher Spalt. Ich trenne noch mehr von der obern Wand hinweg; da wird die untere ein von Kalk bespritzter breterner Widerstand. Ich arbeite weiter. Bald entdeck' ich, daß diese Wand gefelgt ist. Ich klopfe. Es klingt hohl. Ich habe ohne Zweifel einen Schrein vor mir, einen in die Mauer gebauten Wandschrank. Jetzt hatt' ich keine Ruhe mehr. Ich mußte gründlicher untersuchen, koste was es wolle. Es war Nacht geworden. Ich kehrte über den Gang nach der alten Verbindungsthür mit dem Tempelhause zurück. Die Mutter schlief schon. In der Küche holt' ich mir ein Licht, ein Beil und einen kleinen Holztritt. So ausgerüstet, kehrte ich an meine Arbeit zurück. Bis zwei Uhr in der Nacht hatt' ich daran gearbeitet, den obern Putz des ganzen gewölbten Zimmers herunterzuschlagen; ich selbst und meine Lampe, wir erstickten fast im Kalkstaub, den ich nicht zum Fenster hinausleiten mochte, sondern wie einen Dampf durch die Thür auf den Gang und zum Kirchhofe hinausstreichen ließ. Für die erste Nacht begnügte ich mich mit der Entdeckung, daß die letzten, wahrscheinlich protestantischen Ritter, die das Tempelhaus noch bewohnten, ohne Zweifel vor den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges dies Archiv hatten schützen wollen und über die in die Wände gemauerten Schränke,[88] um sie am sichersten zu verbergen, eine ganz neue Wand gezogen hatten. Am Tage darauf setzte ich meine einsame Arbeit fort. Niemand hinderte mich, auch der Mutter entdeckt' ich nichts. Ich kannte ihre Ängstlichkeit und die allgemeine Scheu, in solchen Dingen etwas zu thun, ohne gleich der Polizei Anzeige zu machen. Die Benutzung dieser Räume stand ihr ja frei. Die Wandschränke der Zimmer, die wir im Tempelhause hatten, standen ihr ja auch offen. Auch hier fanden sich nun Wandschränke. Was sollt' ich zögern, sie, so gut es ging, für unser Bedürfniß zu öffnen! Ohne einen Schlosser war Dies freilich nicht möglich. Ich fand glücklicherweise einen, der es ganz in der Ordnung fand, daß die Mutter diese Gelasse nach Bequemlichkeit benutzen wollte. Der entfernte Schutt konnte ihn auf keinen andern Gedanken bringen, als daß hier noch einige Repositorien zur Mahl- und Schlachtsteuerverwaltung übriggeblieben waren, zu denen denn, »wie gewöhnlich«, fügte er hinzu, die Actuare den Schlüssel verloren hätten. Als der Schrank geöffnet war und wieder neue Schubläden zeigte, die dem Schlosser aufzuziehen nicht einfallen konnte, war ich geborgen. Ich entdeckte das vollständige Archiv der Tempelherren und Johanniter von Angerode, seit dem Übergang der Templerei in den Bruderorden des St.-Johannes im Jahre 1320 bis zum Jahre 1636. Alles Das, was sich auf die Geschichte des johannitischen Tempelhofes seit seinem Übertritt zum Protestantismus bezog, war auffallenderweise in einem großen eichenen braungebeizten Schrein[89] vereinigt, der auf dem Deckel in erhabener Holzarbeit ein Kreuz zeigte, dessen Enden in vierblätterige Kleeblätter ausliefen. Diesen Schrein nun –

Um Gotteswillen, rief Siegbert, den hast du doch nicht aus dem Amtsgebäude entfernt?

Dankmar wollte antworten, aber in diesem Augenblick wurde das Gebell des Hofhundes, das schon seit einigen Minuten wieder begonnen hatte, unerträglich. Die Brüder, ganz vertieft in ihre Mittheilungen, sahen sich um. Die Nacht hatte sich leise mit einem durchsichtigen Sternenkleide herabgesenkt. Johanniswürmchen funkelten schon im Grase. Alles war still, traulich, nächtlich, nur der Hofhund machte einen Lärmen, der den gereizten Nerven der Brüder förmlich Schmerz verursachte.

Die Bestie! rief Dankmar und wollte schon hinaus, um das Thier zur Raison zu bringen, als Kathrine die Gartenthür aufstieß und herüber schrie:

Er kommt!

Gott sein Dank! rief Dankmar, nahm seinen Hut und eilte über alle Beete weg den kürzesten Weg zum Hofe des Pelikan. Siegbert folgte ihm langsamer und fühlte, als umgäbe ihn geisterhafter Spuk, nach seinen Taschen. Er erstaunte, wie Hackert über das Kreuz an der Kirche in Tempelheide ihn so richtig hatte aufklären können. Am Stil der Kirche, mußte er sich jetzt sagen, fand er, daß sie allerdings nur aus den Zeiten nach der Reformation herrühren konnte. Aber zu der Aufregung des Bruders wußte er nicht, ob er sich ihrer freuen oder betrüben[90] sollte. Sie schien ihm zu krankhaft, zu unnatürlich, an Dankmar ganz ungewohnt. Er kannte ihn nur von seiner klaren und immer helldenkenden Vernunftseite. Wenn ihn zum ersten male hier etwas täuschte, wenn er statt nach dem langsam zu erreichenden Ziele seiner gediegenen Kenntnisse und seiner freimüthigen Gesinnung nach einem Luftphantome griffe! Er folgte tief bekümmert dem Bruder, indem er die kleinen Wege einhielt, die in dem bescheidenen Gärtchen von den Beeten bezeichnet waren.

Es war fast Nacht geworden. Aber im Hofe des Pelikan wurde es lebendiger wie am Tage. Der Hofhund ließ sein Bellen nicht, ja einige kleine Kläffer hatten sich ihm noch zugesellt und führten ein ohrenzerreißendes Concert auf. Woher sie die Witterung hatten, daß der Fuhrmann Peters von Angerode, der Eheherr ihrer jetzigen Herrin Kathrine, ankam, ist schwer zu sagen. Nur das elektrisch bewegte Schalten und Walten Kathrinens, ihr plötzlicher Aufschrei: Er kommt! mußte ihnen das Zeichen gegeben haben, daß etwas im Werke und Werden war. Der dicke Pelikanwirth schlorrte, auch seinerseits insoweit erregt, als in diese Fleischmasse Leben und Bewegung kommen konnte, auf und ab. Der gute Mann mußte gewohnt sein, beherrscht zu werden, sonst würde er nach dem Tode der Pelikanwirthin sich nicht so ganz fremden, untergeordneten Menschen in die Arme geworfen haben. Kathrine zeigte sich jetzt in der Art, wie sie einen Stall- und Hausknecht zur Vorbereitung des Empfangs[91] zurechtwies und eine andere Magd schalt, die die Einfahrt des Thorwegs mit Kücheneimern und Besen verstellt hatte, als die eigentliche Herrin des Ganzen, die die Umstände dieses Gasthauses klug zu ihrem Vortheil benutzt hatte.

Doch war sie heute nicht ganz so froh, wie sonst, wenn Peters von Angerode anfuhr.

Ich weiß nicht, sagte sie, ist er so müde oder was hat er, daß er auch nicht einmal mit der Peitsche klatscht! Sonst hörte man ihn schon vom Chausséeeinnehmer her, soviel knallte er, daß es die ganze Vorstadt wußte: der Peters ist da. Und heute ... es muß wol das Rad sein. Wo soll's auch hinaus, wenn man in schlechten Zeiten auch noch die Achse bricht! Der Wagen geht ihm nahe, das ganze Geschäft! Er weiß, daß es nichts mehr taugt und in den Ofen geschoben werden muß, statt in die Remise.

Die Erwähnung der Remise brachte sie wieder darauf, daß der Hausknecht ihre Thorflügel nicht weit genug geöffnet hätte.

Muß man denn überall seine Augen haben! polterte sie sich in einen künstlichen Zorn hinein. Wird denn nichts geschafft, wenn man's nicht selber angreift und Jeden mit der Nase darauf stößt! Ja, ja, Musje Siegbert, da sehen Sie, daß es in Thaldüren nicht allein etwas zu schaffen gab! Hier fehlt uns aber so ein langer Matthes, wie auf dem Pfarrhofe, der den ganzen Tag wetterte und die Faulen anhetzte. Matthes fluchte den ganzen Tag, und wenn's der Herr Vater merkte und's ihm verwies, sagte der alte[92] Spitzbube: wo soviel gebetet wird, Herr Pfarrer, kann auch einmal ein bischen geflucht werden, sonst kommt Eins in den Himmel zu zeitig.

Siegbert freute sich der Erwähnung des alten Matthes aus ihrer Knabenzeit, Dankmar aber hörte nicht mehr darauf, so erfüllte ihn Peters' Ankunft. Er sah in dem von einigen Lämpchen erhellten Zwielicht der Landstraße den großen Wagen auf dem schlechten Pflaster langsam herantaumeln. Hohl dröhnten die krachenden großen Räder herauf. Er blieb wieder stehen, nachdem er dem Wagen einige Schritte entgegengegangen war. Kathrine, die bald in der Küche, bald im Stall, bald auf der Straße war, sagte jedesmal, wenn sie wieder ausschaute:

Ach! ach! wie 'ne Schnecke! Was wird er müde sein und wie ärgerlich! Und er klatscht nicht! Er klatscht nicht! Das ist schlimm ...

Endlich war denn der große, mit grauen Leinen überspannte Wagen dicht am Pelikan. Drei schellenbehangene Pferde zogen ihn. Peters in blauer Blouse schritt zur Linken. Er hinkte etwas. Wie der Fuhrmann beim Schein einer Laterne Dankmarn erkannte, sagte er mit sonderbarem heisern Tone:

Dacht' mir's! Dacht mir's! Guten Abend –!

Ihr habt Unglück gehabt, Peters? begrüßte ihn Dankmar. Doch Alles wohl verwahrt? Sonst keinen Schaden genommen?

Jesus! schrie auch in diesem Augenblicke seine Frau; du hinkst ja, Mensch? Du hast Schaden genommen ...[93]

Guten Abend! sagte Peters mit gedämpftem Ton und lenkte die müden Pferde in den Thorweg ein. Dem dicken Wirth galt ein zweiter Gruß. Doch hätt' er ihn bald an die Wand des engen Thorwegs anquetschen können, wenn er nicht rasch in die Wirthsstube retirirt wäre. Endlich standen Pferde und Wagen im Hof. Kathrine, Siegbert, Dankmar drängten sich an den Fuhrmann, der in dem Augenblicke, als er das Ziel seiner Fahrt erreicht hatte, einen Schmerzensschrei ausstößt und zusammensinkt.

Was ist? Gott im Himmel! Peters! so scholl es durcheinander. Kathrine wirft sich über ihren Mann. Der Wirth zum Pelikan ruft: Wasser! Siegbert tritt geängstigt näher. Dankmar faßt des in halber Ohnmacht daliegenden Mannes Hand. Was ist Euch, Peters? Seid Ihr krank? Erholt Euch!

Ich überleb's nicht, stöhnte der von innerer Qual gefolterte Mann, ich überleb's nicht.

Aber Peters, suchte ihn sein Weib zu beruhigen, erkennst du nicht die jungen Herren? Was hast du? Ist's dein Bein, was dich schmerzt? Der Wagen ist auf dich gefallen, als das Rad brach? Sollen wir Leinen in Wasser tauchen? Willst du nasse Leinen auflegen? Sprich nur was, um Gotteswillen!

Statt aller Antwort schüttelte Peters heftig mit dem Kopf und lehnte mit der Hand jede Hülfleistung ab.

Ich erkenne die Herren wohl, begann er endlich, als Alles gespannt lauschte, aber vergeben Sie's mir, Herr Dankmar, ... Gott ist mein Zeuge ...[94]

Peters! rief Dankmar von einer Ahnung ergriffen; der Schrein –

Ist fort! sagte Peters dumpf und seine Gesichtszüge verzogen sich wie das Lächeln eines Wahnsinnigen.

Grimmiger Zorn packte Dankmarn.

Mensch! schrie er und rannte an den Wagen, um das Leintuch abzureißen. Er sah Kisten, Fässer, Ballen genug. Der Schrein ist da! Verpackt unter den andern! Du irrst, Peters!

Fort! stöhnte Peters dumpf.

Kathrine brach in ein lautes Schluchzen aus. Die Hunde bellten nicht mehr. Der Pelikanwirth mußte sich erschöpft und ermüdet auf einen Futterkasten an dem Stalle setzen. Der Hausknecht löste still die Pferde von der Deichsel und nahm ihnen die Schellenhalfter ab. Müd und wie traurig und mit bösem Gewissen schlichen die armen Gäule in den Stall. Alles stumm im Hofe und fast gespenstisch ...

Siegbert, der seinen Bruder fürchterlich leiden sah, nicht minder wie den unglücklichen Fuhrmann, ergriff endlich das Wort und sagte:

Erinnert Ihr Euch auch, den Schrein wirklich aufgeladen zu haben?

Ha! ha! war die ganze Antwort.

Wo entsinnt Ihr Euch, daß Ihr ihn zuerst vermißtet, fuhr Siegbert fort.

Hinter Hohenberg und Plessen! antwortete der Fuhrmann.

Auf freiem Feld?[95]

Im Dorfe Plessen, an der Schmiede.

Wo Ihr das Rad herstellen ließet, das gebrochen war?

Dort.

Der Wagen mußte abgeladen werden?

Das mußt' er.

Ihr waret indeß in der Schmiede, wo das Rad her gerichtet wurde?

Ich lag halbtodt.

Armer Mann! Man muß Mitleid mit Euch haben. Aber der Schrein war meinem Bruder von Werth. Er enthielt Documente von seltener Wichtigkeit. Er würde ihn selbst mit sich geführt haben, wenn er nicht noch im Harz Geschäfte gehabt hätte. Er glaubte den Schrein Euch auf die Seele gebunden zu haben.

Er war's auch.

Aber Ihr wurdet von dem Sturz des Wagens ohnmächtig. Ihr wußtet vielleicht nicht, daß man, um das Rad herstellen zu können, die Last des Wagens erleichtern mußte. Man packte ihn ab, und als Ihr Euch erholt hattet, als das Rad fertig war und Ihr, unterstützt von den Leuten in Plessen, weiterfahren konntet, vermißtet Ihr erst das anvertraute Gut?

O nein, sagte Peters und richtete sich mühsam auf. Als ich mich erholte, schalt ich, daß man in der Schmiede so schlechte Hebebäume hatte, um nicht einmal einen so leichten Wagen unabgepackt zu lassen. Ich fluchte, wie man mir meine Fracht abladen konnte. Ich raffte, es war in der Dämmerung des Morgens – denn ich fuhr der Hitze[96] wegen in der Nacht – ich raffte gleich Alles zusammen, was um die Achse zerstreut herumlag. Ich wußte, wo der Schrein stand, ich hatte ihn immer im Auge, ihn, der mir so heilig anvertraut war. Ich faßte wol alle Stunden an die Leinwand, ob ich auch noch das Kreuz auf dem Deckel fühlte. Nach dem faßt' ich zuerst. Ich find' es nicht, das Kreuz auf dem Holze ist nicht da. In meiner Ohnmacht hatte man abgeladen, Alles auf dem Wege liegen lassen und war mit dem Rad an die Schmiede gegangen, von der mir funfzig Schritte weit das Unglück passirte. O Gott! Wie war mir, als ich den Schrein nicht fand! Noch vor einer halben Stunde hatte ich das Kreuz gefühlt .... Um zwei Uhr Nachts fuhr ich aus. Um halb Drei brach das Rad; der Wagen stürzte so, daß mein Bein gequetscht wurde. Ich schrie auf und rief und jammerte. Man kam zur Hülfe. Eine halbe Stunde mocht' ich betäubt gelegen haben. Nachdem hink' ich und sehe mich allein unter meinen abgeladenen Gütern. Der Mond stand noch am Himmel. Alles still. Kein Mensch um mich. Nur im Schlosse Hohenberg oben entdeckt' ich helle Fenster .... Musik, wie von einem Tanz her, den sie dort bis an den Morgen hielten, und von der Schmiede hört' ich die Hammerschläge. Der Morgen graute. Ich übersehe meine Güter. Die kalten Umschläge, die man dem Bein gegeben, hatten ihm gut gethan. Ich konnte leidlich gehen. Da! Mein erster Blick sucht den Schrein, ich find' ihn nicht. Jesus! Es war mir in meiner Betäubung, als hätt' ich einen Mann gesehen, der ihn forttrug; einen Mann in einem[97] Mantel .... Ich hörte den Schrein an einem Steine poltern; denn er war schwer zu tragen, genau gewogen, sechsundvierzig Pfund und ein halbes. Ich sag' es noch – es war kein Traum – geraubt ist der Schrein. Gestohlen ist er, das schwör' ich zu Gott. Ich schlug Lärm, rief den Schmied, seinen Gesellen. Ich will den Schrein sehen! Die Leute waren halb verschlafen, hatten kaum gewußt, was sie abluden. Sie hatten nur auf mein Jammern und das Winseln meines Hundes gehört ...

Wo ist Bello? rief Kathrine, jetzt erst fühlend, was ihr gefehlt hatte.

Bello ... Bello hat bei dem Sturz ein Bein gebrochen, sagte der Fuhrmann ächzend.

Bello ist todt! jammerte sein Weib.

Wenn ihn der Schmied nicht heilt, vielleicht! sagte Peters und fuhr mühsam fort:

Das Schreien und Winseln des Thieres weckte den Schmied, ich lag in Ohnmacht. Bello blieb beim Wagen und winselte. Ich hörte ihn in meinem Zustand, als man mir die Umschläge machte. Ich frug ihn, den Bello, ja den Hund, als ich erwachte, nach dem Schrein. Das Thier verstand mich und heulte und winselte und hörte nicht auf zu bellen. Aber es hatte den Dieb nicht festhalten, mich nicht wecken können. Da lag ich elend, da lag mein treues Thier, zerstreut meine Fracht und ein Räuber umschlich uns, der, ich schwör's – uns bestohlen hat!

Sich aussprechen und sein Unglück erzählen können, schien den Fuhrmann etwas zu erleichtern. Nach einer[98] Weile fuhr er, während Dankmar starr brütend zuhörte, fort:

Das Dorf Plessen liegt am Fuße des Schlosses Hohenberg. Mit meinem hinkenden Beine schleppte ich mich an alle Thüren und rief den ganzen Ort wach. Es war vier Uhr. Oben auf dem Schlosse erloschen allmälig die Lichter. Einzelne Wagen fuhren herunter. Man hatte ein Fest gefeiert, das nun zu Ende war. Jeden Wagen hielt ich an und fragte nach meinem verlorenen Gute. Die geputzten Gäste lachten mich aus und antworteten, ich sollte sie schlafen lassen. Den Ortsvorstand holt' ich aus dem Bett. Ich verlangte, daß der Schmied und sein Gesell festgenommen würden, und doch kannt' ich Beide als ehrliche Leute seit Jahren, und ich schämte mich, sie für Diebe zu halten. Auch ließ ich sie frei und bei meinem Rade. Der Schmied ist blind, sein Sohn taub. Die sind ehrlich. Aber das ganze Dorf bot ich auf und gesucht wurde überall, hinter jedem Strauch, in jedem Graben; aber der Schrein blieb verloren. Gott weiß es, in welches Teufels Hand er gekommen! Was sollt' ich thun? Das Rad war hergestellt, der Wagen fertig, mein Hund blieb beim Schmied, der ihn heilen will. O Gott! Was sollt' ich thun? Der Ortsvorstand versprach mir auf Ehr' und Seligkeit, Alles anzustellen, um den Gaunerstreich zu entdecken. Meine Lieferungszeit für die Güter ist auf Tag und Stunde berechnet. Ich mußte fort. Die Thiere zogen den Wagen und mich. Gehen könnt' ich wenig, ich hinkte. Da bin ich nun, Herr! Machen Sie mit mir, was Sie wollen. Der Schrein ist gestohlen.[99]

Nach einigem Bedenken sah Dankmar nach seiner Taschenuhr. Es war halb Zehn.

Wie weit ist's bis Hohenberg und Plessen? fragte er rasch.

Wir rechnen vierzehn Meilen. Es sind dreizehn ein halb, sagte Peters.

Bin ich mit einem Einspänner morgen Mittag da? fragte Dankmar weiter.

Bis morgen Abend, wenn's ein guter Gaul ist und Sie ihm dann und wann einige Ruhe gönnen.

Herr Wirth, sagte Dankmar, ich sah in Ihrer Remise einen Einspänner stehen. Pferde haben Sie im Stall. Wollen Sie für mich einspannen lassen? In zwei, drei Tagen bin ich wieder da.

Bruder, fiel Siegbert erschrocken ein, ist dir der Verlust denn wirklich soviel werth, daß es dir an einem Aufruf in den Zeitungen und einer Anzeige an die dortige Behörde nicht genügt?

Ich bitte dich! erwiderte Dankmar mit großer Bestimmtheit. Mache gegen ein Unternehmen keine Einwendung, das mit meinen künftig wichtigsten Lebensplanen in zu naher Verbindung steht. Es ist ja nicht um diesen Schrein; es ist nicht um diesen zeitlichen Gewinn; es ist um etwas Höheres, das in mein und dein ganzes Leben eingreifen soll ...

Damit trat er näher und flüsterte dem Bruder halblaut zu:

Siegbert, hast du Geld bei dir, so gib! Oder meinst du,[100] daß der Wirth uns zwanzig Thaler vorschießt? Du schickst sie ihm morgen wieder.

Siegbert schien der Säckelmeister der Brüder zu sein. Er verwaltete das höchst schwierige Amt, zwei jungen Männern, die noch keine sichere Lebensstellung hatten, soviel Hülfsmittel durch weise Ökonomie beisammen zu halten, daß sie immer mit leidlichem Anstand in der Welt bestehen konnten.

Er murmelte einige sonderbare Worte, die wie ein keineswegs günstiger Kassenüberschlag klangen.

Die Reise nach Angerode hat Geld gekostet, sagte Dankmar ungeduldig ...

Und mein Bild ist noch nicht verkauft, fiel Siegbert in jenem murmelnden bedenklichen Tone ein, der auf eine augenblickliche finanzielle Ebbe zu deuten schien.

Aber was machen wir uns denn für Sorge! fuhr Dankmar plötzlich auf. Du hast ja hundert Thaler bei dir.

Ich – hundert Thaler? Was fällt dir ein?

Wozu die Bedenklichkeiten! Der Rothkopf ist ein Capitalist, der mit unsern Zinsen zufrieden ist. Sahst du denn nicht, daß er uns ein Zwangsdarlehen aufdrängte? Gieb nur her! Zwanzig Thaler genügen. Für das Übrige wird unser Schutzgeist sorgen.

Siegbert, fast voll Entrüstung, zögerte ... Es ist Unrecht von dir, mich in solche Versuchungen zu führen! sagte er; dein abenteuerlicher, mir jetzt noch lächerlicher Schrein! Ich verstehe dein archivalisches Unglück gar nicht, kann deine finanzielle Ungeduld gar nicht[101] schätzen .... Was weiß ich denn, was hier so Wichtiges auf dem Spiele steht! Ich will nicht sagen, daß ich – er lenkte dabei freundlicher ein – zu Hause aus unserm Staatsschatze diese zwanzig Thaler nicht wieder ergänzen könnte ...

Das kannst du? rief Dankmar. So günstig steht die Bilanz der Gebrüder Wildungen? Und da quälst du mich mit einer Miene, die aussieht wie ein österreichischer Bankbericht? Her das Packet! Zwanzig von hundert bleiben achtzig! Wir sollten geizen, wir, die wir Pferde an Landstreicher verschenken, classische Bilder malen, ohne sie zu verkaufen, wir, die wir eine Anstellung im Staate so lange verachten, bis sich der Staat gebessert hat und würdig zeigt, einem Mann von Grundsätzen jährlich achtzehnhundert Thaler Gehalt zu geben, wir, die wir die arrangirtesten jungen Weltverbesserer sind, die nur jemals das Wort Credit und das Geld überhaupt verachtet haben!

Solchem Humor konnte Siegbert nicht widerstehen. Er trat hinter den großen Packwagen, griff in die Tasche, löste das Packet und zählte dem Bruder soviel Scheine ab, als er gewünscht hatte. Währenddem wurde schon die kleine Kalesche aus der Remise gezogen, die Stalllaterne leuchtete einem Pferde voraus, das langsam mit gebücktem Halse über den Hof schlich, in die Gabel des Wägelchens vom Hausknecht eingeschoben und angeschirrt wurde. Kathrine und Peters waren inzwischen verschwunden.[102]

Und nun ... wer fährt Sie jetzt? fragte der Pelikanwirth, der mit Gutmüthigkeit an Dankmar's Verlust den innigsten Antheil nahm.

Ich selbst! Ich selbst! Nur die Peitsche her!

O, Das nicht, Herr! Das macht Sie müd und mat. Kaspar, da mein Knecht, geht mit. Die Peitsche geholt, Kaspar! Die Decke auf den Bock! Sapperlot, schläft der Kerl schon um die zehnte Stunde im Gehen! Hört und sieht nicht, was um ihn vorgeht! Kaspar!

Schon wollte sich Kaspar, aufgerüttelt von seinem Herrn, der in fremder Ermüdung nur seine eigene vertuschen wollte, anschicken, dem Befehle zu folgen, als aus der Dunkelheit eine Stimme ertönte und die Worte vernehmbar wurden:

Wecken Sie doch den Kaspar nicht aus seinen süßen Träumen, Herr Wirth. Er sehnt sich, sehen Sie nur, nach einem tiefen Chausseegraben, in den er den Herrn hineinfahren wird. Wenn Sie erlauben, meine Herren, mach' ich mir das Vergnügen und ...

Der Sprecher brach ab und trat vor. Es war Hackert. Die Stalllaterne beleuchtete seine magere Gestalt und gab ihr im Zwielicht ein unheimliches, verwittertes Aussehen. Er hatte die Hände in den Beinkleidertaschen, als fröstle ihn. Das Halstuch hing über dem zugeknöpften Frack herab in langen, losen Zipfeln.

Sind Sie schon wieder da? fragte Dankmar erstaunt, während Siegbert in eine unbeschreibliche, fast komische Angst gerieth. Er gedachte, wie es nun werden sollte,[103] wenn der sonderbare Fremde jetzt sein veruntreutes Pfand wieder verlangte.

Ich habe den Levi auf Ihren nächsten Händedruck vertröstet, sagte Hackert. Jude bleibt doch Jude und wenn er auch Sporen an den Stiefeln trägt. Der alte Schimmel, der unter Roßtäuschern groß geworden ist und mehr Hengste gewallacht hat als mancher Beschnittene Dukaten wallacht, ist mein Freund nicht. Er meinte, es hat gute Wege –

Und war doch froh, daß er sein Pferd wieder bekam? entgegnete Dankmar forschend und wiederum zu Siegbert hinüberlugend, der vor Schreck über diese rasche Wiederkehr Hackert's fast sprachlos geworden war.

Die Mähre läßt sich's schmecken, als wenn sie ein Wettrennen mitgemacht hätte. Sie sehen übrigens, daß ich mit Pferden umzugehen verstehe. Wenn's Ihnen recht ist, fahr' ich Sie nach Hohenberg und helf' Ihnen die Kiste mit dem Kreuz suchen. Sehen Sie, Herr Maler da hinten, ich bin curios, ob das ein drei- oder ein vierblätteriges Kreuz sein wird! Gleichviel, wenn wir das Ding nur wiederfinden!

Dankmar horchte hoch auf. Siegbert erzählte dem Bruder in wenig Worten, daß er die Bemerkung über ein ähnliches Kreuz an der Kirche zu Tempelheide diesem gefälligen Herrn Hackert verdanke.

Hackert! Ganz Recht! Das ist mein Name! sagte dieser, und ich denke, ich fahre Sie nach Hohenberg. Wir treffen dort Gesellschaft. Lasally und seine Jokeys sind dort – sonst freilich ...[104]

Sonst? wiederholte Dankmar, als Hackert stockte.

Sonst – sagte Hackert und griff nach der Peitsche, die Kaspar geholt hatte. Mit einer Bewegung der Arme holte er aus und knallte. Er schien die Antwort vermeiden zu wollen.

Kaspar und der Pelikanwirth schienen wenig Vertrauen zu dem aufdringlichen Mann zu haben und brummten vor sich her. Siegbert kämpfte wieder mit dem Gefühl, daß Hackert doch wol ein zweideutiger, ihres Vertrauens unwürdiger Mensch wäre, und bangte vor dem Gedanken, den geliebten Bruder mit einem im Feld herumschleichenden Tagediebe, einem abgesetzten Schreiber, allein zu lassen. Allein Dankmar, der vom Bruder besorgen mußte, daß er, um nur den Antrag Hackert's ablehnen zu können, die ihm eben zugezählte Summe von zwanzig Thalern zurückfodern würde, schnitt alle weitern Verhandlungen mit den Worten ab:

Steigen Sie auf, wenn's Ihr Ernst ist! Machen wir nun vorwärts.

Gut denn! Es ist mein völliger Ernst. Aber wenn ich nun bitten dürfte ...

Dabei hatte ihn Dankmar schon auf den Bock gehoben. Der Wirth warf die Decke und einen alten Mantel nach.

Erlauben Sie aber noch, sagte Hackert, sich zu Siegbert umwendend, erlauben Sie nur noch – zur Reise braucht man Geld – darf ich um mein Pfand bitten –

Ihr Pfand behält mein Bruder, sagte Dankmar rasch[105] entschlossen. Wer verbürgt mir, daß Sie den Gaul richtig abgeliefert haben?

Henker! Was? rief Hackert und richtete sich auf dem Bocke hoch auf. Sie wollten ...

Aber in demselben Augenblicke schlug Dankmar mit der Peitsche schon auf das Thier ein, rief: Allez! und ohne weitern Abschied zu nehmen, jagte er aus dem Thorweg hinaus, schwenkte rechts um und hielt Hackerten, der immer schrie: Halt! halt! Lassen Sie mich! auf dem Bocke fest, wie Einen, den man mit Gewalt entführt. So flogen sie von dannen ......

Siegbert wußte nicht, wie ihm dabei geschah. Es schien ihm bald, als wenn Hackert, wie er das Pferd entwendet hätte, so vielleicht auch Absichten auf das Fuhrwerk hegte. Bald schlug er sich wieder an die Stirn über die Gefahr, in die er seinen Bruder sich stürzen sah. Zuletzt mußte er lachen, wenn er bedachte, mit welcher Geistesgegenwart Dankmar plötzlich alle Verlegenheiten über die Rückgabe der hundert Thaler abgebrochen hatte. Ein Eingeständniß an Hackert, daß man von ihm das im Augenblicke so nöthige Reisegeld hätte borgen müssen, wär' ihm zu peinlich gewesen. Ihm schwindelte, wenn er bedachte, wie fast gewaltsam der Zufall heute diesen Fremden in sein Leben gedrängt hatte – und nun war er mit dem Bruder unterwegs! Der Wagen rasselte noch eine Weile. Dann keine Spur mehr.

Wer ist der Mensch? fragte der Pelikanwirth. Als Siegbert schwieg, bestätigte Kaspar, daß er während Peters'[106] Erzählung in den Hof hineingetreten wäre und zugehört hätte. Siegbert besann sich, daß er dem Bruder die zwanzig Thaler glücklicherweise hinter dem großen Frachtwagen, also von Hackert ungesehen, zugezählt hatte. Erst wieder von da hervortretend, wurden sie von ihm angeredet.

Zu dem Allem kam noch Kathrine weinend über das Elend ihres Mannes. Er hatte ihr die sämmtlichen Declarationen seiner Fracht eingehändigt und sich wie ein Sterbender ins Bett geworfen mit den Worten: Mach du nun Alles ab: ich werde wol recht lange krank liegen! Von da an hätt' er nichts mehr hören und sehen, auch nichts mehr genießen mögen. Siegbert versagte der weinenden Frau nichts von seiner Theilnahme, bezahlte seine Schuld und versprach ihr und dem Pelikanwirth aus der Stadt sogleich einen Arzt zu schicken.

Er ging und zuerst zu dem nächsten Arzte, den ihm der Pelikanwirth bezeichnet hatte. Dann aber trieb es ihn in die Lasally'sche Reitbahn, um zu hören, ob Hackert wirklich das Pferd abgeliefert.

Im Gewühl der Stadt angekommen, hörte und sah er nichts von den Menschen, die an ihm spät Abends noch vorüberstreiften, so erfüllt war er von Angst und Schrecken über die fernern Begegnisse seines Bruders, der ihm einem Phantome nachzujagen schien, für das ihm jede reelle Anknüpfung fehlte! Nur der eine Gedanke wurde ihm in diesem Tumulte zuletzt licht und klar, der ihm heimlich und geisterhaft zuflüsterte:[107]

Man tanzt in Hohenberg bis tief in die Nacht! Dankmar wird Melanie sehen! Melanie unter geputzten Gästen! Melanie, die Schönste der Sylphiden, die im Mondenschein schlüpfen! Melanie in Hohenberg, umschwärmt von Lasally und den jungen Stutzern der Residenz, die ihr zudringlich genug aufs Land gefolgt sind! Melanie, der bezaubernde Mittelpunkt einer in ihrem Anschauen schwelgenden Gesellschaft .... Die Geigen tönen – die Säle sind erleuchtet – die Blumendüfte einer schönen, reizenden Natur dringen durch die geöffneten Fenster – die Sterne funkeln – der Mond flimmert – Melanie und mein Bruder in Hohenberg ...

Da bemerkte Siegbert, daß er schon auf der Ottokarstraße war, in welcher die geschmackvoll angelegte Reitschule des jungen stadtbekannten Lasally lag. Es schlug zehn Uhr, als er heftig die Glocke des großen Thorwegs zog.[108]

Quelle:
Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste. [Band 1–3], Frankfurt a.M. 1998, S. 78-109.
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