Neunter Auftritt

[23] Eisenstein. Falke.


FALKE Rosalinde nachrufend. Freilich, ihn zu zerstreuen und aufzuheitern bin ich ja da, schöne Frau! Leiser zu Eisenstein. Ich komme, dich zu einem fürstlichen Souper mit den reizenden Koryphäen der Oper einzuladen.

EISENSTEIN. Bist du toll? Ich muß ja binnen einer Stunde meine Strafe antreten.

FALKE. Den Arrest kannst du morgen in aller Frühe antreten. Heute gehst du mit mir in die Villa Orlofskys, des jungen russischen Fürsten, der hier im Bade fabelhafte Summen verschwendet. Damen findest du dort, Damen, sag ich dir, ein wahrer Blütenflor, von der Kamelie bis zum Veilchen!

EISENSTEIN. Sind die Damen etwa die alte Garde der Oper?

FALKE. Wo denkst du hin? Zungenschnalzend. Die Elite[23] der ersten Quadrille und dann einige von dem jugendlichen Nachwuchs, die sogenannten Ratten.

EISENSTEIN. Teufel, mir wässert der Mund! Aber der Prinz ...

FALKE.... hat mich dringend ersucht, einige junge Lebemänner meiner Bekanntschaft einzuladen.

EISENSTEIN. Man schmeichelt mir allerdings, daß ich ein liebenswürdiger Gesellschafter bin!

FALKE. Und dabei immer mit den tollsten Einfällen bei der Hand, zum Beispiel vor drei Jahren, als wir den Scheelendorfer Maskenball besuchten ...

EISENSTEIN. Ich als Papillon, du als Fledermaus. Haha! Erinnerst du dich noch?

FALKE bedeutungsvoll. Oh, so etwas vergißt man nicht so leicht!

EISENSTEIN. Es war ein kapitaler Spaß!

FALKE. O ja, für den Papillon, aber nicht für die Fledermaus!

EISENSTEIN. Dr. Häring, der heute präsidierte, war auch dabei. Hielt sich den Bauch vor Lachen und konnte mir nicht oft genug zurufen: »Das ist dir gelungen, Bruder!« – Und heute trug er mich: »Wie heißen Sie?« Und diktierte mir acht Tage. Oh, dieser schlechte gute Freund! Zieht seine Uhr aus der Tasche, läßt sie repetieren.

FALKE. Ah, da ist ja der gewisse Rattenfänger!

EISENSTEIN. Was meinst du?

FALKE. Man behauptet, daß du mit dieser niedlichen Repetieruhr alle Kameliendamen köderst, wenn du ihnen den Hof machst. Du versprichst sie einer jeden ...

EISENSTEIN.... aber gegeben habe ich sie noch keiner! Lacht.

FALKE. Spitzbube, du wirst heute nacht abermals diesen Köder auswerfen können, denn ich rechne damit, daß du von der Partie bist?

Nr. 3. Duett


FALKE.

Komm mit mir zum Souper,

Es ist ganz in der Näh.[24]

Eh du in der stillen Kammer

Laborierst am Katzenjammer,

Mußt du dich des Lebens freun,

Ein fideler Bruder sein!

Ballerinen, leicht beschwingt,

In den blendendsten Toiletten,

Fesseln dich mit Rosenketten,

Wenn die Polka lockend klingt.

Freundchen, glaub mir, das verjüngt!

Bei rauschenden Tönen im blendenden Saal

Mit holden Sirenen beim Göttermahl,

Da fliehen die Stunden in Lust und Scherz,

Da wirst du gesunden von allem Schmerz.

Soll dir das Gefängnis nicht schädlich sein,

Mußt du etwas tun, dich zu zerstreun.

Siehst du das ein?

EISENSTEIN.

Das seh ich ein. –

Doch meine Frau, die darf nichts wissen.

FALKE.

Du wirst zum Abschied zärtlich sie küssen,

Sagst: Lebewohl, mein süßes Kätzchen!

EISENSTEIN.

Nein, nein! Mein Mauserl, sage ich,

Denn als Katze schleich ich selbst

Aus dem Hause mich.

FALKE.

Denn als Katze schleichst du selbst

Aus dem Hause dich. –

Und während sie schläft ganz fest,

Gehst du statt in deinen Arrest

Mit mir zu dem himmlischen Fest!

EISENSTEIN.

Mit dir zu dem himmlischen Fest!

FALKE.

Ich führe dich als Fremden ein,

»Marquis Renard« sollst dort du sein.

So wird man nichts erfahren können.

Willst du?

EISENSTEIN.

Ach, ich wäre schon erbötig ...

FALKE.

Du mußt!

EISENSTEIN.

Wenn nur ...

FALKE.

Du mußt dir's vergönnen,

Zur Gesundheit ist's ja nötig!

EISENSTEIN.

Ja, ich glaub, du hast recht.

Die Ausred' ist nicht schlecht![25]

FALKE.

Soll dir das Gefängnis nicht schädlich sein ...

EISENSTEIN.

Soll mir das Gefängnis nicht schädlich sein ...

BEIDE.... Mußt du (Muß ich) etwas tun, dich (mich) zu zerstreun!

FALKE.

So kommst du?

EISENSTEIN.

Wer kann widerstehn? Ja, ich bin dabei.

FALKE.

Zum Teufel mit deiner Leimsiederei!

BEIDE.

Ein Souper uns heute winkt,

Wie noch gar keins dagewesen:

Schöne Mädchen, auserlesen,

Zwanglos man dort lacht und singt.

Lalalala ...


Beide tanzen lustig durchs Zimmer, während Rosalinde eintritt.


Quelle:
Johann Strauß: Die Fledermaus. Text nach H. Meilhac und L. Halévy von C. Haffner und Richard Genée, Stuttgart 1976, S. 23-26.
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