Siebentes Kapitel.

Sklavenleben.

[70] Der Vater setzte sich an den Schreibtisch, um noch einen angefangenen Bogen zu vollenden, und die Tänzerin zündete eine Lampe an, nahm das Kleidchen und den Kranz von Orangenblüthen und ging in's Vorzimmer. – Hier lag das todte Schwesterchen auf emem weißen Kissen und war mit einem Tuche zugedeckt. Als Clara dieses Tuch wegzog, durchschauerte es sie leicht, und als sie darauf das Kind betrachtete, rollte eine Thräne um die andere aus ihrem Auge. Es lag da so ruhig als ob es schliefe,[70] die Augen halb geöffnet, die Händchen über der Brust gefaltet. Daß es wirklich todt war, sah man nur an der gelblichweißen Gesichtsfarbe, an der glanzlosen Haut und an einem schmerzlichen Zug, der um den zusammengepreßten Mund und das spitzige Näschen spielte, und man fühlte das, wenn man, wie Clara es that, das warme lebensfrische Gesicht an die bleichen Lippen des Kindes drückte und dann jene eisige sonderbare Kälte empfand, jene Kälte, die mit nichts Anderem zu vergleichen ist; jene Kälte, welche die unerbittliche Hand des Todes zurückläßt.

Clara deckte das Kleidchen mit den rothen Schleifen über ihre kleine Schwester hin, legte den Blumenkranz auf ihr Haupt und sank dann vor der Kleinen auf die Knie. Das Kind hatte viel gelitten und war in herben Schmerzen gestorben. Vor dem inneren Auqe der Tänzerin gingen Stunde um Stunde die zwei kummervollen Jahre vorüber, welche dies arme Kind durchlebt und welche Clara mit ihm geduldet und gelitten. Das war ein harte Zeit gewesen seit der Geburt der kleinen Anna. Ihre Mutter, Clara's Stiefmutter, war wenige Tage nach der Geburt des kleinen Kindes gestorben und die Tänzerin hatte es aufgezogen als wäre es ihr eigenes. Ah! sie liebte das arme kränkliche Geschöpf mehr als Alles in der Welt. Sie hing in seinen Leiden inniger an ihm, als an dem Vater und den anderen Geschwistern; es war ihr Eigenthum, sie hatte es sich erobert durch durch die unermüdlichste Sorgfalt, durch unzählige Nachtwachen. Ein halbes Jahr nach der Geburt hatte der Hausarzt gesagt: es ist ein Wunder, Fräulein Clara, daß Sie mit Gottes Hülfe das Kind durchgebracht haben. – Ja, es lebte, es gedieh, und das junge Mädchen sah mit Entzücken, wie es stärker und kräftiger wurde, wie es eines Tags zum ersten Mal lächelte, wie dann lange Unterredungen mit ihr hielt, aber in unartikulirten Tönen, nur ihr allein verständlich. – – – – Und doch mußte es sterben. Wie hatte sie dem Tode diese Beute streitig gemacht![71] Wie hatte sie Tag und Nacht über seinem Lager gewacht, am Morgen seinen ersten Blick empfangen, am Abend seinen letzten! Wie war sie athemlos die vier Treppen hinaufgerannt, um hineintretend zu fragen: »was macht das Kind?« – Da endlich überfiel es eine neue Krankheit, und schon nach wenigen Tagen ging sein Athem schnell und schwer, sanken seine Augen ein und wurden Mund und Nase spitzig. Wenn sich auch Clara überreden wollte, das seien nur vorübergehende Symptome, und wenn sie auch an jedem Abend die ganze Familie an das Bettchen führte und fragte: »nicht wahr, heute geht's mit der Anna besser? ihre Augen sind lebhafter, ihr Athem leichter,« so schüttelte doch der Hausarzt den Kopf, und der verzweifelte Blick, mit dem die junge Tänzerin an seinen Lippen hing, verhinderte ihn mehrere Tage, die Wahrheit zu sagen. Endlich aber mußte er doch eingestehen, daß alle Hoffnung vergebens sei. –

An dem Tage war gerade ein neues Ballet, und Clara mußte tanzen und lustig sein; aber im Zwischenakte stahl sie sich von der Bühne weg und ging an eine kleine Thüre, welche auf die erste Gallerie führte, und dort wartete sie, bis der Leibarzt des Königs seine Loge verließ. Das war ein alter freundlicher Herr, und als er vorbeigehen wollte, hatte sie sich ihm beinahe zu Füßen geworfen, auch konnte sie lange vor ihren Thränen nicht sprechen. Dem Arzte erschien es natürlich sonderbar, hier von der glänzend gekleideten, aber weinenden Tänzerin angehalten zu werden, doch da er ihr ein paar liebevolle Worte sagte, so war Clara bald im Stande, ihm ihr Leid mitzutheilen. Er versprach nach dem Kinde zu sehen und kam auch noch an demselben Abend zum Erstaunen sämmtlicher Hausbewohner, die seinen Wagen anfahren hörten. Doch zuckte er ebensogut die Achseln wie der Hausarzt, und nachdem er das Kind einige Minuten angeschaut, auch sich nach den Vorgängen erkundigt, tröstete er das Mädchen so gut er konnte und sagte richtig voraus, das kleine Kind werde die Nacht nicht[72] überleben. – – Am andern Morgen war es todt. In Clara's Leben entstand eine große Lücke; sie sah vor sich ein weites, graues Feld, in dessen Mittelpunkte das todte Kind schwebte, das langsam vor ihren Augen versank. –

Das Alles überdachte sie in der heutigen Nacht, und all' die Tage, welche das Kind gelebt, gingen in einem stillen Gebete vor ihrem Geist vorüber. Endlich erhob sie sich wieder, deckte das Tuch über das weiße Gesicht der Kleinen, nachdem sie dasselbe vorher noch mit ihren Küssen und Thränen bedeckt: dann ging sie gefaßter in das Wohnzimmer zurück.

Der alte Mann schien eben seine Arbeit für heute Nacht beendigt zu haben, er klappte das Buch, aus welchem er übersetzte, zu, und legte die Feder darauf hin; dann lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und sah nachdenkend vor sich hin.

Clara, welche noch keinen Schlaf verspürte, setzte sich ihm gegenüber und bedeckte ihre rothgeweinten Augen mit der Hand.

»Das Buch ist ein eigenes Stück Arbeit,« sagte der Vater, »wohl für Amerika berechnet, namentlich jene Distrikte, wo man Sklaven hält oder für deren Abschaffung alle möglichen Schritte thut. Wie es aber mit seinem gewiß vielfach übertriebenen und eingebildeten Elend bei uns so großes Aufsehen machen konnte, ist mir nur dadurch erklärlich, wenn ich überhaupt unsere kindische Sucht nach Fremdem in's Auge fasse, oder eine Art wollüstig kitzelnder Grausamkeit annehme, mit der man nach weit entfernten fremden Leiden schaut, da man nicht den Muth hat, das Auge auf den eigenen Weg vor sich zu senken, um hier eine ungleich härtere Sklaverei zu entdecken, tieferen Jammer, größeres Elend.«

»Glaubst du das wirklich, Vater?« fragte nachdenkend Clara, die an jene Unterredung auf der Bühne dachte.

»Ob ich es glaube, mein Kind!« entgegnete finster der alte Mann. »Fragst du mich das im Ernst? Blicke doch zunächst auf uns Alle, auf dich selbst. Sieh doch, wie es uns bei angestrengtem[73] Fleiße, bei der größten Thätigkeit nicht möglich ist, unsere kümmerliche Lage zu ändern; sieh doch zu, wie ich mich hier bis Mitternacht mit meiner Feder abmühe, und ohne deine Hülfe, mein gutes Kind, doch nicht im Stande wäre, ausreichend für unsern nothdürftigen Unterhalt zu sorgen.«

»Es ist wahr, Vater, es ist sehr wahr.«

»Jener Onkel Tom zum Beispiel ist glücklich gegen mich zu nennen; er ist ein Sklave geboren, und konnte, ich gebe zu, daß es sehr traurig ist, von einem Tag auf den anderen gewärtigen, was ihm endlich zugestoßen. Und wenn nun diese Geschichte wirklich wahr, wenn solche Grausamkeiten dort jenseits der Meere verübt werden, so haben seine Leidensgenossen das Mitleid aller Nationen für sich; man beklagt ihr Dasein, man bejammert ihr Schicksal, man thut durch Wort und Schrift, was man kann für Erleichterung des Looses jener schwarzen Sklaven, während man dagegen zu Hause wieder Alles thut, um uns recht hinabzudrücken, recht den Fuß auf den Nacken zu setzen, uns, den weißen Sklaven der Armuth und Geburt. – – Die Verfasserin,« fuhr der alte Mann nach einer Pause fort, eine Amerikanerin, Augenzeuge des von ihr geschilderten Sklavenlebens, hatte gewiß die schönste und lobenswertheste Absicht. Glaubst du vielleicht, mein Kind, daß der Gedanke, Etwas zur Beglückung jenes gedrückten Theiles des Menschengeschlechtes beizutragen, die zahllosen Buchhändler in unseren damit und mit so vielem Anderem gesegneten deutschen Landen vermocht hat, das Publikum mit Onkel Tom's Hütten zu überschwemmen, in Wort und Bild, in Gesängen und Theaterstücken? – Glaubst du das? – Ich nicht! Ich habe von einem gehört, der seinen Enthusiasmus so weit trieb, daß er seine sämmtlichen Zimmer mit Schilderungen aus jenem Negerleben ausschmückte, in übermäßiger Freude, daß er endlich etwas gefunden, was in den jetzt interesselosen Zeiten nach seinem Ausdrucke zieht. Tritt doch hin vor diesen – geistigen Sklavenhändler, der dir die Arbeit[74] ruheloser Tage und schlaflosen Nächte, der dir ein Stück deines Inneren, das du ihm geschrieben, anbietest, abfeilscht, ja abjaunert, der dir ein paar magere Kreuzer hinwirft für dein bestes Herzblut; – tritt doch vor ihn hin und sage ihm, du habest auch eine Elise gefunden, deren Mann, ein fleißiger Mann, sich von ihr und ihrem Kinde trennen müsse und weit über's Meer fliehen, weil er hier kein Brod für sich und die Seinen mehr findet. Der hiesige Georg ist freilich kein Sklave, und sein Weib und sein Kind sind bei keiner guten Herrschaft, die sie auf's Freundlichste pflegt, auf's Beste erhält, die ihr Hülfe verspricht und in guten tief gefühlten Worten Trost spendet. O nein, mein Kind, die hiesige Elise, obgleich auch einstens schön, jung und blühend, ist nun nach wenigen Jahren ein armes, verkümmertes Weib geworden und sitzt auf einer ungeheizten Bodenkammer mit ein paar traurigen Gesellschaftern, dem Hunger und der Kälte; und dazu pfeift der Wind höhnend durch die Risse des Daches; sie selbst friert gern und muß ja frieren, denn in ihren letzten warmen Rock hat sie ihr Kind gewickelt und es schlummert nun leise an ihrer Brust, und wenn es auch zuweilen stöhnt und sich im Schlafe hin und her wendet, so ist es doch im Augenblick vor der Kälte geschützt, und wenn der liebe Gott im Himmel sie nicht gänzlich verlassen hat, so findet sie wohl im Laufe des Tages eine mitleidige Seele, die ihr mit etwas Suppe aushilft. – Vorderhand aber hungert sie und hofft, hofft auf ihren Gatten, daß er ihr Hülfe sendet, hofft auf die Barmherzigkeit des Himmels, daß er ihren kränklichen Körper genesen läßt, um sich alsdann durch Arbeit wieder fortbringen zu können. – – Und wie sie so sinnt und denkt, erweitern sich vor ihren Augen die zahlreichen Spalten und Risse im Dach, und ihr Blick fliegt hinaus über die Dächer der Stadt hinweg in das weite Land und über andere Städte und andere Länder, und endlich sieht sie vor sich eine weite, graue, hie und da mit Schnee bedeckte Fläche, eine trügliche Ebene, die auf[75] und niederwankt. – Sie fühlt auch den Seewind, denn es fröstelt sie kalt und schaurig an; am Ufer des weiten Meeres aber stehen Leute und erzählen sich von dem großen Sturm, der gestern stattgefunden und von dem großen Auswandererschiff, das mit so vielen Menschen elend zu Grunde gegangen. – –

Wie das Weib an diese Stelle des Traumes gekommen, da schreckt sie zusammen und ein herzzerreißender Schrei erweckt fast das Kind auf ihrem Schooße, sie aber zum klaren Bewußtsein. Sie streicht krampfhaft lachend das Haar aus ihrem Gesichte und redet sich ein, es sei doch lächerlich, eine solch' traurige, solch' schlimme Vorahnung zu haben. – –

»Und sie hat in ihrem Geiste die Wahrheit gesehen,« fuhr der alte Mann erschüttert fort. Und dabei hatte er die Hände gefaltet und blickte mit einem seltsam stieren Gesicht an die Decke des Zimmers. – »Aus der Tiefe auf stiegen nächtlich die Geister der Ertrunkenen und sie flogen unverwandten Blicks aufwärts gen Himmel. Es waren viele, viele darunter, wie sie hier in dem Buche beschrieben sind, und auch ihnen wurden droben als armen Sklaven eilfertig die Thüren des Paradieses aufgerissen und sie trugen Alle an sich ihr Sklavenzeichen, nicht jenes eingebrannte T.F. an der Hand, das man im Nothfall ausschneiden oder mit einem eleganten Handschuh bedecken kann, sondern ihnen war dasselbe auf die Stirne geschrieben, und an den zusammengebissenen Zähnen und auf den weißen eingefallenen Wangen las man ein ganzes Sklavenleben, ein Dasein ohne Lust und Freude, dahingeschleppt in Kummer und Entbehrungen.«

Clara hatte mit Entsetzen diesen wilden, so heftig ausgestoßenen Worten, ihres sonst gemüthlichen und ruhigen Vaters gelauscht. Sie drückte ihre Hand auf seinen Arm, wie um ihn zu erwecken, zu besänftigen, und es gelang ihr auch; seine Augen verloren ihren starren Ausdruck und er blickte sie mit inniger, väterlicher Zärtlichkeit an, die aber nicht ohne eine tiefe Traurigkeit war.[76] Dann legte er seine Hand auf ihr dunkles Haar, auf ihre zierliche Frisur, und warf sie leicht auseinander, daß ein paar falsche Perlen und Brillanten auf den Boden rollten, die er verächtlich mit dem Fuße von sich stieß, dann die junge Tänzerin auf die Stirne küßte, wobei ein paar Thränen aus seinen Augen auf die ihrigen herabträufelten.

»Ich verstehe dich wohl, mein Vater,« sagte Clara nach einer Pause; »auch ich bin ja eine arme Sklavin, tief erniedrigt durch meine Stellung und durch die Bösartigkeit der Menschen.«

»Sei es, mein Kind,« erwiderte ruhiger der alte Mann, »sei es wenigstens äußerlich; aber bewahre dein Inneres, bewahre dein Herz, dein gutes Gewissen, daß du frei und stolz um dich blicken kannst, daß du das Auge Gottes nicht zu scheuen hast. Was kümmern dich dann die Reden der Menschen!« –

Einen Augenblick blieb es hierauf still in dem Gemach, und der Vater blickte während der kleinen Pause mit ungetrübter Zärtlichkeit auf das junge Mädchen, dann aber drückte er sie sanft an sich, sein Blick wurde wieder finsterer, und um seinen Mund spielte abermals ein hartes, ja verächtliches Lächeln. »Da haben sie,« sagte er, »aus dem Buch ein Lied gemacht.« Es behandelt den Moment, wo die Sklavin Elise mit ihrem Kinde über die auf- und abschwankenden Eisschollen des Ohio flieht; allerdings eine entschlossene und schöne That. Dieses Lied ist nun von irgend Einem zierlich in Musik gesetzt und wird nun schmachtend gesungen von Tausenden deutscher Frauen und Jungfrauen zu den Akkorden eines Klaviers oder dem Geklimper einer Guitarre, sich selbst und den Zuhörern zum unaussprechlichen Vergnügen, und es ist eine Heldenthat, deren Vorbild man Tausende von Meilen weit herholen mußte, weil sie nichts Aehnliches aufzuweisen hat im lieben Vaterlande. – So glauben sie – –

»Ich habe aber eine Mutter gekannt,« fuhr der alte Mann[77] fort, indem er sich erhob und im Zimmer auf-und abschritt, »die hat für ihr Kind noch unendlich mehr gethan, und man hat sie nicht gepriesen in Büchern und Balladen. Dieses Weib war ein armes unglückliches Weib, und obgleich sie nicht von Sklavenhändlern gejagt wurde, so jagten sie doch noch viel grimmigere Feinde: Noth und Hunger. Sie schrak nicht vor der Arbeit zurück, aber sie hatte in ihren guten Tagen nur gelernt, mit der Nadel kunstvolle Arbeiten zu machen, und nun waren ihre Finger vor Kälte steif geworden, und da sie zurückgekommen und verarmt war, so wollte ihr auch Niemand mehr etwas anvertrauen, womit sie sich einen Verdienst machen und das Leben ihres Kindes fristen konnte. Dieses Weib war keine geborene Sklavin; sie war von einer guten ehrlichen Familie, und deßhalb konnte es ihr in ihrem tiefen Jammer nicht gelingen, irgendwo nur ein Almosen zu betteln; auch hatte sie nicht das Geschick dazu: glücklichere und erfahrenere Almosensammler ließen sie nicht aufkommen. – Da irrte sie Abends herum, ihr Kind in ein ärmliches Tuch gewickelt, – ich glaube es war um die Weihnachtszeit und da thut es doppelt weh, wenn man mit einem halberfrorenen hungrigen Wurm vor hellerleuchteten Fenstern stehen muß, um zuzusehen, wie andere glücklichere Kinder in der Fülle der Gesundheit jubelnd um den glänzenden Weihnachtsbaum springen; – das arme Weib hatte gerade keinen Neid auf diese Eltern und Kinder, sie wünschte nur ein kleines Brod für das ihrige, und als sie so an einem Bäckerladen vorbeikam, wo viel zierliches Backwerk ausgelegt war, kam ihr der Gedanke, dort etwas für ihr Kind zu stehlen. – – – Anfangs schauderte sie zurück, denn sie war arm, aber ehrlich. Als aber das kleine Kind vor Hunger leise wimmerte, als sie so gejagt war von Noth und Verzweiflung, da streckte sie die zitternde Hand aus und nahm ein kleines Brod hinweg, konnte aber damit nicht entfliehen, denn als das Verbrechen begangen war, stand sie vor Schrecken festgebannt. – Die Sklavin entging nicht ihren[78] Verfolgern, sie wurde jenseits ihres mit schwimmenden Eisschollen bedeckten Ohio's nicht von freundlicher Hand aufgenommen. – Die weiße Sklavin erhielt für sich und ihr Kind kein warmes Zimmer, kein gutes Bett; sie fiel der strafenden Gerechtigkeit anheim; sie ist verschwunden und verschollen, kein Buch beschreibt ihre größere That, keine Ballade besingt ihr Elend und das ihres Kindes.«

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Nach diesen Worten hob der alte Mann seine Hand wie beschwörend gen Himmel und durchschritt mit hastigen Schritten das Zimmer nach allen Richtungen. So oft er aber bei dem Stuhle seiner Tochter vorüberkam, berührte diese leicht seine Hand, worauf sein Schritt jedes Mal ruhiger, sein Blick sanfter wurde. Endlich blieb er vor Clara stehen, faßte ihre Hand und sagte, nachdem er ihr eine Zeitlang in die dunklen Augen gesehen, mit lächelndem Ausdruck im Gesicht: »ja, ja, es ist leider wahr, mein Kind, wir Alle sind Sklaven; sieh' nur mich, deinen Vater, an, glaubst du nicht, daß ich eben so gern ein Zuckerfeld bearbeiten würde, wenn das meine Kräfte zuließen, als diese geistigen Frohndienste zu versehen, die vielleicht hundertste Uebersetzung eines Buches zu machen, das mir unangenehm, ja unheimlich ist! – – Aber ich weiß mich zu trösten, liebe Clara,« fuhr er nach einer Pause fort, während welcher sein Gesicht wieder den alten gemüthlichen und heiteren Ausdruck erlangt hatte, während seine Augen wieder sanft und freundlich strahlten und um den Mund wieder das alte zufriedene Lächeln erschien. »Ja, ja, ich weiß mich zu trösten,« sagte er, »denn siehst du, mein Kind, wären wir, ich, du und vielleicht noch Tausende von Menschen der gleichen Klasse allein dazu berufen, die Sklaven aller anderen zu machen, es wäre entsetzlich, es könnte das nicht lange fortbestehen, und bald müßten sich die Niedergedrückten mit einem einzigen Schrei der Verzweiflung gegen die usurpirte Herrschaft ihrer Unterdrücker auflehnen.[79] Aber es ist nicht so: Alle sind Sklaven, Alle haben keinen freien Willen, auch die, welche stolz auf uns herabblicken; und je höher sie stehen, desto herber fühlen sie ihre Sklaverei.«

Das junge Mädchen sah ihren Vater fragend an, und sagte: »Aber, lieber Vater, die Reichen, die sich für ihr Geld alle Genüsse dieses Lebens verschaffen können –?«

»Sind die Sklaven eben dieses Geldes,« versetzte rasch der alte Mann, »die Sklaven ihrer Leidenschaften, die Sklaven eines oft kranken und deßhalb für viele Genüsse unbrauchbaren Körpers. Sieh' dich um, mein Kind, mit offenem, ruhigem Blick, frage durch alle Schichten der menschlichen Gesellschaft, erkundige dich, wer vollkommen glücklich und zufrieden sei; – du wirst Wenige finden, und wahrlich diese Wenigen am wenigsten in den hohen und reichen Ständen. Dort drückt die unzerreißbare Sklavenkette des sogenannten guten Tons, des Herkommens am stärksten, wenn sie auch der oberflächliche Beschauer nicht sieht, da sie unter Gold und Blumen versteckt ist; dort verletzt ein Wort, ein Blick die kranken Herzen, dort gelten freundliche Augen und lachende Lippen nicht für den Ausdruck eines zufriedenen Gemüths; sie dienen nur dazu, Verdruß, Haß, Wuth, Neid zu verdecken: ein Händedruck, ein freundliches Wort will dort nichts sagen, es ist das hundert Mal die Maske eines Sklaven, der viel lieber knirschend in seine Kette beißen möchte, und den nur die Macht, das Ansehen des Anderen dazu zwingt, ein süßes Gesicht zu machen und den Rücken zu krümmen. –«

»Und alle schleppen diese Kette mit sich herum und lassen sie erst fallen, wenn der erstarrten Hand mit ihr zugleich die Zeichen der Macht und des Reichthums entfallen. – Es ist dies wahrlich in der Welt recht schön und klug eingerichtet,« fuhr der alte Mann lächelnd fort; »Einer ist wie gesagt der Sklave des Andern, und so hängen alle Menschen an einer gewaltigen Kette, vom Bettler bis hinauf zum Könige.«[80]

»Aber der König ist frei,« sagte lächelnd das Mädchen, »ihn kannst du nicht zu den Sklaven rechnen.«

»Gewiß, mein Kind, ihn auch,« antwortete der alte Mann und starrte nachdenkend, doch nicht unfreundlich aussehend vor sich hin. »Er ist auch Sklave der Verhältnisse, seines Schicksals, ja theilweise seiner Umgebung; sein Wille vermag nicht immer durchzudringen; und glaube mir, er in seiner Höhe fühlt es doppelt hart, wenn sich ihm eine andere unsichtbare Gewalt gegenüberstellt, wenn sein Befehl an einer Intrigue abgleitet. Es sind vielleicht nur Kleinigkeiten, die den Herrscher mit den unsichtbaren Ketten umgeben und einengen, aber gerade weil er sonst herrscht und gebietet, fühlt er hier um so schmerzhafter, daß er gefesselt ist. – Ja, Alle, Alle sind Sklaven!«

Bei diesen Worten erhob der alte Mann seine Augen, ließ sie einige Minuten auf dem schönen Gesichte seiner Tochter ruhen, dann wandte er sie sinnend gegen die Mauer, welche das Gemach umgrenzte, die aber seinen Blick nicht aufhielt; sie schien sich vor ihm zu öffnen und er in weite Fernen, in andere Verhältnisse, in fremdes Leben zu schauen. Seinen Mund umspielte ein freundliches Lächeln; er sah in Gestalten und Bildern vor sich, was er vorhin in Worten ausgesprochen; er blickte in die Zukunft und zugleich in die nachfolgenden Kapitel dieses Buches.

Quelle:
Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben, 5 Bände, Band 1, in: F.W.Hackländer’s Werke. Stuttgart 31875, S. 70-81.
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