(XXXV.)

Die traurige Verwirrung.

[115] Wie die Ordnung alles gutes mit sich bringet / daher auch Gott / das höchste Gut / ein Gott der Ordnung genennet wird: also ist hingegen die Unordnung und Verwirrung ein Anfang und Werckzeug alles bösen /das von dem Satan herkommet. Hierauf zielet folgende Geschichte / in welcher ein Unheil in das andre durch sonderliche Verwirrung geflochten worden.

2. Vor gar kurtzen Jahren hat ein Reichs-Fürst /dessen Namen wir billich verschweigen / seine Gemählin durch den zeitlichen Tod verlohren / welche ihm etliche junge Herren / und nur ein Fräulein hinterlassen / die er anvertrauet Milburgin einer verständigen Hofmeisterin / die von ihrem verstorbnen Mann /seinem Hofmeister Victorin / einen Sohn und eine Tochter / Namens Juliana / hatte / so mit besagtem Fürstl. Fräulein / zu allen Tugenden aufferzogen worden.

3. Juliana war in ihren frischten und schönsten Jahren / als sich Aristian ein junger Graf / welcher[115] sich bey Hof aufhielte / in sie verliebte / und ihr in allen begebenen Gelegenheiten aufwartete. Man wolte sagen / daß er sie freyen solte / weil er sie andrer gestalt nicht erlangen würde können / massen sie ihre Frau Mutter verwahrte / wie die Drachen die güldnen Aepffel. Die Befreunde deß alten Fürsten langten an /er solte doch diesen verliebten Gn. einhalt thun / welches er zwar versprochen / jedoch mit diesem Beyrahten / man solte Aristian Edelbert / eine Princessin seines Stands / beylegen / so würde er der Juliana leichtlich vergessen.

4. Aristian lässet sich von Juliana ab / und / zu Edelbert wenden / weil er von dieser mehr / als von jener zu erhalten verhoffte / von Edelbert auch freundlich empfangen wurde. Juliana beklagte sich hierüber bey ihrer Mutter / daß sie ihr Glück / aus ihrem Geheiß verabsaumt / etc. Milburgin war lang zu Hofe gewest / und wuste alle Ränke / tröstete deßwegen ihre Tochter / sie solte dem Fürsten nur keine verächtliche Wort geben / sich höflich gegen ihm erweisen /und sich stellen / als ob ihr von seiner Liebe gegen Edelbert nicht wissend were / sie wolte ihn schon wiedrumb zu rucke führen.

5. Dieser Rath der Menschlichen Witz war der Juliana verderben / wie folgen wird. Milburgin wuste daß Polycarpus mit Edelbert in grossem vertrauen gestanden / wiewol er mit Aristan nicht zu vergleichen /doch erregte sie seine Eifersucht / und reitzet ihn / daß er Edelbert einer unbeständigen Untreue beschuldiget / und sie ihm entgegen verspricht / Aristan abzuschaffen / welches sie auch mit solcher Unbescheidenheit gethan / daß er sich wieder zu Juliana gewendet.

6. Die gantze Sache aber besser zu gründen / hat /aus Rath der listigen Milburgin / die Juliana dem Policarpo gute Wort geben / und er ihr in Gegenwart der Edelbert / aufwarten müssen / weil die Eifersucht die Liebe erhitzet und anflammet / hingegen verhinderten deß Aristans Befreundte die Vertrauligkeit mit Juliana so viel sie kunten / und hetten[116] seine Verheuratung mit Edelbert gerne befordert wissen wollen. Es verfahren aber diese Mütter sehr unbedachtsam / welche ihre Tochter gerne in Feuer / aber nicht breunen sehen wollen.

7. Damit nun Juliana Aristian nicht noch einmal verlieren möchte / ergiebt sie sich ihm mehr / als sie sol / und verleurt ihre Ehre die Ehe vermeintlich zu erhalten. Aristian hette sie gerne gefreyet / wann seine Freunde und sonderlich der Fürst solches nicht unternommen / und ihn mit Gewalt abgehalten hetten: massen er ihr heimlich ein ehliches versprechen gethan /und sie dadurch zu seinem Willen beschwätzet.

8. Milburgin ist diese gar zu gnaue Freundschafft unwissend / und verhoffte durch ihr Fräulein zu erhalten / daß der Fürst endlich in diese Heurat willigen solte. Aber an den Früchten erkennte man den bösen Baumen / welche reif werden / und außfallen wolten /wie die Mutter leichtlich errahten müsste.

9. Die Princessin verjagte Julianam von Hof so bald sie nur dieses Handels einträgtig wurde. Aristian muß sie freyen / bey verlust seines Lebens / und in aller Dürfftigkeit Hochzeit machen. Victorin der Milburgin Sohn / der Fürsten Stallmeister / wird unschuldiger weise / wegen seiner Schwester verbrechen /von seinen Diensten gestossen.

10. Nach dem der Graff Aristian seine Flammen /durch die Freyheit deß Ehestands außgeleschet / sahe seine Julianam scheel an / als einen Stein deß Anstosses / und sie ihn wiederumb / als eine Ursach ihres Falls und Verachtung. Ob es eine gute Ehe gegeben /ist leichtlich zu erachten. Er verlässt sie / kehret wieder nach Hof / und dencket nicht mehr einmahl an seine Gemählin.

11. In dem muß er sehen / daß Polycarpus und Edelbert ihrer hochzeitliche Ehrenbegängnis / ihrem Stande gemäß / mit einem grossen Freudenfeste halten / dadurch er dann Ursach nimmet / wieder[117] diesen seiten Buler zu eifern / wiewol er siehet / daß nunmehr sich das Spiel geendet / und für ihn nichts zugewinnen.

12. Polycarpus war einer von den schönsten und höflichsten Rittersleuten an dem gantzen Hof / daß er also bey dem Frauen-Volck sehr angenehm / und sich ungeacht seiner ehrlichen Verbündnis zu Ungebühr /mit andern verleiten liesse. Dieses beobachtet Edelbert / und eiferte darob nicht ohn Ursach / und Aristian hatte bereit die Festung halb gewonnen / und erbote sich diese Untreue an Polycarpo zu rächen /wann sie ihn mit gleicher Müntze bezahlen würde.

13. Aristian erspähete / daß Polycarpus an einem Eheweib hienge / deren Mann sagte er es an: der dann ihn mit der Ehebrecherin in dem Winckel erwürget /und Aristian leistete ihm darzu möglichsten Beystand. Edelbert betrübte sich so wenig über ihres Ehe Vogts Tod / daß sie verdächtig gehalten wurde / sie habe solchen stifften helffen.

14. Damit nun Aristian freyen könte / vergiebt er seiner Juliana mit Gifft / und ob wol Milburgin wieder ihren Tochter-Mann klagte / wolte man ihr doch nicht recht schaffen / und wurde der Beweiß aus dem hergenommen / weil Aristian die verwittibte Edelbert fleissig besuchte / und wie der Ruff gienge / freyen würde.

15. Victorin gedenket seiner Schwester Tod zu rächen / und nimmet etliche von seinen Gesellen zu sich / überfält Aristian in seinem Hauß / und ermordet ihn / dieweil auch er sein Geschlecht verunehret / und ihn von seinem Dienste gebracht. So bald der Streich geschehen / entflieht er in eine andre Herrschafft / wird aber abwesend zum Strang verdammet / und alles sein Vermögen eingezogen / darüber sich Milburgin dermassen bekümmert / daß sie erkranckt / und also ihrer Kinder beraubt / mit grossem Hertzenleid dahin gestorben.

16. Die Lehre kan seyn / daß die Liebe zwischen[118] Eheleuten / ein theil Göttliches Segens / ohne welchen solcher Stand deß Satans Trauerspiel heisst / mit Sünden angefangen / mit Verdruß fort gesetzet / und mit zeitlicher und ewiger Straffe geendet wird: allermassen sonders zweiffel / wo nicht bey allen / jedoch bey etlichen in erzehlter Geschichte beschehen.


17. Verzögert Gott die Straff darffst du dir nicht gedenken

O Sünder / daß er dir werd deine Sünde schenken:

Wann er dir nach und nach auf Besserung gewart /

So folgt die Straffe spat / wird aber doppel hart.


Anmerkung.

So viel Geschichte beschreibet Herr von Belley in seinem Blutbetrifften Schauplatz: nachfolgende aber haben wir theils aus eigner Erfahrung beybringen wollen / damit die Zahl der L. zu erfüllen.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte. Hamburg 1656, S. 115-119.
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