Zehnter Auftritt

[145] Alcantor, welcher Henrietten mit Gewalt in das Zimmer führt, Valere und Hanswurst als Geister /Lisette / der Friseur / welcher zwey Lichter trägt, und die Vorigen.


ALCANTOR im Herausgehen zu Valere. Ich hoffe doch nicht, daß du so vermessen seyn wirst, Henrietten mit Gewalt mir aus den Händen zu reißen? / Bruder Hasenkopf! Hausmeister! und wer zugegen ist, hier bring ich euch die lebendigen Geister zurück, die euch geplagt haben; es geht Betrug vor / steht mir bey, die Gespenster sind mein Sohn und der Hanswurst. Beyde wollen Henrietten und Lisetten entführen.

VALERE zu Hanswurst. Was fuer ein Teufel hat eben meinen Vater hiehergeführt?

HANSWURST. Fragen sie noch, wer anders, als der Friseurteufel; itzt wirds gut werden.

HASENKOPF und Heinzenfeld stehen von der Erde auf. Traum ich, oder wach ich? bist du hier Herr Bruder? was sagst du? soll dieß möglich seyn? so hat man mich betrügen wollen?

VALERE. Ja! ich läugne es nicht, ich habe Henrietten entführen wollen; Henrietten, die, ungeachtet ich sie dermalen durch List nicht habe erhalten können, dennoch meine Gemahlin werden muß.

HANSWURST. Ja! ich läugne es auch nicht, ich habe die Lisette entführen wollen; die Lisette, die, ungeachtet ich sie als Geist nicht habe davonbringen können, ich dennoch als Fourierschütz mitnehmen werde.

HASENKOPF. Was für ein verdammter Zufall! was für eine ausserordentliche Vermessenheit, meine Tochter mir mit Gewalt entführen zu wollen, und dieses noch dazu auf eine Art, die mir einen solchen Schröcken zufüget, der mich hätte umbringen können.

HANSWURST. Was wär es denn auch gewesen, wenn sie gleich gestorben wären, sie sind ja ohnedieß schon alt.

HASENKOPF. Ja? das ist vortreflich gedacht, er wird ohnehin wieder der Urheber dieser schönen Unternehmung gewesen seyn.

HANSWURST. Der Urheber war ich eben nicht, aber mein Mögliches hab ich beygetragen.

HASENKOPF. Dafür soll ihn der Henker belohnen. Aber euch Beyde kann ich weit weniger verdenken, als die zwey Weibsbilder, die so vermessen sind, mit Soldaten bey der Nacht durchzugehen.

HENRIETTE. Da sie, Herr Vater! jederzeit einer zärtlichen Liebe, die nichts Sträfliches in sich hatte, ohne Ursach entgegen waren, so hab ich endlich meinem liebsten Valere den Vorschlag zugesagt, den er mir machte, daß ich heute Nacht mit ihm die Flucht ergreifen sollte. Sie mögen nun diese Sache mit vernünftigen oder zornigen Augen ansehen, so sag ich ihnen, daß ich hiedurch ein geringes Verbrechen begangen habe, weil meine Flucht nur einzig die Verbindung mit dem Valere zum Zwecke hatte, welcher mich aus wahrer Liebe ehlichen und zugleich von der Sclaverey eines Vaters befreyen wollte, der, nachdem er mich solange durch seine eingebildete Furcht fast zu todte quälte, mich noch dazu mit dem närrischen ungeschliffenen und abgeschmackten Heinzenfeld zu verbinden suchte.

HEINZENFELD vor sich. Conjecturaliter oder vermuthlicher Weise sprechen sie von mir.

HASENKOPF. Ja! und du must, und du wirst auch den Herrn von Heinzenfeld heyrathen.

VALERE zu Hasenkopf. Dafür steh ich ihnen, daß es nicht geschehen soll, eh soll sie das Wetter erschlagen.

HASENKOPF zu Alcantor. Aber so seh doch nur Herr Bruder, was sich dein Herr Sohn unterfängt, und du stehst hier wie ein Hienz, als ob du nicht Vater wärest, und redest kein Wort.

ALCANTOR. O Himmel! ich werde mich leider gezwungener Weise in das Mittel legen müssen.

HASENKOPF. O ich werde der Sache ein End zu machen wissen, sobald der morgige Tag kömmt, soll Henriette im Kloster seyn.

HENRIETTE. Das werden sie vergebens unternehmen, denn ich versichere sie, daß keine Klostermauren oder andere Gefängnisse mich so einzukerkern vermögend seyn sollten, daß ich nicht den Weg finden würde, zu meinem Valere zu gelangen.[145]

VALERE. Ich schwöhre desgleichen, daß ich wie ein zweyter Orpheus, Henrietten als meine Euridice auch aus der Hölle hohlen wollte, und kurz ich muß Henrietten besitzen, oder erwarten sie von mir ein Unternehmen, das ihrem Hause ein erstaunliches Unglück über den Hals ziehen wird.

HASENKOPF zu Alcantor. Herr Bruder, was ist zu thun? dein Sohn ist im Stande, ermordt sich selbst, und geht nachdem feurig in meinem Hause herum, die zwey Leuthe sind rasend ineinander verliebt; wenn du meyntest Herr Bruder, so könnten wir, die Schande unsrer Häuser zu vermeyden, sie wohl zusammen heyrathen lassen, ich wollte schon sehen mit dem Heinzenfeld zurechte zu kommen.

ALCANTOR vor sich. Die Sache geht zu weit, nun kann ich nicht mehr, o Himmel! gib mir Kräfte, mich zu entlarven. Hasenkopf! / Henriette! Valere! höret mich, und erstaunet zugleich über ein Geheimniß, das ich zwar erst auf meinem Sterbbethe zu offenbahren mir vorgenommen habe, das ich aber nunmehro entdecken muß, um die größte Schande und ein erschröckliches Laster von meinem Hause abzuwenden; es fällt mir zwar ungemein schwehr, daß ich, liebster Hasenkopf! mich dir, als einen Betrüger zeigen muß, allein die Notwendigkeit der Sache, und mein innerer Richter befehlen mir, dir zu sagen, daß Henriette keinesweges deine, sondern meine wahrhafte Tochter, und Valerens ächte Schwester ist.

HASENKOPF erstaunt. Was sagst du Herr Bruder! –

HENRIETTE erschrocken. O Himmel! Valere, mein Bruder?

VALERE bestuerzt. Henriette, die Geliebte! meine Schwester!

HASENKOPF. Alcantor! wie! wär es möglich, was du sagest? / Henriette, deine Tochter?

ALCANTOR. Ja es ist nur allzuwahr! ich will dir alles entdecken; du weist noch sehr wohl, daß zur nemlichen Zeit, wo du einer Erbschaft wegen dich verreiset hattest, unsere beyden verstorbenen Frauen sich beysammen auf deinem Landgute befanden, allda zu gleicher Zeit in das Wochenbeth kamen, und Jede eine Tochter zur Welt brachte, du weist auch noch wohl, daß damals der Ruf ergieng, daß jene Tochter, welche meine Frau gebohren hatte, in einigen Tagen gestorben wär. Darinn steckt nun der Betrug, den man gegen dich bisher gespielet hat. Das verstorbene Kind war dasjenige, wovon deine Frau die Mutter gewesen, ich und mein Weib bedienten uns dieser seltenen Gelegenheit, und überredeten deine Frau, welche ohnehin ganz kleinmüthig wegen des Schröckens war, den sie durch die Bekanntmachung des Verlustes deiner Tochter dir verursachen würde, daß sie meine gegenwärtige Tochter an Kindes statt annehmen, und dir hingegen mit uns vormachen sollte, daß wir unsres Kindes verlustiget worden wären. Deine Gemahlin willigte um desto leichter in diesen Vorschlag, weil sie meine Frau besonders liebte, und unser Kind durch dein Vermögen einst glücklich zu machen dachte. Der Betrug wurd erwünscht zu Stande gebracht, und das Kindsweib und die Amme, ausser denen kein Mensch Wissenschaft hievon hatte, brachte man durch Geld zur Verschwiegenheit, die ihnen der Todt in einigen Jahren darnach ewig auferlegte; deine Gemahlin, meine Frau und ich setzten eine Schrift auf, in welcher der Ausnahm enthalten war, daß, wenn du einst noch durch die Ehe einen Erben bekommen solltest, deinem rechten Kinde nichts zu entwenden, dir das ganze Geheimniß entdeckt werden sollte. Da sich aber dieses nicht mehr erreignet hatte, so liessen wir die Sache auch bey unserer Absicht bewenden. Deine Frau und mein Weib mochten hierüber sich gleichwol vielleicht einige Gewissensscrupel gemacht haben, weswegen sie sich entschlossen, bey ihrem Lebensende dir den Irrthum aufzuklären, und dir dabey meine Tochter anzubefehlen, da aber deine Gemahlin leider von einem jähen Todte überfallen ward, und mein Weib auf dem Lande starb, so blieb dieß Geheimniß bis nun verborgen, und würde noch verborgen geblieben seyn, wenn nicht der Himmel durch die sträfliche Liebe meines Sohnes gegen seine eigene Schwester mich gezwungen hätte, den Betrug an den Tag zu legen. / Herr Bruder, wenn ich noch dieses Namens bey dir würdig bin, hier lis das Blat, wo deine Frau mit unterzeichnet ist Gibt dem Hasenkopf eine Schrift.

HASENKOPF. Ich weiß mich vor Erstaunen kaum zu fassen List heimlich.

HENRIETTE. O Himmel! so spät lassest du mich meinen rechten Vater und Bruder erkennen Weint.[146]

HANSWURST zu Henriette. Seyen sie froh! sie kennen doch itzt gar zween Väter, einen rechten und einen Ziehvater, lassen sie also vielmehr jene Kinder weinen, die sogar nicht einmal von einem Vater etwas wissen.

HASENKOPF. Ja ja! Alcantor es ist deine Handschrift und zugleich die Unterschrift meines Weibes / es ist wahr du hast mich hintergangen, allein du hast mich auf eine Art hintergangen, die zu vergeben ist, denn da mich der Himmel mit keinem Kinde mehr gesegnet hat, so ist mir durch diesen Betrug kein Leid zugefüget worden.

ALCANTOR fällt dem Hasenkopf zu Fuß. Mein theurister Herr Bruder! sehe mich zu deinen Füssen, bey welchen ich dich um Vergebung bitte, daß ich deine Güte und deine Freundschaft durch ein Unternehmen mißgebrauchet habe, zu welchem mich meine vormalige Armuth, und dabey das sträfliche Absehen, meine Tochter durch dein Vermögen einst glücklich zu machen, verleitet hat. Bey deinen Füssen dank ich dir auch zugleich für alles, was du meinem Kinde, das ohne sein Verschulden der Werkzeug meiner Betrügerey gewesen ist, Gutes erwiesen hast.

HENRIETTE kniend. Ach mein Erzeuger! / ach mein Pflegvater! erlauben sie, daß eine unglückselige Unschuldige sich zu ihren Füssen werffe, und ihr kindliches Herz für Beyde zugleich theile. Zum Alcantor. Sie mein Erzeuger, den ich in diesen beglückten Augenblicken erst kennen lehrne, und sie mein Pflegvater! Zum Hasenkopf. dem ich durch alle Jahre meines Lebens so viele Gnaden, ja alles, was ich besitze zu verdanken habe, sind Beyde meiner kindlichen Liebe gleich würdig, ich umfasse ihre Knie, der Himmel segne sie, und ersetze ihnen aus seiner Hand häufig, was meine Liebe, Gehorsam und Dankbarkeit Beyden sowol wegen Ertheilung als Erhaltung meines Lebens zu bezahlen, unvermögend sind.

HASENKOPF hebt Beyde von der Erde auf. Stehet auf! / meine Henriette! du bist mir unschätzbar, und ob du gleich deinen rechten Vater gefunden hast, so sollst du doch, wie vorhin meine Tochter verbleiben, denn du bist meiner Liebe vollkommen würdig. Hat dein rechter Vater mich dadurch zu hintergehen gesucht, daß er dich mir als ein Kind zugegeben hat, so sey auch dafür seine Strafe, daß du meine Tochter verbleiben, mich wie deinen Vater ferners ehren, lieben, und einstens die Besitzerin meines ganzen Vermögens werden sollest.

HENRIETTE küst dem Hasenkopf die Hand. Was für Gnade! mein Herr! –

ALCANTOR zu Henriette. Nenne ihn nicht Herr, sondern Vater, denn er ist allein bey dir dieses theuren Namens würdig / ich habe mich deiner kindlichen Liebe gänzlichen unwürdig gemacht. Da ich dich meine Tochter, meine rechtschaffene Tochter solange verläugnet habe, nur Hasenkopf ist deiner Liebe werth, und ich bin seiner Freundschaft gänzlich unwürdig.

HASENKOPF. Nein Alcantor, dieser Zufall soll vielmehr das Band unsrer so alten Freundschaft von neuen befestigen, wir wollen, da wir uns bishero nur dem Namen nach Brüder genennt haben, uns in Zukunft wie würkliche Brueder auf das theuriste lieben.


Alcantor und Hasenkopf umarmen sich.


VALERE welcher bisher in Gedanken gestanden. Endlich komm ich von meinem Erstaunen zu mir selbst, o Himmel! was lassest du mich erleben! ich, der ich mich noch niemals in eine verbindliche Liebe eingelassen habe, muste eben ohne meinen Wissen die sträflichste Liebe der Welt erwählen, und meine eigene Schwester lieben? / Henriette!

ALCANTOR. Sie nennt sich nicht Henriette, sie heist Rosette, denn diesen Nam gab man ihr, als sie zur Welt kamm.

HASENKOPF. Sie muß Henriette verbleiben, da sie meine Tochter verbleibt.

VALERE. Henriette, vormals angebettete Geliebte, nunmehro theuriste Schwester! / was soll ich zu dir sagen? soll ich mich des Glückes erfreuen, dich als Schwester gefunden zu haben, da ich dadurch an dir diejenige, die ich über alles der Welt geliebt habe, ja eine Gemahlin selbst verliehre?

HENRIETTE. Verdopple deine brüderliche Liebe gegen mich, so wie ich sie als Schwester gegen dich vervielfältige, wir wollen uns immer stärker lieben, und einer sträflichen Liebe gänzlichen vergessen, die uns auch nur bey der Erinnerung Schröcken und Abscheu erwecken muß, und die, falls sie zu Stande gekommen wär, uns Lebenslang dem Himmel verabscheuungswürdig und unglücklich gemacht hätte.[147]

ALCANTOR. Der Himmel hat mir die Gnade gegeben, noch zur Zeit eurem Unglücke vorzukommen. Liebt euch Beyde mit der Freundschaft heiliger Liebe, solang ihr athmet.

LISETTE. Das ist eine Begebenheit! wer hätte dieß heut noch alles vermuthen sollen.

FRISEUR. Die Welt gleicht einem Kopfe, der lange nicht gekraußt worden, denn sie ist voll Verwicklung.

HEINZENFELD. Was erlebt man nicht alles temporaliter oder zeitlicher Weise.

HANSWURST. Wer hätt sich sollen vorstellen, daß das Fräulein Henriette ein Wechselbalg seyn sollte?

HASENKOPF. Wie? / was sagt er guter Freund? wer ist ein Wechselbalg?

HANSWURST. Nu! das Fräulein ist ja verwechselt worden, folgsam ist es ja ein Wechselbalg.

HASENKOPF. Sie ist freylich mir statt meiner Tochter gegeben worden, aber derowegen ist sie kein Wechselbalg. Wechselbälge nennt man nur diejenigen ungestalteten Geschöpfe, die statt anderer Kinder den Eltern durch Gespenster oder sonst durch böse Leuthe verwechselt werden.

HANSWURST. Ja! das müssen sie freylich wohl wissen, denn sie sind ja der Geister und Trudenmacher.

HASENKOPF. Ey schweig er, er weiß nicht, was er redet.

HEINZENFELD. Was wird denn finaliter oder endlicher Weise aus der ganzen Sache werden? wollen sie die ganze Nacht hier stehen bleiben?

HASENKOPF. Da sich eine so unverhofte Sache in der Nacht ereignet hat, so glaub ich wenigstens, daß Keines von allen, die hieran Antheil haben, sich zu Bethe legen, gesinnet seyn wird, allein wir wollen uns in ein anderes Zimmer begeben, wo wir uns alle setzen, und weiter aus der Sache reden können.

HEINZENFELD zu Hasenkopf. Da geh ich nicht mit, ich habe gerne meine Ruh bey der Nacht; ich gehe sie nur quaestionaliter oder Fragweise an, ob das Fräulein mich heyrathen will oder nicht?

HASENKOPF. Ich als ihr Pflegvater nehme mich der Sache nichts mehr an, sondern überlasse alles ihrem eigenen Willen.

ALCANTOR. Und ich als ihr Erzeuger bin nicht entgegen, wenn sie ja spricht.

HENRIETTE. Herr von Heinzenfeld, ich sage ihnen ohne Verstellung, daß sie für mich nicht gemacht sind, und daß ich, da mein Geliebter zum Bruder geworden, mich nicht zu verbinden gedenke, sondern vielleicht gar entschliessen werde, in ein Kloster zu gehen.

HEINZENFELD. Nu! wenn sie lieber claustraliter oder klösterlicher Weise, als conjugaliter oder ehlicher Weise leben wollen, so kann ich auch nicht dafür, es ist gut, daß ich es weiß, so geh ich morgen recessualiter oder zurückkehrender Weise nach meinem Vaterlande Geht ab.

VALERE. Die heute so unverhoft entstandene Begebenheit macht, daß ich meiner Schwester zu Liebe die Abreise zum Regimente bis übermorgen verschieben werde, denn ein so unverhofter Zufall wird hinreichend seyn, mich zu entschuldigen, wenn ich auch etwas später beym Regimente eintreffe.

HANSWURST. Ich muß also gegen 12 Uhr nach dem Wirthshause gehen, und die Post abschaffen. Herr von Hasenkopf, da unser Vorhaben nicht ausgeführt worden, so nehmen sie hier die Chatouille wieder, die mit uns hätt reisen sollen Gibt sie dem Hasenkopf.

HASENKOPF. Pravo, ihr habt recht treflich eingepackt.

HANSWURST. Ja! wir hätten das Haus auch gerne hineingepackt, wenn es möglich gewesen wär.

HASENKOPF. Das will ich gerne glauben. Der Herr Fourierschütz muß überhaupt das meiste überall beygetragen haben. / Nun ist zwar alles verziehen, aber als Gespenster mich zu erschrecken, das war zu arg, wo ihr doch wisset, wie sehr ich der Furcht ergeben bin.

HANSWURST. Wir haben eben geglaubt, sie dadurch gescheider zu machen.

HASENKOPF. Und was will denn der Friseur so spät bey mir im Hause?

FRISEUR. Ich hab die ganze Hochzeit auseinander frisieren müssen.

ALCANTOR. Er war mein Werkzeug, er hat alles ausspaehen, und mir zur Ausführung meines Vorhabens verhülflich seyn müssen.

HANSWURST. Den Friseur muß ich, bevor ich noch zum Regimente reise, mit meinen Händen aufkrausen, denn er hat mit meinem Herrn schlecht gehandelt.

VALERE zu Hanswurst. Dank ihm vielmehr, daß er meiner Liebe hinderlich gewesen.

FRISEUR. Frisirt wird heut Nacht nichts mehr, sonst bin ich auch hier nicht nothwendig, ich[148] werd für mich ein Beth suchen. Gehorsamster Diener allerseits Geht ab.

HANSWURST zu Alcantor. Nur das einzige sagen sie mir zur Gnade, durch was für einen Schelmenstreich sie mir den Schmähbrief an das Fräulein und an die Lisette in die Hand gespielt haben.

ALCANTOR. Eben als du deines Herrn Brief der Lisette geben wolltest, hab ich hinter euch meinen der Lisette vorgehalten, und deinen weggenommen.

HANSWURST. Was sie für ein sinnreicher Strick sind.

HASENKOPF zu Hanswurst. He, vergeht euch gegen den Vater eures Herrn nicht! / Freunde, Tochter! folget mir, wir wollen die heutige Nacht mit Unterredungen zubringen, und wenn wir uns von unserer Verwunderung gnug erholet haben, erst zu Bethe gehn. Mir ist es ohnehin gleich recht, denn ich wollte, daß ich alle Nächte so viele Leuthe um mich hätte.

ALCANTOR. Liebster Bruder! für alle deine Gnaden, die du mir und meinem Kinde bisher erwiesen hast, und noch erweisen willst, weiß ich dir nichts anderes Dienstbares zu bezeigen, als daß ich alle Kraefte anwende, dir deine ungegründete Furcht, die dich bisher fast zu todte geqäulet hat, zu benehmen, und ehe nicht nachlasse, bis ich dieses mein Vorhaben zu Stande gebracht habe.

HASENKOPF nimmt ein Licht vom Tische. Es ist wahr, daß meine Furcht meistentheils ohne Ursach gewesen, die heutige Nacht allein hat mir so vielen Schröcken verursachet, den ich leicht hätte vermeiden können, wenn ich den Grund der Sache genauer untersucht hätte; ich werde in Zukunft mich so leichterdingen nicht mehr fürchten, aber daß es Geister gebe, werd ich Lebenslang glauben, und wegen der Trud und der Klage, davon wollen wir ein andermal reden – Folgen sie mir. Hasenkopf, Valere, Henriette und Alcantor gehen ab.

LISETTE zu Hanswurst. Wie steht es denn bey dieser Verwirrung mit unserer Heyrath?

HANSWURST. Sehr schlecht. Die Henriette hat mein Herr doch für eine Tochter des alten Hasenkopf gehalten, und gleichwol ist es zuletzt herausgekommen, daß sie einen andern Vater hat, und seine Schwester ist. Wie koennt es erst bey uns gehn? du hast keine Eltern mehr, und ich weiß gar nicht, ob ich einen Vater gehabt hab, denn ich bin beym Regimente aufgewachsen. Einstens, wenn ich dich schon geheyrathet hätte, könnt es herauskommen, daß ich entweder dein Bruder wäre, oder daß du gar die Schwester vom ganzen Regiment wärest, da könnt alsdenn eine Historie entstehn, daß wir die Händ über den Kopf zusammenschlagen müsten. Es ist gesnüder, wir bleiben jedes für sich Geht ab.

LISETTE. Er macht es eben so, wie alle falsche Mannsbilder, die froh sind, wenn sie eine Ausrede finden, sich von einem Mädel loszubringen, der sie schon lange das Maul gemacht haben Geht ab.

HAUSMEISTER richtet sich im Bethe auf, und schreyt. He! wie viel Uhr ists? Springt zum Beth heraus. Was Plunder! ist kein Mensch mehr hier? sind sie alle fortgelaufen, und haben mich alleine liegen lassen? oder sind sie alle von Geistern zerrissen worden? da muß ich gleich nachsehen. – Aber ich hab unvergleichlich geschlafen, und noch dazu einen recht wunderlichen Traum gehabt. Mir traumte, daß ich in der Komödie agiret, zuletzt, wie sie gewöhnlich auf folgenden Tag verkünden, selbst verkündet, und gesagt hätte: Es wird etc. etc. –


Nb. Hier meldet er das nächstkünftige Schauspiel, und die Decke fällt zu.


Ende des Lustspiels.
[149]

Quelle:
Dichtung aus Österreich. Anthologie in drei Bänden und einem Ergänzungsband, Band 1, Wien und München 1966, S. 145-150.
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