Zweite Szene.

[80] DER ALTE RASCHKE spricht schon draußen, indem er am Stocke bedachtsam eintritt. Na, na ... immer langsam voran ... was hat's denn mit dem P.P. Raschke? ...

DER AMTSSEKRETÄR. Sprechen Sie nicht eher, als bis Sie gefragt werden!

DER ALTE RASCHKE. Ich hab' nämlich zu Hause Besenruten liegen ... und hab' nicht viel Zeit ... denn ich bin ein grundehrlicher Mann ... ich verdien' mir mein Bissel ... und wenn Sie auch können dem lieben Gott den Tag abstehlen ... meinetwegen ... stehlen gibt's bei mir nicht ... das mach' ich nicht mit ...

DER AMTSSEKRETÄR. Bleiben Sie an der Tür stehen ...

DER POLIZIST. Ich hab' seine Taschen untersucht, Herr Amtssekretär ... auch am Leibe hab' ich alles abgegriffen[80] ... er hat nichts bei sich ... gewalttätig kann er nicht werden ...

DER AMTSSEKRETÄR. Nun gut ... und die anderen Raschkes sind draußen?

DER POLIZIST. Jawohl, Herr Sekretär ... alles Gesindel ist zur Stelle ...

DER ALTE RASCHKE. Alles Gesindel ist noch nicht zur Stelle ...

DER AMTSSEKRETÄR. Wieso?

DER ALTE RASCHKE. Oh ... fragen Sie die Rotznasen auf der Straße ums Abc ... ich war niemals Dorflehrer ...

DER AMTSSEKRETÄR. Antworten Sie, was Sie gefragt sind ... oder ich lasse Sie sofort abführen ... wer fehlt noch?

DER ALTE RASCHKE. Das geht mich nicht das geringste an ... ich hab' das Gesindel nicht hergerufen ... zuwas hätten Sie denn Ihren Amtsdiener?

DER AMTSSEKRETÄR. Wo ist denn Hunnius? ... ich sehe schon ... wir werden ohne den Gendarm nicht auskommen ... heute ...[81]

DER POLIZIST der die Tür geöffnet und hinausgesehen hat. Das Mädel ... die Junge ist noch nicht da ...

DER ALTE RASCHKE. Nun also ... das Mädel ist noch nicht da ...

DER AMTSSEKRETÄR. Was ist das für ein Mädel?

DER POLIZIST. Rapunzel ... sie heißt Rapunzel ...

DER ALTE RASCHKE. Meine Enkeltochter ... ja ... Rapunzel ist meine Enkeltochter ... das ist die Tochter zu dem, der auch noch nicht da ist ... der aber einmal kommen wird ... und deshalb lebe ich sehr zufrieden ... ich kann sagen ... ich bin augenblicklich sehr zufrieden ... wenn mich jetzt noch ... und ließen mich vollends die Leute vom Amte in Frieden leben ... ja ... aber wenn ich mir einmal eine Forelle fische, gleich ist der gräfliche Fischmeister da ... und wenn ich mir einmal einen Hasen in der Schlinge fange, der mein bissel Kräutich auffrißt ... gleich kommt der Förster ... und wenn ich mir einmal ein Bäumel auflese im Walde ... gleich tritt sich der Gendarm auf meiner Schwelle die Stiefeln ab ...

DER AMTSSEKRETÄR brüllt. Ruhe hier ...[82]

DER ALTE RASCHKE. Ich weiß schon ... im Himmel oben ... vor der Himmelspforte ... ja ... wenn's unser Herrgott sieht ... da können Sie aber hübsch buckeln ... aber hier unten, wo bloß der Pastor oder der Pfarrer die Aufsicht haben ...


Der Gendarm kommt und bringt Rapunzel.


DER AMTSSEKRETÄR. Schließen Sie das Mädel ein ... und kommen Sie ... wir brauchen Sie ... nun also ... Der Gendarm mit Rapunzel ab. Raschke ... Sie sind beschuldigt ...

DER ALTE RASCHKE. Jajaja ... oh mein Gott du du ...beschuldigt bin ich von oben bis unten ...

DER AMTSSEKRETÄR. Nun lesen Sie einmal vor!

DER POLIZIST. Der P. P. Raschke ist beschuldigt, den Einbruchsdiebstahl in dem Dorfkretscham begangen zu haben ... seine Komplicen waren der Sohn und die beiden Frauen ... die Sache ist so zu gegangen ...

DER ALTE RASCHKE dazwischenfahrend. Alles Schwindel![83]

DER AMTSSEKRETÄR mürrisch. Halten Sies Maul ...

DER ALTE RASCHKE. Ich hab' ja keine Zahnschmerzen ...

DER AMTSSEKRETÄR gedehnt und dringlich. Wie ist die Sache zugegangen?

DER ALTE RASCHKE. Die Sache ist nämlich gar nicht zugegangen ... wenigstens ... was mich alten Mann und meinen Sohn anlangt ... Sie müssen nämlich wissen ... daß wir in der Nacht ... und kamen in der Nacht ... in dem tiefen Schnee ... und sahen überhaupt ... nicht einen Hundeschwanz konnten wir von der eigenen Nasenspitze unterscheiden ... und dachten an gar nichts ... und hatten bloß immerfort Leute mit einem Blendlaternel aus dem Kretscham oder so herausschleichen sehen ... ich sage gleich gutmütig über meinen Sohn ... sage ich ... was mögen denn die Leute im Schilde führen? ... sage ich noch gutmütig ... und will mir die Leute doch genau ansehen ... aber weil man doch schon keinen Hundeschwanz unterscheiden konnte ... das wird doch nicht etwa ein Verbrechen sein, daß man in der finsteren Schneenacht ... und kann kein Menschengesichte genau erkennen ... also ich sage über meinen Sohn ... du ... paß auf ... das[84] sind Kujone ... du kannst mir's glauben ... nu mach' dich auf die Socken ... nu aber fort ... nu fort, was du kannst ... und wir liefen ... wenn wir uns nicht gleich aus dem Staube machen ... sage ich ... es war doch eine stockbrandfinstre Nacht, müssen Sie wissen, Herr Amtsaufseher ... sehen konnte man keine Nasenspitze ... und wenn sie so groß gewesen wär' wie eine Polizistennase ... ja ... nur eben das Blendlaternel sahen wir immerfort ... und ich sage zum Jungen noch ... nu aber fort ... nu müssen wir machen, daß wir heim kommen ... denn wenn uns jemand hier sieht ... uns armselige Besenbinderleute ... nun ... warum glotzen Sie mich denn groß an, Herr Amtsaufseher ... möchte ich nur wissen!

DER AMTSSEKRETÄR. Nein, nein ... das ist eine nette Geschichte ... erzählen Sie nur weiter ... da verliert man die Zahnschmerzen ... ich will Sie gar nicht unterbrechen ... geben Sie die Sache einmal in Ihrer Beleuchtung!

DER ALTE RASCHKE. Beleuchtung ... Gott ja ... Beleuchtung hatten wir gar nicht ... nur eben das Blendlaternel ... und ich sage noch gutmütig ... du ... paß auf ... das sind Kujone ... die wollen stehlen ... und nu fort ... und wir liefen ... und wie wir nun liefen und liefen ... da denken die Kujone ... denken doch die Kujone ...[85]

DER AMTSSEKRETÄR. Nun flott ... flott ... flott ...

DER ALTE RASCHKE. Rufen Sie nur gleich meinen Sohn in die Stube ... und fragen Sie den, ob's wahr ist ... Plötzlich mit verändertem, mürrischem Tone. Ich möchte nur überhaupt einmal hören, woher Sie wissen wollen, daß das eine nette Geschichte ist ... Sie waren doch gar nicht dabei ... oder waren Sie vielleicht gar noch über den Kellerfenstern in der Schenkstube ... was ... denn man sah noch Licht oben ... es war grade zwei Uhr in der Nacht ... da rief ich grade mit lauter Stimme vorm Kretscham ... nun aber fort ... und da denken doch die Kujone ... ich meinte, daß sie sich fortmachen sollten ... und fangen doch die Kujone auf einmal auch zu laufen an ... und die laufen, was sie können ... und wir liefen doch auch, was wir konnten ...

DER AMTSSEKRETÄR. Im tiefen Schnee?

DER ALTE RASCHKE. Nu freilich ... was denn? ... und wie sie nun mich und meinen Sohn kommen sehen ... weil ich doch gleich über den Jungen gesagt hatte ... wart' einmal, die Leute haben im Kretschamkeller eingebrochen ... sage ich ... und weil wir doch gleich liefen und liefen ... ja ... fingen die Leute auch an ... »nu aber retour« ... und wir nach ... und[86] oben am Walde ... da ließen sie ihr Blendlaternel fallen ... und dann ... wie wir immer näher kamen ... ließen sie auch Flaschen fallen ... und dann ließen sie Rollschinken fallen ... und Würste ließen sie fallen ... und alles ließen sie fallen ... das hatten sie alles im Schenkkeller gestohlen ... und waren über alle Berge ... waren sie fort, die Kujone ... und hatten die Sachen alle liegen lassen ... ich sag's grade, wie's wahr ist ... Herr Amtsaufseher ... nu möcht ich aber wirklich wissen, was Sie eigentlich von uns wollen ...

DER AMTSSEKRETÄR. Das Blendlaternel ist oben gefunden?

DER GENDARM. Jawohl, Herr Sekretär ... ich ging den Leuten sofort nach ... noch in derselben Nacht ...

DER ALTE RASCHKE. Da haben Sie's ja ... Sie auch!

DER GENDARM. Der Wirt schickte noch in derselben Nacht nach mir ... und Friedrich ging mit mir ...

DER ALTE RASCHKE. Nu kommt's ja 'raus, wer die Sache ausgefressen hat ... da wird's wohl schließlich noch der Hausdiener und der Gendarm selber gewesen sein!

DER AMTSSEKRETÄR. Der junge Kerl herein![87]

DER POLIZIST ruft ins Haus. Der P.P. Raschke Sohn vor den Herrn Amtssekretär.


Quelle:
Carl Hauptmann: Die armseligen Besenbinder. Leipzig 1913, S. 80-88.
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