Siebenter Auftritt

[141] Hasenkopf, Henriette, Lisette, sodenn der Hausmeister.


HENRIETTE zu Lisette. Wenn er nur bald zu Bethe gieng.

LISETTE. Er wird es solange nicht mehr machen.

HASENKOPF. Ich hab euch doch befohlen, mich wegen Ausstreuung des Salzes nicht vergessen zu lassen, und dennoch sagt keine ein Wort hievon Streut das Salz aus, und murmelt dabey.

HENRIETTE vor sich. Das sind Possen! wie glücklich werd ich seyn, wenn mich Valere heute Nacht von meinem wahnwitzigen Vater befreyen wird.

HASENKOPF legt das Holz mitten in das Zinnner, macht um selbes einen Kreiß mit der Kohle, und sagt dabey. lachum Machum – Schales Kales – Aron Charon –! liebste Trud! ich bitte dich / heute Nacht verschone mich / sauge nicht aus mir das Blut / liebste Trud! Gibt dem Hausmeister zween Beesen. nehmt sie, und haltet sie bereit, wie ich euch heute schon gesagt habe.

HAUSMEISTER. Es ist schon gut, sobald die Trud kömmt, so kehr ich sie hinaus.

HASENKOPF. Itzt Lisette! zuende das Nachtlicht an, und lösch die andern Lichter aus.

LISETTE. Ja gnädiger Herr! Lisette zündet das Nachtlicht an, und löscht das andere Licht aus.

HAUSMEISTER. Löschen wir schon aus, so muß ich mein Licht auch auslöschen Löscht das Licht in der Laterne aus.

HASENKOPF. Nur daß die Thüre gut verschlossen bleibt, Verschließt die Thür, zu Henriette und Lisette. Ihr hättet euch doch sollen eine Matratze oder sonst ein Bethgezeug mitnehmen; das stäte Sesselsitzen wird euch endlich auch zu beschwehrlich fallen.

HENRIETTE. Ach nein Herr Papa, es hat nichts zu sagen.

LISETTE. O! es wird ohnehin nicht lange mehr dauern.

HASENKOPF ängstig. Nicht lange mehr dauern, wie so? warum nicht lange dauern? / glaubst du vielleicht, daß ich nicht lange mehr leben werde, oder daß mich gar heute Nacht ein Gespenst erwürgen wird / hast du vielleicht eine Ahndung? / hast du etwas gehört oder gesehen? hat dir etwa von meinem Todte geträumt? oder ist der Todtenvogel auf meinem Hause gesessen? / rede! / was meynest du?

LISETTE. Nichts von allen diesen, sondern ich meyne nur, daß es nicht mehr lange dauern werde, weil die Mittel, die sie nun wider die Trud anzuwenden wissen, ihnen und uns künftig ruhigere Nächte verschaffen werden. Vor sich. Ich weiß wohl, was ich gemeynt habe.

HASENKOPF. Der Himmel geb es. Er legt sich auf das Beth. Nun seydt ein wenig still, vielleicht daß ich in einen Schlummer gerathe, denn solange ich wache, ist meiner Furcht kein Ende.

HAUSMEISTER zu Henriette. Wenn sie erlauben, so will ich nun auch meine Gelegenheit pflegen.

HENRIETTE. Macht, was ihr wollt.

HAUSMEISTER nimmt einen Sessel, stellet solchen unweit des Hasenkopfs Beth, legt die zween Beesen neben sich auf die Erde, stellt die Laterne darneben, nimmt seine Schlafhaube aus der Tasche und setzt sich. itzt will ich anfangen zu wachen Schläft.

LISETTE stellt zween Sessel unweit von dem Tische, worauf das Nachtlicht ist. Hier sind die für uns bestimmte Bethe, zum Glücke, daß wir bald in Erwünschtere kommen werden.


Henriette und Lisette setzen sich.


HENRIETTE. Jeder Augenblick scheint mir eine Stunde zu seyn, denn da ich schon einmal die Flucht zu ergreifen entschlossen bin, so wünschte ich, daß diese Unternehmung schon zu Stande gebracht wär.

LISETTE. Itzt ist der erwuenschte Augenblick nicht mehr weit.


Der Hausmeister schnarcht.


HASENKOPF setzt sich im Bethe auf. He! was schnarrt denn so entsetzlich?

LISETTE. Der Hausmeister Euer Gnaden!

HASENKOPF. Der wacht recht gut, der Flegel hat mich erschreckt, ich habe schon ein wenig eingeschlafen, und im halben Schlafe hab ich es nicht erkennen können, was so schnarrt, und habe vermeynt, ich hörte mit Ketten rasseln / Lisette! / weck ihn auf Legt sich wieder.

LISETTE. Gleich gnädiger Herr! Gibt dem Hausmeister einige Stösse. Auf auf!

HAUSMEISTER erwachend. Ich schlaf ja ohnehin nicht, / so laßt mich gehn Schläft wieder ein.[142]

LISETTE setzt sich wieder. Was doch manche Leuthe für einen Schlaf haben, der Kerl muß gewiß nicht verliebt seyn, sonst könnt er unmöglich so ruhig schlafen.

HENRIETTE. Du hast ja etwa nicht vergessen, dem Valere den Hauptschlüssel zu geben?

LISETTE. Wer würde so was Wichtiges vergessen, er hat ihn in meiner Gegenwart zu sich gestecket.

HASENKOPF setzt sich auf. Es ist nicht möglich, ich kann kein Aug zu machen / sobald ich nur eines zuschliesse, so steht mein verstorbenes Weib vor mir / Henriette, Lisette, seydt ihr munter?

HENRIETTE. Ja Herr Papa!

LISETTE. Mir könnte nichts einfallen vom Schlafen.

HASENKOPF. Ich bitte euch um alles in der Welt, nur heute Nacht schlafet nicht, ich will euch morgen den ganzen Tag hindurch schlafen lassen, denn ihr könnt nicht glauben, wie ich mich förchte, ich schwitze am ganzen Leibe Legt sich auf die andere Seite.

LISETTE zu Henriette. Wie wird er erst schwitzen, wenn er die zween Geister sehen wird.

HASENKOPF setzt sich wieder auf, sehr ängstig. Meine lieben Kinder, hoert ihr nichts klopfen? mir ist, als ob etwas an der Wand klopfte! / still!

LISETTE. Es werden vielleicht Holzwürmer seyn.

HASENKOPF. Ey ja Holzwürmer, das sind Todtenwürmer, die mich an das Grab klopfen. Weint. aber es sey in des Himmels Name, / gestorben muß es seyn Legt sich wieder, und fängt an einzuschlummern.

HENRIETTE zu Lisette. Es klopft gar nichts, es ist seine blosse Einbildung.

LISETTE. Ich höre nichts, und wenn auch etwas klopfte, was haette es denn auch zu sagen?

HENRIETTE. Hast du alle Kleinigkeiten in meine Chatouille gebracht?

LISETTE. Geld, und Geldes werth, und was nur möglich war hineinzubringen, hab ich darein gepackt, sie steht gleich hinter meinem Bethe, und Hanswurst wird sie schon mit sich nehmen.


Hausmeister fällt auf die Erde, und schlägt die Laterne in die Weite von sich. Hasenkopf hierueber erwachend, springt vom Bethe auf, und fällt ueber den Hausmeister auf die Erde.


HASENKOPF. O weh! / Henriette / Lisette! kömmt mir zu Hülfe, ich bin verlohren, ein Gespenst ist hier.


Henriette und Lisette stehen von ihren Sesseln auf, und heben den Hasenkopf von der Erde.


HENRIETTE. Es ist kein Gespenst Herr Papa, es ist nur der Hausmeister, der im Schlafe auf die Erde gefallen ist.

LISETTE. Der Flegel macht das ganze Haus unruhig, ich waer selbst bald erschrocken.

HASENKOPF. Der verdammte Kerl! er soll wachen, daß ich keine Furcht habe, und wenn ich ein wenig einschlummere, so macht mir der Schlingel selbst den größten Schröcken. / Hier ligt er, und ist nicht einmal über seinen eigenen Fall munter geworden / He! werdt ihr aufstehen?

HAUSMEISTER. Ich bin schon da! / was gibts? Greift auf der Erde herum. Ich glaub, ich bin gar ueber das Beth hinabgefallen Steht auf.

HASENKOPF. Heist dieß Wachen?

HAUSMEISTER. Wie?

HASENKOPF. Ja! wie? Rindvieh! ihr sollt wachen, und schlaft, wie ein Ochs.

HAUSMEISTER. Euer Gnaden verzeihen, ich hab kein Wort davon gewußt, daß ich schlaf, sonst hätt ich gewiß gewacht.

HASENKOPF. Itzt sollt ihr mir nicht einmal mehr sitzen, sondern bleibt hier stehen, oder geht auf und ab, sonst schlaft ihr mir wieder ein, / es wird euch ja diese Nacht ohne Schlaf nicht umbringen, ich lasse euch beym Tage dafür schlafen.

HAUSMEISTER. Itzt schlaf ich gewiß nicht mehr ein, Euer Gnaden! Bleibt stehen, und fängt gleich darauf an, stehend zu schlafen.

HASENKOPF. Ich will mich wieder zu Bethe legen; Legt sich. wenn ich nur eine Stunde schlafen könnte / oder daß doch gar keine Nacht wär Fängt an einzuschlafen.


Lisette und Henriette setzen sich wieder.


LISETTE zu Henriette. Itzt dörften die Herren Geister schon kommen.

HENRIETTE. Je näher es gegen Mitternacht geht, desto besser ist es wegen der Nachbarschaft und der übrigen Leuthe, die etwa itzt noch auf der Gasse sind.

LISETTE. Ja ja! eines Theils haben sie recht, gnädiges Fräulein!


Der Hausmeister greift im Schlafe nach einem Bethe, und da er endlich des Hasenkopf seines erreicht, steigt er in selbes, und legt sich auf ihm.
[143]

HASENKOPF hierüber erwachend, in Meynung, daß ihn die Trud drücke, schreyt entsetzlich. / Lisette! Henriette! Hausmeister! steht mir bey! um des Himmels willen helft! die Trud erwürgt mich. Lisette und Henriette unwissend, daß es der Hausmeister, laufen bey diesem Lärm dem Bethe zu, indessen springt Hasenkopf aus selbem, und lauft wie rasend im Zimmer hin und her, und schreyt immer zitterend. / Liebste Trud! ich bitte dich, heute Nacht verschone mich / sauge nicht aus mir das Blut / liebste Trud!

LISETTE. Euer Gnaden, es ist Niemand, als der verdammte Hausmeister; er ist im Schlaf in das Beth gestiegen.

HASENKOPF vor Angst sich nicht gegenwärtig, lauft immer herum und schreyt. Lachum machum! – Schales Kales, – Aron Karon. Liebste Trud ich bitte dich –

HENRIETTE. So hören sie doch Herr Papa, es ist Niemand als der Hausmeister, sie können ihn noch im Bethe antreffen.

HASENKOPF. Was? Geht gegen das Beth, und da er den Hausmeister darinn sieht. ey der verfluchte Kerl! was hab ich für Schröcken ausgestanden, meine Henriette! ich zitttre am ganzen Leibe. Reißt den Hausmeister zum Beth heraus. Werdet ihr aufstehen, ihr verdammter Kerl! / was für Vermessenheit, in mein Beth zu steigen? mich so zu erschröcken. Ich hatte Lust, euch morgenfrüh gleich zum Henker zu jagen.

HAUSMEISTER welcher munter wird. Euer Gnaden verzeihen, es ist nicht gerne geschehen, ich hab stehend geschlafen, und da hat mir getraumt, ich gieng auf einen Berg hinauf, und da bin ich denn ins Steigen gekommen.

HASENKOPF. Und da trettet ihr mir fast alle Beine entzwey. Wenn ihr es heute die ganze Nacht so forttreibet, so sterb ich noch vor Schröcken. Man hört in der Scene Ketten rasseln. Hasenkopf heftig erschrocken. O weh! was hör ich? / es rasselt mit Ketten, hört ihr es nicht?

HAUSMEISTER. Ja ja! mir ist gewesen, als ob ich eine Kette hätte reden gehört.

HENRIETTE. Ja dießmal haben sie recht Papa, ich hab es selbst gehört. Zu Lisette. nun kommt unsere Erlösung.

LISETTE. Das war ein Kettengeräusch, das läßt sich nicht läugnen.

HASENKOPF zitternd. O meine Kinder, nun hört ihr es selbst. O! wenn nur nichts in das Zimmer kömmt, Es fängt ärger und näher gegen die Thüre mit Ketten zu rasseln an. O weh! es kömmt immer ärger, ich bin vor Angst ausser mir.


Quelle:
Dichtung aus Österreich. Anthologie in drei Bänden und einem Ergänzungsband, Band 1, Wien und München 1966, S. 141-144.
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