Achter Gesang.

Im neuen Israel.

[204] Muse, die du Polka tanzest

In vierfüßigen Trochäen

Vor den Augen des blasirten

Deutschen Publikums nach meiner

Sehr bescheid'nen Pfeife, die ich

Aus dem Röhricht des Parnasses

So für mich zurechtgeschnitten –

Gott erhalte dir den Odem!

Zu berichten gilt's die letzten,

Gilt's die größeren, die höher'n,

Die entscheidenden Geschicke

Uns'res Helden, des Homunkels.

Armer Munkel! Viel erduldet

Hat er im bisher'gen Dasein,

Viel gewonnen, viel verloren,[204]

Bittern Undank viel geerntet,

Schmählichen Verrath erlitten,

Sich gesellt ein übermenschlich-

Reizend', übermenschlich-kluges

Nixenweib, und es verloren

An den Tölpel Leo Hase.

Aermster Munkel! Traun, zu wünschen

Ist's, daß endlich er ein schönes,

Hohes, festes Ziel erreiche,

Oder daß er Ruhe finde.

Jenes Ziel, das er verfolgt,

Glanz ist's, Größe, Ruhm und Herrschaft,

Und vor Allem: der Triumph

Des Homunkelthums auf Erden.

Ach, schon fühlt er sich ermattet

In dem Streben, in dem Ringen

Nach dem Uebermenschlichen,

Will verzweifeln an dem Sterne,

Der geleuchtet seinem Ursprung.

Plötzlich aber beut noch einmal

Ihm durch eine große Wendung

In dem jüngsten Völkerleben

Winkende Gelegenheit sich,

Kühn zu trachten nach dem Höchsten.

Zu derselben Zeit geschah es,

Daß den Christen wieder einmal

Nicht gesiel der Juden Nase,

Die gekrümmte Judennase,[205]

Und man hörte plötzlich wieder

Von verschwund'nen Christenkindern,

Die geschlachtet ohne Zweifel

Waren von Israeliten

Zu geheimen Kultuszwecken.

Gegen den bekannten foetor

Judaeorum war man plötzlich

Außerordentlich empfindlich

Wieder und nervös geworden.

Und man glaubte zu entdecken,

Dieser unleugbare foetor

Judaeorum sei der faul'ge

Ausfluß dessen, was man neu'stens

»Korruption« zu nennen liebte.

Je nun, der Geruch ist alt,

Stammt schon aus dem Paradiese,

Wohin ihn gebracht die Schlange,

Wenn zu glauben ist der Bibel ...

Zur Entäuß'rung des Geruches

Ward dem Judenvolk die Taufe

Von den Christen warm empfohlen.

Je entschiedener die Christen,

Aufgeklärt, sich selbst vermaßen,

Christen nicht mehr sein zu wollen,

Desto dringender verlangten

Sie von Juden, es zu werden.

Und so sahen plötzlich wieder,

Wie so oft schon, die Hebräer[206]

Sich vom Nimbus int'ressanter

Dulder, Märtyrer, umflossen.

Und es gab nun wieder etwas

Für die nächsten Menschenalter

Zu erlösen, zu befreien,

Unterdrückten Menschenrechten

Neu zum Siege zu verhelfen.

Endlich stieg so hoch im Westen

Gegen Israel der Unmuth,

Daß mit feierlichem Urtheil

Man, und Parlamentsbeschlüssen,

Für Heloten sie erklärte,

Sie zu zwingen so zur Heimkehr

Nach dem Land, woher sie stammten,

Nach dem fernen Palästina.

Mit geheimen Sympathien

Sah sich hingezogen Munkel

Zu dem unterdrückten Volke.

Jüd'scher Sinn und jüd'sches Wesen,

Jüdischen Verstandes Schärfe,

Aetzende, wie Scheidewasser,

Jüd'sche dreist-verschlag'ne Thatkraft,

Und noch manches and're Jüd'sche,

Stand, so dünkt es ihn, erheblich

Nahe seinem eig'nen Wesen,

Nahe dem Homunculismus.

Ei, wie wär's, wenn er's versuchte

Nun zuletzt noch mit den Juden?[207]

Außerordentliche Gaben

Dieses auserwählten Volkes

Schienen Großes zu verbürgen,

Schienen viel ihm zu versprechen

Für die hohen, großen Ziele,

Die er steckte seinem Wirken.

Und in seine Träume mischten

Sich Idole neuer Größe,

Neuen Ruhmes, neuen Glanzes.

Sich gefeiert als Messias

Träumt' er eines weltzerstreuten,

Arg geschmähten, arg bedrängten,

Doch durch ihn auf's Neu' vereinten,

Neu zur Macht gelangten Volkes.

Von so gold'nem Traum gestachelt,

Predigte den Juden Munkel

Eines neuen Heiles Botschaft:

Heimkehr nach dem schöner'n Osten!

Gründung eines neuen Reiches

Israel, bestimmt, die ganze

Welt am Ende zu umfassen,

Sie vom sicher'n Heimatboden

Aus aufs Neu' zu unterwerfen.

»Kinder ihr des Morgenlandes!«

Rief er mit beredten Worten

Ihnen zu, »was säumt ihr länger?

Braucht es doch nur eines Blickes,

Eines Blicks in eure Züge,[208]

Eines Blicks auf die Gestaltung

Aeuß'ren Wesens, Gang und Haltung,

Um zu seh'n, daß ihr Verbannte,

Fremdlinge hier seid im Westen!

In des Westens Tracht gewährt ihr

Einen Anblick, gleich als schaute

Man der Bibel Patriarchen

Karrikirt, gezwängt in Fräcke,

Und in steifen Filzes Röhren

Schnöd' gepreßt die würd'gen Häupter!

Traun, ein krummgenas'ter Jüngling

Eures Stamms, mit Säbelbeinen,

Welcher schlottrig-unbeholfen

Hin in europä'schem Leibrock

Torkelt und in knappen Hosen,

Wird als Märchenprinz erscheinen

In des Orients Gewandung!

In des Orients Gewandung,

Traun, wird sicherlich, der Spötter

Wort zum Trotz, auch nicht im Alter

Je ein »schönster« Jude »schäbig«!

In des Orients Gewandung

Wird das Häßlichste auf Erden,

Eine alte Jüdin mein' ich,

Würdig als Matrone glänzen,

Und das Schönste, was es giebt,

Eine junge Jüdin mein' ich,

Wird die Welt unwiderstehlich[209]

Wie Kleopatra bezaubern,

Wie Semiramis erobern!« –

Dies und And'res zu bedenken

Gab den lauschenden Hebräern

Munkel, und sie machten endlich

Sich vertraut mit dem Gedanken,

Heimzupilgern nach den Stätten

Ihrer einst'gen Macht und Blüte,

Ihrer gottgeliebten Heimat:

Freilich mehr als Munkels Worten

Mitleidslosem Zwange weichend.

Denn von Tag zu Tage grimmer

Waren über dem Bedrängten,

Dem Hebräer, her die Christen,

Wie Philister über Simson.

Schließlich spielte man den größten,

Letzten Trumpf aus gegen Israel:

Insolvent erklärte kurzweg

Eines Tags die Christenwelt sich

Den Hebräern gegenüber.

Längst schon war man ihnen schuldig

Mehr als man bezahlen konnte.

Dieser Schlag, der letzte, schwerste,

Diese Katastrophe, dieser

Bankerott des Christenthumes

Gab den Ausschlag für die Juden:

Sie entschlossen sich zum Auszug.

Uebertrat zum Judenthume[210]

Munkel jetzt, ließ sich beschneiden,

Nannte Gotthold Ephraim Munkel

Sich, und als des Auszugs Führer

Wählten ihn die Abramssöhne;

Denn wie er zu ihnen, fühlten

Sie zu ihm sich hingezogen,

Ahnten, daß er ihnen nahe,

Zwar nicht Blut von ihrem Blute,

Zwar nicht Fleisch von ihrem Fleische,

Zwar nicht Herz von ihrem Herzen,

Aber Geist von ihrem Geiste.

Moses, Xenophon, Firdusi,

Hermann Lingg und Dahn und Jordan,

Große Menschenherdentreiber,

Große Völkerzugsbeschreiber,

Müßten mir den Griffel leihen,

Um des auserwählten Volkes

Exodus zu schildern würdig!

»Fahre hin, du undankbare

Schnöde Welt der Europäer!«

Also riefen, rückwärts blickend

Von des Mittelmeeres Borden

Die im Zug geeinten Schaaren:

»Weh euch, gier'ge Judenfresser!

Traun, ihr werdet's noch erleben:

Leicht ist's, Juden zu verschlingen,

Aber schwer, sie zu verdauen!« –

Tausend Wimpel führten flatternd[211]

Das Semitenvolk meerüber:

Ebensoviel Lastfahrzeuge

Schleppten hinter ihnen her sich

Mit den unbezahlten Wechseln.

Ernst, schier traurig anzuseh'n war

Des Hebräervolkes Auszug;

Um so glorreicher der Einzug

In die Stadt Jeruscholajim.

Festlich schimmerten die Zinnen,

Jedes Haus und jede Pforte

War geschmückt mit Palmenzweigen,

Blumenüberstreut die Gassen.

Pauken, Cymbeln, Harfen klangen,

Jünglinge und Jungfrau'n tanzten,

Alte Juden sangen Psalmen.

Aelteste des Volkes ritten

Auf Kameelen an des Zuges

Spitze – unter ihnen Munkel

Auf geschmücktem Dromedare.

Neben Munkel in dem Zuge

Ward geführt, seltsamen Anseh'ns,

Gleichwie im Triumph der alte

Ahasver, der ew'ge Jude.

Nicht geruhet hatten seine

Stammgenossen vor dem Auszug,

Bis sie seine Spur gefunden,

Ihn bewogen mitzuwandern

Nach dem heil'gen Heimatlande.[212]

Auf ihn blickten sie mit Stolz,

Hielten ihn in hohen Ehren,

Als das Bild, das fleischgeword'ne,

Der Unsterblichkeit, der zähen

Kraft des Stammes Israel.

Schön geschaart und schön gesondert,

Schier in endlos langen Reihen,

Zogen alle die verschied'nen

Zünfte, Ordnungen und Stände

Israels mit ihren Zeichen

Und Standarten und Emblemen.

Erstlich die der Schacherjuden,

Schwere Bündel auf den Rücken,

Dann der Schwarm der Wucherjuden;

Ihr Emblem auf lichtem Banner:

Shylocks Fleischpfund in der Wagschal'.

Dann der Schwarm der Börsejuden;

Ihr Emblem: Fortunens Kugel

In Gestalt von einer Bombe,

Welche platzt mit einem Krach.

Dann die glanzvoll-stolze Gruppe

Mauschelnder Finanzbarone,

Sich um Rothschilds, des Erlauchten,

Goldene Karosse schaarend;

In den Wappenschildern führten

Einen blanken Ritterhelm sie

Ueber einem schweren Geldsack.

Und dann kam der unabsehbar[213]

Lange Schwarm der Zeitungsjuden –

Dann der Schwarm der Kunstsemiten

Und der Lit'raturhebräer,

Krit'schen Lorbeer in den Locken –

Dann ein Nachtrab buntgemischter,

Herrenloser Judenknaben,

Draller, schmucker Judendirnchen,

Schmutz'ger Judenhökerinnen,

Und so weiter, und so weiter.

Unermeßlich so bewegte,

Schöngeordnet, schöngesondert,

Des erwählten Volkes Einzug

Durch die Gassen sich der schönen

Palmenstadt Jeruscholajim.

Ach, wer zählt, wer nennt sie alle,

Die in diesem Zuge glänzten?

All die Gold- und Silbermänner,

Lilien- und Rosenzweige,

Und die Pinkeles und Pork'les,

Hündchen-Reis und Vögle-Ochs,

Schnapper-Elle und dergleichen,

Ganz zu schweigen von noch größer'n,

Von noch weit berühmter'n Namen?

Tags darauf erwählte Munkel

Man zum Könige der Juden.

Längst ja hatte man im Volke

Ihn erkannt als den verheiß'nen,

Spät zwar, aber endlich doch[214]

Nun gekommenen Messias.

Wunderbare Schicksalswendung –

Der Homunkel auf dem Throne! –

Schon erwog sein Geist die Frage

Einer würdigen Genossin

Seines Thrones, seines Lagers,

Der Begründung eines edlen,

Eines königlichen Samens.

Da kam eines Tages fernher

In die Stadt Jeruscholajim

Eine Schaar von frommen Pilgern,

Christenpilgern aus Europa,

Die zum heil'gen Grabe wallten.

Und es wollte das Verhängniß,

Daß zur selben Stunde Munkel

Eben stand am heil'gen Grabe,

Es besichtigend, bedenkend,

Ob es zieme, Christenunfug

Irgend ferner noch zu dulden

In dem neuen Israel –

Als der Pilgerzug herankam,

Andachtsvoll im Heiligthume

Auf die Kniee hin sich werfend

Und in Andacht fromm versinkend.

Unter ihnen fielen Munkels

Blicke auf ein schönes, blasses

Frauenantlitz, und er meinte,

Daß er's irgend schon gesehen.[215]

Forschend mustert er die Züge

Dieses Weibes – neckt ein Traum ihn?

Himmel! diese schöne, blasse,

Fromme Pilg'rin, ist's nicht Lurlei?

»Ist sie's wirklich, meine Nixe?«

Spricht er bei sich; »wie erkund' ich's?

Spähend schielt er nach dem Saume

Des Gewandes, ob er feucht sei.

Feucht nicht ist er, doch voll Staubes.

Dennoch ist's die Nixe; rheingrün

Schimmern ihre schönen Augen,

Unvergeßlich dem, der einmal

Sah in echte Nixenaugen.

In der That, sie ist's, ist Lurlei.

Mittlerweile fromm geworden

War das unstät-wandelbare,

Ruhelose Frauenwesen,

Seit hinweg von Munkels Seite

Sie gefolgt dem löwenherz'gen

Sieger, dem Rebellenführer.

Lurlei – Munkel – Aug' in Auge –

Sie gekrönt den Gatten schauend

Mit des Judenlandes Krone,

Er das Weib in ihr erblickend,

Das, wie keins, für ihn geschaffen,

Uebermenschlich wie er selber –

Konnten an einander fremd sie,

Feindlich ganz vorübergehen?[216]

Stumm hinweg vom heil'gen Orte

Winkt er sie, und sie, sie folgt ihm,

Und erzählt ihm ihres Schicksals

Wandlungen, die jüngst erlebten.

»Nach Amerika gegangen

War ich« – so berichtet Lurlei –

»Mit dem kühnen Freischarführer

Leo Hase – der, du weißt es –

Bei des Amazonenlagers

Ueberfall in Eldorado

Keck mich zur Gefang'nen machte,

Und der nun jenseits des Meeres,

Auf der Freiheit, auf der Gleichheit

Festem Grund als reicher Pflanzer

Alsbald eine Rolle spielte.

Und nicht schlechte Hoffnung hatt' er,

Präsident einmal zu werden

Des glorreichen Yankee-Freistaats.

Doch darauf bei ihm zu warten

Mangelte Geduld und Lust mir,

Denn entartet zum Philister,

Mäkler, trock'nem Ziffernmenschen,

Schien er mir, zum kecken, rohen,

Geldstolz-aufgeblas'nen Dickwanst.

Ein paar Jährchen dann am Salzsee

Lebt' ich im Mormonenstaate,

Als die erste, angeseh'nste

Von den Frau'n des vielbeweibten[217]

Ehrwürd'gen Mormonenhäuptlings.

Grille war's und Sporn der Neugier!

Auf das Studium der Ehe

Warf ich mich, – dann trieb zu wirken

Mich aufs Neu' der Drang in's Weite.

Mein Geschlecht wollt' ich befreien

Aus dem Sklavenjoch der Männer,

Aus dem Sklavenjoch der Treupflicht.

Doch gebrochen kann es werden,

Dieses Sklavenjoch, das schnöde,

Nur durch gleiches Recht der Frauen

Mit den Männern auf die Arbeit.

Und so trat für dieses Recht ich

Kühnlich kämpfend in die Schranken.

Doch die Männerwelt, sie fluchte:

»Langt die Arbeit für uns Männer

Knapp nur aus, wie soll sie langen,

Wenn nun gar davon den halben

Theil für sich die Weiber heischen?« –

Als nun so ich an dem wilden,

Rohen Eigennutz der Männer

Sah gescheitert mein Bemühen,

Sagt' ich Lebewohl dem Westen.«

»Und bist seither fromm geworden?«

Scherzte Munkel, bitter lächelnd.

»Bist in heil'ger Herzensregung

Nach Jerusalem gepilgert?«

»Warum nicht?« versetzte Lurlei.[218]

»Ist doch solcher Herzensantrieb,

Pilgernd nach den Gnadenorten,

Sein Gemüth, das wilderregte,

Zu beschwicht'gen und dem Dasein

Neuen Wechsels Reiz zu leihen,

Häufig just bei Frau'n von ›Welt‹,

Heldinnen der ernsten, heiter'n

Bühne –«

»Schönen Sünderinnen

Ueberhaupt!« fiel hier in's Wort ihr

Munkel. »Schöne Sünderinnen,

Freilich, ach, sie haben alle

Manchmal solche fromme Regung!« ..

»Oefter als du denkst,« versetzte

Lurlei, »ist's mit solcher Regung

Ernst den schönen Sünderinnen!«

»Ernst auch den gebornen Nixen?«

Fragte Munkel, spöttisch lächelnd.

»Den gebornen Nixen, welche

Die Natur der Nixe schützt

Vor dem Altern, dem Verwelken?« –

»Ernst auch den gebornen Nixen,

Wenn sie menschlich angekränkelt!«

Gab zurück die fromme Pilg'rin.

Seltsam ernsten Ton's, gesenkten

Hauptes sprach sie diese Worte.

»Diesmal führte dich,« warf Munkel

Leicht und neckisch hin, »vielleicht doch[219]

Ein klein wenig auch die Sehnsucht,

Unbewußte Sehnsucht, einmal

Wieder einen Freund zu sehen,

Einen alten Freund – zumal er

Eine Königskron' inzwischen

Sich errang. Ist Kronengold nicht

Gold'nen Erzes beste Sorte?

Gold'nen Erzes, das wir lieben?« ...

Lächelnd sprach er's, lächelnd zuckte

Anmuthreich statt aller Antwort

Sie die feinen Nixenschultern ...

Mit Sarkasmen züchtigt Munkel

Fürder noch die Ungetreue.

Doch sie läßt die Wasserkünste

Perlenlichter Thränen spielen,

Und des Zürnenden Gemüthe

Stimmt gemach sie zur Versöhnung.

In die Rechte seiner Gattin

Sie noch einmal einzusetzen,

War nach reifer Ueberlegung

Er des andern Tags entschlossen.

Und sie thut mit Mund und Augen,

Oft getäuscht, nun welterfahren,

Das Gelöbniß, auszuharren

Fernerhin bei ihm getreulich.

Jüdin wird nunmehr auch Lurlei.

Vorstellt Munkel seinem Volke

Sie als angetraut-verlor'ne,[220]

Wieder nun gefund'ne Gattin!

Und sie sitzt fortan mit ihm

Glorreich auf dem Stuhle Davids!

Wundersame Schicksalswendung –

Der Homunkel auf dem Throne!

Eine Krone trägt die Nixe! –

Aber nicht zum müss'gen Träger

Einer Krone nur berufen

Fühlt sich Munkel. Mehr als König,

Traun, Messias muß er werden,

Ja, Messias seinem Volke.

Wächst der Mensch mit seinem Zweck nicht,

Wie das Haus wächst mit der Schnecke?

Ein Messias will er werden,

Ein Messias des Verstandes,

Und mit besserem Erfolge,

Als der arme Galiläer,

Der Messias war des Herzens,

Und den Lohn am Kreuz gefunden.

»Dieser weiche Mensch,« so sprach er,

Leichthin spottend, »welcher Liebe

Predigte und nichts als Liebe,

Taugte nicht zum Judenkönig,

Und zu viel Gemüth, zu wenig

Geist besaß er zum Messias!« –

Um den angebornen Scharfsinn

Seiner Juden auszubilden,

Gründet Munkel eine Schule,[221]

Eine hohe Schule, welche

Echte Lebensklugheit lehren

Und erneuern soll die Feinheit,

Die Spitzfindigkeit des Talmud,

Doch nur in modernem Geiste

Und auf praktischem Gebiete.

Er verkündete die Botschaft

Eines dritten Testamentes,

Zur Ergänzung, zur Erklärung,

Zur Erfüllung jener andern

Beiden alten Testamente.

Auf sothanem Weg gelangte

Der eklektisch-kritisch-prakt'sche

Sinn des Judenvolks zu höchster,

Nirgend sonst erreichter Blüte.

Doch, was half's? Dem ungeheuren

Können ward zu eng die Schranke

Der Bethätigung, des Wirkens.

Unter sich, auf sich beschränkt nur,

War das Judenthum ein Deckel

Ohne Topf; es konnte Keiner

Je den Andern überlisten,

Denn gleich pfiffig waren Alle,

Alle dreist und ohne Skrupel.

Keiner borgte Geld vom Andern.

Rothschild schlich verarmt, als Schnorrer,

Abends heimlich durch die Gassen.

Die gewiegt'sten Rezensenten[222]

Hatten nichts zu rezensiren,

Und die beißendsten der Spötter

Nichts zu spotten, nichts zu beißen.

Heller gähnte, Spitzer nagte

An der Feder; Herrn Fritz Mauthner

Fehlt' es an »berühmten Mustern«,

Und in rasender Verzweiflung

Zehrend an dem eig'nen Nichts,

Parodirte er sich selber.

So zu einem großen Ghetto

Ward die Stadt Jeruscholajim,

Allwo käuferlos ein Weltmarkt

Schimmelte von alten Hosen.

Sein gelangweilt Volk aufs Neue

Zu beschäft'gen, zu beleben,

Gründet Munkel eine »Waaren-

Und Realitätenbörse«

Größten Stils, in welcher Alles

Ward gekauft, nur um es wieder

Zu verkaufen; täglich wurden

Da geschaffen »neue Werthe«,

Flogen spielballgleich von einer

Hand zur andern, und da Niemand

Fragte nach dem Werth in Wahrheit,

Sondern nur nach Hausse und Baisse,

Wurden schließlich Knöpfe, Scherben,

Roßkastanien, Rattenschwänze,

Rost'ge Nägel, ja sogar auch[223]

Die hierher nach Palästina

Mitgebrachten unbezahlten

Wechsel auf den Markt geworfen,

Und sie hatten ihren »Curs«.

Dieses Börsenspiel belebte

Zwar den Spekulationsgeist

Und beschäftigte den Scharfsinn,

Gab Gelegenheit zu manchem

Schönen glänzenden »Manöver«,

Diente aber doch im Ganzen

Mehr zum Sport und zur Zerstreuung

Der Gemüther, als zur Förd'rung

Des Nationalwohlstandes.

Schlimmer ward's, Unfrieden folgte

Der Verkümm'rung. Israel

War ein Magen, welcher drohte

Bald sich selber aufzuätzen,

Weil für seine scharfen Säfte

Ihm gebrach der Stoffe Zufuhr.

Und zu murren nun begannen

Schon die Juden, ungesund sei

Dieses Aneinanderkleben;

Fanden schließlich unerträglich

Ihre eig'ne konzentrirte

Oriental'sche Hautausdünstung,

Sehnten sich hinaus ins Freie,

Sehnten sich hinaus ins Weite.

Ihre besten Dichter sangen,[224]

Harften alte Trauerweisen,

Welche stammten aus den Zeiten

Des Exils in Babylonien.

Rothschild fiel nun gar in Irrsinn,

Schwor dem Einmaleins ab,

Warf sich auf die Kabbala,

Schwatzt' apokalypt'schen Unsinn

Auf dem Markt und an der Börse,

Gab sich aus für den Propheten

Jeremias, ward als toller

Bettler von dem Volk gemieden.

Auf den alten Ahasverus

Blickten seine Stammgenossen,

Wie vordem mit Stolz und Ehrfurcht,

Jetzt mit scheelen, düstern Augen:

Ach, des Stamms unsterblich Leben,

Dessen Bild in ihm sie schauten,

Allgemach zum Fluche schien es

Ihnen allen nun zu werden;

Müde Wand'rer dünkten sie sich

Alle nun, und sie erfaßte

Ueberdruß am Erdendasein.

And'rerseits begann des Westens

Welt auch wiederum allmählich

Ihre Juden zu vermissen.

Schien es doch nunmehr zu fehlen

Allenthalben an dem rechten

Sauerteig im Völkerleben![225]

Oede waren alle Börsen,

Lahm der Schwung des Spekulirens,

In der Tagespresse machte

Bald ein Mangel an Reportern,

Unverfrorenen, sich geltend.

Ueberhand nahm ganz entsetzlich

Kunst und Poesie; die Mäuse,

In Abwesenheit der Katzen,

Tanzten auf dem Musenberge.

Um sich griffen bald nicht minder

Auch gewisse Hautkrankheiten,

Weil die besten Spezialisten

Dieses Faches jetzo fehlten.

Lebenslust'ge junge Leute

Dachten seufzend der Hebräer.

Gänzlich auch verkamen manche

Völkerschaften, und zu Tage

Trat es, daß sie ohne Juden

Leben nicht noch sterben konnten.

Stimmen machten schon sich geltend,

Welche die Zurückberufung

Des Hebräervolks verlangten.

Langeweil' und Unmuth wuchsen

Unterdessen in der heil'gen,

Schönen Stadt Jeruscholajim,

Und ihr Opfer sucht' in Munkels

Haupt des Volkes üble Laune.

Was im Innersten zuletzt noch[226]

Gegen ihn das Volk empörte,

War, daß er, um es des Stumpfsinns

Schnödem Banne zu entreißen,

Es gespornt zu großen Thaten,

Zugemuthet ihm, die Welt sich

Mit dem Schwerte zu erobern.

Hatt' er nicht den Sieg versprochen

Ihnen, und der Welt Erob'rung,

Durch des Geist's blutlose Waffen,

Durch die Klugheit, des Verstandes

Uebermenschlich hohen Aufschwung?

Und was war daraus geworden?

Heimlich gährend erst, gelangte

Die Verschwörung rasch zum Ausbruch;

Auf ein feiges Häuflein schmolzen

Ihm zusammen die Getreuen.

Es erstürmen die Rebellen

Seine Zionsburg, die neue,

Werfen ihn in Kerkermauern.

Man verurtheilt ihn zum Tode:

Und durch's Schwert nicht soll er enden,

Nicht durch Henkerstrick, durch Fallbeil

Oder Blei nach fremdem Brauche,

Nein, gekreuzigt soll er werden

Nach uralter Landessitte.

Und man führt zum Marterholz ihn,

Welches für ihn aufgerichtet

Außerhalb der Mauern einsam[227]

Ragt an hochgeleg'nem Orte;

Und mit ausgestreckten Händen

Wird er, ausgestreckten Füßen,

Festgebunden an die Balken.

Da verbreitet von der Stadt her

Wie im Flug sich eine Botschaft

In dem Schwarme der Hebräer,

Die das Kreuzgerüst umstanden;

Eine Botschaft, welche wachruft

Unbeschreibliche Erregung

Im gesammten Judenvolke,

Daß es wie ein Ameishaufen,

Welchen aufgestört ein Steinwurf,

In unsäglicher Verwirrung

Hastend durcheinander wimmelt –

Nur so lautlos nicht, nein, lärmvoll,

Schreiend, kreischend, krächzend, tobend.

Abgesandte von des Westens

Völkerschaften sind gelandet,

Einzuladen die Hebräer,

Nach Europa heimzukehren.

Gleichberechtigung geboten

Wird aufs Neu' den Ausgestoß'nen,

Unter der Bedingung einzig,

Daß die Wechsel, die in Händen

Annoch sind der Abramssöhne,

Lautend auf des Westens Völker

Christlichen Geblüts, für immer[228]

Sei'n vertilgt, verbrannt, zerrissen

An dem Tag der Wiederkehr.

Raserei befällt das ganze

Israel bei dieser Botschaft.

Einen Purzelbaum schlägt Rothschild,

Alle folgen seinem Beispiel.

Ungesäumt dem Ruf gehorchen

Wollen sie im Uebereifer.

Welch' ein tolles Springen, Tänzeln,

Welche drolligen Geberden!

Nicht ein Tag, nicht eine Stunde

Soll verloren sein – das ganze

Judenvolk stürzt wie besessen

Sich hinab zum Meeresstrande

Mit der aufgerafften Habe. – –

Munkel ist allein geblieben,

An dem hohen Kreuze hangend;

Von der lichten Höhe Gipfel

Auf die Scene blickt er nieder.

Niemand kümmert sich um ihn mehr!

Er ist todt, er ist verlassen,

Ist vergessen, ist verschollen. –

Nacht inzwischen ist's geworden,

Doch der Mond ist aufgegangen;

Munkel sieht die heimatmüden,

Ungetreu'n, verrätherischen

Bürger seines jungen Reiches

Ihren Weg zum Meer verfolgen,[229]

Sieht ein großes Feuer lodern,

Fern am Strand, von welchem hochauf

Rauch und Funken weh'n zum Himmel,

Und in welchen sacht verflackert,

Sacht verknistert die papierne

Riesenschuld des Abendlandes ...

Hingeht also Stund' um Stunde,

Schaurig ist die Grabesstille

In der öden weiten Runde –

Munkel hängt am Kreuz verlassen,

Ist vergessen, ist verschollen;

Raben nur und Geier kreisen

Krächzend um das hohe Kreuz.

Jetzo aber von dem grauen

Felsen in des Mondes Dämmer

Löst das Bild sich eines Greises:

Uralt, runzlich Wang' und Stirne,

Trocken gelb die Haut wie Leder,

Geisterhaft, phosphorisch flimmert

Seines langen Haares Silber.

Nur die beiden Augen glimmen

Wie zwei Kohlen in der grauen

Asche dieses Mumienleibes.

Ahasverus war's, der müde,

Tod-vergess'ne Weltdurchwand'rer.

Unvermerkt zurückgeblieben

War in Munkel's Näh von allen

Juden einer noch – der ew'ge.[230]

Unter'm Kreuze steht er jetzt,

Blickt empor zu Munkel, schüttelt

Sacht sein Haupt, das glitzernd-weiße,

Flüstert dumpfen Tons die Worte:

»Will der Tod auch dich vergessen,

Armer Erdensohn da droben?«

»Ja, er läßt mich,« seufzte Munkel,

Zwischen Himmel hier und Erde,

Zwischen Leben, Sterben schwebend

Hängen in der weiten Oede.

Alle haben mich verlassen,

Sind hinweg von mir gelaufen,

Ohne mir zuvor aus Mitleid

Noch den Gnadenstoß zu geben!«

War's ein Seufzen, war's ein Kichern,

Was vernehmen ließ mit sachtem

Schütteln seines Silberhauptes

Hier der greise Ahasverus? –

»Ja, sie haben mich verlassen,«

Seufzt nach einer Pause wieder

Auf dem Marterholz der Aermste;

»Ja, sie haben mich verlassen,

Die Erbärmlichen, die Wichte,

Dieser feige Judenpöbel!

Ich verachte sie und glücklich

Bin ich, daß sie mir ersparen,

Sei's im Leben, sei's im Sterben,

Ihren gottverhaßten Anblick![231]

Eines Wesens nur gedenk' ich,

Eines nur vermiss' ich peinlich:

Meine Gattin, die zum Thronsitz

Ich erhoben, zur Genossin

Meiner Herrschaft, meines Glanzes.

Bin ich auch von ihr verlassen?

Bin ich auch von ihr vergessen?

Hat der schnöde Judenpöbel

Sie, auch sie geschleppt zum Tode?

Oder schmachtet wo im Kerker

Sie, verlassen und vergessen,

Wie ich schmachte hier am Kreuze?« –

Wieder seufzt und kichert leise,

Dumpf, der greise Weltdurchwand'rer.

Dann mit ausgestrecktem Arme

Weis't er fernhin nach des Meeres

Saum hinab, wo in des Vollmonds

Hellem Licht ein weißes Segel

Gleitet sacht hinaus in's off'ne

Weite Meer ...

»In jenem Fahrzeug,«

Flüstert er, »in jenem Fahrzeug

Schifft ein unermeßlich reicher,

Edler Muselmann, ein Emir,

Heimwärts nach Konstantinopel.

Und in diesem seinen Fahrzeug

Gastlich hat er aufgenommen

Die verlass'ne, die vergess'ne[232]

Schöne Königin der Juden.

Warst du doch zum Tod verurtheilt!

Warst du doch an's Kreuz gehangen!

Hat als Wittwe dich betrauert

Redlich, wie es ihr geziemte.

Und der unermeßlich reiche

Moslem, der sie sah auf seiner

Wanderfahrt durch Palästina,

Warb um sie, die schöne Wittwe,

Und die Wittwe, sie versprach,

Zu versuchen, ihn zu lieben.

Und nun bringt das Fahrzeug Beide

Heimwärts gen Byzanz im Fluge!« –

Einen Fluch, ein Wort des Schimpfes

Ausstieß Munkel; zürnend stöhnt' er:

»Dies der Dank für eine Krone,

Welche ihr durch mich geworden?

Dies der Dank für meine Duldung?

Dies der Dank für mein Verzeihen? –

O wie konnt' ich mich entschließen,

Nochmals in den Mund zu nehmen

Diesen ausgeworf'nen Bissen!

War ihr Wesen mir verborgen?

Kannt' ich nicht von Anbeginn sie?

Durft' ich Besseres versprechen

Mir von dieser schnöden Fischbrut,

Von der herzenskalten Nixe? –

Weißer Busen, schwarze Seele –[233]

Volle Brust und leeres Herz! –

Ha, was ließ ich mich bethören

Noch zuletzt vom heuchlerischen

Ernst der »welterfahr'nen Pilg'rin?«

And're haben falsche Locken,

Falsche Busen, falsche Glieder:

Aber dieses Weib hat eine

Falsche Seele, die sie ablegt

In der Nacht, wenn sie allein,

Auf dem Tischchen der Toilette!

Keine Seele hatte sonst sie,

Jetzo hat sie eine falsche:

Zum Ersatze für die echte,

Die ihr die Natur versagte

In des Stromes feuchten Gründen!« –

Zornentflammt so stöhnte Munkel.

Mitleidsvoll erbietet jetzo

Sich der Greis, die Hände, Füße

Munkels an dem Marterbalken

Aus den Banden zu erlösen,

Ihn vom Kreuze zu befreien.

Doch er schlägt das Anerbieten

Grollend aus und wünscht zu sterben.

»Ach,« versetzt der ew'ge Wand'rer

»Könnt' ich tadeln, könnt' ich schelten

Einen, der mit mir die Sehnsucht

Theilt nach Ruhe – ew'ger Ruhe?

Ew'ger Ruhe – doppelt süß mir[234]

Und verlockend, seit ich endlich

Ihren Vorgeschmack gekostet,

Durch das seltsamste der Wunder,

Seltsamste der Abenteuer,

Welche mir bisher begegnet

Auf der langen Lebensirrfahrt!« –

Seufzend und gleichwie versunken

In schwermüthiges Erinnern,

Eine Weile schwieg der Alte,

Und von neuem dann begann er:

»Hundert Jahr' nun mag es her sein

Daß aus alter Todeslust ich

Mich, und eitler Todeshoffnung,

In den Schlund des Aetna stürzte.

Doch des Berges Flammenkrater

Reicht hinab in's Bodenlose:

Als ich nun vom Kraterrande

Stürzend fiel, und fiel, und fallend

Kam zum Mittelpunkt der Erde,

Wo das Centrum ist der Schwerkraft,

Jenes Centrum, das nach einem

Punkt von üb'rall her an sich reißt

Jedes Erdending und festhält,

Nicht mehr weiter, selbstverständlich,

Konnt' ich fallen: schwebend hing ich,

Frei, wie Mahvms, des Profeten,

Sarg im Tempelraum zu Mekka.

Ein Jahrhundert lang so blieb ich[235]

Schwebend hängen – nicht verhungern,

Konnt' ich, ach, ich Unglücksel'ger,

Nicht verdursten, nicht verderben,

Bis zuletzt ein neuer Ausbruch

Mich des Innersten der Erde

Durch des Feuerberges Krater

Warf nach oben, mich zurückgab

Neuerdings der Oberwelt

Und dem schalen Erdendasein.

Habe mich die hundert Jahre

Doch 'mal gründlich ausgeschlummert,

Tief im dunklen Schoß der Erde,

Lebend eingesargt, begraben

In dem einzig unbewegten

Centrum aller Erdendinge,

Wohin alles strebt voll Unrast,

In der Gruft, der allerstillsten,

Die mir einen Vorgeschmack gab

Von der unterweltlich süßen

Rast des Todes und des Nichtseins!

In der That, ich hatt' es nöthig,

Einmal so mich auszuschlummern!

Spür' ich doch das Alter endlich

Auch allmählich in den Gliedern!

Meine Wanderfüße wollen

Nicht so munter mehr mich tragen!

Bin nicht mehr so frisch, so rüstig,

Wie in den vergang'nen Zeiten,[236]

Wo aus reinem Uebermuth ich,

Auf des Niagarafalles

Höchsten Wogengrat mich setzend,

Hundertmal so nach einander

Von dem brausend-wilden Flutschwall

Mich ließ strudeln in die Tiefe;

Oder wo ich mir die Adern

Aufschnitt, die zu heiß pulsirten,

Und, um kühl da zu verbluten,

Mich hinunterwarf vom Felsstrand

In die Flut des rothen Meeres –

Damals hieß es nicht das rothe,

Sondern ward erst so geheißen,

Als es roth von meinem Blute

War auf lange Zeit geworden ...

Vierzig Wochen lang verblutend

Lag ich schwimmend auf den Wogen;

Wohl bekam der Aderlaß mir,

Ach, in frischer, toller Jugend!« –

Also sprach der ew'ge Jude,

Sprach der greise Ahasverus,

Streckte dann sich unter'm Kreuze

Seufzend hin, zum nächt'gen Schlummer.

Aber auch der Schlummer flieht ihn

Wie der Tod, und in Betrachtung

Sinkt er tief bei Munkels Anblick.

»So auch,« denkt er, leidvoll sinnend,

»So wie dieser Mann am Kreuz hier[237]

In der grabesstillen Oede,

Werd' auch ich des Daseins Schreckniß,

Ganze Trauer erst ermessen,

Wenn ich übrig einst geblieben

Als der letzte Mensch auf Erden,

Wenn um mich die Sterne kreisen

In der schauerlichen Stille

Des verlass'nen Erdenrundes.

Werden mit dem Erdenstaub dann,

Wenn der Erdenkloß verwittert,

Nicht verwitternd und zerstäubend

Sich doch auch am Ende mischen

Die Atome meines Wesens?« –

Schlaflos wie der unter'm Kreuze

War der Mann auch auf dem Kreuze

Tief versenkt in ernstes Sinnen.

Schaurig ist die Grabesstille

In der öden, weiten Runde;

Munkel hängt am Kreuz verlassen,

Ist vergessen, ist verschollen,

Raben nur und Geier kreisen

Krächzend um das hohe Kreuz.

Auf sein Leben einen Rückblick

Warf er und aufschlug er plötzlich

Hohnvoll eine bitt're Lache.

»Käme doch nun mein Erzeuger,«

Dacht' er, »um am Kreuz zu sehen

Schmachvoll hier sein Meisterstück![238]

Er, der so beredt geflunkert

Von der glanzvoll-reichen Zukunft,

Welche für sein Werk noch schlummern

Sollt' im Zeitenhintergrunde!

Ha, nimm meinen Fluch zum Danke

Für den schalen Trank des Lebens,

Für den Quickborn, der mit so viel

Unquicklichem verquickt ist!

Armer Prahler! ha, was rühmst du

Mit so ungemess'nem Hochmuth

Dich, daß aus den feinsten Stoffen

Mühevoll zusammen etwas

Du gestümpert von der schlechten

Töpferwaare, Mensch geheißen?

Ei was bildest auf dein Schaffen

Du dir ein? Ward nicht dergleichen

Minder anspruchsvoll, doch besser

Und bezeichnender gestümpert

Längst aus Lehm, geworf'nen Steinen,

Angestoß'nen Eichenklötzen,

Drachenzähnen? Ward geschaffen

Nicht aus Adams Rippe Eva,

Und er selber gar aus nichts? –

Mich erfaßt ein tiefer Ekel

Vor dem Dasein, vor dem Leben.

Ha, um welchen trunk'nen Gott,

Welchem schwindelt in der Leere

Der Unendlichkeit, des Nichts,[239]

Dreht sich diese Welt so närrisch?!« –

Wolken zogen vor den Mond sich,

Und noch tiefer ward die Stille

Um das Kreuz her auf der Höhe,

Und entseelt schien alles Leben.

Aber plötzlich durch die Stille

Drang der kurze Todesangstschrei

Eines Vogels, aus dem Schlummer

Aufgeschreckt vom Stoß des Falken ...

Ha, was ist das? Fern im Meer dort

Auftaucht ein gespenstig Fahrzeug,

Oede, schaurig, todeseinsam:

Rabenschwarz sind seine Segel,

Schwarz der Mast und leer der Bord –

Eines einz'gen Mann's Gestalt lehnt

An dem schwarzen Mast wie Einer,

Der an einen Pfahl gebunden.

Auf zum fahlen Monde blickt er,

Starr und wie entseelt, gespenstig,

Und im starren, düstern Blicke

Des gespenst'gen Seglers spiegeln,

Wie im Blick des Manns am Kreuze,

Alle Schauer sich des Lebens ...

»Alles Leben,« ächzte klagend

Der Homunkel auf dem Kreuze,

»Ist es nicht ein wilder Angstschrei?

Vor dem Tod? nein, vor sich selber!

Der gepredigt neues Leben,[240]

Pred'gen möcht' ich jetzt das Nichtsein

Möchte leben, weiterleben,

Nur um weitum in den Landen

Zu verkündigen das große

Evangelium des Todes!« –

Morgenhauch beginnt erfrischend

Jetzt zu wehen um die Höhe.

Zu gewaltigem Entschlusse

Sind gereift im nächt'gen Grauen

Die Gedanken der Verzweiflung

In dem Geiste des Homunkels.

Mählich hatte doch indessen

Sich gesenkt ein leiser Schlummer

Auf das Haupt des greisen Wand'rers,

Welcher unter'm Kreuze ruhte.

Und in einem Traumgesichte

Meint' er schlummernd zu vernehmen

Eine wundersame Kunde:

Daß Erlösung doch ihm werden

Sollte noch, dem Wandermüden,

Und daß auf der Erde wandle

Einer, wunderbar geartet

In der Schaar der Erdensöhne,

Auserlesen und berufen,

Jenen Fluch auf sich zu nehmen,

Jenen Fluch und jenes Erbe

Der Unsterblichkeit, mit welcher

Sich so lang' geschleppt der müde[241]

Jude von Jeruscholajim.

Aus dem Traum erwacht, und seufzend,

Daß es nur ein Traum gewesen,

Wendet sich der Greis zu Munkel,

Klagend, daß er weiter wandern,

Wieder weiter wandern müsse,

Während er so müde, müder

Sei als je und auf dem Gipfel

Angelangt der Todessehnsucht.

»Müder als ich selbst,« erwidert

Munkel, »müder als die Menschheit

Bist du nicht, o Greis – und dennoch

Bitt' ich jetzo dich, die Bande

Von den Händen, von den Füßen

Mir zu lösen – noch nicht sterben

Will ich, sterben nicht allein hier,

Wirken will ich noch und streben

Für Gedanken, die gereift sind

Diese Nacht in meinem Geiste!« –

»Ruhe, ruhe! Schweige, schweige!«

Flüstert mahnend Ahasverus.

»Schweigen? Ruh'n?« erwidert Jener,

»Schweigen werd' ich, wenn ich ruhe,

Ruhen werd' ich nur im Grabe.

Reden ziemt dem Leben – Schweigen

Ist das große Recht der Todten.«

Als herabgelangt vom Kreuze

Mit des Greises Hülfe Munkel,[242]

Wanderten die Beiden schweigend

Bis zum Klippenstrand des Meeres,

Zu erspäh'n, ob noch ein Fahrzeug

Sich da finde, fortzubringen

Sie aus dem verlass'nen Lande.

Aber öd', wie ausgestorben

Weithin war der Strand. Doch rastlos

Schreitet Ahasver, es folgt ihm

Sinnend Jener. Da erschließt sich

Eine öde, schmale Felsbucht,

Und in dieser steht ein Fahrzeug

Regungslos. Es ist das todte

Meerschiff mit den schwarzen Segeln,

Mit dem schwarzen Mast, dem einz'gen

Mann an Bord, dem schattenhaften.

Munkel schaudert. Doch der stumme

Greis und der gespenst'ge Segler

Kennen sich, so scheint's; die Blicke

Beider streifen sich vertraulich.

Dem Gefährten winkt der Alte

Stumm, den Schiffsbord zu besteigen.

Dieser folgt. In grauer Dämm'rung

Stößt vom Land das Geisterfahrzeug.[243]

Quelle:
Hamerling, Robert: Homunculus. Modernes Epos in 10 Gesängen, 5. Auflage, Hamburg 1889, S. 204-244.
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