Achtundsiebenzigstes Kapitel.

Auf der Polizeidirektion.

[122] Während die vier Polizei-Beamten ganz ermattet und sehr verblüfft vor dem Gartenpavillon standen, befand sich der Flüchtling in demselben in Sicherheit. Er blieb dicht an der Thüre stehen, und hütete sich vor dem geringsten Geräusch, ja er bezwang so viel als möglich seine keuchende Brust, damit das Athemholen drüben nicht gehört würde. Ringsum war es stille, und er von seinen Verfolgern nur durch eine dünne Bretterwand geschieden; er fühlte sich jetzt wie der Schiffer auf stürmischem Meer. Näher als vorhin und auch jetzt noch war er dem Verderben nie gewesen. Die Nervenaufregung, das Bewußtsein, handeln zu müssen, hatten ihn bis jetzt nicht dazu kommen lassen, seine Lage zu übersehen – seine Lage, und vor Allem die seiner unglücklichen Schwester. Jetzt aber, wo sein Körper ermattet war, wo die Gefahr hinter ihm zu liegen schien, wo er trotzdem immer noch wie angefesselt stehen mußte, jagten seine Gedanken in tollen und wilden Bildern durch sein Gehirn. Und was sie ihm Schreckliches zeigten, das waren leider keine Gebilde der Phantasie, das war Alles wahr, nur zu wahr! Sein mächtiger Geist breitete in rascher Aufeinanderfolge Alles Gehörte und Gesehene vor sich aus, er überlegte, verglich, verwarf und kam zu dem entsetzlichen Resultat, daß der Boden, auf dem er bisher gelebt, anfange unter seinen Füßen zu wanken, daß er auf schlüpfrigem Bergrande stehe, schon hinabgleitend, ohne daß sich seinem suchenden Auge ein sicherer Anhaltspunkt, eine rettende Stütze gezeigt hätte. – Als er mit seinen Gedanken so weit gekommen war, daß er seine Lage klar erkannte, preßte ein wilder Schmerz sein Herz zusammen und er mußte gewaltsam einen Schrei der Verzweiflung unterdrücken, der sich nun momentan in ein schreckliches Gefühl verwandelte, und jede Muskel seines kräftigen Körpers erzittern machte.[123] Das war der Augenblick, wo er, um Allem mit einem Male ein rasches Ende zu machen, an die Thüre zu klopfen versucht war, um sich seinen Verfolgern zu übergeben. Doch warf er in der nächsten Sekunde trotzig den Kopf in die Höhe und sprach zu sich selber: »Verdammt, daß ich mich auf dieser Feigheit ertappe, ein, wenn gleich verlorenes Spiel wegzuwerfen, da man nicht den Muth hat, es zu Ende zu führen. – Ah! wie konnte mir eine solche Idee kommen! Nein, ich werde meine Zügel fest in der Hand behalten, ich werde die Räder meines Lebenswagens vor dem Sturz in diesen Abgrund zu bewahren wissen, wenn mir auch drüben ein anderer nicht minder gefährlicher winkt. War es doch von jeher mein Grundsatz, das Angefangene zu beendigen. Also auch diese Partie bis zum letzten Stiche, bis zu meinem großen Schlemm! Dann die Karten fein und säuberlich geordnet und zusammengelegt, das Conto bezahlt und – gute Nacht!«

Die Vier draußen hatten sich hinter ihren langen Ohren gekratzt, und Einer meinte, es sei doch wahr, was man vom Fuchsbau sage, daß dort der Teufel los sei. »Alles in Allem genommen, so mag der Henker wissen, was wir verfolgt, vielleicht eine Art Geist oder einen Schatten.« Dagegen nun protestirte ein Anderer heftig und sagte zu seinen Kameraden: daß das kein Schatten gewesen sei, habe er bei dem Gaskandelaber drunten wohl gespürt; so sei er in seinem ganzen Leben noch nicht umgerannt worden. Brummend meinte er, dafür wären sie eigentlich nicht bezahlt, und wenn das noch einmal vorkäme, so könne Polizeidiener sein, wer Lust habe. Ein Dritter sprach, er glaube, da helfe Alles nichts mehr; möge es nun Schatten oder Mensch gewesen sein, er sei nun einmal unter sehr verdächtigen Umständen verschwunden am Gartenpavillon des Polizei-Präsidenten, und er halte dafür, die ganze Sache dem Kommissär zu melden und dessen Urtheil zu hören. Der Vierte aber war der Klügste von Allen; er rieth, so lange über die Geschichte reinen Mund zu halten, bis sie den Garten untersucht hätten. Und[124] zu dem Zweck sollten zwei hier bleiben, und zwei vorn zum Hause hinein gehen, um, wohlverstanden, in aller Heimlichkeit nach dem Entflohenen zu fahnden. Fände man nichts, so bliebe die Sache auf sich beruhen und werde nicht weiter gemeldet. Dieser Vorschlag wurde angenommen und Zwei machten sich alsbald auf den ziemlich langen Weg nach der Polizeidirektion, zu welchem Zweck sie ein paar Stadttheile umwandern mußten.

Dies Gespräch hatte die Gedanken des Verfolgten unterbrochen und zwang ihn, alsbald auf seine Rettung zu denken. Was sollte er thun? Das einzige Mittel, zu entkommen, schien ihm, durch den langen Garten in das Haus des Polizei-Präsidenten zu gehen, denn abgesehen von der hohen Mauer, die zu beiden Seiten hinlief, war es ihm heute Abend zu gefährlich, sich der Nachbarschaft anzuvertrauen. Aber wie sollte er aus dem Hause des Polizei-Präsidenten auf die Straße gelangen? Er mußte da an der Wachtstube vorbei, die sich im Erdgeschoß befand, und wäre dort einem unangenehmen, gefährlichen Verhöre nicht entgangen. Der Himmel war wolkenlos, ein heller Streifen, der sich im Osten langsam ausbreitete, zeigte den Aufgang des Mondes an; die Luft war kalt, ein scharfer Wind sauste durch die dürren Zweige der Bäume, der Boden war hart gefroren. Glücklicherweise sprachen die beiden Polizeidiener draußen so laut, daß es dem Flüchtling möglich war, sich während ihrer Unterredung langsam aus dem Pavillon zu entfernen. Einmal aus ihrer Hörweite, beschleunigte er seinen Schritt und erreichte den gepflasterten Hof, welcher an die hintere Seite des Hauses stieß. Die Wagenremise war geöffnet, beim Schein einer Laterne spannte der Kutscher seine Pferde ein und unterhielt sich mit einem der Soldaten, welche zur Wache des Hauses gehörten. »Und so eine Geschichte dauert lang?« fragte der Soldat. – »Heute Abend wenigstens bis zwei Uhr,« versetzte der Kutscher. »Ich sage dir, so ein Maskenball bei Hof, der läßt nicht mit sich spassen.«[125]

Er, der in diesem Augenblicke mit geräuschlosen Schritten über den Hof ging, hatte bei all' dem Schrecklichen, was er erlebt, die täglichen Angelegenheiten vollkommen vergessen. Als der Kutscher von dem Maskenballe bei Hof sprach, erinnerte er sich des heutigen Abends, und eine kecke, wenn gleich gefahrvolle Idee zu seiner Rettung blitzte in seinem Kopfe auf. Es war das ein Gedanke, den er seiner Seltsamkeit wegen augenblicklich festhielt und auszuführen beschloß. Er zog seine Uhr, und nachdem er einen Blick darauf geworfen, murmelte er: »Erst Acht; die Zeit könnte nicht besser sein.« Jetzt hatte er das Haus erreicht, jetzt die breite Treppe, die in den ersten Stock führte, zur Wohnung des Polizei-Präsidenten. Auf derselben war Alles hell erleuchtet, und beim Schein des glänzenden Gaslichtes untersuchte er mit prüfendem Auge den Zustand seiner Toilette. Dank dem festgefrornen Boden war an den glänzenden Reitstiefeln kein Stäubchen zu sehen, ebenso untadelhaft war sein enganliegendes Beinkleid; nur die Blouse von dunkelblauem Wollenstoffe hatte sich bei dem scharfen Laufen etwas verschoben. Doch war dem leicht abzuhelfen. Er zog den ledernen Gürtel, den er um den Leib trug, fester an, das Oberkleid herab, brachte seine Halsbinde, so gut sich das ohne Spiegel thun ließ, in Ordnung, und somit war sein Anzug bis auf das Haar wieder hergestellt. Das mußte schon sorgfältiger behandelt werden, doch gab es auch hiefür ein leichtes Auskunftsmittel. Der junge Mann wußte in dem Hause genau Bescheid, er stieg festen Fußes die Treppe hinauf und trat oben, statt nach dem Empfangszimmer zu gehen, in einen kleinen Korridor, öffnete dort eine Thüre und wollte eintreten.

Hier befand sich ein junges Mädchen, das bei dem Anblick der fremden Gestalt, die so plötzlich auf der Schwelle erschien, laut aufschrie und flüchten wollte. »Bleiben Sie ruhig, Louise,« sagte der Eintretende lachend. »Ah! bei Gott! meine Maske ist gut, da sogar Sie mich nicht erkennen.«[126]

Das Wort »Maske« schien die Kammerjungfer, welche in den letzten Tagen viel von dergleichen gehört, einigermaßen zu beruhigen. Doch hielt sie immer noch die Klinke zur Thüre des Nebenzimmers in der Hand, als sie entgegnete: »Ja, die Maske ist so gut, daß ich den Träger derselben nicht zu erkennen vermag. Und wenn er sich nicht augenblicklich nennt, so werde ich Lärm machen.«

»Coeur de rose!« lachte der junge Mann. »Wie sind Sie heute Abend so wild! So will ich mich denn also nennen, und mich zu gleicher Zeit noch besser in Ihrem Gedächtnisse auffrischen.« Bei diesen Worten hatte er die Hand unter die Blouse gesteckt, sie wieder hervorgezogen, und als er darauf dem erstaunten Mädchen ein paar Dukaten in die Hand gleiten ließ, sagte er flüsternd: »Baron Brand wünscht die Frau Präsidentin zu überraschen, vorher aber einen Augenblick Ihre schöne Gebieterin zu sehen.«

Die Kammerjungfer war wie umgewandelt. »Sie sind aber in der That ein gefährlicher Herr,« sprach sie lachend. »Habe ich doch in meinem ganzen Leben nicht gesehen, daß Jemand eine andere Figur so täuschend darstellen könnte! Fräulein Auguste ist fertig; ich werde Sie melden.«

Damit verschwand das Mädchen, um gleich darauf zurückzukehren und dem Wartenden zu sagen, daß sein Besuch willkommen sei. Ehe der Baron übrigens das Zimmer verließ, brachte er vor dem kleinen Spiegel desselben seine Haare sowie seinen Bart in Ordnung, und als er darauf den uns bekannten Salon betrat, erschien die Tochter des Präsidenten zu gleicher Zeit von der andern Seite, doch blieb sie beim Anblick der fremdartigen, seltsamen Gestalt zögernd auf der Schwelle stehen, und erst, als sich ihr der Baron in seiner eleganten und liebenswürdigen Weise näherte, ihre Hand ergriff, sie feurig küßte und dazu wie mit einem Anflug von Empfindlichkeit sagte: »Ah! auch Sie erkennen mich nicht einmal! Auch Ihnen, schöne Auguste, ist mein Bild so wenig[127] gegenwärtig,« lachte das reizende Mädchen laut auf und rief einmal über das andere Mal: »Prächtig! suberb! magnifique! – Baron, ich kann Ihnen nicht verschweigen, Sie haben sich da einen gefährlichen Nebenbuhler erschaffen.«

»Diese Aeußerung könnte mich unglücklich machen, Auguste,« sagte zärtlich der Baron. »Und darauf können Sie sich verlassen, schöne Unbeständige, daß der Nebenbuhler nach dem heutigen Abend verschwinden und nie mehr zum Vorschein kommen soll.«

»Also eifersüchtig auf sich selbst!« lachte das schöne Mädchen.

»Ja, auf mich selbst,« entgegnete er feurig. »Auf Jeden, der es wagt, Sie anzusehen, auf das Licht, das in Ihrem schönen Auge glänzt, auf die Luft, die Sie einathmen, auf diesen goldenen Reif, der das Glück hat, Ihren reizenden Arm zu umschließen.« Dabei küßte er ihn vielmal, das heißt den Arm, nicht den Reif. »Und eifersüchtig bin ich,« fuhr er mit einem leisen Seufzer fort, »auf die Blume in Ihrem Haar, ach! und auf die Spitzen, jene feinen, neidischen Gewebe, welche beseligt sind, Ihnen so nahe sein zu dürfen.«

»Welche Wortverschwendung!« versetzte Auguste heiter und fröhlich. »Aber jetzt seien Sie vernünftig, Baron. Ja, wenn Sie sich einen Augenblick zu mir hersetzen und verständig sein wollen, so will ich Ihnen dagegen gestehen, daß es mich recht – nein, das will ich gerade nicht sagen – aber daß es mich freut, Sie noch vor dem Balle zu sehen. Aber setzen Sie sich!«

Der Baron that wie ihm befohlen, und obgleich die beiden Fauteuils ziemlich weit von einander standen, so wußte er doch durch eine kühne Schwenkung seinen dem ihrigen näher zu bringen. »Daß ich ehrlich bin, müssen Sie mir zugestehen, Auguste. So mein Kostüm preisgeben! Wie hätte ich Sie intriguiren können!« Er beugte sich zu ihr hinüber, und während er seinen Arm so auf die Lehne des Fauteuils stützte, daß er mit seinen Fingerspitzen bald den kühlen, glatten Goldreif, bald ihren warmen, vollen Arm[128] berühren konnte, blickte er ihr von unten herauf so forschend in die Augen, daß sie die ihrigen niederschlug.

Nach einer Weile sagte sie: »Ich hätte Sie doch erkannt, Baron. Freilich, Ihr Kostüm ist schön, Ihr Gesicht gänzlich fremd, aber Ihr Wesen, Ihre Art zu sprechen, können Sie nicht verleugnen.«

»Coeur de rose,« erwiderte er lachend, »da irren Sie sich.«

»Gewiß nicht,« versetzte das schöne Mädchen. »Sie haben etwas Weiches – etwas Gutes, wenn Sie wollen, in Ihrer Sprache, in Ihrem Auftreten, in Ihrer Art zu sein, und das ist im Widerspruch mit Ihrem wilden Kostüm, ja mit dem Blitz, der jetzt aus Ihren Augen flammt.«

Bei diesen Worten erhob sich der junge Mann langsam aus seinem Stuhl, und als er aufrecht da stand, schien er gegen früher um ein paar Zoll gewachsen zu sein. Seine Haltung war eine ganz andere; er legte die linke Hand leicht und graziös auf den Griff seines Dolches und sagte mit jener ernsten, klingenden Stimme, die uns bekannt ist, mit jenem Tone, der die wildesten Gesellen erzittern machte: »So hören Sie mich denn, Auguste. Ich bin in der Verkleidung nicht ohne Absicht zu Ihnen gekommen – zu dir, deren Herz mir gehört. Verhältnisse, die ich dir unmöglich jetzt auseinandersetzen kann, erlauben mir nicht, dich auf dem gewöhnlichen und schicklichen Wege die Meine nennen zu können. – Auguste,« fuhr er mit wildem und doch zärtlichem Ausdrucke fort, »meine Auguste, du mußt Vater und Mutter verlassen und mußt mit mir fliehen, noch heute Nacht fliehen; ich habe alle Vorbereitungen getroffen, am Schlosse halten Wagen und Pferde, im Gewühl des Balles wird es uns leicht, zu verschwinden. Willst du, meine Auguste? Willst du? Ein kurzes Wort, Ja oder Nein!«

Das auf's Höchste überraschte Mädchen hatte die nun auch in ihrem Wesen so ganz fremde und verwandelte Gestalt staunend angeschaut und hatte zitternd seine Worte gehört; aber sie zitterte nicht, weil sie dachte, es sei jetzt der Augenblick der Vereinigung[129] gekommen mit dem Manne, dem sie gestanden, daß sie ihn liebe, dem sie feurige Küsse erlaubt, dem sie einen Schlüssel anvertraut, von dem er einen großen Mißbrauch hätte machen können, sondern sie bebte, weil sie seinen Worten völlig glaubte, und aus denselben eine Absicht hervortreten sah, die mit der ihrigen durchaus nicht harmonirte, an die sie nimmermehr gedacht, zu der sie nie ihre Zustimmung geben würde. Dem Baron Brand hatte sie erlaubt, daß er sie liebe, aber vor aller Welt liebe; sie wußte, daß er reich war, daß er schöne Equipagen hatte, in allen Gesellschaften gern gesehen war; sie wäre hier in der Residenz gerne vor den Altar getreten; wie hätte man sie beneidet, wie hätte man der Baronin Brand gehuldigt! Dies schöne, glänzende Gewebe hatte er mit seinen Worten gänzlich zerstört, sie sah die goldenen Fäden davon flattern, und hatte leider nicht Verstand genug, sie zu erhaschen und ihn selbst mit kluger Hand damit zu umgarnen.

Er lauschte gespannt aus ihre Antwort, und als er bemerkte, daß, nachdem er geendet, ihre Züge kalt, ernst und förmlich wurden, flog fast unmerklich ein triumphirendes Lächeln über sein Gesicht.

»Herr Baron,« sagte sie, »wenn es auch möglich wäre, daß Sie vorhin im Scherze sprachen, so sind das doch Worte, die ich nicht hören darf, und Sie werden mir erlauben, daß ich Mama rufe.« Bei diesen Worten wandte sie sich gegen die Mitte des Salons, doch sprang ihr der Baron mit einem zierlichen Schritte nach, indem er lachend ausrief: »Coeur de rose! schönste Auguste, sehen Sie wohl, daß es mir gelungen, mein ganzes Wesen zu ändern? Ah! Sie haben meinen Worten geglaubt. Sehen Sie, wie ich Sie gefangen!«

Welcher von Beiden ist nun er selbst? dachte sie, mehr und mehr überrascht. Gewiß, ich that ihm Unrecht, und ich habe mich in der That fangen lassen.

»Wie ist es so süß,« sagte schwärmerisch der Baron, »den[130] Zorn eines geliebten Gegenstandes zu erregen! Hat man doch alsdann das Recht, Verzeihung zu erbitten, was ich hiemit kniefällig thue.« Damit warf er sich ihr zu Füßen, faßte ihre Hände, doch blieb es nicht allein bei dem Küssen derselben.


»Halb zog er sie, halb sank sie hin,«


sagt bei einem nicht ganz unähnlichen Falle der Dichter. Doch können wir nicht hinzusetzen: »Und ward nicht mehr gesehen,« müssen vielmehr der Wahrheit gemäß sagen, daß in diesem Augenblick die Präsidentin die Thür öffnete und überrascht auf der Schwelle stehen blieb, als sie den fremden, wild aussehenden Mann auf so seltsame Art bei ihrer Tochter traf. Als kluge Frau, die sie immer war, hustete sie bedeutsam, bei welchem Ton Auguste zusammenschrak, aber, von den Armen des jungen Mannes festgehalten, sich nicht sogleich befreien konnte.

Doch wandte sie ihren Kopf, der wieder frei geworden war, der Mutter zu und rief: »Herr Baron von Brand, für den heutigen Abend als Räuber maskirt, ist in der That so abscheulich, Mama, daß ich bei Ihnen Schutz suchen muß.« Während sie das aber sagte, fühlte er einen leichten Druck ihrer Hand, die eben gesprochenen Worte Lüge strafend.

»Aber das sind schreckliche Geschichten,« versetzte nun überrascht die Präsidentin, die ebenfalls nicht im Stande war, die so bekannten Züge des Barons zu entdecken.

»Coeur de rose!« lachte dieser, »ich bin verrathen, gnädige Frau. Ich kann nicht mehr zurück.«

Auguste schien zu erröthen, und die Präsidentin hustete während eines sanften Lächelns.

Es entstand eine kleine Pause, dann sprach das junge Mädchen mit lispelnder Stimme: »Ach, Mama, er ist wirklich zu abscheulich, der Baron; er hat mich auf eine so hinterlistige Art auf die Probe gestellt.«

»Die Sie aber siegreich wie Wenige bestanden,« erwiderte der[131] Baron nicht ohne einen Anflug von Ironie. – »Aber finden Sie meine Maskerade nicht vortrefflich?« fuhr er fort, sich an die Präsidentin wendend. »Nicht wahr, ich bin vollkommen unkenntlich? Doch verzeihen Sie, Gnädigste, vor allen Dingen muß ich mich entschuldigen, daß ich es gewagt, Sie zu überraschen; meine Gedanken sind eigentlich zu häufig in Ihrem Hause und schleppen mich zuweilen willenlos mit.«

»Nicht wahr,« sagte Auguste etwas schüchtern, »es ist eigentlich lieb von dem Baron, daß er sich uns vorher zu erkennen gab? Er hätte uns schön in Verlegenheit bringen können.«

»Doch jetzt wollen wir Andere intriguiren!« lachte er lustig. »Sie müssen mir schon erlauben, daß ich mich heute Abend zuweilen an Ihrer Seite sehen lasse. Ja, ich hätte noch einen kühneren Wunsch, aber ich wage es nicht, ihn auszusprechen.«

»Immer zu, Baron,« entgegnete gnädig die Mutter. »Sie sind heute Abend ein gefährlicher Mensch, dem man nichts abschlagen darf.«

»Auch nicht einen Platz in Ihrem Wagen?«

»Ah, Baron, das ist viel. Was wird die Welt sagen? Wie soll ich mich da heraus reden? Sie wissen ohnedies,« setzte sie mit leiser Stimme gegen ihn hinzu, »daß man Sie gerne mit dem Departement der Polizei in Berührung bringen möchte.«

»O ja, ich weiß das,« sprach er seufzend.

»Und ich muß doch den Leuten eine Aufklärung geben können, warum ich in Begleitung eines so furchtbaren Räubers erscheine.«

»Begreiflicherweise. Aber, wenn es die schöne Auguste erlaubt, so stellen Sie den furchtbaren Räuber als – den Bräutigam Ihrer Tochter vor.«

»Ah, Baron, Sie erschrecken mich!« rief das Mädchen aus und schlug die Augen nieder, doch blitzten dieselben vor Freude und Genugthuung.[132]

»Und welchen Namen trägt der Räuber?« fragte lächelnd die Mutter.

»Nun, ich dächte, meinen Namen kennten Sie vollkommen. Doch da kommt soeben der Herr Präsident; bitte, gnädige Frau, fangen Sie Ihre Vorstellungen an.«

Wirklich erschien der Präsident in diesem Augenblicke im Salon, blieb aber ebenfalls auf's Höchste überrascht an der Thüre stehen, als er den fremden Mann bei seinen Damen stehen sah. Seine Nase wollte sich unmuthig erheben, doch dachte er noch zur rechten Zeit an den Karneval und fing sie deßhalb sanft wieder ein. Seine Ueberraschung verminderte sich übrigens nicht, als nun die Präsidentin den jungen Fremden als Bräutigam der Tochter vorstellte. Glücklicherweise aber sprach Auguste den Namen aus, worauf ein momentanes Lächeln die etwas bekümmerten Züge des Präsidenten überflog; er war aber klug genug, die Sache vorderhand als Scherz zu behandeln, mit dem aufrichtigen Wunsche im Hintergrunde, daß sie sich recht bald in Ernst verkehren möge, denn er wünschte sich einen vornehmen und reichen Schwiegersohn. Aufmerksam betrachtete er den Baron, dann sagte er: »Sie haben da ein eigenthümliches Kostüm; liegt demselben eine Idee zu Grunde?«

»Eine besondere nicht,« entgegnete scheinbar sehr lustig der junge Mann. »Es ist eine Phantasie, eine Grille.«

»Ein eleganter Räuber,« bemerkte stolz die Präsidentin.

»So etwas schwebte mir auch vor,« erwiderte der Baron laut lachend. »Und ich dachte dadurch unserem verehrten Herrn Präsidenten eine kleine Aufmerksamkeit zu erzeigen. Wie man in der Stadt hört, sind Sie ja mitten in Räubergeschichten darin und soll man merkwürdigen Sachen auf die Spur gekommen sein.«

Der Präsident klopfte an seine Nase und versetzte mit großer Wichtigkeit: »Allerdings; aber wir müssen klug vorgehen, denn wir haben es mit der Quintessenz von Schelmen und Schlauheit zu thun. Ich leite selbst die ganze Geschichte.«[133]

»Die armen Räuber!« sagte der Baron sehr schmeichelhaft für den Chef der Polizei.

»Aber, Kinder, es ist Zeit,« sprach der Präsident. »Gleich neun Uhr; der Wagen ist vorgefahren – Baron, wo haben Sie den Ihrigen?«

»Ah! Herr Präsident,« entgegnete dieser lachend, »ich wollte Ihre Damen überraschen und zu solchem Zwecke fährt man nicht im Wagen.«

»Der Baron hat einen Platz bei uns acceptirt,« sagte bestimmt die Mutter. Sie hätte um keinen Preis den Räuber, künftigen Schwiegersohn und Baron aus der Hand gelassen.

Er selbst hatte keinen andern Ausweg und mußte unter mehreren Uebeln das Kleinste wählen. Seine vier Verfolger trieben sich sicherlich in der Nähe der Polizeidirektion herum, wahrscheinlich war das ganze Stadtviertel von ihnen besetzt. Also die einzige Möglichkeit, zu entrinnen, war, wenn er unter dem mächtigen Schutze des Präsidenten selbst das Haus verließ und so an's andere Ende der Stadt, in's Schloß, kam. Hier wurde es ihm leicht, im Gedränge zu verschwinden, den Wagen eines Bekannten zu finden und nach Hause zu fahren, um sich umzukleiden.

Der Bediente meldete, daß vorgefahren sei, die Damen hüllten sich in ihre Mäntel, und der Baron rief mit sehr gut gespielter Ueberraschung: »Ah! jetzt beginnt schon die Strafe für meinen Leichtsinn. Ich vergaß, mir einen Paletot bringen zu lassen; sehen Sie, gnädige Frau, so muß ich Sie dennoch verlassen und zuerst nach Hause eilen.« Mit leiser Stimme setzte er, gegen das Mädchen gewendet hinzu: »Ich fühlte keine Kälte, als ich hieher eilte, meine geliebte Auguste.«

»Das ist kein Grund, Baron,« entgegnete die Mutter. »Ich darf Ihnen einen Mantel meines Mannes anbieten.«

»Ja, Baron, wenn Sie mit einem Dienstmantel vorlieb nehmen[134] wollen,« sagte lächelnd der Präsident. »Wir alten Herren sind nicht so mit Ueberflüssigem versehen, wie ihr jungen Leute.«

Natürlicherweise bat der Baron noch einige Mal, sich nicht zu derangiren, ließ sich aber doch endlich zu dem Dienstmantel herbei, der ihm denn auch eilig von dem Bedienten umgehängt wurde. Es war ein langgedientes Kleidungsstück von braunem Tuch mit hellblauem Kragen – ganz Ordonnanz.

So stieg man die Treppen hinab, bei der Wachtstube vorbei, an deren Thüre einige Polizeisoldaten standen, welche ziemlich betrübte und verdrießliche Gesichter machten. Nachdem der Schlag des Wagens geschlossen war, sagte der Bediente zu dem Kutscher: »Nach dem Schlosse!« und als die Pferde anzogen, that der Baron von Brand einen tiefen Athemzug.

Quelle:
Friedrich Wilhelm Hackländer: Europäisches Sklavenleben, 5 Bände, Band 5, in: F.W.Hackländer’s Werke. Stuttgart 31875, S. 122-135.
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