Erster Teil

Erstes Kapitel

In den ersten Jahren der Mündigkeit, wenn der Mensch vom glücklichen Instinkte sich losgerissen hat, und der Geist seine Herrschaft beginnt, ist er gewöhnlich nicht sehr geneigt, den Grazien zu opfern.

Ich war fester und freier geworden in der Schule des Schicksals und der Weisen, aber streng ohne Maß, in vollem Sinne tyrannisch gegen die Natur, wiewohl ohne die Schuld meiner Schule. Der gänzliche Unglaube, womit ich alles aufnahm, ließ keine Liebe in mir gedeihen. Der reine freie Geist, glaubt ich, könne sich nie mit den Sinnen und ihrer Welt versöhnen. Ich kämpfte überall mit dem Vernunftlosen, mehr, um mir das Gefühl der Überlegenheit zu erbeuten, als um den regellosen Kräften, die des Menschen Brust bewegen, die schöne Einigkeit mitzuteilen, deren sie fähig sind. Stolz schlug ich die Hülfe aus, womit uns die Natur in jedem Geschäfte des Bildens entgegenkömmt, die Bereitwilligkeit, womit der Stoff dem Geiste sich hingibt; ich wollte zähmen und zwingen. Ich richtete mit Argwohn und Härte mich und andre.

Für die stillen Melodien des Lebens, für das Häusliche und Kindliche hatt ich den Sinn beinahe ganz verloren.

Einst hatte Homer mein junges Herz so ganz gewonnen; auch von ihm, und seinen Göttern war ich abgefallen.

Ich reiste, und wünscht oft, ewig fortzureisen.

Da hört ich einst von einem guten Manne, der seit kurzem ein[210] nahes Landhaus bewohne, und ohne sein Bemühn recht wunderbar sich aller Herzen bemeistert habe, der kleineren, wie der größern, der meisten freilich, weil er fremd und freundlich wäre, doch wären auch einige, die seinen Geist verständen, ahndeten.

Ich ging hinaus, den Mann zu sprechen. Ich traf ihn in seinem Pappelwalde. Er saß an einer Statue, und ein lieblicher Knabe stand vor ihm. Lächelnd streichelt' er diesem die Locken aus der Stirne, und schien mit Schmerz und Wohlgefallen das holde Wesen zu betrachten, das so ganz frei und traulich dem königlichen Mann ins Auge sah.

Ich stand von fern und ruhte auf meinem Stabe; doch da er sich umwandte, und sich erhub, und mir entgegentrat, da widerstand ich dem neuen Zauber, der mich umfing, mit Mühe, daß ich mir den Geist frei erhielt, doch stärkte mich auch wieder die Ruhe und Freundlichkeit des Mannes. –

Und wie ich wohl die Menschen fände auf meinen Wanderungen, fragt' er mich nach einer Weile. Mehr tierisch, als göttlich, versetzt ich hart und strenge, wie ich war. O wenn sie nur erst menschlich wären! erwidert' er mit Ernst und Liebe. Ich bat ihn, sich darüber zu erklären.

Es ist wahr, begann er nun, das Maß ist grenzenlos, woran der Geist des Menschen die Dinge mißt, und so soll es sein! wir sollen es rein und heilig bewahren, das Ideal von allem, was erscheint, der Trieb in uns, das Ungebildete nach dem Göttlichen in uns zu bilden, und die widerstrebende Natur dem Geiste, der in uns herrscht, zu unterwerfen, er soll nie auf halbem Wege sich begnügen; doch um so ermüdender ist auch der Kampf, um so mehr ist zu fürchten, daß nicht der blutige Streiter die Götterwaffen im Unmut von sich werfe, dem Schicksal sich gefangen gebe, die Vernunft verleugne, und zum Tiere werde, oder auch, erbittert vom Widerstande, verheere, wo er schonen sollte, das Friedliche mit dem Feindlichen vertilge, die Natur aus roher Kampflust bekämpfe, nicht um des Friedens[211] willen, seine Menschlichkeit verleugne, jedes schuldlose Bedürfnis zerstöre, das mit andern Geistern ihn vereinigte, ach! daß die Welt um ihn zu einer Wüste werde, und er zu Grunde gehe in seiner finstern Einsamkeit.

Ich war betroffen; auch er schien bewegt.

Wir können es nicht verleugnen, fuhr er wieder erheitert fort, wir rechnen selbst im Kampfe mit der Natur auf ihre Willigkeit. Wie sollten wir nicht? Begegnet nicht in allem, was da ist, unsrem Geiste ein freundlicher verwandter Geist? und birgt sich nicht, indes er die Waffen gegen uns kehrt, ein guter Meister hinter dem Schilde? – Nenn ihn, wie du willst! Er ist derselbe. – Verborgnen Sinn enthält das Schöne. Deute sein Lächeln dir! Denn so erscheint vor uns der Geist, der unsern Geist nicht einsam läßt. Im Kleinsten offenbart das Größte sich. Das hohe Urbild aller Einigkeit, es begegnet uns in den friedlichen Bewegungen des Herzens, es stellt sich hier, im Angesichte dieses Kindes dar. – Hörtest du nie die Melodien des Schicksals rauschen? – Seine Dissonanzen bedeuten dasselbe.

Du denkst wohl, ich spreche jugendlich. Ich weiß, es ist Bedürfnis, was uns dringt, der ewig wechselnden Natur Verwandtschaft mit dem Unsterblichen in uns zu geben. Doch dies Bedürfnis gibt uns auch das Recht. Es ist die Schranke der Endlichkeit, worauf der Glaube sich gründet; deswegen ist er allgemein, in allem, was sich endlich fühlt.

Ich sagt ihm, daß es mir sonderbar ginge mit dem, was er gesagt; es sei so fremdartig mit meiner bisherigen Denkart, und doch scheine mir es so natürlich, als wär es bis jetzt mein einziger Gedanke gewesen. So kann ich ja wohl noch mehr wagen, rief er traut und heiter, doch erinnre mich zu rechter Zeit! – Als unser Geist, fuhr er nun lächelnd fort, sich aus dem freien Fluge der Himmlischen verlor, und sich erdwärts neigte vom Aether, als der Überfluß mit der Armut sich gattete, da ward die Liebe. Das geschah am Tage, da Aphrodite geboren ward. Am Tage, da die schöne Welt für uns begann, begann für uns[212] die Dürftigkeit des Lebens. Wären wir einst mangellos und frei von aller Schranke gewesen, umsonst hätten wir doch nicht die Allgenügsamkeit verloren, das Vorrecht reiner Geister. Wir tauschten das Gefühl des Lebens, das lichte Bewußtsein für die leidensfreie Ruhe der Götter ein. Denke, wenn es möglich ist, den reinen Geist! Er befaßt sich mit dem Stoffe nicht; drum lebt auch keine Welt für ihn; für ihn geht keine Sonne auf und unter; er ist alles, und darum ist er nichts für sich. Er entbehrt nicht, weil er nicht wünschen kann; er leidet nicht, denn er lebt nicht. – Verzeih mir den Gedanken! er ist auch nur Gedanke und nichts mehr. – Nun fühlen wir die Schranken unsers Wesens, und die gehemmte Kraft sträubt sich ungeduldig gegen ihre Fesseln, und der Geist sehnt sich zum ungetrübten Aether zurück. Doch ist in uns auch wieder etwas, das die Fesseln gerne trägt; denn würde der Geist von keinem Widerstande beschränkt, wir fühlten uns und andre nicht. Sich aber nicht zu fühlen, ist der Tod. Die Armut der Endlichkeit ist unzertrennlich in uns vereiniget mit dem Überflusse der Göttlichkeit. Wir können den Trieb, uns auszubreiten, zu befreien, nie verleugnen; das wäre tierisch. Doch können wir auch des Triebs, beschränkt zu werden, zu empfangen, nicht stolz uns überheben. Denn es wäre nicht menschlich, und wir töteten uns selbst. Den Widerstreit der Triebe, deren keiner entbehrlich ist, vereiniget die Liebe, die Tochter des Überflusses und der Armut. Dem Höchsten und Besten ringt unendlich die Liebe nach, ihr Blick geht aufwärts und das Vollendete ist ihr Ziel, denn ihr Vater, der Überfluß, ist göttlichen Geschlechts. Doch pflückt sie auch die Beere von den Dornen, und sammelt Ähren auf dem Stoppelfelde des Lebens, und wenn ihr ein freundlich Wesen einen Trank am schwülen Tage reicht, verschmähet sie nicht den irdnen Krug, denn ihre Mutter ist die Dürftigkeit. – Groß und rein und unbezwinglich sei der Geist des Menschen in seinen Forderungen, er beuge nie sich der Naturgewalt! Doch acht er auch der Hülfe, wenn sie schon vom Sinnenlande kömmt, verkenne nie, was edel ist, im sterblichen Gewande, stimmt[213] hie und da nach ihrer eignen Weise die Natur in seine Töne, so schäm er sich nicht der freundlichen Gespielin! Wenn deine Pflicht ein feurig Herz begleitet, verschmähe den rüstigen Gefährten nicht! Wenn dem Geistigen in dir die Phantasie ein Zeichen erschafft, und goldne Wolken den Aether des Gedankenreichs umziehn, bestürme nicht die freudigen Gestalten! Wenn dir als Schönheit entgegenkömmt, was du als Wahrheit in dir trägst, so nehm es dankbar auf, denn du bedarfst der Hülfe der Natur.

Doch erhalte den Geist dir frei! verliere nie dich selbst! für diesen Verlust entschädiget kein Himmel dich. Vergiß dich nicht im Gefühle der Dürftigkeit! Die Liebe, die den Adel ihres Vaters verleugnet, und immer außer sich ist, wie mannigfaltig irrt sie nicht, und doch wie leicht!

Wie kann sie den Reichtum, den sie tief im Innersten bewahrt, in sich erkennen? So reich sie ist, so dürftig dünkt sie sich. Sie trägt der Armut schmerzliches Gefühl, und füllt den Himmel mit ihrem Überfluß an. Mit ihrer eignen Herrlichkeit veredelt sie die Vergangenheit; wie ein Gestirn, durchwandelt sie die Nacht der Zukunft mit ihren Strahlen, und ahndet nicht, daß nur von ihr die heilige Dämmerung ausgeht, die ihr entgegenkömmt. In ihr ist nichts, und außer ihr ist alles. Ihre Männlichkeit ist hin. Sie hofft und glaubt nur; und trauert nur, daß sie noch da ist, um ihr Nichts zu fühlen, und möchte lieber in das Heilige verwandelt sein, das ihr vorschwebt. Aber sie fühlt sich so ferne von ihm; die Fülle des Göttlichen ist zu grenzenlos, um von ihrer Dürftigkeit umfaßt zu werden. Wunderbar! vor ihrer eignen Herrlichkeit erschrickt sie. Laß ihr das Unsichtbare sichtbar werden! es erschein ihr im Gewande des Frühlings! es lächl' ihr vom Menschenangesichte zu! Wie ist sie nun so selig! Was so fern ihr war, ist nahe nun, und ihresgleichen, und die Vollendung, die sie an der Zeiten Ende nur dunkel ahndete, ist da. Ihr ganzes Wesen trachtet, das Göttliche, das ihr so nah ist, sich nun recht innig zu vergegenwärtigen, und seiner, als ihres Eigentums, bewußt zu[214] werden. Sie ahndet nicht, daß es verschwinden wird im Augenblicke, da sie es umfaßt, daß der unendliche Reichtum zu nichts wird, sowie sie ihn sich zu eigen machen will. In ihrem Schmerze verläßt sie das Geliebte, hängt sich dann oft ohne Wahl an dies und das im Leben, immer hoffend und immer getäuscht; oft kehrt sie auch in ihre Ideenwelt zurück; mit bittrer Reue nimmt sie oft den Reichtum zurück, womit sie sonst die Welt verherrlichte, wird stolz, haßt und verachtet nun; oft tötet sie der Schmerz der ersten Täuschung ganz, dann irrt der Mensch ohne Heimat umher, müd und hoffnungslos, und scheint ruhig, denn er lebt nicht mehr. Sie sind unendlich, die Verirrungen der Liebe. Doch überall möcht ich ihr sagen: verstehe das Gefühl der Dürftigkeit, und denke, daß der Adel deines Wesens im Schmerze nur sich offenbaren kann! Kein Handeln, kein Gedanke reicht, so weit du willst. Das ist die Herrlichkeit des Menschen, daß ihm ewig nichts genügt. In deiner Unmacht tut sie dir sich kund. Denke dieser Herrlichkeit! Denn wer nur seiner Unmacht denkt, muß immer mit Angst nach fremder Stütze sich umsehn, und wer sich beredet, er habe nichts zu geben, will immer nur aus fremder Hand empfangen, und wird nie genug haben. Denn würd ihm auch alles gegeben, es müßte doch mangelhaft vor ihm erscheinen. Auf dem schmalen Wege des Empfangens wird auch der Reichtum für uns zur Dürftigkeit. Wer umspannt den Olymp mit seinen Armen? Wer faßt den Ozean in eine Schale? Und welchem Auge stellte sich ein Gott in unverhüllter Glorie dar? Es ist so unmöglich für uns, das Mangellose ins Bewußtsein aufzunehmen, als es unmöglich ist, daß wir es hervorbringen. Was blieb' uns auch zum Tagewerk noch übrig, wenn die Natur sich überwunden gäbe, und der Geist den letzten Sieg feierte?

Doch soll es werden, das Vollkommene! Es soll! so kündet die geheime Kraft in dir sich an, woraus, vom heißen Strahle genährt, dein ewig Wachstum sich entwickelt. Laß deine Blüte fallen, wenn sie fällt, und deine Zweige dürre werden! Du trägst den Keim zur Unendlichkeit in dir! Erhalt ihn in der Dürftigkeit des Lebens! Dein[215] freier Geist verübe sein Recht unüberwindlich am Widerstande der Natur! Wenn sie uns zum Kampfe fordert, will sie nicht, daß wir um Gnade rufen, sie schützt die Feigen nicht, sie straft den Schmeichler, wenn er im Hochgefühle seines Adels und seiner Macht der alten Kämpferin begegnen sollte, und wimmernd zu ihr spricht: Du meinst es gut, meine Freundin! Ich gebe mich und meine Waffen dir. Den stößt des Schicksals eherner Wagen um, der seinen Rossen nicht mit Mut in die Zügel fällt. – Auch will die Natur nicht, daß man vor ihren Stürmen sich ins Gedankenreich flüchte, zufrieden, daß man der Wirklichkeit vergessen könne im stillen Reiche des Möglichen. Ergründe sie, die Tiefen deines Wesens, doch nur, um unüberwindlicher aus ihnen in den Kampf hervorzutreten, wie Achill, da er im Styx sich gebadet. Vollbringe, was du denkst! – Wenn aber die Natur dir freundlich entgegenkömmt, im Gewande des Friedens, und lächelnd dir zu deinem Tagewerke die Hände reicht, wenn, freudig überrascht, im Sinnenlande dein Geist, wie in einem Spiegel, sein Ebenbild beschaut, die Formen der Natur zum einsamen Gedanken sich schwesterlich gesellen, so freue dich, und liebe, doch vergiß dich nie! Verlaß dein Steuer nicht, wenn eine fröhliche Luft in deine Segel weht! Entehre nicht des Schicksals gute Göttin! du machst sie zur Sirene, wenn sie dich mit ihren Melodien in den Schlummer wiegt.

Es ist das beste, frei und froh zu sein; doch ist es auch das schwerste, lieber Fremdling! – In seinen Höhn den Geist emporzuhalten, im stillen Reiche der Unvergänglichkeit, und heiter doch hinab ins wechselnde Leben der Menschen, auch ins eigne Herz zu blicken, und liebend aufzunehmen, was von ferne dem reinen Geiste gleicht, und menschlich auch dem Kleinsten die fröhliche Verwandtschaft mit dem, was göttlich ist, zu gönnen! Gewaffnet zu stehn vor den feindlichen Bewegungen der Natur, daß ihre Pfeile stumpf vom unverwundbaren Geschmeide fallen, doch ihre friedlichen Erscheinungen mit friedlichem Gemüte zu empfangen, den düstern Helm vor ihnen abzunehmen, wie Hektor, als er sein Knäblein herzte! Des Lebens[216] Nächte mit dem Rosenlichte der Hoffnung und des Glaubens zu beleuchten, doch die Hände nicht müßig fromm zu falten! was wahr und edel ist, aus fesselfreier Seele den Dürftigen mitzuteilen, doch nie der eignen Dürftigkeit zu vergessen, dankbar aufzunehmen, was ein reines Wesen gibt und der brüderlichen Gabe sich zu freuen! Dies ist das Beste! so lehrte mich – ich ehre sie – die Schule meines Lebens. –

Der seltne Mann erschien vor meinem Innern so sanft und groß. Froh bot ich ihm die Hand, und dankte, und sagt ihm meinen Irrtum.

Nur zu lange, rief er, irrt auch ich, und die Geschichte meiner Jugend ist ein Wechsel widersprechender Extreme; ich kenne das, wo wir traurend und verarmt des hohen Eigentums nicht gedenken und alles ferne wähnen, was wir doch in uns finden sollten, und das verlorne in der Zukunft suchen und in der Gegenwart, im ganzen Labyrinthe der Welt, in allen Zeiten und ihrem Ende; ich kenn auch das, wo das feindliche verhärtete Gemüt jede Hülfe verschmäht, jedes Glaubens lacht in seiner Bitterkeit, auch die Empfänglichkeit für unsre Wünsche der guten Natur mißgönnt, und lieber seine Kraft an ihrem Widerstande mißt.

Doch auch diesen Verirrungen gönn ich itzt oft einen freundlichen Blick, wenn sie mir erscheinen. Wie sollt ich sie noch mit Strenge bekämpfen? Sie schlummern friedlich in ihrem Grabe. Wie sollt ich sie aus meinem Sinne bannen? Sie sind doch alle Kinder der Natur, und wenn sie oft der Mutter Art verleugnen, so ist es, weil ihr Vater, der Geist, vom Geschlechte der Götter ist. Genügsam hält sich ewig in ihrer sichern Grenze die Natur; die Pflanze bleibt der Mutter Erde treu, der Vogel baut im dunkeln Strauche sein Haus, und nimmt die Beere, die er gibt; genügsam ist die Natur, und ihres Lebens Einfalt verliert sich nie, denn sie erhebt sich nie in ihren Forderungen über ihre Armut. Genügsam ist der mangellose Geist, in seiner ewigen Fülle, und in dem Vollkommenen ist kein Wechsel. Der Mensch ist[217] nie genügsam. Denn er begehrt den Reichtum einer Gottheit, und seine Kost ist Armut der Natur. – Verdamme nicht, wenn in dem Sinnenlande das niebefriedigte Gemüt von einem zum andern eilt! es hofft Unendliches zu finden: durch die Dornen irrt der Bach; er sucht den Vater Ozean. Wenn sein vergessen, des Menschen Geist über seine Grenze sich verliert, ins Labyrinth des Unerkennbaren, und vermessen seiner Endlichkeit sich überhebt, verdamme nicht! Er dürstet nach Vollendung. Es rollten nicht über ihr Gestade die regellosen Ströme, würden sie nicht von den Fluten des Himmels geschwellt.

Der schöne Knabe, der indes im Garten sich beschäftigt hatte, kam und bracht uns Blumen, erzählt' uns auch manches, und wies uns das goldne Feuer über den Gebirgen. Es war schon Abend geworden. Ich nahm die freundliche Herberge mit Dank an. Das Leben ist nicht so reich, daß wir ein reines Wesen, wie der Mann war, den ich gefunden hatte, so schnell verlassen könnten.


–––––––––––––

Quelle:
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 3, Stuttgart 1958, S. 210-218.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Hyperions Jugend
Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente. Band 4: 1794-1795. Gedichte; Fragmente von Hyperion; Hyperion metr. Entwürfe; Hyperion Jugend; Philos. Entwürfe; Phaeton; Hyperion vorletzte Fassung
Hyperions Jugend

Buchempfehlung

Aristophanes

Die Wolken. (Nephelai)

Die Wolken. (Nephelai)

Aristophanes hielt die Wolken für sein gelungenstes Werk und war entsprechend enttäuscht als sie bei den Dionysien des Jahres 423 v. Chr. nur den dritten Platz belegten. Ein Spottstück auf das damals neumodische, vermeintliche Wissen derer, die »die schlechtere Sache zur besseren« machen.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon